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Die Zwölf-Stunden-Männer
Stier (21. April bis 20. Mai)
Machen Sie sich auf eine Begegnung gefasst, die ihr Leben verändern könnte.
Mitten in einer Ansammlung betrunkener Rugby-Fans wirkte das Horoskop in der New Herald Tribune wie Hohn, wenn einer dieser Typen an den Tisch kam, um sie anzubraten. Was taten sie überhaupt schon hier? Es war kurz nach 17 Uhr und Anna und Helen hatten einen großen Plasmafernseher vor sich, aber das Spiel interessierte sie nicht.
„Komm doch mit ins Four Kings!“, hatte Helen gesagt, „Das wird sicher lustig.“
Und Anna, mit Kopfschmerzen nach der Abschlussklausur in Anorganischer Chemie, hatte sich gedacht: Warum nicht?
Die Alternative wären ein Eisbeutel, ein Aspirin und ein Abend vor dem Fernseher gewesen.
Sie ging an die Bar, um zwei Mojitos zu bestellen, da bemerkte sie einen Mann, der sein Glas in der Hand hielt und es anschaute wie Hamlet bei dem berühmten Monolog den Totenschädel. Er sah so missmutig und angeekelt drein, dass sie lachen musste.
"Was ist so witzig?"
„Tut mir leid. Du siehst so traurig aus.“
"Und deshalb musst du lachen?"
"Eigentlich nicht...", sagte sie.
Seine Augen weiteten sich vor Empörung.
"Naja, eigentlich schon. Möchtest du dich an unseren Tisch setzen?"
Mit ihm am Tisch würde es sich das nächste verschwitzten Rugby-Arschloch vielleicht zweimal überlegen, sie zu belästigen. Er hatte etwas Verwegenes an sich.
Der Mann nahm tatsächlich sein Glas und schlurfte hinter ihr her zu Helen. Wider Erwarten war er ein guter Unterhalter. Er erzählte, dass er beim Film arbeitete und sein Produzent ihn auf jede nur erdenkliche Weise misshandelte. Anna glaubte ihm natürlich kein Wort. Er hieß Craig. Seine Stimme ging im erleichterten Geschrei der Rugby-Enthusiasten unter, als sich im Spiel Neuseeland gegen Australien drei All Blacks auf O'Connor warfen.
„Hier hat er mich erwischt“, sagte Craig, zog das Poloshirt hoch, deutete mit dem Finger auf einen purpurfarbenen Bluterguss.
Steif und fest behauptete er, dass der Produzent ihn gezwungen hätte, eine besonders misslungene Seite aufzuessen! Anna musste lachen.
Auch Helen lachte. Ihr Lachanfall war so ungeheuer, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie hielt sich an der Tischkante fest, zwang sich, tief durchzuatmen. Es dauerte eine Weile, bis sie es wagen konnte, die Augen wieder aufzumachen, nur um zu entdecken, dass Anna und Craig (die sich beide gleichzeitg Warum nicht? gedacht hatten) nicht mehr am Tisch saßen.
Anna strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie blinzelte zum Horizont, wo ein Frachter sich langsam aus der Bucht entfernte: vielleicht transportierte er Holz nach Sydney oder Früchte nach Hong Kong. Sie sagte: „Es war nicht okay von uns, die arme Helen ganz alleine zu lassen.“
Sie gingen hinein, aßen Fish and Chips in Alufolie. Sie sprachen über alles Mögliche, hauptsächlich Filme und Politik. Durch ihr Lachen und ihre Stimme, die ihn aufheiterte wie Vogelgezwitscher, vergaß Craig für eine Weile die Zeit, bis er flüchtig auf die Uhr sah. Anna erwartete schon jeden Moment die Frage „Zu dir oder zu mir?“, als sie merkte, dass er Angst hatte. Was war plötzlich los? Seine Finger zitterten! Er gab ihr eine Visitenkarte, auf der nur eine E-Mail-Adresse stand:
Dazu kritzelte er eine Telefonnummer. Er sagte: „Ich muss sofort weg!“
Sie fasste ihn am Ärmel. Seine Augen weiteten sich. Sie sagte: „Ich weiß zwar nicht, was das hier ist, aber ich würde dich gern wiedersehen.“
Er schluckte, nickte widerwillig, riss sich los und lief tatsächlich weg.
