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Die Zwölf-Stunden-Männer

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12.02.2004
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Die Zwölf-Stunden-Männer

Stier (21. April bis 20. Mai)
Machen Sie sich auf eine Begegnung gefasst, die ihr Leben verändern könnte.

Mitten in einer Ansammlung betrunkener Rugby-Fans wirkte das Horoskop in der New Herald Tribune wie Hohn, wenn einer dieser Typen an den Tisch kam, um sie anzubraten. Was taten sie überhaupt schon hier? Es war kurz nach 17 Uhr und Anna und Helen hatten einen großen Plasmafernseher vor sich, aber das Spiel interessierte sie nicht.
„Komm doch mit ins Four Kings!“, hatte Helen gesagt, „Das wird sicher lustig.“
Und Anna, mit Kopfschmerzen nach der Abschlussklausur in Anorganischer Chemie, hatte sich gedacht: Warum nicht?
Die Alternative wären ein Eisbeutel, ein Aspirin und ein Abend vor dem Fernseher gewesen.

Sie ging an die Bar, um zwei Mojitos zu bestellen, da bemerkte sie einen Mann, der sein Glas in der Hand hielt und es anschaute wie Hamlet bei dem berühmten Monolog den Totenschädel. Er sah so missmutig und angeekelt drein, dass sie lachen musste.
"Was ist so witzig?"
„Tut mir leid. Du siehst so traurig aus.“
"Und deshalb musst du lachen?"
"Eigentlich nicht...", sagte sie.
Seine Augen weiteten sich vor Empörung.
"Naja, eigentlich schon. Möchtest du dich an unseren Tisch setzen?"
Mit ihm am Tisch würde es sich das nächste verschwitzten Rugby-Arschloch vielleicht zweimal überlegen, sie zu belästigen. Er hatte etwas Verwegenes an sich.

Der Mann nahm tatsächlich sein Glas und schlurfte hinter ihr her zu Helen. Wider Erwarten war er ein guter Unterhalter. Er erzählte, dass er beim Film arbeitete und sein Produzent ihn auf jede nur erdenkliche Weise misshandelte. Anna glaubte ihm natürlich kein Wort. Er hieß Craig. Seine Stimme ging im erleichterten Geschrei der Rugby-Enthusiasten unter, als sich im Spiel Neuseeland gegen Australien drei All Blacks auf O'Connor warfen.
„Hier hat er mich erwischt“, sagte Craig, zog das Poloshirt hoch, deutete mit dem Finger auf einen purpurfarbenen Bluterguss.

Steif und fest behauptete er, dass der Produzent ihn gezwungen hätte, eine besonders misslungene Seite aufzuessen! Anna musste lachen.

Auch Helen lachte. Ihr Lachanfall war so ungeheuer, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie hielt sich an der Tischkante fest, zwang sich, tief durchzuatmen. Es dauerte eine Weile, bis sie es wagen konnte, die Augen wieder aufzumachen, nur um zu entdecken, dass Anna und Craig (die sich beide gleichzeitg Warum nicht? gedacht hatten) nicht mehr am Tisch saßen.

*​
Ihre Sandalen schlappten über den Asphalt, als sie zur Oriental Bay hinunter gingen. Für Oktober war es schon sehr warm. Der Wind pfiff vom Meer her über die mit Pinien bewachsenen Hügel. Sie gingen am Jachthafen und am Nationalmuseum vorbei. Möwen stritten sich um Essensreste, die jemand von der Terrasse des Dockside Restaurants warf. Craig sagte: „Ich komme gern hier herunter und schaue den Schiffen zu.“

Anna strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie blinzelte zum Horizont, wo ein Frachter sich langsam aus der Bucht entfernte: vielleicht transportierte er Holz nach Sydney oder Früchte nach Hong Kong. Sie sagte: „Es war nicht okay von uns, die arme Helen ganz alleine zu lassen.“

Sie gingen hinein, aßen Fish and Chips in Alufolie. Sie sprachen über alles Mögliche, hauptsächlich Filme und Politik. Durch ihr Lachen und ihre Stimme, die ihn aufheiterte wie Vogelgezwitscher, vergaß Craig für eine Weile die Zeit, bis er flüchtig auf die Uhr sah. Anna erwartete schon jeden Moment die Frage „Zu dir oder zu mir?“, als sie merkte, dass er Angst hatte. Was war plötzlich los? Seine Finger zitterten! Er gab ihr eine Visitenkarte, auf der nur eine E-Mail-Adresse stand:


Dazu kritzelte er eine Telefonnummer. Er sagte: „Ich muss sofort weg!“
Sie fasste ihn am Ärmel. Seine Augen weiteten sich. Sie sagte: „Ich weiß zwar nicht, was das hier ist, aber ich würde dich gern wiedersehen.“

Er schluckte, nickte widerwillig, riss sich los und lief tatsächlich weg.
In diesem Moment erwachte ihr Forscherinstinkt. Jagte ihn die Mafia, war er ein Geheimagent, oder nicht ganz richtig im Kopf, oder was? Sie würde ihn verfolgen und es herausfinden!
Und überhaupt: Konnte sie nicht einmal an einen normalen Mann geraten?


*​

Seine Wohnung, der erste Stock eines Viktorianischen Hauses in der Moir Street, war der einzige Ort auf der Welt, an dem Craig Caine sich halbwegs sicher fühlte. Hinter der weiß gestrichenen Wohnungstür am Ende der hölzernen Treppe, über die hundert Jahre lang Menschen gelaufen waren, konnte er das Problem kontrollieren, immer vorausgesetzt, er passte auf! Mit schnellen Bewegungen schlüpfte er aus allen Kleidungsstücken und warf sie in die Wäschekiste. Geldbörse und Schlüssel landeten mit einem Scheppern auf dem Beistellstisch daneben. Im Badezimmer brauchte er zwei Minuten, um sich den Bart mit dem elektrischen Rasierapparat zu stutzen. Die Vibrationen auf der Haut beruhigten ihn. Zwei weitere Minuten später war er frisch geduscht. Das Zähneputzen schaffte er in 90 Sekunden. Dann war er bereit! Um fünf vor Acht lag er im großen Himmelbett mit den weißen Laken. Diesmal war es wirklich knapp gewesen! Es lag an dieser Frau. Beim Reden mit ihr hatte er die Zeit vergessen. Das durfte nie wieder passieren! Aber er hatte es geschafft und jetzt war alles okay. Pünktlich um 20 Uhr zog es ihn, wie durch einen gigantischen Ausguss, ins Land der Träume.

* * *​
Die Welt war plötzlich da, als hätte man sie mit einem Fingerschnippen hergezaubert. Werner Baumann öffnete die Augen. In der Tür stand Sandra. „Noch sieben Minuten“, sagte sie.
Er schlüpfte in ein T-Shirt, lief ins Bad, rasierte sich elektrisch (zwei Minuten) putzte die Zähne (nochmal zwei Minuten), hastete zurück ins Schlafzimmer (30 Sekunden) und zog sich an: Unterhose, Hemd, Hose, Socken, Jacke, Schal und Mütze (90 Sekunden). Nach exakt sieben Minuten ging er zum Auto. Die Kinder warteten schon. Sein Atem dampfte in der Morgenluft. Ein kalter Herbsttag. Er stieg ein, schlug die Tür zu. Als der alte Ford Galaxy in den Währiger Gürtel einbog, boxte der zehnjährige Daniel dem siebenjährigen Peter in den Oberarm.
„Papa, er hat mich geboxt!“
„Aber echt, hey! Du schwuler...“
„Daniel!“
Werner drehte sich um und schimpfte: „Lass ihn in Ruhe! Es muss ja nicht sein, dass man sich das Leben noch zusätzlich schwer macht.“
Sandra schaute verbissen geradeaus, als sie mit der Masse der Irrsinnigen mitfuhr, die hupend und mit quietschenden Reifen über die Kreuzung bei der Station Alser Straße jagte. Werner redete von der Seite auf seine Ehefrau ein: „Gleich nach der Untersuchung rufe ich dich an. Ich glaube wirklich, die Prognose ist nicht so schlecht. Bei den Mitteln der modernen Medizin.“ Versuchsweise lachte er ein paarmal: hahaha!

In der Nähe der Stadtbücherei ließ sie ihn aussteigen. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss und winkte den Kindern zu. Das Gesicht des kleinen Peter im Heckfenster verschwand im Straßenverkehr. Er wartete alte Software: Ungetüme aus zehntausend Zeilen COBOL und Treiber in Maschinensprache. Was gerade anfiel! Es war nicht der schlechteste Job für jemanden wie ihn, weil seine Ausfälle hier keinen Schaden anrichteten. Die Kollegen nahmen es mittlerweile gelassen, wenn er in einer Besprechung einfach wegsackte. Der Chef war ebenfalls zufrieden, weil er durch ihn die Behindertenquote erfüllte. So saß er acht Stunden am Tag zwischen Gummibäumen und Dilbert-Cartoons und löste technische Probleme.

Eine weitaus größere Herausforderung an diesem Tag war die somnologische Untersuchung im AKH. Schon der Hinweg mit der U6 voller nasser Menschen, die sich im Stehen in die Halteschlaufen hängten und aus den Fenstern glotzten. Dann der monströse Gebäudekomplex, der von weitem an frühneuzeitliche Darstellungen des Turmbaus zu Babel erinnerte: Zeugnis der menschlichen Anmaßung, die mit ihrer Gigantomanie den Herrgott erzürnte!

