Die Verwirklichung eines Wunschtraums
"Grönland, was willst du denn in Grönland?", fragte mich meine Arbeitskollegin verwundert. Ich hatte gerade mit meinem Chef über einen einmonatigen Urlaub gesprochen, als sie ganz aufgeregt zu mir eilte. Genervt rollte ich mit den Augen. Ich hatte ihr schon tausend Mal erklärt, warum ich nach Grönland möchte, aber verstanden hat sie es immer noch nicht, und sie wird es auch nie verstehen.
Die Insel faszinierte mich seit ich in der 6. Klasse meinen Mitschülern etwas über Grönland erzählen musste. Als mir meine Lehrerin damals mitteilte, das ich einen Vortrag über Grönland halten sollte, wusste ich nicht einmal wo die Insel liegt. Ich machte sonst immer gerne Referate, aber dieses Thema interessierte mich wirklich überhaupt nicht. Ich ging also in die Bibliothek, um mehr über die grösste Insel der Welt zu erfahren. Die Bilder über Grönland zeigten wunderschöne Landschaften mit Eisfelsen und bunten Häusern. Von da an, las ich alles über Grönland. Mich faszinierte die Lebensform der Ein-wohner. Geht man in den Sommerferien in den Urlaub, so wählt man ein Urlaubsziel mit Strand, Pal-men und Meer. Es spielt eigentlich keine grosse Rolle, ob dies in Italien, Spanien, Portugal oder sonst wo ist. Von mir aus gesehen, sieht jeder Strand ähnlich aus. Darum habe ich mir schon lange vorge-nommen, nach Grönland zu reisen und das Leben dort kennen zu lernen.
Nun endlich würde mein Traum in Erfüllung gehen. Der Flug und das Hotelzimmer waren gebucht, und meine Koffer gepackt. Ganz aufgeregt wartete ich am Flughafen bis mein Flug aufgerufen wurde.
Endlich rief eine freundliche Stimme die Passagiere nach Nuuk, Grönland auf. Hinter mir schubste mich ein älterer Mann, der es anscheinend sehr eilig hatte. Erschrocken rief ich ihm hinterher, ob er eigentlich keinen Mund hätte und mit mir reden könne, anstatt mich einfach zu schubsen. Er machte jedoch keine Anstalt, sich bei mir zu entschuldigen, sondern marschierte zielstrebig weiter. Ich wollte mich jedoch von so einem nicht meine Vorfreude nehmen lassen und dachte nicht mehr an den Zwi-schenfall.
Das Flugzeug war sehr klein und deshalb war am Eingang auf ein grosses Gedränge. Also ich mich end-lich durch all die Passagiere hindurch quetschen konnte und auch meinen Sitzplatz gefunden habe, kam schon der zweite Schreck. Der Passagier neben mir war der ältere Mann, der mich vorhin schier umge-stossen hatte. Genervt nahm ich Platz. "Wenn der Beginn meiner Reise so anfängt, muss er ja besser enden", munterte ich mich selber auf. Also nahm ich mein Wörterbuch hervor, um etwas grönländisch und dänisch zu lernen, damit ich mich dort wenigstens ein bisschen verständigen könnte.
Als das Flugzeug startete folgte wie gewöhnlich ein kurzer Film, bei dem die Sicherheitsvorkehrungen in einem Notfall gezeigt wurden. Ich schenkte ihm keine grosse Aufmerksamkeit, da meiner Meinung nach sowieso nichts passieren würde. Die Flight-Attendents servierten uns ein Frühstück mit Kaffee und Brötchen. Der ältere Mann neben mir schlang gleich alles herunter und fragte eine Flight-Attendent, ob er noch mehr haben könnte. Ich atmete geräuschvoll die Luft ein und verdrehte abermals die Augen.
Plötzlich begann das Flugzeug heftig zu schwanken. Mein Herz schlug schneller. Der Pilot meldete sich aus dem Lautsprecher und bat uns, Ruhe zu bewahren. Als Sicherheitsvorkehrung sollten wir uns vor-sichtshalber die Gurte umlegen. Mein Magen zog sich zusammen und mein Gesicht wurde kreide-bleich. Ein etwa 10-jähriges Mädchen fing an zu weinen und ihre Mutter versuchte vergeblich sie zu beruhigen. Der Mann neben mir begann plötzlich nach Atem zu ringen. Ich wollte sofort einer Fligt-Attendent rufen, doch da im ganzen Flugzeug Panik ausgebrochen war, hatten die alle Hände voll zu tun. Ich versuchte den Mann zu beruhigen und gab ihm eine Tüte, damit er dorthinein atmen konnte. Zum Glück beruhigte er sich schnell wieder. Das Flugzeug begann immer mehr zu schaukeln und die Masken flogen aus den Kästchen über uns. Ich schloss die Augen und wünschte mir, ich hätte diese Gröndlandreise nie machen wollen. Es war wie ein Alptraum. Überall um mich herum hetzten die Flight-Attendents von einem Passagier zum andern und die Passagiere schrien und heulten. Als ich aus dem Fenster schaute, erschrak ich so dermassen, das ich glaubte, mein Herz würde stillstehen. Ich be-merkte, wie unser Flugzeug immer schneller abwärts flog. Die Gepäckstücke flogen herum und plötz-lich hörte ich nur noch einen grossen Knall. Und es war dunkel.