In diesem Moment erwachte ihr Forscherinstinkt. Jagte ihn die Mafia, war er ein Geheimagent, oder nicht ganz richtig im Kopf, oder was? Sie würde ihn verfolgen und es herausfinden!
Und überhaupt: Konnte sie nicht einmal an einen normalen Mann geraten?
*
Seine Wohnung, der erste Stock eines Viktorianischen Hauses in der Moir Street, war der einzige Ort auf der Welt, an dem Craig Caine sich halbwegs sicher fühlte. Hinter der weiß gestrichenen Wohnungstür am Ende der hölzernen Treppe, über die hundert Jahre lang Menschen gelaufen waren, konnte er das Problem kontrollieren, immer vorausgesetzt, er passte auf! Mit schnellen Bewegungen schlüpfte er aus allen Kleidungsstücken und warf sie in die Wäschekiste. Geldbörse und Schlüssel landeten mit einem Scheppern auf dem Beistellstisch daneben. Im Badezimmer brauchte er zwei Minuten, um sich den Bart mit dem elektrischen Rasierapparat zu stutzen. Die Vibrationen auf der Haut beruhigten ihn. Zwei weitere Minuten später war er frisch geduscht. Das Zähneputzen schaffte er in 90 Sekunden. Dann war er bereit! Um fünf vor Acht lag er im großen Himmelbett mit den weißen Laken. Diesmal war es wirklich knapp gewesen! Es lag an dieser Frau. Beim Reden mit ihr hatte er die Zeit vergessen. Das durfte nie wieder passieren! Aber er hatte es geschafft und jetzt war alles okay. Pünktlich um 20 Uhr zog es ihn, wie durch einen gigantischen Ausguss, ins Land der Träume.
Er schlüpfte in ein T-Shirt, lief ins Bad, rasierte sich elektrisch (zwei Minuten) putzte die Zähne (nochmal zwei Minuten), hastete zurück ins Schlafzimmer (30 Sekunden) und zog sich an: Unterhose, Hemd, Hose, Socken, Jacke, Schal und Mütze (90 Sekunden). Nach exakt sieben Minuten ging er zum Auto. Die Kinder warteten schon. Sein Atem dampfte in der Morgenluft. Ein kalter Herbsttag. Er stieg ein, schlug die Tür zu. Als der alte Ford Galaxy in den Währiger Gürtel einbog, boxte der zehnjährige Daniel dem siebenjährigen Peter in den Oberarm.
„Papa, er hat mich geboxt!“
„Aber echt, hey! Du schwuler...“
„Daniel!“
Werner drehte sich um und schimpfte: „Lass ihn in Ruhe! Es muss ja nicht sein, dass man sich das Leben noch zusätzlich schwer macht.“
Sandra schaute verbissen geradeaus, als sie mit der Masse der Irrsinnigen mitfuhr, die hupend und mit quietschenden Reifen über die Kreuzung bei der Station Alser Straße jagte. Werner redete von der Seite auf seine Ehefrau ein: „Gleich nach der Untersuchung rufe ich dich an. Ich glaube wirklich, die Prognose ist nicht so schlecht. Bei den Mitteln der modernen Medizin.“ Versuchsweise lachte er ein paarmal: hahaha!