Drinnen humpelten Scharen von Patienten durch die Gänge, die man je nach Abteilung farblich markiert hatte. Überall eilte Personal in weißen Kitteln von A nach B. Primarius Dr. Powolny erwartete ihn schon. Hinter ihm stand ein Gefolge aus Assistenzärzten, MTAs, Technikern und Studenten. Werner erinnerte sich an das erste Treffen mit ihm. Er hatte ihn ziemlich unverblümt gefragt, was ihm denn fehlte. Da waren ihm schlagartig Erinnerungen an 30 Jahre voller Hänseleien und Zusammenbrüche gekommen und er hatte gesagt: „Wenn ich nicht jeden Tag zwölf Stunden zu genau denselben Zeiten schlafe, passieren furchtbare Dinge. Ich falle um, einfach so.“
Mit der professionellen Munterkeit der Ärzte hatte der Primar geantwortet: „Na, dann wollen wir mal sehen, was wir für Sie tun können.“
In diesem Moment hatte Werner den Drang gefühlt, ihn mit einem Kinnhaken niederzustrecken, um ein wenig von seinem Leid mit ihm zu teilen.

Er zog sich aus und kroch in Unterhosen in ein Klinikbett. Eine Assistentin schmierte ihm kühles Gel auf die Haut und befestigte Elektroden. Über den Kopf stülpte sie ihm eine Art Badehaube mit pieksenden Metall-Kontakten. Während der Primar auf ihn einredete („Ganz entspannt sein! Fühlen Sie sich wie zu Hause!“) machten seine Mitarbeiter ihre Gerätschaften fertig für die Aufzeichnung. Ein Techniker sagte: „Gleich werden wir sehen was Sie sehen, Herr Baumann.“
Trotz dieser Aussicht und den Atemgeräuschen von einem Dutzend Menschen in dem abgedunkelten Raum gelang es Werner, einzuschlafen.

* * *​
Craig erwachte und wusste sofort, dass er verschlafen hatte: „Sch...“, murmelte er, schaffte es dann aber doch beinahe rechtzeitig zur Besprechung mit dem Drehteam um neun Uhr. Im Studio standen alle im Kreis um den Chef-Autor und den Regisseur herum, die am Boden knieten und farbige Kärtchen herumschoben. Darauf standen Sätze wie:

George redet mit Sally über Bob.
Bob redet mit Sally über George.
Sally findet heraus: George unterschlägt Geld.
Der Regisseur schrieb gerade auf die letzte Karte: Warum hat Bob nichts gemerkt?

Die Schauspieler waren sich einig, dass Sally George lieber mochte und sie sich in der nächsten Staffel endlich bekommen sollten. Nur Johnny McKay, der affektierte Typ, der den Bob spielte, war anderer Meinung. Er wollte vermutlich vor der Kamera mit der berühmten australischen Darstellerin der Sally herumknutschen.
(„Johnny McKay? Steht der nicht auf Männer?“)

„Wie geht’s dir, Junge?“ fragte der rotgesichtige Produzent, als Craig auftauchte.
„Ich weiß nicht. Könnte einer dieser Tage...“
Er fiel um. Nicht einmal den Satz konnte er beenden. Alle drehten sich zu ihm. Der Produzent rief: „Alles in Ordnung! Craig hat wieder einen seiner Anfälle. Macht weiter, Leute!“

* * *​
Endlich gelang es dem Team, Werner zu wecken. Mit gerötetem Gesicht setzte er sich auf. Er sah aus wie ein Kind, das man zu früh aus dem Mutterleib gerissen hatte. Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Ekel und Entsetzen.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragte Dr. Powolny.
Das Team behielt die Anzeigen sämtlicher Geräte im Auge. Der Primar stellte belanglose Fragen, die Werner lustlos beantwortete. Dann ging das Licht wieder aus.
* * *​
Sie schickten ihn heim. Er sollte sich das ganze Material durchsehen und morgen zur Abschlussbesprechung kommen. Als vor dem Fenster des Busses die Mouners Street an ihm vorbeizog, murmelte er: „Mein Leben ist ein Alptraum!“

Er eilte die Treppe zu seiner Wohnung hoch und sah zuerst ihre Füße in Slippern auf den Stufen: Anna! Als sie ihn kommen hörte, stand sie langsam auf. Er war außer Atem. Sie flüsterte: „Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht.“
„Ach ja? Und das gibt dir das Recht, mir vor meiner Tür aufzulauern?“
Sie umarmte ihn. Er fühlte sich, als würden ihm Stromstöße verabreicht. Das hier musste in einer Katastrophe enden! Der Schlüssel fiel ihm aus der Hand. Endlich ging die Tür auf. Sie drängte sich an ihn, warm und weich. Sie zogen sich aus, ließen Kleidungsstücke auf dem ganzen Weg zum Schlafzimmer fallen. Sein Herz schlug viel zu schnell. Noch nie war jemand in diesen innersten Bereich eingedrungen. Normalerweise musste er darauf achten, sich bis spätestens 19 Uhr zu holen, was er bekam. Als er in ihr war und sie sich an ihn drängte, feucht und kühl, fühlte es sich an, als würde man in das Epizentrum eines Erdbebens vordringen, wo die Feuchtigkeit die Übergänge zwischen Körpern auflöste und zu etwas Gelee-artigem vereinigte.

* * *​
Das Team schaute auf einen der Bildschirme, wo ein Programm Werners Hirnströme als Traumbilder visualisierte: Eine Form sah aus wie ein menschlicher Umriss auf allen Vieren. Dahinter ein anderer, der sich ruckelnd in den ersten schob. Jemand räusperte sich. Werners Gesicht mit den geschlossenen Augen lächelte im Dämmerlicht. Als die hintere Gestalt der vorderen einen besonders heftigen Stoß verpasste, formten seine Lippen ein langgezogenes „Oh!“

„Gibt es denn einen Anhaltspunkt, was mir fehlen könnte, Herr Doktor?“, fragte er später, als er sich anzog und Powolny ihm Diagramme zeigte, die den Verlauf des Schlafs dokumentierten.
„Wir werden das in Ruhe auswerten, aber eine Sache ist sehr ungewöhnlich. Sie haben keinen Tiefschlaf. Sie sind quasi während sie schlafen die ganze Zeit wach. Sehen Sie hier: nur REM-Phasen!“

*​
„Ein Schlag ins Wasser!“
Sandra schaute ihn an, als wäre er dabei, ihr eine besonders verwerfliche Verfehlung zu gestehen.
„Scheiß Ärzte! Die ganze Nacht lang war ich an alle möglichen Geräte angeschlossen und jetzt wissen sie gleich viel wie vorher. Hoffen wir nur, dass die Krankenkasse alles bezahlt, wenn es ihnen doch irgendwie gelingt, eine Behandlung für mich zu entwickeln.“
Sandra verdrehte die Augen. Sie murmelte: „Du bist so naiv!“
Mit einer raschen Geste, als wollte sie sich die Pulsadern aufschneiden, nahm sie eine Zigarette und zündete sie an. Dann schob sie ihm einen Zeitungsausschnitt hin: ein indischer Wunderheiler in bunten Bildern mit den begeisterten Stimmen von Kranken, die die Ärzte aufgegeben hatten. Sechs oder sieben Seiten lang, mit Expertenstimmen und Internetadressen.

„Ich habe ihn angerufen. Sein Honorar ist gar nicht so hoch.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Ich komme gerade aus dem Krankenhaus und anstatt dass du mir Mut machst-“
„Ach, komm! Du hast doch selbst gesagt, dass das nichts wird. Wir müssen der Wahrheit eben ins Auge schauen. Und die ist nun einmal so, dass wir jede noch so winzige Chance nutzen müssen.“
Als sie so vor ihm saß, resigniert dreinblickte und Gift in ihre Lungen sog, fragte er sich wieder einmal, warum er sie geheiratet hatte.

*​

„Ihre Frau“, sagte Raman Maharashtra, „ist süchtig nach Leid.“
„Und deshalb hat sie sich mit mir zusammengetan? Na, das ist nicht gerade schmeichelhaft.“

Sie saßen in der Küche einer Zwei-Zimmer-Wohnung. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr. Außer einer Mandala im Wohnzimmer und den Titeln der Bücher in den Regalen deutete nichts darauf hin, dass hier ein Guru (Sanskrit für „gewichtig“ oder „schwer“) wirkte. Offiziell war er Lebensberater, inoffiziell ein Sehender, der seit einer Kindheit in Uttar Pradesh, ganz in der Nähe des Ortes, wo Buddha Sakyamuni mit Brahma und Devraj Indra vom Himmel heruntergestiegen war, einen weiten Weg zurückgelegt hatte.

„Wollen Sie die Wahrheit wirklich hören?“
Werner fühlte, wie etwas in ihm sich krümmte. Eine Art Wurm?
„Die Wahrheit“, murmelte er. „Mein ganzes Leben lang warte ich darauf, dass mir jemand sagt, was los ist.“
Das Aussehen des Mannes, sein langes Haar, der Pferdeschwanz, die schadhaften Zähne und dieses bunt gemusterte Hemd ließen ihn allerdings an seiner Kompetenz zweifeln. Die Augen, blutunterlaufen und durchdringend, fixierten ihn noch immer.

