Was ist neu

Donauinsel - stromaufwärts

Mitglied
Beitritt
08.08.2002
Beiträge
888
Zuletzt bearbeitet:

Donauinsel - stromaufwärts

Es ist weit nach Mitternacht als ich aus dem Schlaf erwache. Ich lese ein paar Seiten in einem Buch welches vom Weggehen erzählt. Müde stehe ich auf, gehe ins Bad. Dabei summe ich vor mich hin, fühle mich in eine angenehme Stimmung versetzt. Nachdem ich mich abgetrocknet habe, wasche ich mir den Staub der Donauinsel mit duftender Seife von der Haut und drehe den Wasserhahn auf. Die Wohnung ist leer als ich sie betrete und es umhüllt mich eine angenehme Ruhe, die vertraute Atmosphäre meines Zuhauses.

Ich fahre mit der Straßenbahn durchs nächtliche Wien. Die Insel hüllt mich ein mit Finsternis. Die Bäume haben intensive schwarze Blattmuster in den etwas helleren Himmel gezeichnet, Schwarz auf Dunkelgrau. Ein Vogel wird durch meine Schritte aufgescheucht, er ruft nicht, nur sein Flügelschlag ist hörbar.

Die Nacht liegt über der Stadt und ich gehe durch die Wiese hinüber zum Spielplatz. Hinter dem Klettergerüst verborgen sitzen besondere Menschen auf klobigen Holzbänken, rauchen, trinken und sprechen mit angeregten Stimmen. Ich schiebe mich behutsam durch die Wortfetzen. Bei ihnen angekommen verabschiede ich mich herzlich und umarme kurz meinen guten Freund. Dieser Moment ist oft wichtig für mich. Ein paar Sekunden in denen ich weder angespannt noch in mir verloren bin, sondern frei von alldem.

Maus kommt mit Bernhard und wir albern zusammen mit Liz auf dem Kinderspielplatz unserer noch in Bruchstücken erhaltenen Kindheit nach. Wir schaukeln mit dem Gefühl der Schwerelosigkeit und tänzeln über bewegliche Stangen, fühlen wie es ist, wenn man eine kurze Zeit auf das Gleichgewicht, die alles ausgleichende Balance verzichtet, meint den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Durch das flotte Gehen vom Spielplatz, hin zur Wiese, hat sich mein Körper, der sich endlich erwärmt hatte, schnell wieder abgekühlt. Das Handtuch welches um meine Füße gewickelt liegt, ist feucht und kalt.

Robert versucht einmal mehr Weinflaschen und Dosen zu retten die der Strom als Treibholz missdeutet und mit sich zieht, während Bernhard Anne auf den Schultern trägt. Ebenso wie er sie vorhin vom Parkplatz hierher auf seinem Rücken zum Wasser getragen hat. Ob er sie durch das Leben trägt kommt mir in den Sinn?

Die Sonne verbrennt die Haut und die Sonnenmilch wird dankbar weitergereicht. Es ist schön die Worte anderer Menschen vorzutragen, einzutauchen in ihre Gedankenwelt, bemüht, ihre Stimmungen im Leserhythmus aufleben zu lassen. Den selbst geschriebenen Geschichten lauschen zu dürfen, ist ein ganz ungeahnt aufwühlendes Erleben. Jeder wählt nach dem Zufallsprinzip die Texte eines anderen aus. Pokorny liest von den Himmelsschafen und wirkt auf seine ihm eigene Art selbst wie ein kleines Schäfchen welches seinen Platz in der Herde nicht findet.

Willi ist tief im Gedanken versunken während er den Texten der anderen, aber auch den eigenen lauscht. Er scheint mir angenehm berührt zu sein von der unerwarteten Zugehörigkeit aus dem Nichts heraus und der Erkenntnis wie Alltägliches seiner Hingabe zum Surrealen zugänglich ist.

Liz möchte selbst nicht laut lesen. Es ist ok. Keiner bedrängt sie, keiner versucht sie zu überreden. Es ist schön, dass sie zulässt, dass wir ihre Geschichten vorlesen. Und mir fällt eine ganz neue Facette an ihr auf als ich sie mit meiner Meinung konfrontiere doch „eh eine Goscherte“ zu sein. Sie ist darüber derart perplex, dass ich mir eine Weile Gedanken darüber mache, was hinter ihrem offenen Ausdruck für ein selbstkritischer Innendruck unerkannt schlummern mag.

