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Durchgeknallt

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Durchgeknallt

Durchgeknallt
(ursprünglich ohne Titel)


„Xavier Sperling“
Erschrocken schnelle ich hoch. Der Aufruf der Krankenschwester lässt mich aus meiner lethargischen Träumerei erwachen. „Xavier Sperling“ hallt es erneut durch den gewölbeartigen Aufenthaltsraum, diesmal mit bedeutend mehr Nachdruck. Rasch husche ich quer durchs Zimmer zur Ausgabestelle und melde mich zur Stelle. Erstaunt erblicke ich Frau Schweiger wo normalerweise Karl seine Arbeit verrichtet. Wahrscheinlich sitzt er mal wieder im Waschraum der Wärter und masturbiert.

„Hier, Herr Sperling“ – mit diesen Worten streckt Frau Schweiger mir einen winzigen Pappbecher mit einer Vielzahl bunter Pillen entgegen. Verwundert starre ich Frau Schweiger an, was ihrer Stimmung offensichtlich nicht sonderlich zugute kommt: „Haben wir ein Problem, Herr Sperling?!“. „Ähm, ich .. ah..“ – ein gezielter Stoß in meine Seite raubt mir die Luft und lässt meinen Erklärungsansatz in Gestammel enden. „Du hältst den ganzen Betrieb auf“, schnauzt mich Memme von hinten an.

Memme, so wird Christian Rugel von den anderen Insassen genannt. Er wird schon immer so genannt, aber anfangs war er keine Memme. Neben seinen geistigen Problemen – er ist notorischer Lügner – leidet er an Myelomalazie, an Rückenmarkerweichung. Die anderen Insassen fanden es lustig, ihn als Anspielung auf sein geschwächtes „Rückgrat“ Memme zu taufen. Nun ja, die andauernde Anprangerung hat ihn sehr mitgenommen; jetzt ist er eine Memme.
Außerdem bekommt er keine Luft mehr, denn mein Schlag in die Magengrube hat gesessen. Während er sich kriechend entfernt geifert er: „Mein Bruder ist bei den Navy Seals und der kann dich ganz leicht platt machen“.

„Herr Sperling, ich darf doch sehr bitten. Jetzt nehmen sie endlich ihre Medizin ein und gehen auf ihr Zimmer.“ Ah, da kommt ja Karl getrottet. Er sieht erschöpft aus. Anscheinend hat sein rechter Arm gute Arbeit geleistet. Ein Schmunzeln kann ich mir nicht verkneifen, was aber die Schweiger erneut auf den Plan ruft: „Finden sie es lustig, mich und die anderen warten zu lassen?“. „Aber ich dachte, ich müsste keine Pillen mehr einnehmen. Ich darf Dr.Meiling zitieren: ´Sobald sich der Patient längere Zeit ruhig verhalten hat und einen stabilen Eindruck macht, kann man von zusätzlicher Medikation wie der Verschreibung von Valtex10 absehen`. Also was soll ich mit diesem Cocktail?“ frage ich mit durchaus ehrlicher Verwunderung. „Nun, Herr Sperling. Die Frau Doktor Meiling gibt zwar ihren Beobachtungen entsprechend Empfehlung für die Behandlung der Patienten, doch letztlich entscheidet Dr.Nowitz. Und Dr.Nowitz hat nichts an der Medikation für sie ändern lassen. So. Und jetzt schlucken sie die Pillen. Heute ist kein guter Tag, um mir auf die Nerven zu gehen; also schlucken sie sie. Anderenfalls wartet die Blackbox auf sie. Ich lass` mich doch nicht verarschen.“

Meine Augen weiten sich, mein Herz schlägt schneller. Ein Adrenalinstoß jagt den nächsten. Blackbox?! Für einen kurzen Moment vergesse ich mich und meine Umgebung und denke nur noch an die Blackbox. Mir wird kalt, und ich habe Schmerzen. Mein Innerstes wird von tausenden, winzigen Nadeln durchstochen.
Die Angst lässt mich hastig den Pillenbecher ergreifen und rasch eine Kehrtwende machen. „Stopp, stopp, stopp. Sie werden die Tabletten hier vor mir einnehmen. Los.“ Erschrocken zucke ich zurück. Frau Schweiger scheint mir nicht zu trauen, was mich aber glücklicherweise wieder beruhigen lässt. Nachdem ich mich kurz gesammelt habe, schlucke ich die ekelerregenden Pillen. „Mund auf, Zunge raus.“ Bereitwillig lasse ich Frau Schweiger die Einnahme kontrollieren, um endlich auf mein Zimmer zu gelangen.