„Sagen Sie es!“
„Es hat zu tun mit Ihrer Seele.“
Werner brauch in albernes Gelächter aus.
„Die Seele! Etwas Besseres fällt Ihnen nicht ein?“
Unbeeindruckt und im singenden Tonfall der Inder fragte Maharashtra: „Sie wissen doch ungefähr, was die Seele ist?“

„Was zum...“
„Ihre Seele, Herr Baumann, ist immer an mehreren Orten zugleich.“
Nicht einfach, einem so ungeduldigen Menschen die Gesetze von Karma und Samsara zu erklären! In Werner arbeitete es: Genau so fühlte sich sein Zustand an. Leider war die folgende Erläuterung wenig überzeugend: Die Seelen suchen sich, so behauptete Maharashtra, vor dem Eintritt in diese Welt je ein Leben aus. Dabei kommt es zu einer dem Schlussverkauf ähnlichen Veranstaltung mit riesigen Wühltischen und Seelen, die sich wie Hausfrauen um die besten Teile streiten. Da passiert es schon mal, dass zwei Seelen dasselbe Leben in der Hand halten, wenn die Reise losgeht. Dieser Mensch hält der Belastung natürlich nicht stand und dreht durch. Oder eine Seele hält in jeder Hand ein anderes Leben.
„So wie manchen Frauen in der einen Hand einen roten Schuh und in der anderen einen gelben... Sie verstehen doch, was ich Ihnen sagen will?“

Werner sah aus, als hätte der Inder ihm eine Ohrfeige verpasst. In seinem Kopf wuselten Gedanken durcheinander und verwarfen Modelle, die allesamt nicht plausibel waren.
„Wenn es da noch ein Menschen gibt, der meine Seele teilt, wo ist der?“
Raman Maharashtra lächelte: „Konzentrieren Sie sich erst einmal auf das, was Sie in Ihren Träumen sehen und tun und nehmen Sie sich vor, es sich zu merken! Sie müssen sich erinnern!“

Werner verließ die Wohnung mit dem Vorsatz, die Rechnung nicht zu bezahlen, falls diese Interpretation seines Zustands durch einen weiteren Experten schon wieder nicht stimmte. In seiner Küche lehnte Maharashtra sich zurück und seufzte. Manche Klienten schickten ihm Dankesbriefe oder eine Flasche Wein. Aber nie kam einer auf die Idee, ihm eine größere Wohnung zu vermieten, in der ein Geschirrspüler Platz hatte.

*​
Es war an der Zeit, sich in eine ruhige Ecke zurückzuziehen. Es war an der Zeit, Klarheit zu erlangen. Werner rechnete im Gehen mit dem Universum ab, mit Gott (oder wer immer da das Sagen hatte) und ihm ein Dasein als groteske Figur zumutete. Er fühlte sich wie eine Figur in der Geschichte eines drittklassigen Autors, dem es Spaß macht, ihn zu quälen. Er fand es nicht lustig!

Immer wieder sagte er sich vor, dass seine Leiden real waren, mit jedem Schritt, der ihn durch den Vorgarten zur Haustür brachte. Hörte er da Geschrei aus der Garage? Er zog das Tor hoch, bückte sich, um hineinzuschlüpfen. Plötzlich stand er hinter seinem in Tränen aufgelösten Sohn Peter. Es roch nach Benzin. Auf dem Boden ein offener Kanister, neben dem Auto Daniel, dahinter seine Frau. Etwas schockierte sie und alle drei redeten durcheinander und heulten und er verstand ungefähr, dass die Kinder vorgehabt hatten, das Auto anzuzünden...
„Würdet ihr alle mal einen Moment lang die Klappe halten?“, schrie er.
„Ich bin es hier nämlich, dem es scheiße geht! Ich, ich, ich!“
Jedesmal schlug er mit den Handflächen auf die Motorhaube und endlich fing auch er an zu heulen. Das hier konnte doch kein Mensch ertragen!

* * *​
Er empfand es als Penetration unter umgekehrten Vorzeichen: Seit Craig mit Anna zusammen war, fühlte er sich, als hätte er einen scharfen Gegenstand in sich, der ihn verletzen konnte, wenn er nicht aufpasste. Noch nie hatte er gewagt, sich jemandem so weit zu öffnen. Ihre Schwäche für ihn wurde aber auf eine schwere Probe gestellt, als folgendes geschah: Er redete in einer fremden Sprache!
„Guten Abend de Madeln und serwas de Buam!“, rief er.
Fassungslos betrachtete Anna seinen Mund, der auf wienerisch die Inneneinrichtung des Schlafzimmers lobte: „Oh, my poor baby!“
Mit unendlicher Zärtlichkeit umarmte sie ihn, legte ihr Kinn auf seine Schulter. Etwas Fremdes war dabei, die Kontrolle zu übernehmen.

* * *​
Als Zeichen seiner Alles-oder-nichts-Stimmung ließ Werner sich einen Bart stehen und erschreckte damit die Kinder, was wiederum heftige Schuldgefühle auf den Plan rief. Die bewährten Mechanismen von Rückkoppelung und Repression hielten ihn im Zaum. Sandra ließ ihn gewähren. Wenn er am Morgen von der Seite her ihre mit Sommersprossen bedeckte Wange anschaute und ihre Augen, die Blicke in alle Richtungen warfen, fragte er sich, was in ihr vorging.
Am Abend, als er sein Essen in die Mikrowelle schob, deutete er vorsichtig an, dass der Inder ihm eine abenteuerliche Interpretation seines Zustands geliefert hatte, er aber fest entschlossen war, dem auf den Grund zu gehen. Sie entschied: „Wenn du das Gefühl hast, dass da nur ansatzweise etwas dran sein könnte, musst du dem nachgehen.“

Amen, dachte er.

* * *​

Wäre Craig ein Computer gewesen, er hätte sich gesagt: Ich werde gehackt. Er fühlte, wenn dieses Etwas in ihm sich konzentrierte, um Adressen auf Briefumschlägen und seine Telefonnummer zu erbeuten. Es benutzte seine Augen, um sich in der Wohnung umzusehen, in der Stadt und beim Filmteam. All das hasste er. Am meisten hasste er diese Blicke, wenn sie sich an Anna hefteten.
„Woran denkst du jetzt gerade?“, wollte sie wissen.
„Weißt du, Anna... Als ich neulich dieses wirre Zeug geredet habe, diese Begrüßungsformeln und das über die Möbel...“
„Du hast verstanden, was du da gesagt hast?“
„Ja.“

Sie musterte ihn so aufmerksam wie eine ihrer Proben im Labor. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, das Problem damit in Verbindung zu bringen, dass er deutsche Aufdrucke auf Produkten im Supermarkt lesen konnte. Einmal hatte er in einem Hotel im Kabelfernsehen ein deutsches Programm erwischt: Two and a half men in der synchronisierten Fassung. Es hatte ihn so sehr schockiert, dass er mit zwei Schlucken das Wodkafläschchen aus der Minibar austrank. Er verstand jedes Wort! Aber bei seinen Besuchen bei all den Psychologen kam das natürlich nie zur Sprache. Immer nur diese Vater-und-Mutter-Scheiße und ob man Komplexe hatte. Natürlich Fehlanzeige: Seine Eltern waren normale Leute, lebten in Auckland. Vater war bei der Post gewesen, Mutter verkaufte Zeitschriften. Manchmal dachte er, sie waren froh, ihn los zu sein.

Annas Miene hellte sich auf. Sie hatte eine Idee!
„Ich kenne da einen Psychologen, mit dem du mal reden könntest“, sagte sie.

* * *​
„Weißt du, Daniel... Ich hatte gerade ein paar schwere Tage, weil die Untersuchungen im AKH zu nichts geführt haben. Wieder mal. Die Mama hat mir dann so einen indischen Guru empfohlen. Ich hab zuerst gedacht, das wird ein Scharlatan sein. Aber dann hat er mir Ratschläge gegeben und ich habe im Traum komische Sachen gesehen, bei denen ich das Gefühl habe, sie bringen mich weiter.“
Er vermasselte es! Das Gesicht des Jungen war verkniffen. Wie zum Teufel konnte er ihn erreichen, mit diesem Erwachsenengeschwätz? Wenn er ihn fragte, ob alles in Ordnung war, sagte er sicher ja, weil er dachte, dass seine Eltern das von ihm erwarteten. Werner sagte: „Ich bemüh mich, alles in Ordnung zu bringen.“
Der Junge sagte: „Du und die Mama-“
„Das auch.“

Daniel würde es auf seine Art, in der Sprache der Zehnjährigen, seinem kleinen Bruder erklären: nur zeitweilige Turbulenzen! (Papa, was sind Turbulenzen?) Kein Grund zur Sorge. Werner ging über den Flur. Seltsam, wie sich die Luft änderte: weich und irgendwie fruchtig im Kinderzimmer, kühl und oberflächlich hier im Flur. In der Küche dominierte die Schärfe von Sandras Zigarettenrauch. Sie saß am Tisch und las ein Nachrichtenmagazin mit vielen Bildern des letzten Tsunamis im Pazifik. Die Zigarette hielt sie geziert zwischen Zeige- und Mittelfinger. Der Rauch wanderte in Schwaden durch den Raum, suchte einen Weg durch das gekippte Fenster.

Werner sagte: „Ich brauche deine Hilfe.“
Etwas überrascht ließ Sandra die Zigarette in den Aschenbecher fallen.
„Du weißt ja, dass dieser Maharashtra mir Ratschläge gegeben hat. Er behauptet, meine Seele lebt gleichzeitig in zwei Menschen und das ist die Ursache meines Problems.“
Sie sagte: „Das ist mir zu hoch. Es klingt nach einer Metapher.“
„Eigentlich nicht. Es soll wirklich einen Menschen geben, irgendwo da draußen, in dem meine Seele wohnt. Und ich glaube, ich habe ihn gefunden. Ich habe ihn gesehen. Im Traum.“
„Und was soll ich jetzt tun?“
„Ich habe mich im Traum darauf konzentriert, die Adresse zu finden. Auch die Telefonnummer. Er lebt in Neuseeland.“
„Na gut, dann probieren wir das eben aus", sagte sie und verdrehte dabei die Augen.

Werner sagte: „Ich bin so aufgeregt!“
„Was soll ich tun?“
Er hob den Hörer ab, drückte ein paar Tasten, legte wieder auf: verwählt!
Beim dritten Versuch gelang es ihm, die Verbindung herzustellen. Das Freizeichen kam. Er drückte seiner Frau den Hörer in die Hand.