Ich verlasse den Supermarkt mit Bierdosen als Ersatz für jene welche die Donau ständig mit sich nimmt. Irgendwo ein paar Kilometersteine weiter sitzt wahrscheinlich ein Sandler und glaubt voll Vertrauen endlich an die Wunder Jesu. Er macht Wasser zu Wein und liebevolle Engel füllen ihn in Flaschen ab. Wenn dann auch noch Dosen mit Bier herangetragen werden ist der Mensch bekehrt.

Wir sprechen über meine Erfahrungssuche im Norden. Klara, welche zuvor auf dem Spielplatz erwähnt hat, zur Zeit lieber Karla zu heißen, bekommt eine Ahnung von Sehnsucht ins Gesicht geschrieben. Um ihr Plaudern über Philosophen und Studium stülpt sie einen Schmollmund und sagt „Ich will das au-uch.“

Als ich Aqua meine Motivation sage nach Norden zu fahren, nimmt sein Gesichtausdruck die schon vertraute Erschütterung an, wenn etwas im Gespräch mit Menschen ihn berührt. Ich erzähle auch Anne davon neue Fragestellungen zu suchen, einfach mal zu schauen was Leben ist. Sie selbst spielt mit dem Gedanken nach Afrika zu gehen für eine Zeit um Menschen zu helfen. Ob sie dort den Abgründen ins Auge schauen wird, die mitunter verdrängt, auf Leinwänden mit Kohlestaub gezeichnet, herankommen?

Wir betrachten das Wasser, sehen wie die Sonne sich an der Wasseroberfläche in tausende kleine Sternchen bricht. Wir sprechen über die Wellen die an die Steine schlagen, hervorgerufen von den großen Ausflugsschiffen die gegen den Strom fahren. Welche Emotionen dabei wach werden und wie Menschen zu allen Zeiten wohl ähnliche Empfindungen gehabt und niedergeschrieben haben. Ist es ein Plagiatsvergehen das Gleiche zu fühlen wie Shakespeare oder E.A.Poe?

Endlich sind wir befreit von den vielen kleinen und großen Insekten und gehen zu ihnen auf die Wiese zurück. Es gibt herrlich duftendes Brot mit Sonnenblumenkernen. Schwarzes gibt es und weißes. Der Wein schmeckt ausgezeichnet und der Käse dazu, ein Genuss. Bernhards Freund ist völlig verwirrt vom Wassertau der aus den Bäumen auf ihn heruntertropft. Die Angst ist groß, dass es seltsamer Schleim sein könnte, ausgespieen von den Bäumen oder auf ihnen lebendem Getier. Eine große Spinne verirrt sich ausgerechnet in Judiths Ausschnitt und begibt sich auf eine Erkundungsreise unterhalb des schwarzen Stoffgewebes, krabbelt über ihre Haut. Solche Dinge passieren immer nur ihr, sagt sie.

Gemeinsam gehen wir hinauf zum Parkplatz an der Floridsdorferbrücke wo wir Judith, Liz und Porcupine herzlich begrüßen. Susi hat sich in der Hundeleine verfangen. Sie ist unglaublich gutmütig, versucht keinerlei Ausbruchsversuch aus der misslichen Lage und fügt sich den ebenso unaufgeregten Händen ihres Frauchens.

Wir verlassen die kleine Gruppe im Gastgarten des Cafes wo sie auf uns warten und gehen zurück zur U-Bahn-Station. Dort steigt mit einiger Verspätung endlich Anne mit ihren Freunden aus dem Zug. Nachdem wir uns freudig umarmt haben, fährt sie davon. Nach ein paar Suchtelefonaten nach der Maus im Heuhaufen und dem Begrüßen von Pokorny und Aqualung steige ich selbst wieder in die U-Bahn und fahre nach Hause.

Ich freue mich schon sehr auf diesen Nachmittag. Es ist wunderschön auf Menschen zu treffen, die mir trotz aller Fremdheit so wunderbar nah und vertraut sind.