„Christian Rugel“. Die Medikamentenausgabe wird fortgeführt, während ich konsterniert den Gang entlang blicke. Sophia, sie ist wieder da. In ihrem langen, weißen Mantel schlendert sie mir entgegen, den konzentrierten Blick auf ihre Akten gerichtet. Sie sieht wie immer wunderschön aus – und das vollkommen ungewollt. Für ihre Arbeit hier will, soll und muss sie sich ja auch nicht herausputzen. Üblicherweise trägt sie ihre blonde Mähne hochgesteckt, ihr Hemd zugeknöpft und anstatt ihrer Kontaktlinsen eine Brille. Ein stummes Sophia entschwindet meinem Mund, ich kann meine Blicke nicht von ihr nehmen. Als sie an mir vorbeigeht, hebt sie ihren Kopf, schaut mich an ... und geht unbeeindruckt ihres Weges. Ich rufe ihr hinterher: „Sophia?“ Mit ernster Mine verbessert sie mich mit den Worten „Frau Dr.Meiling wäre wohl angebrachter, Herr Sperling“ und geht daraufhin ins Schwesternzimmer.
Versunken in negative Gedanken trotte ich in mein Zimmer und falle auf mein Bett.

 

Hallo Storyteller!

Deine Geschichte gefällt mir, je länger ich mich damit beschäftige, immer besser, den Titel finde ich nicht sehr passend. Der Protagonist ist ja gar nicht wirklich durchgeknallt...

Daß Deine Geschichte in einer Psychiatrie spielt, hast Du gut dargestellt, allein schon die Kontrolle der Medikamenteneinnahme spricht Bände...

Ich weiß nicht sicher, ob ich richtig rauslese, was Du mit Deiner Geschichte vermitteln willst. Einerseits sehe ich die Bevormundung der Patienten in der Psychiatrie, wie über sie bestimmt wird, wie sie mit Medikamenten niedergedrückt, ruhig gestellt werden. Und außerdem zeigst Du, daß sich der Protagonist nach Zuneigung sehnt, ihm derartige menschliche Regungen aber abgesprochen, nicht erlaubt werden.

Es ist schon erstaunlich, wie versucht wird, menschliche Fehler, sofern es tatsächlich Fehler sind, durch Entzug von Menschlichkeit auszumerzen.

Interessant finde ich auch die Bemerkung:

Für ihre Arbeit hier will, soll und muss sie sich ja auch nicht herausputzen
Obwohl ich sicher nicht der Ansicht bin, daß man sich für die Arbeit, oder zumindest für gewisse Arbeiten unbedingt herausputzen muß, ist es in diesem Fall doch auch eine Frage der Menschlichkeit den Patienten gegenüber - sie werden nicht als Männer und Frauen mit den dazugehörigen Gefühlen gesehen, sondern als "die Patienten", das, womit man arbeitet...

Ein paar Bemerkungen noch:

"durch den gewölbenartigen Aufenthaltsraum"
- gewölbeartigen

"mastubiert"
- masturbiert

"nicht sonderlich zu Gute kommt"
- zugute

"fanden es lustig ihn als"
- würde nach lustig einen Beistrich machen: fanden es lustig, ihn als

"jetzt ist er eine Memme"
- da würde ich das "ist" kursiv schreiben: jetzt ist er eine Memme.

Ein paar Formsachen wären da noch, aber jetzt bin ich zu müde. Vielleicht kannst Du Dir im KC in der Korrektur-Check-Liste mal die direkte Rede ansehen?

Alles liebe,
Susi

 

Hallo, Susi.

Danke für die (rasche) Antwort. Schön, dass du die Geschichte gelesen hast.
Die angesprochenen Fehler habe ich verbessert, in die Korrektur-Check-Liste werde ich bei Gelegenheit einen Blick werfen, wobei ich immer dachte, ich beherrsche direkte Rede recht annehmbar.

Zur Geschichte an sich:
Ich wollte ein Negativ-Beispiel für den (fiktiven) Alltag einer psychiatrischen Anstalt beschreiben. Inspiriert durch einige Filme, die dieses Thema behandeln, und letztendlich angetrieben durch einen "Fall" in meinem Bekanntenkreis war für mich klar, wie ich die Anstalt beschreiben will.
Geschehnisse wie bspw. in "Einer flog über`s Kuckucksnest" beschrieben werden oft als Klischee oder Übertreibung abgetan, doch waren sie leider authentisch.

MfG,
Max.

 

Hi!
Mir hat die Beschreibung deines Anstaltsalltags gut gefallen, zum einen, weil ich mich wirklich an "Einer flog..." erinnert fühlte, zum anderen, weil alles sehr realistisch wirkt. Schön geschrieben und irgendwie bedrückend. Allerdings muss ich auch sagen, dass der Titel zwar zum Lesen reizt, aber nicht unbedingt genau passt. Egal, tolle Geschichte.

 

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