Was ist neu

Ein Abschied

Mitglied
Beitritt
31.03.2003
Beiträge
27

Ein Abschied

Die Reaktionen auf diese unglaubliche Nachricht reichten vom erstaunten
Kopfschütteln bis zu Äußerungen, in denen der Ekel sich unverhohlen breit-
machte. Sicher, von Hunden hatte man über derartige Verhaltensweisen
schon gehört. Aber das war nicht normal. Eine Affenliebe! Und die Nachbarn?
Mein Gott, man ist schließlich rücksichtsvoll und mischt sich nicht ein.
Aber was denn nun, Hundeliebe oder Affenliebe? Nach einer Woche
Krankenhausaufenthalt hätte man Hense fragen können. Vielleicht hätte
er geantwortet. Anzunehmen war das nicht. Zu diesem Zeitpunkt interessierte sich aber sowieso niemand mehr für den Fall Hense.

Um fünf Uhr hat sie nach einem Glas Tee verlangt. Hense ist aufgestanden und in die feuchtkalte Küche geschlurft. Einen Flur gibt es nicht, das Bad liegt neben dem
Schlafraum. Draußen zwängt sich die erste Straßenbahn in eine steile Linkskurve. Das metallene Quietschen der Räder übertönt jetzt das gleichmäßige Tuckern der
Automotoren, die erst wieder aufheulen, wenn die Ampel von rot auf grün umspringt.
Der Blick durch das Küchenfenster zur gegenüberliegenden Wohnung wird durch nichts gestört. Die junge Frau kehrt Hense den Rücken zu. Um diese Zeit trägt sie ihr Haar lose über die Schultern hängend. Den Morgenmantel hat sie eng um sich gewickelt. Es ist September, aber für die Jahreszeit zu kalt. Jetzt hebt sie den rechten Arm. Hense weiß, dass sie Kaffee aufbrüht. Er nimmt das Tablett mit der Teekanne, den Tassen und der Zuckerdose und geht zu Elisa.
Elisa wartet, auf ihre Kissen gestützt, halb sitzend im Bett, in einer Lage, in der Hense nie hätte einschlafen können, ruhig, andächtig, als erwarte sie mehr als den morgigen Tag.
Den Tee rührt sie nicht an.
Er soll sich wieder zu ihr legen, sagt sie, und nachdem Hense seinen schweren Körper in die einzig für ihn erträgliche Lage gebracht hat, reicht sie ihm die Hand.
Henses kräftige Linke umspannt sachte die schmalen Finger seiner Frau, weich und warm schmiegen sich die Hände ineinander, wie zwei Körper in liebevoller Umarmung. Die Küchenuhr tickt beharrlich, als könnte sie die Zeit zertrümmern.
Zwischen Tag und Nacht schiebt sich zögernd die Dämmerung.
Als Hense erwacht, ist es bereits hell. Elisas Hand umklammert Zeige- Mittel- und Ringfinger unnachgiebig, schmerzhaft.
Hense versucht, seine Finger aus dem eiskalten Zugriff zu lösen, einmal, zweimal.
Dann beginnt er langsam zu begreifen, kämpft gegen die heißkalten Wellen, die seinen Körper in die Kissen drücken, ihn zittern machen, die Zunge fest an den Gaumen schieben, damit er nicht schreien kann.
Hense muss nachgeben, muss jede Welle über sich ergehen lassen, verspricht, nicht zu schreien.
Noch einmal versucht er, sich von Elisa zu lösen, sie lässt es nicht zu. Er hebt nicht den Kopf, sieht sie nicht an.
Es ist Elisa, die neben ihm liegt, dessen muss er sich nicht vergewissern.
Hense hält ihre Hand, beschützt sie.
In der Nachbarwohnung schrillt das Telefon. Nein und nochmals nein, schreit eine Frauenstimme, und ob er sie denn verarschen wolle. Eine Weile ist es still, dann verkündet die aufdringlich sympathische Stimme eines Radiosprechers, dass es elf Uhr dreißig ist. Guten Tag, meine Damen und Herren. Guten Morgen, liebe Studenten.
Hense will aufstehen, will mit den Fäusten gegen die Wand hämmern und Ruhe brüllen. Elisa hält ihn fest. Hense schließt die Augen, will nicht mehr auf den Radiosprecher hören, nicht auf das Tuckern der Autos dort unten in den Straßen, nicht auf das marktschreierische Angebot der Gemüsehändler, die ihre Stände vor dem gegenüberliegenden Kaufhaus aufgebaut haben. An jeder Hand ein Kind und zwei gutgefüllte Einkaufstaschen, was wollen Sie mehr! Meine Damen, greifen Sie zu.
Hense sieht zur Küchentür.
Elisa sitzt am Tisch, den Kopf in konzentrierter Schräglage. Hense weiß, dass er sie beim Schreiben nicht stören darf. Sie würde sich benehmen, wie eine frisch geöffnete Sprudelflasche.
In der Wohnung gegenüber sitzt die junge Frau auf der Anrichte, auf dem Fußboden balgen sich Kinder. Zu Henses Zeiten hießen sie Karl, Hubert oder Edeltraut. Jetzt nennt man sie Benjamin, Sarah oder Daniel. Hense schüttelt den Kopf. Als könne man damit etwas gutmachen.
Am Küchentisch sitzen die Mütter und malen Plakate.
Die junge Frau auf der Anrichte gestikuliert beim Sprechen wild mit den Armen, springt dann auf den Boden, hockt sich eine Weile zu den Kindern und läuft dann zur Fensterbank. Hense sieht ihren schmalen Rücken. Das schwarze Haar ist zu einem Knoten aufgesteckt, der durch ein Samtband gehalten wird.
