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Die Sünde
Die Sünde
Der Waldboden mochte seine Schritte vielleicht dämpfen, aber Emily konnte sie trotzdem hören. Beschwert von der Gier und der Schuld, die auf seinen Schultern lastete und getrieben von einem Verlangen, das reine Sünde war, gruben sich die Absätze seiner Stiefel in die feuchte Erde und hinterließen ihre Spuren darin. Er war sich seiner Beute sicher und hielt es nicht für nötig seine Energie mit Laufen zu verschwenden. Er würde sie besitzen, koste es was es wolle....
Ihre nackten Fußsolen schmerzten nicht mehr obwohl sie mit kleinen, spitzen Steinchen und den Nadeln der umliegenden Fichten gespickt waren. Emily verlor zusehends das Gefühl über ihren Körper. Außer einem weißen langen Nachthemd trug sie nichts am Leib und die März Nächte waren noch kühl in diesem Jahr. Sie zitterte, ihr Seitenstechen war kaum noch zu ertragen und die Temperatur der Tränen, die ihr der Wind in die Augen getrieben hatte, war nahe dem Gefrierpunkt. Sie lief keuchend durch die Dunkelheit weiter, spürte die dürren Zweige nicht, die nach ihrem Körper griffen und immer wieder kleine Fetzen aus ihrem Nachthemd herausrissen. Sie achtete nicht auf die irreführenden Schatten und war taub dem Chor der Stimmen der Waldtiere gegenüber, die in der Dunkelheit genauso Schutz suchten wie sie selbst. Sie floh. Sie warf einen Blick zurück um nach ihrem Alptraum zu spähen und konnte so die Wurzel der alten Buche nicht sehen. Emily strauchelte, sie griff noch Halt suchend in die Dunkelheit doch sie fand nichts. Sie fiel.
In die Monotonie eines Geisteskranken verfallen, ballte und öffnete er seine Hände immer wieder. Bedacht darauf die sanften Abdrücke ihrer kleinen Füße nicht zu zerstören stierte er auf den Boden. Kleine, abgebrochene Zweige säumten den Wegrand und im kalten Mondlicht glitzerte etwas in ihren Fußspuren. Er ließ sich nieder und nahm ein wenig Erde, die durchtränkt war von jener Substanz, um sie zwischen den Fingern zu zerreiben. Blut, ihr Blut. Ein seltsames Lächeln, dass jedoch seine Augen nicht im geringsten berührte, breitete sich auf seinem Gesicht aus und verzerrte es zu einer fast schon grotesken Grimasse. Sie hatte Angst, und er konnte es spüren.
Sie presste sich gegen den harten Baumstamm; der Mond, die Sterne und der Wald, alles drehte sich. Die Konturen der Dinge waren verschwommen, nichts hatte mehr Substanz. Ihr Nachthemd klebte an ihrem Körper, getränkt im Schweiß ihrer Panik, ihrer Angst, ihrer Erschöpfung. Das Herz schlug ihr hart in der Brust und sie hörte ihr Blut in den Ohren rauschen. Langsam verlor sich ihre Betäubung und sie spürte ihren Körper wieder und die Schmerzen, die damit verbunden waren. Die Welt hatte sie wieder.
Emily kroch tiefer in das Dickicht, bemüht nicht den geringsten Laut von sich zu geben oder zu verursachen. Langsam und unendlich vorsichtig ließ sie sich nieder und versuchte sich so klein wie möglich zu machen.
Er kam.
Mit einer nie gekannten Sinnesschärfe nahm er alle Eindrücke seiner Umgebung in sich auf. Er konnte spüren, wie das Zittern ihres kleinen Körpers in den Waldboden überging und in kleinen Vibrationen weitergeleitet wurde. Er konnte sie riechen; ihr Körper der immer mehr Duftstoffe ihrer Panik ausstieß und ihren Angstschweiß. Er konnte sie hören. Das dumpfe, kaum vernehmbare Pochen, was war das? Vielleicht ihr Herz.
Er wandte seinen Kopf in ihrer Richtung.
Er konnte sie sehen.
Sie konnte ihr Zittern nicht mehr unterdrücken, und hätte laut aufgeschrieen, wenn sie noch die Kraft dazu gehabt hätte. Mit einem mal fühlte sie sich leer, ausgepumpt. Umsonst, alles war umsonst gewesen. Das erkannte sie in dem Augenblick als er die letzten Äste brach um zu ihr vor zu dringen.
Da lag sie vor ihm. Zitternd, kaum bekleidet, das Haar strähnig im Gesicht und schaute zu ihm auf. Ihr Brustkorb bebte und das Nachthemd war ihr hochgerutscht, so wie sie dalag, mit den Unterarmen und dem Beinen aufgestützt. Ihre zarten weißen Schenkel wirkten fast unnatürlich bleich im fahlen Mondlicht, fast wie die einer Puppe. Er liebte ihre Unschuldigkeit, ihre absolute Machtlosigkeit, in der sie ihm gehorchen musste. Er liebte ihren Körper, der noch weit davon entfernt war, der einer Frau zu sein. Sie war so dünn, so zerbrechlich. So schön.
Langsam, fast wie um den Moment zu genießen ließ er sich auf die Knie herab, zitternd in kaum verhohlener Erregung. Unerträglich langsam schlang er seine Nikotin gelben Finger, die ihr schon so oft weh getan hatten, in einander und Emily hörte seine Gelenke knacken. Eine Geste, der an Deutlichkeit und seiner Entschlossenheit, an dem was ihr bevor stand, dem Unausweichlichen, nichts offen ließ. Fast zärtlich streckte er den Arm aus um ihr eine Haarsträne aus dem Gesicht zu streichen.....und schlug zu.
Ice