* * *​
Anna erwachte, weil irgendwo das Telefon läutete. Sie tappte durchs Dämmerlicht, schnappte den Apparat, freute sich, dass Craig nicht aufgewacht war. Es war eine Frau mit undefinierbarem Akzent. Sie behauptete, dringend mit Craig Caine sprechen zu müssen. Im Hintergrund hörte sie eine Männerstimme in einer fremden Sprache. Als sie sich erweichen ließ und sanft auf Craigs rechtes Bein klopfte, das da unter der Decke lag, hörte sie am anderen Ende der Leitung einen erschreckten Ausruf der unbekannten Frau.

* * *​
Werner sackte zusammen. Sandra konnte ihn gerade noch mit der linken Hand an der Schulter fassen und auf dem Stuhl halten. In der rechten hielt sie den Hörer und forderte die Frau am anderen Ende auf, um Gottes Willen am Apparat zu bleiben. Mit Schütteln und Geschrei gelang es ihr, Werner wieder aufzuwecken. Offenbar geschah dadurch am anderen Ende der Leitung etwas, das wiederum die Neuseeländerin aus der Fassung brachte. Werner wusste eine Sekunde lang nicht, wo er war, schaffte es dann aber doch, der Frau am anderen Ende seine Kontaktdaten durchzugeben.

* * *​

Lieber Craig,
ich schreibe diese E-Mail auf Deutsch, denn offenbar kann ich auf dein Wissen zugreifen – die Sprache und alles andere – und denke, dass es umgekehrt genauso funktioniert. Noch immer fällt es mir schwer, zu begreifen, dass alle meine Träume Realität gewesen sein sollen und wir auf diese Weise verbunden sind. Kein Mensch wird uns das glauben! Nicht einmal Sandra, obwohl sie selbst mit dir und Anna gesprochen hat. Entschuldige bitte, falls meine Versuche, etwas über dich herauszufinden, dich in Verlegenheit gebracht haben! In Träumen bewegt man sich eben etwas ungezwungener als im prosaischen Alltagsleben.
Im Anhang findest du ein Foto mit Sandra und den Kindern, an deren Gesichter du dich vielleicht erinnerst.
Für heute liebe Grüße,
W.

* * *​

Dear Werner,
beim Betrachten des Bildes mit dir, Sandra und den Kindern musste ich erst mal schlucken und erinnerte mich gleichzeitig, selbst deine Nachricht verfasst zu haben. Es gibt den Ausdruck to make a dream come true. Vermutlich eine gute Umschreibung für das, was wir gerade tun. Ich schicke dir ein Bild des Hauses in der Moir Street.
Love,
Craig

* * *​

Werner klickte auf den Anhang und das Bild erschien in 960 mal 720 Pixel auf dem Schirm.
„Oh, das ist ein hübsches Haus!“, sagte Sandra.
Werner erkannte den Palisadenzaun, die abgetretenen Stufen, den Torbogen über der Eingangstür. Die Sinneseindrücke von hier und dort verknüpften sich zu einer seltsamen Schleife. Er atmete schwer. Sandra legte ihm die Hand auf die Schulter, während sich in ihm neue Horizonte öffneten: Von höheren Instanzen im Universum sanktionierte Polygamie. Eine über die Grenzen des Normalen erweiterte Existenz. Faszinierende Möglichkeiten! Er nahm die Hand von der Maus, legte sie auf die schlanken Finger seiner Frau, die immer noch auf seiner Schulter ruhten.

Er sah sie an und lächelte.

 

Hey Berg,

ja - starke Story. Im Einzelnen dann so Missfallen-Dinger, aber ich fand das schon spannend und packend. Und ich bin neidisch auf die Idee :).

Er hatte Angst! Was war plötzlich los? Seine Finger zitterten! Er gab ihr eine Visitenkarte, auf der nur eine E-Mail-Adresse stand: ...
Dazu kritzelte er eine Telefonnummer. Er sagte: „Ich muss sofort weg!“
Er stand auf. Sie fasste ihn am Ärmel. Seine Augen weiteten sich. Mit fester Stimme sagte sie: „Ich weiß zwar nicht, was das hier ist, aber ich würde dich gern wiedersehen.“

Zwei Sachen find ich hier komisch. Zum einen, dass sie ihm erst jetzt ihren Namen verrät, zum anderen schilderst Du ihm im zweiten Satz als "Aufreißer" und nun macht er sich auf und davon. Es macht ja im weiteren Verlauf durchaus Sinn, aber hier hängt man sich erst mal auf.

Und dann ein bisschen mehr Tempo:
... als sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Was war plötzlich los?
Er reichte ihr eine Visitenkarte, auf der nur seine E-Mail-Adresse stand, dazu kritzelte er, mit zittrigen Fingern, eine Telefonnummer.
„Ich muss sofort weg!“, mit diesen Worten stand er auf. Sie hielt ihn am Ärmel. „Ich weiß zwar nicht, was das hier ist, aber ich würde dich gern wiedersehen. Ich heiße Anna.“

In diesem Moment beschloss sie, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen.

Das klingt schräg :).

Diesmal war es wirklich knapp gewesen! Es lag an dieser Frau. Beim Reden mit ihr hatte er die Zeit vergessen. Das durfte nie wieder passieren! Aber er hatte es geschafft und jetzt war alles okay.

Und hier beginnt die Geschichte :). Das davor ist Vorgeplänkel, was man auch gut etwas straffen könnte.

Er wusste ja nicht, dass sie in diesem Moment vor dem Haus stand, sich die Adresse notierte und sicherheitshalber noch einen Lageplan zeichnete.

Und wenn er es wüsste, würde er dann nicht einschlafen? Verwirrt und ist nicht nötig ;).

Der Einstieg in den nächsten Absatz, den finde ich gelungen. Der hat Tempo und wirkt nicht so hölzern. Überhaupt hast Du mich ab hier erst richtig gezogen.

Eine weitaus größere Herausforderung an diesem Tag war die somnologische Untersuchung im AKH. Schon der Hinweg mit der U6 voller nasser Menschen, die sich im Stehen in die Halteschlaufen hängten und aus den Fenstern glotzten. Dann der monströse Gebäudekomplex, der von weitem an frühneuzeitliche Darstellungen des Turmbaus zu Babel erinnerte: Zeugnis der menschlichen Anmaßung, die mit ihrer Gigantomanie den Herrgott erzürnte! Ende der Siebziger Jahre hatten sich viele Journalisten über ein solches Mammutprojekt in einem so kleinen Land endlos empört. Schon Mitte der Achtziger hatten sie allerdings ihre Empörung anderen Themen zugewandt. Der Gebäudekomplex war geblieben.

Schön, aber wozu?

Noch nie war jemand in diesen innersten Bereich eingedrungen.

Dafür gibt es sicher auch eine andere Bezeichnung. Innerster Bereich ist so steril - irgendwie.

Dabei kommt es zu einer dem Schlussverkauf ähnlichen Veranstaltung mit riesigen Wühltischen und Seelen, die sich wie Hausfrauen um die besten Teile streiten. Da passiert es schon mal, dass zwei Seelen dasselbe Leben in der Hand halten, wenn die Reise losgeht. Dieser Mensch hält der Belastung natürlich nicht stand und dreht durch. Oder eine Seele hält in jeder Hand ein anderes Leben.

Diesen Seelenwühltisch, den finde ich ja Klasse!

Er musste ganz nach unten gehen, bis zur tiefsten Stelle seines Leidens. Zum Kern der Wahrheit.

Bruhaha. Nee, solche Sätzen machen mehr kaputt, als gut.

Ihre Schwäche für ihn wurde aber auf eine schwere Probe gestellt, als folgendes geschah: Er redete in einer fremden Sprache!

Und manchmal erinnert Dein Erzähler an so Märchenstimmen.

Sie musterte ihn so aufmerksam wie eine ihrer Proben im Labor.

Soll bestimmt nicht komisch wirken, aber hier ich musste lachen.

„Nein!“, rief sie, „Wenn du mir jetzt sagen willst, wir sollen eine Nummer in Neuseeland anrufen, nur weil du sie im Traum gesehen hast, mach ich nicht mit.“
Damit hatte er nicht gerechnet: „Warum denn bitteschön nicht?! Wir haben doch schon Geld für jeden möglichen Blödsinn zum Fenster hinausgeworfen, Hauptsache es war unangenehm für mich und demütigend. Aber jetzt gibt es eine echte Chance.“
„Weil die Kinder auch mal schöne Sachen haben wollen. Weil ich nicht schon wieder das Konto überziehen will. Aber solche Kleinigkeiten sind dir ja egal. Du denkst echt immer nur an dich.“

Ach komm. Sie ist doch sicher auch daran interessiert, dass es ihrem Mann besser geht. Und ein Anruf in Neuseeland ist jetzt nicht gerade ein Kleinwagen. Also, ich habe diese Frau und die Diskussion nicht verstanden. Eher könnte sie ihn jetzt für übergeschnappt halten, und er muss ihr seine Träume erzählen. Was er sieht, wie er zu der Telefonnummer gekommen ist, das fände ich als Leser auch spannender.

So kam es, dass die beiden Männer, die einander schon aus ihren Träumen kannten, einander auch im Wachzustand kennenlernten.

Wieder diese Märchenstimme. Und irgendwie hätte ich mir gewünscht, Du hättest mehr betont, dass die beiden Männer sich da nur in ihren Träumen begegnen können. Das am Telefon, müssen ja die Mädels, oder Mädel + ein Mann regeln. Einer von beiden schläft ja immer.

So und alles was dann kommt ist - naja, sehr eigen und klingt, als ob Du fertig werden wolltest. Könnte es nicht sein, dass diese Traumbegegnungen etwas mit der Seele anstellen? Das wäre näher am Thema. So wirkt es von außen aufgesetzt. Finde ich. Ich denke, hier verschenkst Du Potential. Ich meine, steht doch unter Seltsam - da hat man doch Rechte als Autor ;).
Aber das Ende, wo die Seele wieder am Wühltisch steht, also diesen einen Satz, den finde ich toll.