 

Hallo Eva,

ich habe eine kleine Weile gebraucht, bis mir klar wurde, dass Du "vom Ende zum Anfang hin" erzählst. Als ich es merkte, mußte ich lachen. Eine wunderbare Idee.

Viel mehr aber noch hat mir gefallen, dass Du mich mit Deinem Text an Eurem gestrigen Treffen teilnehmen läßt. Ich habe nämlich mehrfach an Euch gedacht und Euch richtig beneidet. Ich weiß welch ein besonderes Gefühl es ist, Menschen zu treffen, von denen man sonst nur die Texte kennt...

Danke, dass ich durch Deine einfühlsam beschreibenden Worte wenigsten für die Dauer des Lesens an Eurem Treffen teilnehmen durfte.

Liebe Grüße
Barbara

 

Servus Barbara!

Als ich mich heute morgen an den gestrigen Tag erinnerte, war mein erster Gedanke das Gehen durch die Stille der Nacht. Da schien es mir als Möglichkeit den Tag von dort aus rückzuspulen. Ich freu mich, dass du diesem "stromaufwärts" folgen konntest.

Dich dabei gehabt zu haben wäre wirklich schön gewesen. Es werden sich Gelegenheiten ergeben, vielleicht ist es dir dann möglich zu kommen, denn diese Treffen werden sich bestimmt fortsetzen.

Das Mitleben als geistig verbundener Mensch, ohne real dabeigewesen zu sein, hat sicher auch seinen Reiz, für dich als Lesende und für mich durch deine Antwort ebenso. Denn wir alle rücken einfach näher aneinander heran durch den Austausch in und um unsere Geschichten.

Einen schönen Tag für dich - Eva

 

Hallo Eva!

Einfach großartig! Über diese erzählende Beschreibung eures Treffens von Dir hab ich mich jetzt mal so richtig gefreut! :)

Du hast mich dazu gebracht, mir alles genau vorstellen zu können; und wie es deine Art ist, bist du in deinen Beschreibungen auch nicht an der schlichten Oberfläche geblieben, sondern hast viele Dinge auch gleich noch auf bemerkenswerte Weise interpretiert.

Die anti-chronologische Erzählweise hat es mir sehr angetan, ist andererseits aber eigentlich nur konsequent: An Ereignisse erinnert man sich ja praktisch nie schön der Reihe nach, sondern eher bunt durcheinander gewürfelt. Da finde ich diese, von dir gewählte Herangehensweise einen guten Kompromiss, um den Leser nicht etwa komplett zu verwirren.


Nur noch zwei Kleinigkeiten:

Welche Emotionen dabei wach werden und wie Menschen zu allen Zeiten wohl ähnliche Empfindungen gemacht und niedergeschrieben haben. Ist ein Plagiatsvergehen das Gleiche zu fühlen wie Shakespeare oder E.E.Poe?
Empfindungen gehabt [...] haben. Oder?

Und: Edgar Allen Poe !


lieben gruß
thomas

 

Servus Thomas!

Es ist wunderbar was du mir da vermittelst. Denn wenn dir beim Lesen, trotz "auf den Kopf stellens" der Geschichte, das Miterleben des Tages und vor allem auch das tiefere Vordringen in seine gebotene Fülle möglich war, freut mich das sehr.

Deine beiden gefundenen Fehler sind natürlich ein Treffer ins Schwarze. Dass ich den Poe zu einer Ellen gemacht habe finde ich aber schon sehr witzig. ;)

Lieben Gruß an dich, beim nächsten Mal sehen wir uns sicher auch - Eva

 

Danke Eva

Auch wenn ich dabei war, war es schön es auf diese Art und Weise noch einmal zu erleben.

Willi ;) (den du voll und ganz durchschaut hast)

 

Servus Willi!

Fein, dass du den Tag durch meinen Blickwinkel noch einmal durchlebt hast und dich darin auch wiederfinden konntest. Ich empfand es schön, dass du so offen an diesen Tag herangegangen bist.