In der Nähe der Stadtbücherei ließ sie ihn aussteigen. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss und winkte den Kindern zu. Das Gesicht des kleinen Peter im Heckfenster verschwand im Straßenverkehr. Er wartete alte Software: Ungetüme aus zehntausend Zeilen COBOL und Treiber in Maschinensprache. Was gerade anfiel! Es war nicht der schlechteste Job für jemanden wie ihn, weil seine Ausfälle hier keinen Schaden anrichteten. Die Kollegen nahmen es mittlerweile gelassen, wenn er in einer Besprechung einfach wegsackte. Der Chef war ebenfalls zufrieden, weil er durch ihn die Behindertenquote erfüllte. So saß er acht Stunden am Tag zwischen Gummibäumen und Dilbert-Cartoons und löste technische Probleme.
Eine weitaus größere Herausforderung an diesem Tag war die somnologische Untersuchung im AKH. Schon der Hinweg mit der U6 voller nasser Menschen, die sich im Stehen in die Halteschlaufen hängten und aus den Fenstern glotzten. Dann der monströse Gebäudekomplex, der von weitem an frühneuzeitliche Darstellungen des Turmbaus zu Babel erinnerte: Zeugnis der menschlichen Anmaßung, die mit ihrer Gigantomanie den Herrgott erzürnte!
Drinnen humpelten Scharen von Patienten durch die Gänge, die man je nach Abteilung farblich markiert hatte. Überall eilte Personal in weißen Kitteln von A nach B. Primarius Dr. Powolny erwartete ihn schon. Hinter ihm stand ein Gefolge aus Assistenzärzten, MTAs, Technikern und Studenten. Werner erinnerte sich an das erste Treffen mit ihm. Er hatte ihn ziemlich unverblümt gefragt, was ihm denn fehlte. Da waren ihm schlagartig Erinnerungen an 30 Jahre voller Hänseleien und Zusammenbrüche gekommen und er hatte gesagt: „Wenn ich nicht jeden Tag zwölf Stunden zu genau denselben Zeiten schlafe, passieren furchtbare Dinge. Ich falle um, einfach so.“
Mit der professionellen Munterkeit der Ärzte hatte der Primar geantwortet: „Na, dann wollen wir mal sehen, was wir für Sie tun können.“
In diesem Moment hatte Werner den Drang gefühlt, ihn mit einem Kinnhaken niederzustrecken, um ein wenig von seinem Leid mit ihm zu teilen.
Er zog sich aus und kroch in Unterhosen in ein Klinikbett. Eine Assistentin schmierte ihm kühles Gel auf die Haut und befestigte Elektroden. Über den Kopf stülpte sie ihm eine Art Badehaube mit pieksenden Metall-Kontakten. Während der Primar auf ihn einredete („Ganz entspannt sein! Fühlen Sie sich wie zu Hause!“) machten seine Mitarbeiter ihre Gerätschaften fertig für die Aufzeichnung. Ein Techniker sagte: „Gleich werden wir sehen was Sie sehen, Herr Baumann.“
Trotz dieser Aussicht und den Atemgeräuschen von einem Dutzend Menschen in dem abgedunkelten Raum gelang es Werner, einzuschlafen.
George redet mit Sally über Bob.
Bob redet mit Sally über George.
Sally findet heraus: George unterschlägt Geld.
Der Regisseur schrieb gerade auf die letzte Karte: Warum hat Bob nichts gemerkt?
Die Schauspieler waren sich einig, dass Sally George lieber mochte und sie sich in der nächsten Staffel endlich bekommen sollten. Nur Johnny McKay, der affektierte Typ, der den Bob spielte, war anderer Meinung. Er wollte vermutlich vor der Kamera mit der berühmten australischen Darstellerin der Sally herumknutschen.
(„Johnny McKay? Steht der nicht auf Männer?“)
„Wie geht’s dir, Junge?“ fragte der rotgesichtige Produzent, als Craig auftauchte.
„Ich weiß nicht. Könnte einer dieser Tage...“
Er fiel um. Nicht einmal den Satz konnte er beenden. Alle drehten sich zu ihm. Der Produzent rief: „Alles in Ordnung! Craig hat wieder einen seiner Anfälle. Macht weiter, Leute!“
„Wie fühlen Sie sich?“, fragte Dr. Powolny.