Also, bis auf die Abstriche, die ich halt so empfinde, eine feine Geschichte, die ich gern gelesen habe.
Danke sagt Fliege

 

Die Seelen suchen sich … vor dem Eintritt in diese Welt je ein Leben aus. Dabei kommt es zu einer dem Schlussverkauf ähnlichen Veranstaltung mit riesigen Wühltischen und Seelen, die sich wie Hausfrauen um die besten Teile streiten [,dass] es schon mal [passiert], dass zwei Seelen dasselbe Leben in der Hand halten, wenn die Reise losgeht …
umschreibt eine wundervolle Geschichte,

lieber Berg,

deren zwei Erzählstränge über buchstäbliche Antipoden zusammenfinden und es wird m. E. eine Deiner besten Geschichten, die ich kenne.

Dennoch ein wenig für die Kleinkrämerseele:

Im flackernden Licht der Plasmafernseher, saßen zwei …
Komma ist entbehrlich …

… interessierte sie nicht im geringsten.
Substantiviertes „gering“: in + dem Geringsten.

Craig behauptete nämlich steif und fest, dass der Produzent ihn gezwungen hatte, eine besonders misslungene Seite aufzuessen
Besser Konjunktiv: … gezwungen hätte,
„… Jetzt denkst du sicher, ich bin ein schlimmes Mädchen.“
Ja, ich weiß, so wird gesprochen. Aber sind wir Naturalisten? Die Geschichte spricht dagegen! Nicht mal Realisten!
Wenigstens Konj. I … ich sei ein …
Das Zähneputzen schaffte er 90 Sekunden.
Fehlt da nicht was?

Ende der Siebziger Jahre hatten …
Ende der siebziger Jahre … oder … Siebzigerjahre …

: „Gleich werden wir sehenKOMMA was Sie sehen, Herr Baumann.“

„Wie geht’s dir, Junge?“KOMMA fragte der rotgesichtige Produzent, …

Hätte Word sich nicht gekringelt, ich wär drüber weg:
Zeitungsauschnitt
Gönn dem Wort noch’n s.

„Die Wahrheit“, murmelte er, „Mein ganzes Leben lang warte ich darauf …
Nach dem er ein Punkt oder ein kleines mein…

Werner brauch in albernes Gelächter aus.
Ich sag ma’ nix …

Er redete in einer fremden Sprache!
„Guten Abend de Madeln und serwas de Buam!“, rief er.
Fassungslos betrachtete Anna seinen Mund, der auf wienerisch die Inneneinrichtung des Schlafzimmers lobte: „Oh, my poor baby!“ –
Was für heute ein wundersamer teutscher Schluss wäre …

Feine Sache findet der

Friedel

Vergnügt gelesen vom

Friedel

 

Hallo Fliege & Friedel,

erst mal vielen Dank für Eure aufschlussreichen Kommentare! An der Geschichte ist noch einiges zu tun und ich bin gerade dabei, den Beginn und das Ende umzuschreiben - als ersten Umbau von vielen. ;) Wenn das passiert ist, werde ich mich sofort mit Euren Eindrücken auseinandersetzen. *promise* Besonders die Anmerkungen zur Erzählerstimme fand ich hilfreich.

Meinen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle Quinn aussprechen, der nicht nur eine Vorab-Version gelesen, sondern im Chat großartiges Feedback zur ersten geposteten Version gegeben hat!

Einstweilen freundliche Grüße,

Berg

 

Hallo Berg,

der Text hat mir sehr gut gefallen. Er hat zwei Schwachstellen, beide sind an den ungünstigsten Stellen postiert, an denen sie postiert sein könnten. Am Anfang und am Ende.

Im dritten und vierten Absatz, wenn die Studentin auftaucht, wird der Satzbau mechanisch und monoton. Fliege hat dir schön gesagt, ab wann die Geschichte für sie losgeht. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, die Geschichte tatsächlich irgendwo im 6./7. Absatz beginnen zu lassen und den Leser in die Handlung "reinzuwerfen."

Dann im Mittelteil ist die Geschichte wunderbar. Du schaffst es, einen temporeichen, ein wenig kargen Stil zu schreiben. Einen uneitlen, wenn man so will. Du erzählst die Geschichte geradlinieg und lässt sie für sich sprechen. BEsonders gut ist die Geschichte immer, wenn die Figuren zu Wort kommen. Am besten hat mir die mit dem indischen Guru gefallen, und wie auf ihn reagiert wird.
In diesem kargen, eiligen Tonfall, der sich nur um das Erzählen kümmert, könnte man völligen Unsinn und die abstrusesten Szenarien beschreiben, der Leser käme gar nicht dazu, sich zu fragen, ob das denn logisch sei, weil die Stimme so sonor klingt.
Wenn ein Nachrichtensprecher im Fernsehen mit todernster Mine und im Anzug irgendwelchen Mist erzählt, nimmt man das auch für bare Münze, diesen Effekt erreicht die Erzählstimme deines Textes. Ist wirklich groß, dass man sich nicht lange fragt, was das eigentlich für ein Gerät ist, dass "Traumbilder" sichtbar macht, sondern schmunzelt und weiterliest, weil man wissen möchte, wie es ausgeht.

Die zweite große Stärke der Geschichte ist die Struktur, das sind zwei Fäden, die einander stützen und verstärken. Die Wechselwirkung fand ich da gut, in den kurzen Absätzen, wenn in einem Strang etwas passiert, gehst du nicht etwa in den anderen Strang und drehst die Zeit zurück und lässt dann erst mit Zeitverzögerung etwas geschehen, sondern du wechselst nur den Ort, lässt die Zeit aber weiterlaufen. Was in Strang 1 passiert, erfolgt unverzüglich auch in Strang 2.
Dadurch wirkt die Geschichte sehr wie aus einem Guss, und es fühlt sich nie - wie es manchmal ist - so an, als erzähle ein Autor 2 Geschichten zufällig im selben Text, die dann irgendwann zu einer werden, sondern es ist von Anfang an, eine Geschichte.

Ja, das Ende - ich muss heute wenig sagen ,weil Fliege das alles schon gemacht hat. Das Ende ist wirklich ein dicker Minuspunkt für die Geschichte. Ich würde mich freuen, wenn du den Anfang verändern könntest, damit mehr Leser die Geschichte für sich entdecken, und das Ende, damit die Leer wirklich mit einem zufriedenen Schmatzen, die Lektüre beenden können. Weil das wirklich ein handlungsstarker, unterhaltsamer Text ist, ganz ohne Eitelkeit geschrieben, der mir sehr gut gefällt.

Gruß
Quinn

 

Hello again,

soeben habe ich den Anfang und das Ende überarbeitet - und damit den ersten Teil der Generalsanierung abgeschlossen.

@Fliege: Vielen Dank für die vielen Verweise auf einzelne Stellen und die Anmerkungen, wie diese Stellen auf dich gewirkt haben. Die Angst-Szene am Anfang, in der Craig und Anna einander im Dockside-Restaurant gegenübersitzen, Craig auf die Uhr schaut und Panik bekommt, da muss ich nochmal drüber.

Die zweite Stelle, die ich mir nochmal vornehmen muss, wird schwieriger: Sandras Reaktion, wenn es endlich möglich wird, Kontakt aufzunehmen. Dein Vorschlag, Werner erzählen zu lassen, was er sieht, ist reizvoll: eine Variation derselben Hälfte der Realität.
Sicher hast du gemerkt, dass Sandra als Figur noch nicht richtig rund ist. Ich hatte an den Typ Frau gedacht, der gern in einem beschaulich-berechenbaren Unglück lebt.

@Friedrichard: Danke fürs Mögen und die Verweise auf sprachliche Schludrigkeiten! Speziell die Konjunktive möchte ich mir (irgendwann) soweit aneignen, dass ich sie zumindest nicht mehr übersehe. In der direkten Rede wirken sie allerdings unnatürlich.

@Quinn: Du hast die Fähigkeit, Strukturen bewusst zu analysieren und die Wirkung eines Textes mit einer rationalen Analyse zu verknüpfen. Das macht deine Kommentare sehr hilfreich! Vielen Dank für die erneute Erläuterung, die etwas ausführlicher war, als die Punkte, die du mir im Chat schon mitgeteilt hattest.

Freundliche Grüße,

Berg

 

Hallo Berg,

ich bin beeindruckt!

Diese Geschichte ist wunderbar aufgebaut. Sie ist außerdem spannend, frisch und gut überlegt. Da ist wirklich die Story selbst das Geniale, nicht die Sprache oder die Bilder. Zudem finde ich es wirklich richtig, dass du ihr die Länge gegeben hast, die sie benötigt, um alles plausibel zu erzählen. Klar könntest du einzelne Formulierungen besser hinkriegen, aber bei einer derart guten und langen Geschichte, sieht man gerne über kleinere Schwächen hinweg.

Danke für ein außergewöhnliches Lesevergügen

Gruß

herrlollek

 

Hallo herrlollek,

danke dir fürs Lesen und Toll-finden! Bei so langen Geschichten ist der Aufwand beim Polieren am Formalen entsprechend größer und ab einer gewissen Seitenzahl habe ich das Gefühl, sie sind nie fertig und komplett.

Freundliche Grüße,

Berg

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Berg,

„Wenn es da noch ein Menschen gibt, der meine Seele teilt, wo ist der?“

Die Idee als solches finde ich cool. Eine Seele, zwei Körper gleichzeitig.
Wüsste auf Anhieb auch nicht, sowas schon mal gehört zu haben.
Woher kommt die Idee? Gibt es ein Vorbild? Na, ja.

Aus meiner Sicht zieht sich die Geschichte ganz schön hin, bis zu dem Moment, an dem Werner Baumann das erste Mal erwähnt wird.

Hätte ich mir nicht vorgenommen, dir eine kleine Kritik zu schreiben, hätte ich die Geschichte wahrscheinlich weg gelegt und so natürlich nicht von der coolen Idee erfahren.

Gruss Hanqw

 

Hallo Berg,

tolle Geschichte! Irgendwo in der Mitte wurde der Lesefluss für mich etwas langsamer und ich musste mich ein wenig überwinden die nächsten Sätze nicht zu überfliegen, aber ich war schnell wieder drinnen und froh darüber.

Wie Werner mit seinen Kindern umgeht finde ich persönlich ein wenig komisch, aber ich weiß natürlich nicht wie jemand wird, wenn er seine Seele teilen muss haha.

Sehr gerne gelesen! Geile Idee und toller Stil!

Danke
elisabeth

 

Hallo Hanqw und elisabeth,

danke fürs Lesen und Mögen!

Hanqw schrieb:
Woher kommt die Idee? Gibt es ein Vorbild?
Die Idee ist sehr alt (fast zehn Jahre) und das Ergebnis eines Gedankenspiels: Was wäre, wenn Träume real wären? Einer der Auslöser war ein Mad-Cartoon, in dem eine Gedankenblase von einem schlafenden Jungen zu einem schlafenden Monster zeigt. Dann verschwindet der Junge und das Monster reibt sich die Augen und sagt: "Was für ein Alptraum!"

elisabeth schrieb:
Wie Werner mit seinen Kindern umgeht finde ich persönlich ein wenig komisch, aber ich weiß natürlich nicht wie jemand wird, wenn er seine Seele teilen muss haha.
Vielleicht hat sich meine Abneigung gegen die Kinder meines Ex-Mitbewohners beim Schreiben auf Werners Kinder übertragen. ;)

Der Anfang ist immer noch nicht so gut, wie er sein könnte. Vielleicht fällt mir da ja noch etwas ein.

Freundliche Grüße,

Berg

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Berg!

Hat mir auch gut gefallen. Das ist wirklich eine sehr gute Idee. Hatte gegen Ende ein wenig das Gefühl, das da noch mehr drin gewesen wäre ... also ich weiß nicht, ob es einen Hollywoodfilm mit dieser Idee gibt, aber das könnte es echt geben. Ich sehe grad Jude Law als eleganter Engländer und Depp als verpeilter Ami in den Hauptrollen... das Ganze dann so romatic-comedy mäßig aufgezogen. Also das wird es früher oder später echt geben, die Idee müsstest du patentieren ...
Also ich fand das schon unterhaltsam, hast mich häufig zum Schmunzeln gebracht, und man hat weiter lesen wollen. Die Emails zum Schluß, dieses schnelle Anziehen, viele gute Sachen.

Als er in ihr war und sie sich an ihn drängte, feucht und kühl, fühlte es sich an, als würde man in das Epizentrum eines Erdbebens vordringen, wo die Feuchtigkeit die Übergänge zwischen Körpern auflöste und zu etwas Gallertartigem vereinigte.

Da weiß ich nicht, was ich davon halten soll ... Ich meine, mal angenommen man würde das hier bringen:

Schatz, wenn wir uns lieben, ist es so, als würde ich in das Epizentrum eines Erdbebens vordringen ... die Feuchtigkeit löst die Übergänge zwischen uns auf und vereint uns zu etwas Gallertartigem.

Also ich hab das schon gern gelesen, weiß nur nicht, ob das so wirkt, wie du das gern hättest. :)

Und warum kühl? Ist mal weiß anderes als heiß, klar ... aber feucht und kühl? Das stehe ich draußen im Regen und bin nicht dort, wo ich sein will.

Werner verließ die Wohnung mit dem Vorsatz, die Rechnung nicht zu bezahlen, falls diese Interpretation seines Zustands durch einen weiteren Experten schon wieder nicht stimmte. In seiner Küche lehnte Maharashtra sich zurück und seufzte. Manche Klienten schickten ihm Dankesbriefe oder eine Flasche Wein. Aber nie kam einer auf die Idee, ihm eine größere Wohnung zu vermieten, in der ein Geschirrspüler Platz hatte.

Wenn ich Quinns Erläuterungen in dem Präsesn oder Präteritum Thread richtig verstanden habe, ist diese Erzählstimme auktorial, also nicht personal. Das finde ich interessant, weil wenn ich in der 3. Person schreibe, dann mache ich so was nie. Vor allem wie du da zwischen zwei Charakteren hin und her springst im selben Absatz. Zuerst sind wir ja in Werners kopf und dann gleich wieder in dem von der Maharashtra. Ich weiß jetzt auch nicht, ob ich das mag, aber gut, richtig gestört hats mich auch nicht.


Sehr gern gelesen.


MfG,

JuJu

 

Hallo Juju,

vielen Dank für die Blumen! Bei einem so langen Text gibt es viele Stellen, an denen man noch feilen könnte. Irgendwann werde ich das tatsächlich tun.
Du hast diese Sex-Szene herausgegriffen. Die wollte ich eben nicht klischeehaft schreiben. ;)

Sehr interessant fand ich deine Analyse der Zeitformen in der Szene nach der Konsultation des indischen Gurus, bezogen auf die Lehren des großen Quinn:

Wenn ich Quinns Erläuterungen in dem Präsens oder Präteritum Thread richtig verstanden habe, ist diese Erzählstimme auktorial, also nicht personal. Das finde ich interessant, weil wenn ich in der 3. Person schreibe, dann mache ich so was nie. Vor allem wie du da zwischen zwei Charakteren hin und her springst im selben Absatz. Zuerst sind wir ja in Werners Kopf und dann gleich wieder in dem von der Maharashtra. Ich weiß jetzt auch nicht, ob ich das mag, aber gut, richtig gestört hats mich auch nicht.
Ich bin bei solchen Konventionen der Meinung, alle formalen Aspekte einer Geschichte dienen nur dazu, dem Leser ein Bild von der Handlung zu vermitteln. Zeitform und Perspektive sind dabei sekundär.

Freundliche Grüße,

Berg

 

Als ich gestern anfing, diese Geschichte zu lesen, schlief ich ein. Es war nur ein Sekundenschlaf, wahrscheinlich verursacht durch zu frühes Aufstehen am Morgen: 2 Stunden früher als gewöhnlich. Aber dass das gerade beim Lesen dieser Geschichte geschah, gab mir doch zu denken.

Heute war von der Müdigkeit keine Spur mehr: Ich habe die Geschichte in einem Rutsch durchgelesen. Und musste mehr als einmal schmunzeln. Weil da einer – oder waren es zwei? – versucht, die alltäglichen Probleme mit großem Ganzen zu verbinden. Genau beim Rasieren sein, aber beim Universum im Ungefähren bleiben. Ernstes, Skurriles und Banales bunt gemischt, aber immer politisch korrekt. Selbst „Scheiße“ spricht der Prot nicht vollständig aus, obwohl er allein ist.

Und dann das übliche Geschimpfe: Auf die Gigantomanie beim Krankenhausbau, mit der Ehe steht es nicht zum Besten und selbst der Hinweis auf die Gefährlichkeit des Nikotins durfte nicht fehlen, was heutzutage gleich mit dem Gedanken an Scheidung verbunden ist. Man sieht Dinge, die schon immer da waren, plötzlich mit anderen Augen. Meine Frau raucht – wie konnte ich sie bloß heiraten? Ja, so fängt die Absetzbewegung an, da hilft kein Guru und kein Doppelgänger in fernen Neuseeland.

Aber okay, Prots dürfen alles. Vor allem, wenn sie etwas neben sich stehen, wie dieser. Und die Nebenfiguren dürfen anscheinend auch alles. Selbst so Unsinniges wie Telefonkosten nach Neuzeeland mit Kontoüberziehung in Beziehung setzen, obwohl diese Kosten in heutiger Zeit – und es ist die heutige Zeit! – bei 2 Cent pro Minute liegen.

Die Geschichte liest sich wie eine Homage an Jenseits. Das heißt an etwas, von dem wir nichts wissen, aber in ihm alles vermuten. Jenseits als Behelf im alltäglichen Jetzt. Es erklärt uns das Unerklärliche. Wenn nicht hier, dann am anderen Ende der Welt.

Gut, man kann sagen, ich habe mich nicht auf die Geschichte eingelassen. Trotzdem stelle ich die Frage: Wozu das alles?

 

Hallo Dion,

von allen Ideen für Geschichten, die ich im Laufe der letzten sieben Jahre hatte, ist die, die dieser Geschichte zugrunde liegt, vermutlich die beste. Deshalb habe ich sofort diesen Text genannt, als du gefragt hast, ob es einen Text gibt, zu dem ich mir mehr Rückmeldungen gewünscht hätte.
Außer einem Plot, der tatsächlich neu ist, enthält diese Geschichte eine Reihe von Gedanken über die größeren Zusammenhänge im Universum, über unseren Umgang mit Problemen und die Tyrannei der sogenannten Normalität.

Gut, man kann sagen, ich habe mich nicht auf die Geschichte eingelassen. Trotzdem stelle ich die Frage: Wozu das alles?
Gegenfrage: Wenn dir die Geschichte nichts sagt, wozu hast du sie dann gelesen? Mein erster Gedanke war natürlich: Um mir eine Freude zu machen. Die zweite Idee: Um dir selbst das Gefühl zu geben, dich mit einer anderen Sichtweise der Welt und einem anderen Literaturverständnis auseinanderzusetzen. Das würde allerdings Unvoreingenommenheit und eine gewisse Offenheit voraussetzen.

Freundliche Grüße,

Berg

 

Außer einem Plot, der tatsächlich neu ist, enthält diese Geschichte eine Reihe von Gedanken über die größeren Zusammenhänge im Universum, über unseren Umgang mit Problemen und die Tyrannei der sogenannten Normalität.
Tyrannei der sogenannten Normalität? Ich würde das eher die Tyrannei der Realität nennen. Die Bibliotheken sind voll von Büchern, die die Flüchte daraus beschreiben, und dieser Text ist nur einer mehr in dieser langen Reihe. Ich jedenfalls kann nichts Neues daran entdecken.

Gegenfrage: Wenn dir die Geschichte nichts sagt, wozu hast du sie dann gelesen?
Eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, deutet auf Sprach- oder Argumentlosigkeit. Meine Motivation kennst du zudem sehr gut: Ich habe am Donnerstagabend festgestellt, dass es in 2 Tagen nur 21 neue Einträge bei kg.de gab. Das ist sehr wenig und da dachte ich, ich bedauere das nicht nur, ich tu auch was dagegen. Und weil du zu dem Punkt der einzige im Chat warst, habe ich zugesagt, diese Geschichte von dir zu lesen und einen Kommentar dazu zu schreiben.

Normalerweise schreibe ich zu Geschichten, die mir nicht zusagen, keine Kommentare mehr. Aber nun habe ich’s versprochen – et voila. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

 

Hi Berg!

Ich fang mal mit der Lobhudelei an, ich finde die Idee gut und die Geschichte liest sich flüssig. Außerdem ist das schön gemacht mit den zwei Erzählsträngen, sowas klappt in kurzen Geschichten ja eher selten. Bzw, man findet das nicht so oft. Das ist handwerklich gleich viel ambitionierter :)

Wahrscheinlich wirst du an einem älteren Text nicht mehr viel arbeiten, ich hab trotzdem mal mitgeschrieben, was mir beim Lesen aufgefallen ist (eine Meckerliste habe ich nämlich auch) :

Helen ließ ihr Glas fallen und prustete ungefähr die Hälfte ihres Getränks über den Tisch. Er behauptete nämlich, dass der Produzent ihn gezwungen hätte, eine besonders misslungene Seite aufzuessen!
Das fand ich ein wenig albern. ;) Sehr überzeichnet, dazu kommt später noch was.

Helens Lachanfall war so ungeheuer, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie musste sich an der Tischkante festhalten, zwang sich, tief durchzuatmen. Es dauerte eine Weile, bis sie es wagen konnte, die Augen wieder aufzumachen, nur um zu entdecken, dass Anna (die sich zum zweiten Mal an diesem Tag Warum nicht? gedacht hatte) und der verrückte Kerl nicht mehr am Tisch saßen.
*
Ihre Sandalen schlappten über den Asphalt, als sie zur Oriental Bay hinunter gingen.
Das fand ich interessant. Es hat mich überrascht, dass es nach dem Absatz mit der Story von Anna und Craig weiterging, als Leser war ich drauf getrimmt, jetzt Helen weiter zu verfolgen.

Sie sagte: „Es war nicht okay von uns, die arme Helen ganz alleine zu lassen. Jetzt denkst du sicher, ich bin ein schlimmes Mädchen.“
Buha. Der Satz direkt aus einem Sex-Rollenspiel, „ich war ein schlimmes Mädchen“. Da hab ich echt lachen müssen, aber ehrlich gesagt hatte ich den Eindruck, das war nicht so beabsichtigt. Das Schlüpfrige, Überzeichnete hier passt vom Ton nicht an der Stelle.

In diesem Moment erwachte ihr Forscherinstinkt. Jagte ihn die Mafia, war er ein Geheimagent, oder nicht ganz richtig im Kopf, oder was? Sie würde ihn verfolgen und es herausfinden! Und überhaupt: Konnte sie nicht einmal an einen normalen Mann geraten?
Nein, Frauen, die potentiell gefährlichen/verrückten/verfolgten Männern hinterherlaufen, die geraten nicht an normale Männer. :D

So saß er acht Stunden am Tag zwischen Gummibäumen und Dilbert-Cartoons und löste technische Probleme.
Den Satz liebe ich!

Primarius Dr. Powolny (der bekannte Schlaf-Forscher) erwartete ihn schon.
Raus mit dieser Klammer! Erstens erscheint es hier äußerst … unelegant. Zweitens wird der Leser schon ahnen, dass Powolny kein Gynäkologe ist.

Werner erinnerte sich an das erste Treffen mit ihm. Er hatte ihn ziemlich unverblümt gefragt, was ihm denn fehlte.
Wozu das ziemlich unverblümt? Was erwartet Werner? Das Ärzte die Frage „was fehlt Ihnen denn“ irgendwie zartfühlend umschreiben?

Die Schauspieler waren sich einig, dass Sally George lieber mochte und sie sich in der nächsten Staffel endlich bekommen sollten. Nur Johnny McKay, der affektierte Typ, der den Bob spielte, war anderer Meinung. Er wollte vermutlich vor der Kamera mit der berühmten australischen Darstellerin der Sally herumknutschen.
(„Johnny McKay? Steht der nicht auf Männer?“)
Solche Spielereien mit der Perspektive fallen sehr auf. Weiter oben, den Schwenk von Helen zu Anna und Craig, da fand ich das gut und ungewöhnlich. Hier werde ich nicht warm damit, es wirft mich bisschen aus dem Text, dass es hier einen allwissenden Erzähler gibt plötzlich (und wer stellt die Frage in der Klammer?). Mir persönlich gefällt es bei diesen mehrsträngigen Geschichten immer am besten, wenn man personale Erzähler hat, halt in jedem Strang einen bestimmten.
Sonst wirkt es schnell überladen, finde ich.
Hier wechselst du die Perspektive häufig (mal aus Craigs Sicht, mal aus Werners, mal aus Helens, mal allwissender „irgendwer“ …) – alles noch ok, aber ich frage mich, warum das für diese Geschichte nötig ist?

Als er in ihr war und sie sich an ihn drängte, feucht und kühl, fühlte es sich an, als würde man in das Epizentrum eines Erdbebens vordringen, wo die Feuchtigkeit die Übergänge zwischen Körpern auflöste und zu etwas Gallertartigem vereinigte.
Was fällt dir ein! Gallert quillt aus geschlachteten Aliens, Gallert will vom Ozean aus die Weltherrschaft übernehmen, aber Gallert ist doch nicht Sex! :D :D

Unbeeindruckt und im singenden Tonfall der Inder fragte Maharashtra: „Sie wissen doch ungefähr, was die Seele ist?“
Werners Gedächtnis lieferte eine schnelle Zusammenfassung.
Hä? Da bin ich echt gestolpert. Sie wissen doch ungefähr, was der Tod ist? Und der Sinn des Lebens? … Und Werners Gedächtnis liefert mal eben eine schnelle Zusammenfassung …

Werner verließ die Wohnung mit dem Vorsatz, die Rechnung nicht zu bezahlen, falls diese Interpretation seines Zustands durch einen weiteren Experten schon wieder nicht stimmte.
Ähm, solche Wahrsager arbeiten auf Rechnung??

Er fühlte sich wie eine Figur in der Geschichte eines drittklassigen Autors, dem es Spaß macht, ihn zu quälen. Er fand es nicht lustig!
Aua, den fand ich auch nicht lustig. Diesen Gag hab ich gefühlte hundertmal in Geschichten gelesen, wenn das jetzt eine Geschichte wäre, aber nein, ist es ja nicht, das ist das wahre Leben …

Etwas schockierte sie und alle drei redeten durcheinander und heulten und er verstand ungefähr, dass die Kinder vorgehabt hatten, das Auto anzuzünden...
„Würdet ihr alle mal einen Moment lang die Klappe halten?“, schrie er.
„Ich bin es hier nämlich, dem es scheiße geht! Ich, ich, ich!“
Jedesmal schlug er mit den Handflächen auf die Motorhaube und endlich fing auch er an zu heulen. Das hier konnte doch kein Mensch ertragen!
Das kam jetzt aus heiterem Himmel … zerrüttete Familie? Gestörte Kinder? Du verwendest ja wenig Zeit auf den Hintergrund (was okay ist). Aber wenn dann was kommt, muss das gleich sowas Außergewöhnliches, Lautes sein? Werners Leid hätte man vielleicht geschickter zeigen können, wenn er in einer alltäglichen Situation überfordert ist und die Kinder anbrüllt …

Ihre Schwäche für ihn wurde aber auf eine schwere Probe gestellt, als folgendes geschah: Er redete in einer fremden Sprache!
„Guten Abend de Madeln und serwas de Buam!“, rief er.
Fassungslos betrachtete Anna seinen Mund, der auf wienerisch die Inneneinrichtung des Schlafzimmers lobte: „Oh, my poor baby!“
Mit unendlicher Zärtlichkeit umarmte sie ihn, legte ihr Kinn auf seine Schulter. Etwas Fremdes war dabei, die Kontrolle zu übernehmen.
Da hab ich wieder gelacht. Mir ist allerdings nicht klar, ob von Autorenseite wirklich gewollt ist, dass ich mich so über die Figuren lustig mache. Die letzten zwei Sätze lassen mich befürchten, dass ich die Figuren in ihrem Leid ernst nehmen soll an dieser Stelle ... also, hm, ich bin mir uneins.

Sie musterte ihn so aufmerksam wie eine ihrer Proben im Labor. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, das Problem damit in Verbindung zu bringen, dass er deutsche Aufdrucke auf Produkten im Supermarkt lesen konnte.
Die Sätze knirschen gegeneinander. Ist da eine logische Verknüpfung zwischen den beiden?