Henses Rücken schmerzt jetzt. Seit zwei Tagen hat er nichts zu sich genommen. Die Zunge verklebt ihm den Weg zur Speiseröhre. Hense hat Durst. Der stechende Schmerz in seiner Blase zwingt ihn endlich, sich zu lösen. So vorsichtig wie möglich befreit Hense seine linke Hand aus der Umklammerung, aber ganz ohne Gewalt geht das nicht. Bevor er aufsteht, bettet er liebevoll Elisas Hand zwischen die Laken.
Elisa verzeiht ihm.
Hense reibt die eiskalten Finger, die Elisa nicht freigeben wollte, und wankt zur Toilette. Der Lüftungsschacht transportiert die Intimitäten der Hausbewohner von Stockwerk zu Stockwerk. Halt endlich still. Na, hat´s denn geklappt? Und wasch dir die Finger.
Hense will Elisa waschen, nicht weil sie schmutzig ist. Elisa ist nie schmutzig, also warum sollte sie es jetzt sein, sondern weil er sie umsorgen muss. Sie braucht seine Liebe. Elisas schwarze Haare breiten sich links und rechts über die Schultern wie
Rabenflügel. Die Zeit hat vergessen, ihrem Gesicht Spuren einzugraben. Hense hört Elisa lachen. Ja, muss ich denn mein Alter im Gesicht herumtragen?
Während Hense in der Küche das Wasser erwärmt, tanzt die junge Frau in den Armen eines kräftigen Mannes. Jetzt löst er ihr Haarband, und Hense spürt, wie ihm Strähne für Strähne durch die Finger gleitet, bevor der Knoten vollends entfaltet ist und sich die schwarze Pracht über den Rücken der jungen Frau ausgebreitet hat.
Um Mitternacht liegt Hense wieder wach. Er hat Elisa gewaschen, ihr Rabenhaar geordnet und die Kissen gerichtet. Für ihn war es leicht, Elisa umzukleiden, er kennt ihren Körper, er weiß um dessen Zartheit. Jede fremde Hand hätte sie verletzt.
Hense windet sich, aber die innere Stimme ist fast hörbar: Du musst es melden!
Draußen sieht er die Nebelschwaden, beleuchtet vom Reklamelicht der Geschäfte. Die diesige Luft verwischt die Konturen des Mondes, wie eine weißliche Schliere hängt er am Himmel.
Hense möchte schlafen, möchte träumen, möchte mit Elisa in die Nacht hineintanzen in schwarz und in weiß.
Die brennenden Augen lassen sich nicht schließen.
Wie lange liegt er schon hier? Hense lauscht in die Nacht. Es sind die immer gleichen Geräusche, die zu ihm heraufdringen, mal verdichtet, mal verschoben.
Hense steht auf, lockert ein wenig seine steifgelegenen Gelenke und geht in die Küche. Die Vorräte gehen langsam zur Neige. Hense taucht ein knochentrockenes Brötchen in den abgestandnen Tee und sieht aus dem Fenster.
In der gegenüberliegenden Wohnung brennt Licht. Die junge Frau ist noch wach.
Sie sitzt am Küchentisch, überfliegt einige beschriebene Bögen Papier, greift zum Federhalter, streicht aus, macht Anmerkungen und Notizen, schließlich knüllt sie alles zusammen und wirft die Papierbälle ziellos ins Zimmer. Jetzt wendet sie sich um, streift Henses Blick, hält ihn fest und zuckt entschuldigend mit den Schultern.
Hense kennt ihr Temperament. Er weiß, dass er ihr jetzt nicht zulächeln darf.
Seufzend wendet er sich ab und setzt sich an den Küchentisch.
Am nächsten Morgen wird er ein weißes Hemd und seinen schwarzen Anzug anziehen. Dann wird er es melden. Aber Elisa ist nicht einverstanden, und Hense ist froh, dass sie es nicht ist.
Hense lebt jetzt in der Küche, Elisa darf nicht mehr gestört werden. Nur auf dem Weg zur Toilette vergewissert sich Hense, dass alles in Ordnung ist. Es ist alles in Ordnung und Hense ist beruhigt.
Seit drei Tagen regnet es. In Strömen fließt das Wasser über die Scheiben und verzerrt den Blick zur gegenüberliegenden Wohnung. Aber Hense weiß, dass sie da ist, er weiß, dass sie Regentage liebt, und er weiß, welches Buch sie jetzt liest.
Hense schläft am Küchentisch, verschließt seine Ohren gegen jedes Geräusch, damit er Elisa verstehen kann. Obwohl Hense nicht mehr isst, wird sein Körper täglich schwerer, verbietet jede Bewegung, schließlich sackt er langsam in sich zusammen. Hense spürt noch den leichten Anflug der Ohnmacht, der ihn gleich auffängt, dann ist es ruhig und schwarz.
Im Krankenhaus kommt Hense erstaunlich schnell wieder zu Kräften.
Er habe sich nicht umbringen wollen, versichert er mehrmals, aber die Frage nach dem Todestag seiner Frau kann er nicht beantworten.
Sie muss mindestens vierzehn Tage tot gewesen sein, bevor man die Wohnung gewaltsam geöffnet hat. Soviel steht fest.
Hense schüttelt hilflos den Kopf. Nein, er braucht keine psychiatrische Behandlung, er fühlt sich gesund.
Nach einer Woche wird er entlassen. Elisa ist längst beigesetzt.
Der Blick in die gegenüberliegende Wohnung ist immer noch durch nichts gestört.
Hense steht am Küchenfenster.
Die gegenüberliegende Wohnung ist leer.