Das Team behielt die Anzeigen sämtlicher Geräte im Auge. Der Primar stellte belanglose Fragen, die Werner lustlos beantwortete. Dann ging das Licht wieder aus.
Er eilte die Treppe zu seiner Wohnung hoch und sah zuerst ihre Füße in Slippern auf den Stufen: Anna! Als sie ihn kommen hörte, stand sie langsam auf. Er war außer Atem. Sie flüsterte: „Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht.“
„Ach ja? Und das gibt dir das Recht, mir vor meiner Tür aufzulauern?“
Sie umarmte ihn. Er fühlte sich, als würden ihm Stromstöße verabreicht. Das hier musste in einer Katastrophe enden! Der Schlüssel fiel ihm aus der Hand. Endlich ging die Tür auf. Sie drängte sich an ihn, warm und weich. Sie zogen sich aus, ließen Kleidungsstücke auf dem ganzen Weg zum Schlafzimmer fallen. Sein Herz schlug viel zu schnell. Noch nie war jemand in diesen innersten Bereich eingedrungen. Normalerweise musste er darauf achten, sich bis spätestens 19 Uhr zu holen, was er bekam. Als er in ihr war und sie sich an ihn drängte, feucht und kühl, fühlte es sich an, als würde man in das Epizentrum eines Erdbebens vordringen, wo die Feuchtigkeit die Übergänge zwischen Körpern auflöste und zu etwas Gelee-artigem vereinigte.
„Gibt es denn einen Anhaltspunkt, was mir fehlen könnte, Herr Doktor?“, fragte er später, als er sich anzog und Powolny ihm Diagramme zeigte, die den Verlauf des Schlafs dokumentierten.
„Wir werden das in Ruhe auswerten, aber eine Sache ist sehr ungewöhnlich. Sie haben keinen Tiefschlaf. Sie sind quasi während sie schlafen die ganze Zeit wach. Sehen Sie hier: nur REM-Phasen!“
Sandra schaute ihn an, als wäre er dabei, ihr eine besonders verwerfliche Verfehlung zu gestehen.
„Scheiß Ärzte! Die ganze Nacht lang war ich an alle möglichen Geräte angeschlossen und jetzt wissen sie gleich viel wie vorher. Hoffen wir nur, dass die Krankenkasse alles bezahlt, wenn es ihnen doch irgendwie gelingt, eine Behandlung für mich zu entwickeln.“
Sandra verdrehte die Augen. Sie murmelte: „Du bist so naiv!“
Mit einer raschen Geste, als wollte sie sich die Pulsadern aufschneiden, nahm sie eine Zigarette und zündete sie an. Dann schob sie ihm einen Zeitungsausschnitt hin: ein indischer Wunderheiler in bunten Bildern mit den begeisterten Stimmen von Kranken, die die Ärzte aufgegeben hatten. Sechs oder sieben Seiten lang, mit Expertenstimmen und Internetadressen.
„Ich habe ihn angerufen. Sein Honorar ist gar nicht so hoch.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Ich komme gerade aus dem Krankenhaus und anstatt dass du mir Mut machst-“
„Ach, komm! Du hast doch selbst gesagt, dass das nichts wird. Wir müssen der Wahrheit eben ins Auge schauen. Und die ist nun einmal so, dass wir jede noch so winzige Chance nutzen müssen.“
Als sie so vor ihm saß, resigniert dreinblickte und Gift in ihre Lungen sog, fragte er sich wieder einmal, warum er sie geheiratet hatte.
„Ihre Frau“, sagte Raman Maharashtra, „ist süchtig nach Leid.“
„Und deshalb hat sie sich mit mir zusammengetan? Na, das ist nicht gerade schmeichelhaft.“
Sie saßen in der Küche einer Zwei-Zimmer-Wohnung. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr. Außer einer Mandala im Wohnzimmer und den Titeln der Bücher in den Regalen deutete nichts darauf hin, dass hier ein Guru (Sanskrit für „gewichtig“ oder „schwer“) wirkte. Offiziell war er Lebensberater, inoffiziell ein Sehender, der seit einer Kindheit in Uttar Pradesh, ganz in der Nähe des Ortes, wo Buddha Sakyamuni mit Brahma und Devraj Indra vom Himmel heruntergestiegen war, einen weiten Weg zurückgelegt hatte.
„Wollen Sie die Wahrheit wirklich hören?“
Werner fühlte, wie etwas in ihm sich krümmte. Eine Art Wurm?
„Die Wahrheit“, murmelte er. „Mein ganzes Leben lang warte ich darauf, dass mir jemand sagt, was los ist.“
Das Aussehen des Mannes, sein langes Haar, der Pferdeschwanz, die schadhaften Zähne und dieses bunt gemusterte Hemd ließen ihn allerdings an seiner Kompetenz zweifeln. Die Augen, blutunterlaufen und durchdringend, fixierten ihn noch immer.
„Sagen Sie es!“
„Es hat zu tun mit Ihrer Seele.“
Werner brauch in albernes Gelächter aus.
„Die Seele! Etwas Besseres fällt Ihnen nicht ein?“
Unbeeindruckt und im singenden Tonfall der Inder fragte Maharashtra: „Sie wissen doch ungefähr, was die Seele ist?“
„Was zum...“
„Ihre Seele, Herr Baumann, ist immer an mehreren Orten zugleich.“
Nicht einfach, einem so ungeduldigen Menschen die Gesetze von Karma und Samsara zu erklären! In Werner arbeitete es: Genau so fühlte sich sein Zustand an. Leider war die folgende Erläuterung wenig überzeugend: Die Seelen suchen sich, so behauptete Maharashtra, vor dem Eintritt in diese Welt je ein Leben aus. Dabei kommt es zu einer dem Schlussverkauf ähnlichen Veranstaltung mit riesigen Wühltischen und Seelen, die sich wie Hausfrauen um die besten Teile streiten. Da passiert es schon mal, dass zwei Seelen dasselbe Leben in der Hand halten, wenn die Reise losgeht. Dieser Mensch hält der Belastung natürlich nicht stand und dreht durch. Oder eine Seele hält in jeder Hand ein anderes Leben.
„So wie manchen Frauen in der einen Hand einen roten Schuh und in der anderen einen gelben... Sie verstehen doch, was ich Ihnen sagen will?“
Werner sah aus, als hätte der Inder ihm eine Ohrfeige verpasst. In seinem Kopf wuselten Gedanken durcheinander und verwarfen Modelle, die allesamt nicht plausibel waren.
„Wenn es da noch ein Menschen gibt, der meine Seele teilt, wo ist der?“
Raman Maharashtra lächelte: „Konzentrieren Sie sich erst einmal auf das, was Sie in Ihren Träumen sehen und tun und nehmen Sie sich vor, es sich zu merken! Sie müssen sich erinnern!“
Werner verließ die Wohnung mit dem Vorsatz, die Rechnung nicht zu bezahlen, falls diese Interpretation seines Zustands durch einen weiteren Experten schon wieder nicht stimmte. In seiner Küche lehnte Maharashtra sich zurück und seufzte. Manche Klienten schickten ihm Dankesbriefe oder eine Flasche Wein. Aber nie kam einer auf die Idee, ihm eine größere Wohnung zu vermieten, in der ein Geschirrspüler Platz hatte.
Immer wieder sagte er sich vor, dass seine Leiden real waren, mit jedem Schritt, der ihn durch den Vorgarten zur Haustür brachte. Hörte er da Geschrei aus der Garage? Er zog das Tor hoch, bückte sich, um hineinzuschlüpfen. Plötzlich stand er hinter seinem in Tränen aufgelösten Sohn Peter. Es roch nach Benzin. Auf dem Boden ein offener Kanister, neben dem Auto Daniel, dahinter seine Frau. Etwas schockierte sie und alle drei redeten durcheinander und heulten und er verstand ungefähr, dass die Kinder vorgehabt hatten, das Auto anzuzünden...
„Würdet ihr alle mal einen Moment lang die Klappe halten?“, schrie er.
„Ich bin es hier nämlich, dem es scheiße geht! Ich, ich, ich!“
Jedesmal schlug er mit den Handflächen auf die Motorhaube und endlich fing auch er an zu heulen. Das hier konnte doch kein Mensch ertragen!
„Guten Abend de Madeln und serwas de Buam!“, rief er.
Fassungslos betrachtete Anna seinen Mund, der auf wienerisch die Inneneinrichtung des Schlafzimmers lobte: „Oh, my poor baby!“
Mit unendlicher Zärtlichkeit umarmte sie ihn, legte ihr Kinn auf seine Schulter. Etwas Fremdes war dabei, die Kontrolle zu übernehmen.
Am Abend, als er sein Essen in die Mikrowelle schob, deutete er vorsichtig an, dass der Inder ihm eine abenteuerliche Interpretation seines Zustands geliefert hatte, er aber fest entschlossen war, dem auf den Grund zu gehen. Sie entschied: „Wenn du das Gefühl hast, dass da nur ansatzweise etwas dran sein könnte, musst du dem nachgehen.“
Amen, dachte er.
Wäre Craig ein Computer gewesen, er hätte sich gesagt: Ich werde gehackt. Er fühlte, wenn dieses Etwas in ihm sich konzentrierte, um Adressen auf Briefumschlägen und seine Telefonnummer zu erbeuten. Es benutzte seine Augen, um sich in der Wohnung umzusehen, in der Stadt und beim Filmteam. All das hasste er. Am meisten hasste er diese Blicke, wenn sie sich an Anna hefteten.
„Woran denkst du jetzt gerade?“, wollte sie wissen.
„Weißt du, Anna... Als ich neulich dieses wirre Zeug geredet habe, diese Begrüßungsformeln und das über die Möbel...“
„Du hast verstanden, was du da gesagt hast?“
„Ja.“
Sie musterte ihn so aufmerksam wie eine ihrer Proben im Labor. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, das Problem damit in Verbindung zu bringen, dass er deutsche Aufdrucke auf Produkten im Supermarkt lesen konnte. Einmal hatte er in einem Hotel im Kabelfernsehen ein deutsches Programm erwischt: Two and a half men in der synchronisierten Fassung. Es hatte ihn so sehr schockiert, dass er mit zwei Schlucken das Wodkafläschchen aus der Minibar austrank. Er verstand jedes Wort! Aber bei seinen Besuchen bei all den Psychologen kam das natürlich nie zur Sprache. Immer nur diese Vater-und-Mutter-Scheiße und ob man Komplexe hatte. Natürlich Fehlanzeige: Seine Eltern waren normale Leute, lebten in Auckland. Vater war bei der Post gewesen, Mutter verkaufte Zeitschriften. Manchmal dachte er, sie waren froh, ihn los zu sein.
Annas Miene hellte sich auf. Sie hatte eine Idee!
„Ich kenne da einen Psychologen, mit dem du mal reden könntest“, sagte sie.
Er vermasselte es! Das Gesicht des Jungen war verkniffen. Wie zum Teufel konnte er ihn erreichen, mit diesem Erwachsenengeschwätz? Wenn er ihn fragte, ob alles in Ordnung war, sagte er sicher ja, weil er dachte, dass seine Eltern das von ihm erwarteten. Werner sagte: „Ich bemüh mich, alles in Ordnung zu bringen.“
Der Junge sagte: „Du und die Mama-“
„Das auch.“
Daniel würde es auf seine Art, in der Sprache der Zehnjährigen, seinem kleinen Bruder erklären: nur zeitweilige Turbulenzen! (Papa, was sind Turbulenzen?) Kein Grund zur Sorge. Werner ging über den Flur. Seltsam, wie sich die Luft änderte: weich und irgendwie fruchtig im Kinderzimmer, kühl und oberflächlich hier im Flur. In der Küche dominierte die Schärfe von Sandras Zigarettenrauch. Sie saß am Tisch und las ein Nachrichtenmagazin mit vielen Bildern des letzten Tsunamis im Pazifik. Die Zigarette hielt sie geziert zwischen Zeige- und Mittelfinger. Der Rauch wanderte in Schwaden durch den Raum, suchte einen Weg durch das gekippte Fenster.
Werner sagte: „Ich brauche deine Hilfe.“
Etwas überrascht ließ Sandra die Zigarette in den Aschenbecher fallen.
„Du weißt ja, dass dieser Maharashtra mir Ratschläge gegeben hat. Er behauptet, meine Seele lebt gleichzeitig in zwei Menschen und das ist die Ursache meines Problems.“
Sie sagte: „Das ist mir zu hoch. Es klingt nach einer Metapher.“
„Eigentlich nicht. Es soll wirklich einen Menschen geben, irgendwo da draußen, in dem meine Seele wohnt. Und ich glaube, ich habe ihn gefunden. Ich habe ihn gesehen. Im Traum.“
„Und was soll ich jetzt tun?“
„Ich habe mich im Traum darauf konzentriert, die Adresse zu finden. Auch die Telefonnummer. Er lebt in Neuseeland.“
„Na gut, dann probieren wir das eben aus", sagte sie und verdrehte dabei die Augen.
Werner sagte: „Ich bin so aufgeregt!“
„Was soll ich tun?“
Er hob den Hörer ab, drückte ein paar Tasten, legte wieder auf: verwählt!
Beim dritten Versuch gelang es ihm, die Verbindung herzustellen. Das Freizeichen kam. Er drückte seiner Frau den Hörer in die Hand.
Lieber Craig,
ich schreibe diese E-Mail auf Deutsch, denn offenbar kann ich auf dein Wissen zugreifen – die Sprache und alles andere – und denke, dass es umgekehrt genauso funktioniert. Noch immer fällt es mir schwer, zu begreifen, dass alle meine Träume Realität gewesen sein sollen und wir auf diese Weise verbunden sind. Kein Mensch wird uns das glauben! Nicht einmal Sandra, obwohl sie selbst mit dir und Anna gesprochen hat. Entschuldige bitte, falls meine Versuche, etwas über dich herauszufinden, dich in Verlegenheit gebracht haben! In Träumen bewegt man sich eben etwas ungezwungener als im prosaischen Alltagsleben.
Im Anhang findest du ein Foto mit Sandra und den Kindern, an deren Gesichter du dich vielleicht erinnerst.
Für heute liebe Grüße,
W.
Dear Werner,
beim Betrachten des Bildes mit dir, Sandra und den Kindern musste ich erst mal schlucken und erinnerte mich gleichzeitig, selbst deine Nachricht verfasst zu haben. Es gibt den Ausdruck to make a dream come true. Vermutlich eine gute Umschreibung für das, was wir gerade tun. Ich schicke dir ein Bild des Hauses in der Moir Street.
Love,
Craig
Werner klickte auf den Anhang und das Bild erschien in 960 mal 720 Pixel auf dem Schirm.
„Oh, das ist ein hübsches Haus!“, sagte Sandra.
Werner erkannte den Palisadenzaun, die abgetretenen Stufen, den Torbogen über der Eingangstür. Die Sinneseindrücke von hier und dort verknüpften sich zu einer seltsamen Schleife. Er atmete schwer. Sandra legte ihm die Hand auf die Schulter, während sich in ihm neue Horizonte öffneten: Von höheren Instanzen im Universum sanktionierte Polygamie. Eine über die Grenzen des Normalen erweiterte Existenz. Faszinierende Möglichkeiten! Er nahm die Hand von der Maus, legte sie auf die schlanken Finger seiner Frau, die immer noch auf seiner Schulter ruhten.
Er sah sie an und lächelte.