Annas Miene hellte sich auf. Sie hatte eine Idee!
Das find ich sehr Comic-mäßig und unbeholfen. „Vicky rieb sich die Nase. Er hatte eine Idee!“

„Du weißt ja, dass dieser Maharashtra mir Ratschläge gegeben hat. Er behauptet, meine Seele lebt gleichzeitig in zwei Menschen und das ist die Ursache meines Problems.“
Sie sagte: „Das ist mir zu hoch. Es klingt nach einer Metapher.“
Da musste ich wieder lachen. Hätte sie nicht lieber sagen können „das klingt nach Blödsinn“?

„Nein!“, rief sie, „Wenn du mir jetzt sagen willst, wir sollen eine Nummer in Neuseeland anrufen, nur weil du sie im Traum gesehen hast, mach ich nicht mit.“
Damit hatte er nicht gerechnet: „Warum denn bitteschön nicht?! Wir haben doch schon Geld für jeden möglichen Blödsinn zum Fenster hinausgeworfen, Hauptsache es war unangenehm für mich und demütigend. Aber jetzt gibt es eine echte Chance.“
„Weil die Kinder auch mal schöne Sachen haben wollen. Weil ich nicht schon wieder das Konto überziehen will. Aber solche Kleinigkeiten sind dir ja egal. Du denkst echt immer nur an dich.“
Da war ich echt verblüfft. Wie teuer ist ein Telefonat nach Neuseeland? Die Geschichte spielt doch im Heute, Two and a half men und so. Ich war verunsichert und hab nachgesehen, per skype oder mit geeigneter Festnetz-Vorwahl kostet das 1- 2 Cent die Minute … also, die Denke „ein Ferngespräch ist teuer“, das ist doch echt ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Zehn Minuten später saßen Werner und Sandra einander gegenüber wie zwei Boxer nach dem Kampf. Er umarmte sie, legte den Ellenbogen um ihren Hals.
Das Bild hängt schief. Zwei Boxer nach dem Kampf umarmen sich nicht zärtlich (sowas stellst du dir hier aber vor, oder?). Wenn er einen Ellbogen um ihren Hals legt, klingt das in Verbindung mit dem Boxerbild nach Schwitzkasten und bedrohlich/gewalttätig. So ist die Szene nicht gemeint. Ach ja, und man kann doch nicht den Ellbogen um einen Hals legen, höchstens einen Arm.

Kein Mensch wird uns das glauben! Nicht einmal Sandra, obwohl sie selbst mit dir und Anna gesprochen hat.
Ist Sandra zurückgeblieben?

„Oh, das ist ein hübsches Haus!“, rief Sandra, die mit dem praktischen Sinn der Frauen an Reisen nach Neuseeland mit kostenloser Unterbringung dachte.
Spätestens hier machst du Sandra zur Karikatur.

Also so überzeichnete Figuren, das kann man natürlich machen. Es ist nicht konsequent in diesem Text, das hat mich an mehreren Stellen überlegen lassen „war hier Mitfühlen beabsichtigt oder sollte ich mich lustig machen?“

Ich hatte meinen Spaß beim Lesen, auch wenn ich das Gefühl bekam, ich amüsiere mich auf Kosten von Figuren, die stellenweise viel ernster gemeint waren, als ich sie nehmen konnte.
Und abgesehen von Dilbert und den Gummibäumen fand ich am Anfang den hier echt gut:

um zu entdecken, dass Anna (die sich zum zweiten Mal an diesem Tag Warum nicht? gedacht hatte) und der verrückte Kerl nicht mehr am Tisch saßen.

 

Hallo Berg,

ich bin noch nicht durch, aber:

-alle Stellen, die Rückblenden mit dem Wort "nämlich" einleiten, sind sehr unschön.

-das plötzliche Loslachen als dramatischen Wechsel zu nutzen ist gut, aber dann wieder zurückzukriechen, weil man die Hälfte vergessen hat, ist nicht so gut.

-dass Helen plötzlich allein dasitzt, ohne mitzubekommen, dass sich vielleicht schulterzuckend ihre Freundin entfernt, ist sehr schlecht nachzuempfinden. Wie habe ich mir so ein Lachen vorzustellen? Keine Ahnung.

-schlappende Sandalenen hinter der Beschreibung der Landschaft, damit man nicht die ganze Zeit denkt, es wäre helen, sondern einen halbwegs glatten Bruch kriegt.

-uhaaa: schlimme Mädchen? Lass sie doch anders ihr schlechtes Gewissen ausleben, Blicke zurück, heimliches Formulieren von Sätzen, die ihm erklären sollen, wie unschön das eigentlich sei und sie aber dann zum Schluss kommt, dass sie es ihm nicht sagen will, weil sie es soooo unschön gar nicht findet. Was weiß ich... . Auf jeden Fall mehr Innerlichkeit, das ist eine wichtige Szene, die erklären kann, was zwischen den Beiden läuft.

- wie jetzt craig muss auch los? Viel schnelle Aufbrüche hintereinander.
Wozu? Weil du gerade nicht weiterweißt und einen schnellen Bruch brauchst, um dir wieder ein neues Spielfeld aufzubauen?
Ah, damit sie ihn stalken kann, der bislang so wenig besprochen wurde, dass ich ihr nicht folgen will. Es fehlen Beschreibungen über ihn, warum sie das tun sollte, wie er das in ihr auslöst. ich verstehe nicht, warum er nicht normal sein sollte, es ist nirgends wirklich gezeigt worden.

-so, jetzt also Werner, wo ich doch immer noch nichts habe, um Craig interessant zu finden, soll ich Werner interessant finden... schaff ich nicht.

Hab den Rest vorerst nur überflogen und fand dann, dass sich schon was entwickelt, zwar eine von den Geschichten in denen UNGLAUBLICHES passiert, damit es spannend ist, aber gut, immerhin.

Aber wenn am Anfang schon so viel im Argen ist, fällt es schwer weiterzulesen.

Liebe Grüße, ich hoffe es hilft zum Überarbeiten.

 

Hallo Möchtegern & Simone,

vielen Dank für das Ausgraben dieser Geschichte, die mir besonders am Herzen liegt, wenn sie auch noch Schwächen hat. Euer Feedback, besonders bezogen auf die schnellen Wechsel der Perspektive, ist sehr hilfreich. Wir war nicht bewusst, wie irritierend das auf manche Leser wirkt.

@Möchtegern:

Wahrscheinlich wirst du an einem älteren Text nicht mehr viel arbeiten, ich hab trotzdem mal mitgeschrieben, was mir beim Lesen aufgefallen ist (eine Meckerliste habe ich nämlich auch) :
Überarbeitet wird, wenn ich dazu inspiriert bin. Sonst würde ich bei diesem Text fürchten, mehr zu vermurksen als zu verbessern.

Besonders die unfreundliche Behandlung von Sandra durch den Autor und einige Stellen mit Klamauk auf Kosten der Figuren sind erste Ansatzpunkte.
Dass Telefongespräche nach Neuseeland so billig sind, habe ich nicht gewusst. Das ist ein sachlicher Fehler.

Ich hatte meinen Spaß beim Lesen, auch wenn ich das Gefühl bekam, ich amüsiere mich auf Kosten von Figuren, die stellenweise viel ernster gemeint waren, als ich sie nehmen konnte.
So ernst waren die Figuren nicht gemeint. Vermutlich sollte ich eher versuchen, glaubhaft zu schildern, wie die Figuren ihr eigenes Schicksal als grausam und unsinnig empfinden. Uns sie dabei ernst nehmen.

@Simone: Aus deinem Kommentar nehme ich vor allem die Kritik an den schnellen Wechseln zwischen den Figuren auf die To-Do-Liste und die Notwendigkeit, die Figuren genauer zu schildern und interessanter zu machen.

Freundliche Grüße,

Berg

 

Hallo Berg

Für diese Idee gibt es von mir die Höchstpunktzahl: Was wäre wenn man die Sache mit den Zwei-Seelen-in-meiner-Brust umdreht.
:)

Allerdings teile ich auch gewisse Aussagen meiner Vorredner(innen), und so bleiben mir nur noch ein paar gedankliche Ergänzungen:

Den Einstieg finde ich im Nachhinein ebenfalls etwas unglücklich, denn Anna wird in der Folge eigentlich zur Nebendarstellerin und die Geschichte gewinnt erst mit Auftauchen von Craig an Fahrt. Mir würde ein Einstieg aus Craigs Sicht besser gefallen, zumal er in der Geschichte nicht unbedingt der Typ ist, der ungefragt mit drei Mojitos zwei Frauen anbaggert. Lass doch die Anna IHN anbaggern. Nur so als Idee.

Seine Stimme ging im erleichterten Geschrei der Rugby-Enthusiasten unter, als sich im Spiel Neuseeland gegen Australien drei All Blacks auf O'Connor warfen, der versuchte, den Vorsprung der Australier zu sichern.
- kann weg, weil ohne Mehrwert, erhöht dafür den Leseschwung.

Werner brauch in albernes Gelächter aus.
- brach

Unbeeindruckt und im singenden Tonfall der Inder fragte Maharashtra:
- "mit singendem Tonfall" reicht, Indien hat der Leser bereits assoziiert.;)

„So wie manchen Frauen in der einen Hand einen roten Schuh ...
- manche Frauen; oder ein roter Schuh

erschien [in 960 mal 720 Pixel] auf dem Schirm.
- ist die Abmessung wichtig?

EPILOG
So lebten sie glücklich, bis ...
... ans Ende ihrer Tage.
Auch wenn Fliege da bereits an anderer Stelle gemeckert hat, das hier klingt mir definitiv zu märchenhaft, fast albern, wertet halt den Hauptteil ab, jedenfalls für mein Empfinden. Und ich sehe, du hast den ganzen Epilog eher humoristisch gehalten, ach was weiss ich, der Epilog ist einfach so - hm - lieblos, und das waren jetzt Eulen nach Rom getragen.

Aber insgesammt war's eben schon cool und deshalb gibts von mir das Prädikat Lesenswert.

Gruss dot

 

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