 

*seufz*
ich weiss nicht. es ist nun schon die 3. geschichte heute, mit der ich nichts anfangen kann.

*sorry*

barde

 

Hm.
Stilistisch: interessant und gut zu lesen.
Inhaltlich bin ich nicht sicher, ob ich die Geschichte verstanden habe. Ist die Frau die ganze Zeit tot und bildet sich Hense ihre Handlungen ein? Hat die Geschichte eine bestimmte Aussage?

 

Hallo malaika!

Ich finde die Geschichte stilistisch gelungen, Du schaffst es, gut und flüssig zu erzählen...und bringst eine gewisse Stimmung gut rüber. Hense kommt irgendwie recht ehrlich rüber.
Der einleitende Absatz hat mit der Geschichte an sich nichts zu tun, mich persönlich hat er eher abgelenkt und gestört.
Das Ende, die Frau und die leere Wohnung, da bin ich mir auch noch unsicher. Alles Einbildung? ... Irgendwie fehlt mir ein Hinweis zur Interpretation...
Ansosnten aber gut geschrieben.

sschöne Grüße
Anne

 

Hallo barde,
schade, dass du mit der Geschichte nichts anfangen konntest. Aber immerhin hast du das wenigstens mitgeteilt.

Hallo skunk,
du brauchst doch keine Interpretationshilfe, du machst das doch genau richtig.
Ob die Geschichte eine bestimmte Aussage hat?
Sie hat einen Anlass.
Ich habe vor Jahren mal eine Zeitungsnotiz gelesen.
Dort stand, dass in einem südfranzösichen Ort ein Mann mittleren Alters 12 Tage in seiner Wohnunglang mit seiner toten Frau gelebt hat, ohne die Wohnung zu verlassen.
Ich habe mir immer wieder versucht vorzustellen, was einen Menschen dazu bewegt, sich so zu verhalten.
Schließlich habe ich eine Vorstellung aufgeschrieben.

Hallo Anne

Wie oft hab ich schon überlegt, ob ich den ersten Absatz streichen soll. Du hast recht, er ist nicht unbedingt erforderlich.
Nur den Schluss, den möchte ich schon so lassen.
Ob es Einbildung war, oder nicht?
Ich weiß es nicht....ehrlich.

Danke allen
Liebe Grüße
Malaika

 

Servus Malaika!

Die Phantasie des Menschen hat manchmal mehr Gewicht als die Realität. Vielleicht wiegt sie auch tatsächlich viel schwerer als diese, entzieht sich unserem Einfluss mehr als wir glauben.

Eine interessante Geschichte in der sich verschiedene Seinszustände vermischen. Dadurch ist sie nicht so greifbar wie wir es aus Reportagen gewohnt sind. Das gibt ihr eine eigene Atmosphäre und hat mir deshalb sehr gut gefallen.

Lieben Gruß an dich - schnee.eule

 

Hallo schnee.eule
vielen lieben Dank für deine Ausführungen zu Phantasie.
Und es hat mich sehr gefreut, dass dir die Geschichte gefallen hat.
Liebe Grüße
Malaika

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom