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Die Zeltparty

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23.06.2002
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Die Zeltparty

22.00
Ich werde erst gar nicht versuchen zu erklären, warum ich hier gelandet bin. Nur so viel, ich kann eigentlich gar nichts dafür. Eine Freundin, die ich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen habe, hat mich angerufen. Und bevor ich überhaupt richtig realisierte, was ich tat, hatte ich auch schon zugesagt.

Das war vor zwei Stunden und jetzt bin ich tatsächlich hier. Auf einem schlecht beleuchteten Parkplatz und im Begriff, dass erste mal seit fünf Jahren, auf eine Zeltparty zu gehen.
Meinem Schicksal ergeben und mit dem festen Vorsatz, das Beste daraus zu machen, folge ich meiner Freundin.

22.10
Oh,diese Musik. Da fallen einem direkt Sachen von früher ein, die ich am liebsten auf ewig vergessen hätte.
Mein Blick fällt auf die Band. Mein Gott, die leben noch? Die haben schon gespielt als ich 14 war. Als Zeltpartys noch meine bevorzugte Samstagabendunterhaltung waren.
Diese Band hat aber auch schon gespielt als meine Eltern dreißig waren. Und sie stehen immer noch auf der Bühne. Sie spielen auch immer noch die gleichen Lieder. Die Stimme des Sängers klingt nicht mehr so wirklich frisch. Ein klein wenig aufgebraucht. Wer will es ihm verübeln, nach vierzig Jahren Showbusiness. Ich bestimmt nicht. Nein ehrlich. Eine Band die diese Partys so lange überlebt verdient Respekt. „And the final countdown...“

22.30
Ich komme wohl nicht drum herum. Wenn ich das hier überleben will, ohne bleibende Schäden davon zu tragen, muss ich Bier trinken. Viel Bier.
So wie die Lage aussieht, habe ich zwei Möglichkeiten. Entweder ich lächle jemanden an. Der spricht mich dann an, labert mich zehn Minuten dicht, fragt, ob ich mit in seine fertige Doppelhaushälfte ziehe und kommt dann vielleicht irgendwann auf die Idee, mir ein Bier zu besorgen. Oder ich gehe selber.

Ich entscheide mich für letzteres. Ich quetsche mich durch die lärmende Menschenmenge. Das ist nur mit Hilfe von erheblichem Ellenbogeneinsatz möglich. Der hat allerdings zur Folge, dass ich andauernd Bier auf mein Gesicht, meine Ärmel, meinen Ausschnitt oder sonstwohin bekomme. Endlich komme ich in die Nähe der Theke. Sie ist umringt von Menschen. Alle halten mit ausgestreckten Armen ihre leeren Gläser über den Tresen und schreien wahlweise: „Hallo“, „Hier her“ oder „Uschi!“
Ich stehe in zweiter Reihe und kämpfe mich langsam vor. Mit der Hand kann ich den Holzrand der Theke erreichen. Mit dem linken Arm ziehe ich mich vorwärts in Richtung Kellner, mit dem rechten Arm boxe ich mir den Weg frei. Geschafft. Jetzt versuche ich Blickkontakt mit dem Kellner aufzunehmen.
Er sieht mich an.
Er ignoriert mich.
Anscheinend muss ich zu härteren Bandagen greifen. Ich straffe den Oberkörper und bringe meinen 1A Landfrauenbusen zur Geltung. Der Kellner kommt direkt auf mich zu und ich bestelle zwei Bier. Eins trinke ich schon mal halb leer, um mich für den Rückweg zu stärken.


23.00
Wieder durch die enge Menschenmenge. Vier Brandlöcher, drei platt getretene Zehen und fünf blaue Flecken später, hab ich es geschafft. Ich sehe meine Freundin, die sich angeregt mit einem, zugegebenerweise nicht ganz schlecht, aussehenden Typen unterhält.
Aufgrund der Rumschubserei von eben sind jetzt beide Gläser halb leer, ich eleminiere den Rest auch noch und mach mich erneut auf den Weg zur Theke. Man hat ja sonst nichts zu tun.


23.45
Brrrrr. Mein Gott, der hat sich kein Stück verändert. Eckhard oder Burkhard (ich weiß nicht mehr genau) –Schmidt. Immer noch hager. Immer noch dieser fiese Gesichtsausdruck. Hervortretende Wangenknochen und angespannte Muskeln. Als ob er nur darauf wartet, dass ihn jemand schief von der Seite anschaut, um dann einen Grund zu haben, demjenigen eins in die Fresse zu hauen.
Mich schauderts direkt. Mich hat es auch schon vor zehn Jahren geschaudert, wenn ich ihn auch nur von weitem sah. Ich mache mal besser einen großen Bogen um ihn. So wie der aussieht schlägt der garantiert auch Frauen.


23.55
„Ey, waren wir nicht mal zusammen im Kindergarten?“ eine breite Hand schlägt mir zwischen die Schulterblätter.
„Ehm, also ehrlich gesagt... Da kann ich mich jetzt gerade so spontan nicht dran erinnern“.
„Doch klar, wir waren in der Maikäfergruppe“, schreit er mir ins Ohr. –Scheiße, ich war wirklich in der Maikäfergruppe.
„Kann wohl sein“, antworte ich unverbindlich.
„Ich bin der Frank. Kannste dich echt nicht mehr an mich erinnern?“
„Sorry, ehm...“
„Na ja ist ja auch egal. Und du wohnst nicht mehr hier?"
„Häh?“
„Ich hab gehört, du hättest es bei uns nicht mehr ausgehalten?“
„Bitte?“
Er verdreht die Augen und sieht mich an, als ob ich schwachsinnig wäre.
„Du bist doch in die Stadt gezogen. Wie gefällt es dir denn da?“
Woher in aller weiß der dass. (Stimme aus dem Off: Lisa, du bist hier auf dem Dorf...)
„Na ja, was heißt besser. Es ist schon irgendwie anders", antworte ich.
„Willst du was trinken?“
„Oh, also ich nehm wohl noch ein Bier.“ Er macht sich auf den Weg.
Ich nehme auf jeden Fall noch ein Bier.


0.30
Unvermeidlich, bei dem ganzen Bier, dass man hier einfach trinken muss, irgendwann muss man auch mal pinkeln. Ich mache mich also notgedrungen auf den Weg zur Toilette
Vor dem Frauenklo stehen ca. zehn Frauen mit zusammengekniffenen Beinen. Ich könnte auf´s Männerklo gehen. –Leichter Blick nach links, Scheiße auf die Idee sind auch schon elf Frauen vor mir gekommen. Also warten. Warten und dem intelligenten Smalltalk, der Damen vor mir lauschen.
„Sag mal hast du David irgendwo gesehen?“ fragt ein Mädel vor mir, ihre Freundin.
„Ja, der ist schon wieder total dicht“.
„Echt?“ angewidert sehen sich die beiden an.
„Total besoffen.“
„Ist ja immer so mit dem. Sobald der zwei Biere auf hat, kann man nichts mehr mit ihm anfangen.“
Ja Mädels. Wenn David so alt ist wie ihr, dann kann er höchstens dreizehn sein. (Das liegt übrigens kurz unter dem Durchschnittsalter hier). Kein Wunder, dass er nichts verträgt.


0.45
Endlich habe ich die Stufen zum Toilettenwagen hinter mich gebracht und befinde mich im Innenraum. Vor mir sitzen zwei Mitfünfzigerinnen mit verkniffenen Gesichtern, auf weißen Plasitkstühlen. Vor ihnen steht ein Klapptisch, auf dem Toilettenpapierrollen zu einer Pyramide aufgebaut sind. Ich nehme mir eine. Sollte ja wohl zum Service gehören.
„Fünzig Cent, bitte. Und nur fünf Blatt.“ Auffordernd hält eine der Damen mir ihre Hand entgegen.
„Was?!“
„Toilettenpapier kostet fünfzig Cent.“
Wage erinnere ich mich an eine Packung Taschentücher in meiner Handtasche.
„Nein danke, dann nicht“, antworte ich und sie sieht mich giftig an. Also dass war zu meiner Zeltpartyzeit noch nicht so. Ich öffne die Tür zur Toilettenkabine. Der Boden ist matschig. Das Klo ist verstopft. Wage erinnere ich mich an eine Szene aus „Trainspotting“. Aber hey, ich hab Bier getrunken. Jede Menge Bier. Da sinken die Ansprüche schon mal.
Nachdem ich fertig bin und beschlossen habe, im nächsten Leben ein Mann zu werden, um im Stehen pinkeln zu können, verlasse ich die klaustrophobische Enge des Toilettenraumes.

Ich will gerade die befreiende Frischluft außerhalb der Tür einatmen, als mich eine Hand am Ärmel packt.
„30 Cent bitte“, die andere Frau sieht mich an und mir kommt der Gedanke dass Eckhard, bzw. Burkhard, nicht die einzige Hackfresse hier ist. Ich reiße mich los und ergreife die Flucht nach draußen.


1.00
Das darf ja wohl nicht wahr sein. Hinten neben den Boxen steht Stefanie. Eine Kommilitonin von mir. Ich sehe schnell weg, als sie rüber schaut. Die muss mich hier ja nicht unbedingt sehen. Kann eigentlich nur peinlich werden, wenn wir uns gegenseitig erklären, dass wir eigentlich nur ganz zufällig und auch gar nicht freiwillig hier sind...

1.30
Bin spontan auf Fanta Roten umgestiegen und stoße mit mir selber auf die guten, alten Zeiten an. Hach, eigentlich war´s doch früher auch ganz schön.
Gehe zu meiner Freundin und umarme sie spontan. Wir versichern uns gegenseitig, dass wir uns total lieb haben und ab jetzt regelmäßig telefonieren und in Kontakt bleiben. Versuche ihr zu erklären, dass sie mich ruhig mal besuchen kann. Nein, man gerät nicht in Lebensgefahr, wenn man U-Bahn fährt und es sitzen auch nicht nur Junkies und Schwerverbrecher drin. War wohl nicht ganz überzeugend, sie schaut immer noch skeptisch. Ich werde uns mal einen Jägermeister holen. Man braucht ja schließlich was zum anstoßen.


2.00
Bin gerade mächtig ins Fettnäpfchen getreten. Hab eine Klassenkameradin aus der Grundschule getroffen. Sind so ins Gespräch gekommen und da sehe ich einen total hässlichen Kerl. Hab meiner alten Freundin meine Meinung über ihn kund getan. War ihr Ehemann.


2.30
Entscheide mich, nicht noch mal auf die Toilette zu gehen, sondern ins Gebüsch zu pinkeln. Finde auch tatsächlich, entsprechend, abgeschotteten Ort. Scheiße, bin mit dem Bein an einem Dornenbusch hängen geblieben. Jetzt hab ich eine Laufmasche. Scheiß drauf. Wage mich wieder ins Getümmel und spüre die Brennesseln, in die ich mich gesetzt habe, fast gar nicht mehr.


2.45
Eigentlich ist die Musik gar nicht so schlecht. Tanzen kann man ja zu allem, wenn man sich drauf einlässt. Überhaupt. Ich sollte mich nicht so von meinen Vorurteilen leiten lassen. Sind doch alle nett hier.


3.30
Bin gerade dabei mit Burkhard, bzw. Eckhard Brüderschaft zu trinken, als mir jemand auf die Schulter tippt. Ich dreh mich um und Stefanie steht vor mir.
„Hey, du auch hier. Willst du mir nicht deinen Freund vorstellen?“ Sie mustert ihnen von oben bis unten. Schätze jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ab dem es nur noch steil bergab gehen kann. Ich simuliere einen Übelkeitsanfall und eile zum Ausgang. Meine Freundin kann ich nirgends finden. Hab auch nicht den Elan richtig zu suchen.
Ich nehme mir ein Taxi.
Hoffentlich haben meine Eltern irgendwo noch Kopfschmerztabletten...

 

Mir stellt sich eine Frage: Was hat das in Humor zu suchen? Was Lustiges finde ich auf jeden Fall nicht.
Ich denke mal, das hat jeder schon einmal (mehreremale) durchgemacht. Also ich schlage vor, dass es nach Alltag verschoben werden sollte.

Ansonsten, wie gesagt, die Geschichte passt eben mit rein, ins Leben.
Ich habe ein paar kleinere Rechtschreibfehler entdeckt, aber im Ganzen konnte man sie gut lesen.

Zu der "Geschichte", hat dich doch bestimmt der 1. Mai inspiriert, oder? Hehe...

Na denn, Prost und hau weg die Scheisse.

 

Hallo Uffmucker und Queenoftheuniverse,

Bin frustriert, ihr konntet keinen Humor finden? Na ja, vielleicht muss man diese ländlichen Zeltpartys kennen, vielleicht hab ich es auch einfach versemmelt. Auf jeden Fall danke fürs lesen und die Kritiken.

Lieben Gruß, Andrea

 

Hallo drea!

Auch wenn der Humor nicht "sichtbar" rüber kommt, alltäglich sind ja solche Zeltpartys nun auch wieder nicht, finde ich. ;)
Jedenfalls dachte ich gleich an meine letzte Zeltparty.
Ist ja schon Jahre her. Gibts die überhaupt noch?
Aber flüssig zu lesen deine Geschichte.
Gruß von der
Piratin

 

Klar gibts noch Zeltparties. Nicht alltäglich, aber wennn man sich drum kümmert, kann man oft was finden.

@Drea:
Kannst du mir mal den Humor aus deiner Sicht zeigen? Vielleicht sehe ich es dann ein.

 

Moin drea,

wirklich lustig war die Geschichte tatsächlich nicht, da stimme ich mit meinen Vorrednern überein. Auf der anderen Seite hast du hier einen schön lockeren Stil mit ein wenig trockenem Humor benutzt und an manchen Stellen kamen die Gags schon ganz gutt über.
gut fand ich die Wandlung deiner Protagonistin. Zu Beginn haßt sie die Musik und fühlt sich einfach nur deplaziert und später - mit einem gewissen Alkoholpegel - stimmts dann doch. Diese Gegenüberstellung fand ich ziemlich gelungen.

Woher in aller weiß der dass. (Stimme aus dem Off: Lisa, du bist hier auf dem Dorf...)
Die Klammer stört mMn den Lesefluß ein wenig. Sowas würde ich in den Text einbauen. Vielleicht in etwa so:
"Woher in aller Welt weiß der das. Im nöchsten Moment fiel mir der Grund wieder ein: ich war hier immerhin auf dem Dorf"

Insgesamt eine nette Geschichte, die weniger durch hervorstechende Gags, aber mehr durch ihre heitere Grundstimmung geprägt ist.

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallöle Drea,

also, so ganz lustig war es wirklich nicht. Aber ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass Du wahrscheinlich einfach eine ganz andere Vorstellung von Humor hast. Wohl eher so die Ironieschiene, oder? Allerdings fehlte nicht wirklich viel,und man hätte daraus wirklich etwas sehr lustiges machen können. Bin mir sicher!
Ja, ansonsten fand ich den Schluss dann doch recht schlecht. Das ist so der typische Och-Ich-Habe-Keine-Lust-Mehr-Wie-Bereite-Ich-Dem-Ganzen-Jetzt-Ein-Ende-Damit-Die-Geschichte-Nicht-Auf-Meiner-Festplatte-Versauert-Und-Ich-Sie-Direkt-Abschicken-Kann-Schluss :D.

 

Hallo,
erst mal sorry für die späte Beantwortung, war länger nicht auf KG.de und dachte da kommt nichts mehr....

@piratin,
Ja Zeltpartys gibt es immer noch und wahrscheinlich wird es sie auch immer geben..

@Uffmucker,
der Humor besteht (bzw. sollte bestehen) aus dem Verhalten der Prot. wie sich ihre Einstellung durch Alkohol verändert, eigentlich ist sie ja viel zu hipp um auf eine "Bauernzeltparty" zu gehen, möchte ansich gar nicht da sein aber mit genügend Alkohol geht´s dann doch...

@gnoebel,
Puh, wenigstens heitere Grundstimmung ist zu erkennen.

@yva,
Der Schluß ist wohl wirklich ziemlich abrupt. Andererseits ist der Abend damit beendet. Die Prot. gerät in eine für sie peinliche Situation und will so schnell wie möglich nach Hause. Da der Text ja nur Momentaufnamen schildert und der Abend damit beendet ist fand ich das ganz passend.

Euch allen einen herzlichen Dank für die Kritiken. Humor ist wohl doch eine ziemlich relative Sache. Hab die Geschichte Freunden gezeigt und die fanden sie lustig. Vielleicht liegt es daran, dass sie mich und die beschriebenen Zeltpartys kennen. Vielleicht wollten die aber auch nur nett sein und haben aus Höflichkeit gelacht (Argh).

Schönen Abend noch, Andrea

 

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