Mitglied
- Beitritt
- 05.02.2003
- Beiträge
- 65
- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 13
Die Wette
Es war Abend geworden in dem kleinen Dorf in Österreich.
Erste Nebel zogen auf und die Vögel hatten schon lange ihren Gesang eingestellt.
In der Dorfkneipe aber herrschte lautes Treiben.
Peter Fechner, ein 52-jähriger Ingenieur aus Dortmund, der als Einziger der Gäste auch in jenem Gasthof übernachtete, saß in der Schankstube und beobachtete leicht amüsiert eine Gruppe von jungen Dorfbewohnern die am Nebentisch immer lauter diskutierten.
Es waren fünf junge Burschen deren durchschnittliches Alter er auf etwa 20 Jahre schätzte.
Sie gestikulierten wild durcheinander. Fechner konnte immer nur ein paar Brocken verstehen.
Mal war es das Wort „Friedhof“, dann wieder „ihr seid wohl alle feige“ und einmal glaubte er sogar ,“Nur einen Schädel“ vernommen zu haben.
So ging das schon eine ganze Weile.
Einer der Burschen, vermutlich der Anführer, ein kräftiger und großer rothaariger Typ schien viel getrunken zu haben und fiel Fechner durch dessen besonders wilde Gebärden auf.
Dieser Bursche deutete beim Sprechen immer wieder auf ihn,wandte sich aber, wenn sich sein Blick mit dem Fechners traf sofort wieder seinen Freunden zu, und sie tuschelten dann weiter, wobei der eine oder andere ebenfalls zwischendurch in Richtung Fechner blickte, wenn er glaubte, dass dieser es nicht bemerkte.
Plötzlich verstummten sie alle und Fechner sah, wie der rothaarige Bursche direkt polternd auf ihn zukam und er bemerkte auch das Grinsen in den Gesichtern der Freunde des Rothaarigen
Der Rotschopf baute sich breitbeinig vor Fechner auf, wandte sich triumphierend zu seinen Kameraden um, um dann sogleich wieder Fechner zu mustern.
„Und ich wette, Sie tun es nicht“ sagte er unangenehm laut und stierte den Ingenieur von oben bis unten an.
Fechner roch den Bierdunst im Atem des Mannes und fühlte sich unwohl, weil er vermutete, dass der Bursche vielleicht die Absicht hatte einen Streit anzuzetteln.
„Bleib höflich“ riet ihm seine innere Stimme und so nickte er dem Rothaarigen freundlich zu und sagte:
„Sie müssen entschuldigen, ich habe nicht verstanden, was Sie meinen – können Sie mir bitte sagen, was ich nicht tun werde?“
„Na, es ist gleich Mitternacht“ sagte der Bursche „und ich habe gerade mit den anderen gewettet, dass sie nicht den Mut haben, um diese Zeit noch über den Waldfriedhof zu laufen, der sich nur 2 km von hier befindet.“
„Warum sollte ich das tun“ sagte Fechner und sah den rotgelockten Kerl achselzuckend an.
„Du bist also ein Feigling“ sagte der Rothaarige wiederum laut und drehte sich beifallheischend zu seinen Kameraden um, „genau das habe ich den anderen auch schon erklärt.“
„Nein“, sagte Fechner und merkte dabei, dass er gereizt klang, „ich bin kein Feigling – ich sehe nur nicht ein, warum ich jetzt noch auf den Friedhof gehen soll – ich weiss nicht mal, wo der hier ist.“
Der Rothaarige wurde laut: „Hör mal Meister“ sagte er – „ich habe meinen Freunden gesagt, dass Du so feige bist, dass Du niemals um Mitternacht über den Friedhof gehen wirst.
Solltest Du es doch tun, zahle ich Dir aber sogar die Zimmermiete“ und wiederum wandte er dabei den Blick, um festzustellen, ob ihn auch jeder hören konnte.
Fechner fühlte gleich aus mehreren Gründen Ärger in sich aufsteigen.
„Dieser Idiot will Dich als Feigling hinstellen und ist sich so sicher, dass er dafür noch Geld bietet“ dachte er „und obendrein duzt der Dich einfach....“
„Pass mal auf“ sagte er zum Rothaarigen und freute sich, dass er den Mut besessen hatte, diesen Kerl, der wesentlich kräftiger als er selbst zu sein schien - auch einfach zu duzen – „Ich habe zwar keine Lust, jetzt noch über den Friedhof zu gehen, und ich lasse mich auch nicht so gerne einen Feigling nennen, aber wenn ich die Zimmermiete von Dir bezahlt kriege, dann sieht das schon ganz anders aus!“
Und dabei dachte er mit Schadenfreude daran, wie der Rotschopf dem Wirt die Miete würde hinlegen müssen.
Die Freunde des Rothaarigen im Hintergrund grölten und lachten, während der Rothaarige nun in forderndem Ton sagte:
„Ok, aber Du musst uns als Beweis dafür, dass Du auch tatsächlich auf dem Friedhof warst, einen Totenschädel mitbringen, dort ist nämlich auch ein Gebeinhaus und nur so wissen wir, ob Du auch tatsächlich den Mut hattest allein dort um Mitternacht hingegangen zu sein.“
Fechner wurde bleich, aber nun hatte er sich als mutig zu erkennen gegeben und wagte jetzt nicht mehr, noch einen Rückzieher zu machen.
„Klar, sagte er trotzig „ich stehe zu meiner Aussage.“
Der Wirt hatte inzwischen schon eine Skizze mit einem Wegeplan zum Waldfriedhof erstellt und drückte diese
zusammen mit einer Taschenlampe dem Ingenieur Fechner in die Hand.
„Die werden sie wohl brauchen“ sagte er und sah Fechner vieldeutig an.
Fechner zog seinen Mantel an, denn die Nacht war kühl geworden, alle Burschen hatten sich inzwischen um ihren rothaarigen Anführer gesellt und Fechner hörte noch Wortfetzen wie „na denn mal viel Glück“, „wenn das man gutgeht“ und andere Bemerkungen und so sagte er nur: „Ich bin in etwa 1 Stunde wieder zurück und dann wird hier jemand meine Zimmermiete zahlen“ wobei er mit dem Kopf in Richtung des Rothaarigen wies, was dessen Freunde wiederum mit lautem Johlen beantworteten.
Fechner knallte die Wirtshaustür hinter sich zu und lief einen langen Kiesweg hinunter zu einem Wegekreuz.
Draußen ließ das fahle Leuchten des Vollmondes die Landschaft in unwirklichem Licht erscheinen und am Wegrand sah er im Schein der Taschenlampe Nebelschwaden. Es hätte eine gespenstische Stille geherrscht, wenn er nicht mit jedem Schritt den Kies unter seinen Füßen knirschen gehört hätte, welches ihm jetzt - nachdem er kaum noch das Gejohle im Wirtshaus vernehmen konnte - immer lauter werdend erschien.
„Ach was“ sagte er sich „einmal schnell hin, einen Schädel nehmen, der schon seit Generationen dort liegen dürfte“ – „was ist das schon“ und dennoch fröstelte ihm bei dem Gedanken.
Trotz des Vollmondes musste er aber an einem Wegweiser doch noch die Taschenlampe zuhilfe nehmen um die Beschriftung erkennen zu können und in der Tat sah er das Wort „Waldfriedhof“ im verwitterten, teilweise bemoosten Holz eingeritzt.
.Er begab sich auf einen Feldweg in die angezeigte Richtung und als er sich kurze Zeit später umdrehte, um sich Anhaltspunkte für den Rückweg zu einzuprägen, bemerkte er,dass aus den Lichtern im Dorf nur noch kaum erkennbare Leuchtpünktchen geworden waren. „Was bin ich schnell gelaufen“ dachte er und als er darüber sann, wie er den Rückweg finden könnte, fasste er noch einmal in die Hosentasche und fühlte sich beruhigt, als er die Skizze des Wirtes dort fühlte.
„Alles in Ordnung“ sagte er sich und leuchtete mit der Taschenlampe links und rechts seines Weges.
Irgendein schwarzes Tier flüchtete aus einem Kornfeld heraus links von ihm dicht vorbei an seinen Füßen über den Feldweg und Fechner zuckte zusammen.
In der Ferne schrie ein Käuzchen und er fühlt sich zunehmend unwohler.
Erneut drehte er sich um. Ein nasser Zweig streifte sein Gesicht.
Neben seinem Weg hörte er einen Bach plätschern, und dann sah er auch die Silhouette einer kleinen Brücke, wie sie auch in seiner Zeichnung eingetragen war.
Der Nachtwind war doch kühler geworden als er annahm, und der Mond verschwand nun teilweise hinter einer Wolke. Dunkle Schatten auf einigen Büschen schienen jetzt zu wandern, das fahle Licht wirkte noch gespensterhafter weil nun, nachdem er die Brücke überschritten hatte, urplötzlich die Bäume eines Waldes vor ihm auftrauchten. Er hörte ein leises Quietschen und als er erschrocken den Strahl seiner Taschenlampe in die Richtung des Geräusches lenkte, sah er ein verwittertes eisernes Tor welches
sich hin und her bewegte.
„Das ist der Wind“ beruhigte er sich.
Als er das Tor durchschritten hatte, sah er schaudernd grünbraune Kreuze im Lichtkegel seiner Taschenlampe.
Sie waren teilweise schon umgefallen.
Der Mond verfinsterte sich immer mehr.
Fechner hielt seine Lampe fest umschlossen und wäre beinahe gegen ein kleines Gebäude gelaufen. Zwei kleine Fenster links und rechts von einer morschen Holztür wirkten wie grosse,hohle Augen.
Er fühlte Übelkeit als er den Lichtstrahl in eine der Fensteröffnungen lenkte und dann auf einmal schien ihm sein Blut zu gefrieren.
Mehrere Regale mit bräunlichen menschlichen Schädelskeletten lagen dort und im Schein der Lampe sah er die furchterregenden Augenhöhlen, die verursacht durch wandernde Schatten zu leben schienen.
Sein Herz hämmerte wild in seiner Brust, als er die morsche Holztür öffnete.
Modergeruch umfing ihn.
Kalter Schweiss trat ihm auf die Stirn, als er vor dem Regal stand.
Um die Taschenlampe nicht beiseite legen zu müssen, griff er mit ausgestrecktem Daumen und Zeigefinger der linken Hand in das Regal fasste einem der Schädel in die Augenhöhlen und machte voller Abscheu über diese Situation auf dem Absatz kehrt.
Krachend stieß er die Holztür nach draußen wieder auf und fühlte das gewaltige Pochen seines Herzens an Halsschlagader und Schläfen.
Er glitt auf einer Treppenstufe aus und merkte wie ihm dabei Taschenlampe und Schädel aus den Händen gerissen wurden und vernahm ein lautes Klirren von Glas.
Fechner richtete sich in Panik wieder auf. Es war stockfinster auf einmal.
Er versuchte Atem zu holen, aber sein Brustkorb schien wie eingeklemmt.
Plötzlich hörte er hinter sich eine furchtbare, hohl klingende Stimme aus einem der Fenster:
„Gib mir meinen Kopf wieder!“
Tödlich erschrocken fühlte er einen unheimlichen Schmerz, griff sich mit ersticktem Schrei ans Herz und fiel erneut zu Boden, wo ein gewaltiges Zittern seinen Körper durchlief.
Es war das Zittern eines sterbenden Menschen.
Kurz darauf hatte sein Herz für immer aufgehört zu schlagen.
Im Gasthaus saßen immer noch die jungen Leute und lachten. Der Rothaarige konnte sich kaum noch beruhigen.
„Ich bin ja gespannt, was Harry erzählen wird“ schrie er. „Der wird uns gleich bestimmt erzählen wie es am Gebeinhaus zugegangen ist. Hoffentlich war er nicht zu besoffen. Schließlich hat der sich ja schon seit heute nachmittag da versteckt“.
Plötzlich flog die Tür des Gasthauses auf.
Ein bleich wirkender junger Mann stürzte mit wirrem Haar in die Gaststube.
„Ruft sofort einen Arzt!
Ich glaube wir sind zu weit gegangen“ keuchte Harry.
Für einen Moment wurde es mucksmäuschenstill im Raum.
(c)K. Briesemeister