Lieben Gruß an dich - Eva

 

Hallo Eulchen,

gegen den Strom erzählt - eine tolle Idee, die gleichzeitig die Methaper vom gegen den Strom schwimmen birgt. Nach dem Lesen deines sehr schön geschriebenen Textes bin ich richtig froh, dort bei euch dabei gewesen zu sein. Ich glaube, dass da an der Donau wieder so etwas wie damals im Cafe Anita passiert ist: Geist, Stille und Toleranz.
Danke für diesen Text, Eva.

Liebe Grüße - Aqua

 

Das Treffen war ein Genuss und du hast es in eine wunderschöne Geschichte verpackt, Eva. Ich freu mich schon auf das Freitag-Prater-Treffen. Und auf die Wachau. Und auf den Videoabend bei Porc. :)

Bis bald an alle!

Liebe Grüße
Liz

 

Hallo Eva!

es ist schön, den Text zu lesen, aus Deiner Sicht, zu sehen, was Dir im Gedächtnis gebliben ist und so wichtig für Dich, dass Du es erwähnst. Es war wunderschön und Dein Text ist ein Stück Erinnerung.

alles Liebe
Anne

 

Hallo Eva!

Ich habe nun zum zweiten Mal deine Geschichte gelesen. Sie ist ja so was von schön. Also wirklich. Die Idee, das ganze rückwärts zu erzählen ist absolut originell und gibt ihr einen besonderen Charakter.

Es ist für mich sehr interessant, welche Begebenheiten du aus unserem Treffen herausgenommen und in den Text eingebaut hast. Und vor allem ist es auch spannend, wie du diese Momente wahrgenommen hast. Und - naja - auch was du über mich in die Geschichte aufgenommen hast, ist für mich ein guter "Spiegel". Es ist etwas besonderes für mich, mich in deiner Geschichte wiederzufinden.

lg
klara (karla, judith)

ps: Ich glaub ich bleibe hier erst mal bei klara. ;)

 

Hallo Eva,

beim Lesen Deines Textes konnte ich mir so richtig vorstellen, wie ihr da alle auf der Wiese gesessen habt, geredet habt und Geschichten vorgelesen habt.
*Seufz*, wäre ich auch gerne mal dabei, aber leider ist die Entfernung zu weit.
Das Deine Geschichte von vorne nach hinten aufgerollt war, habe ich erst gerafft, nachdem ich die ersten Kritiken gelesen hatte, hat mir gefallen, die Idee.

Liebe Grüsse aus dem fernen Spanien
Blanca

 

Lieber Robert!

Stille, Toleranz aber auch jede Menge Spaß, das ist der Geist vom Cafe Anita und das hat sich am Samstag fortgesetzt, da hast du recht. Ja, vielleicht schwimmen wir gegen den Strom und manchmal mit ihm -oder auch quer, von einem Ufer zum anderen, manchmal tauchen wir unter und spucken beim Heraufkommen die Fische aus, japsen nach Luft – was solls, wichtig ist, dass wir „im Fluss“ sind.

Hallo Liz!

Du bist schon voller Pläne, kaum, dass ein Zusammensein zu Ende gegangen ist. Du bist eben der Wasserfloh der von Welle zu Welle hüpft um besser nach vorn sehen zu können.

Servus Maus!

Ein Stück Erinnerung eingefangen zu haben, etwas festzuhalten, das schon gar nicht mehr ist, um es später noch mal betrachten zu können, ein schöner Gedanke.

Liebe Klara!

Danke, fein, dass dir der Rückwärtslauf des Geschehens gefiel. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung, verarbeitet und erlebt auf seine Weise. Wie vielfältig das Eine aber auch sein kann. Erst das Schreiben selbst, dann das Lesen der eigenen Geschichten durch andere und dann dein Wiederfinden in meinen Gedanken, was gäbe es noch, wie könnte man fortsetzen?

Liebe Blanca!

He, da dachtest du ja anfangs, dass wir uns nächtens tatsächlich bei Eulen und Elfen versammelt haben und auch, dass ich trocken dusche ehe ich abschließend den Wasserhahn aufdrehe. Spanien, da bist du wirklich weit entfernt und doch warst du jetzt mit dabei, das freut mich sehr.


Lieben Gruß an euch alle – herzlichst Eva

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom