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Die Ritterinn Johanna (Teil 6)
Johanna legt den Schwarzen Ritter rein
Johanna lag in einer kleinen Holzfällerhütte zwischen ihren Brüdern und konnte nicht schlafen. Der gestrige Tag war sehr schlimm gewesen. Sie hatte den Schwarzen Ritter verfolgt, weil er ihre Bauern bestohlen hatte, doch statt ihn zu fassen, hatte der Schwarze Ritter sie beinahe mit einem Pfeil getroffen und deswegen war sie mitsamt Morgentau über einen steilen Abhang gestürzt. Dabei hatten sich Johanna und ihr Pferd den Knöchel verstaucht. Zum Glück waren ihre Brüder rechtzeitig gekommen und hatten den Schwarzen Ritter verjagt. Johannas Knöchel schmerzte und sie ärgerte sich, dass gestern alles schief gelaufen war. Wie hatte der Schwarze Ritter es nur geschafft, sie zu überraschen? Das konnte kein Zufall gewesen sein.
Johanna wälzte sich einmal zu Rolf und dann wieder zu Gottfried.
Plötzlich zuckte sie hoch. Sie hatte etwas übersehen: Der Schwarze Ritter hatte keine Beute mehr auf dem Pferd gehabt. Das bedeutete, dass sie in der Nähe seines Verstecks gewesen war. Darum hatte er sie gesehen, darum hatte er ohne sein schwer beladenes Pferd losreiten und ihr auflauern können. Vermutlich war sie zuvor schon in seiner Nähe vorbei geritten und er oder seine Kameraden hatten sie bemerkt. Johanna überlegte weiter.
Sicher wollten sie nicht die ganze Beute auf ihren Streitpferden mitnehmen, sondern hatten dort einen Schlitten versteckt, mit zwei starken Zugpferden. Vermutlich wollten sie im Morgengrauen aufbrechen, um rechtzeitig weg zu sein, falls Johanna und ihre Brüder wieder nach ihnen suchen würden.
„Geiserich, Rolf, Gottfried!“, Johanna rüttelte ihre Brüder wach.
„Der Schwarze Ritter hat sich ganz in der Nähe versteckt. Wir müssen sofort los und ihn suchen. Folgen wir unseren Spuren und sehen uns noch mal genau um. Gestern hat er mich von seinem Versteck aus beobachtet und mir dann aufgelauert. „
„Es ist dunkel, lass mich doch schlafen“, brummte Rolf und drehte ihr den Rücken zu.
„Wie sollen wir denn seine Spuren in der Dunkelheit finden?“, fragte Gottfried und wollte ebenfalls weiterschlafen, doch Johanna rüttelte so lange, bis alle wach waren.
„Wir brechen vor der Morgendämmerung auf und wir werden ganz leise sein. Mit Fackeln können wir unseren Spuren von gestern folgen. Irgendwo in der Nähe ist ihr Versteck.“
Gottfried schlug seine Decke zurück.
„Bist du dir sicher?“
„Ja! Alle Mann aufstehen. Wir rüsten uns und überraschen sie im Schlaf.“
Johanna humpelte zum Holzfäller.
„Ich brauche Fackeln“, flüsterte sie. „Wir brechen auf und holen uns die gestohlenen Vorräte zurück.“
Ihre Brüder und die anderen Männer rieben sich die Augen und begannen sich um die Pferde zu kümmern. Als alles bereit war und Johanna zu Morgentau humpelte, bemerkte sie, dass sie etwas übersehen hatte.
Morgentau würde sie nämlich nicht tragen können. Der Hinterfuß der Stute noch immer dick angeschwollen, genauso wie Johannas Knöchel.
„Knappe, du bleibst hier“, sagte Johanna zu Geiserichs Knappen.
Dieser blickte zu seinem Herrn.
„Moment Mal“, sagte Geiserich. „Das ist mein Knappe. Er hat auf sein Pferd acht gegeben. Warum soll er jetzt da bleiben müssen? Ich brauche jemanden, der mich im Kampf unterstützt.“
„Aber dann müsste ich ja hier zurückbleiben“, meinte Johanna kleinlaut.
„Genau so ist es am besten“, sprach Rolf. „Mit deinem verletzten Bein bist du nur eine Belastung für uns.“
„Aber es war doch meine Idee. Ich möchte dabei sein“, erwiderte Johanna.
Ihre drei Brüder sahen sich an.
„Aber das geht nicht“, sagte Geiserich. „Wir werden dem Schwarzen Ritter und seinen Männern auch ohne dich tüchtig einheizen.“ Damit schwang sich Geiserich mit der Fackel aufs Pferd und trabte los. Hinter ihm folgten Rolf, Gottfried, ihre Knappen und die anderen Ritter.
Johanna starrte den kleiner werdenden Fackeln kurz nach und machte dann die Türe zu.
„Gibt es denn keine Möglichkeit, hier ein Pferd zu bekommen?“, fragte sie den Holzfäller.
„Nein“, schüttelte dieser den Kopf. „Meinen alten Gaul mussten wir letzten Winter selber essen. Wir sind arme Leute und werden bald wieder Hunger leiden.“
„Ach so“, sagte Johanna kleinlaut. „So sollt ihr dann für Eure guten Dienste demnächst ein neues Pferd erhalten.“
Als sich im Osten ein sanfter roter Schimmer der erste Vorbote der Morgenröte zeigte, sagte Johanna:
„Jetzt haben sie hoffentlich das Versteck des Schwarzen Ritters gefunden und schlagen ihn in die Flucht.“
Der Holzfäller begann Feuer zu machen.
„Meine Knochen tun weh“, sagte er, als das Feuer brannte. „Da kommt jede Menge Schnee. Ich spüre es ganz deutlich. Gestern wehte der Westwind. Das gibt wieder so viel Schnee wie letzten Winter. Da konnte ich die Türe nicht mehr öffnen, so hoch lag er. Und niemand konnte irgendwohin gehen oder reiten. Deshalb mussten wir auch unser Pferd schlachten. Ich hoffe nur, dieses Mal bleibt der Schnee nicht zu lange liegen. Wenn ihr eure Vorräte wieder zurückgeholt habt, beeilt euch lieber nach Hause zu kommen. Bald macht der viele Schnee alle Wege unpassierbar.“
Johanna half dem Holzfäller, eine Kräutersuppe zu kochen. Als sie sich gestärkt hatte, zog sie sich an und trat vor die Türe. Es war inzwischen hell und vereinzelt fielen Schneeflocken vom Himmel. Sie humpelte ein Stück den Weg entlang und lauschte, ob sie etwas von ihren Brüdern hörte, doch es blieb alles still. Der Schneefall wurde allmählich dichter und deckte die Spuren der Pferde zu. Da hörte sie endlich ein Horn und dann erschienen ihre Brüder.
Hinter ihnen zogen zwei schwere Pferde einen großen Schlitten vollgepackt mit Vorräten.
„Dem Schwarzen Ritter haben wir es gezeigt“, begrüßte sie Geiserich.
„Das hättest du sehen müssen“, sagte Rolf.
„Zuerst haben sie sich gewehrt, doch wir waren stärker. Sie sind geflohen, doch einen haben wir gefangen genommen. Der wird bald in unserem Kerker schmachten.“
Gottfried deutete auf eine zusammengekauerte Gestalt am Schlitten.
Johanna sah von einem Bruder zum anderen, und musterte dann auch die anderen drei Ritter und die Knappen. Ein Knappe blutete aus einer Wunde an der Wange. Geiserichs linker Arm hing kraftlos herab und Rolf hielt seine Hand auf eine Wunde an der Schulter.
„Er hat sich wohl ordentlich gewehrt. Da hätte etwas mehr Unterstützung nicht geschadet“, sagte Johanna mit Genugtuung. „Aber jetzt beeilt euch. Es wird viel Schnee geben. Wir brechen sofort auf zum Dorf und dann nach Hause.“
Sie holte Morgentau und dann stapften sie gemeinsam los. Johanna machte nur ein paar Schritte und setze sich dann auf den Schlitten.
„Arme Morgentau“, sagte sie. „Du kannst leider nicht auf den Schlitten. Halte bis zum Bauerndorf durch. Dort lasse ich dich ausrasten.“
Dann drehte sie sich zum Gefangenen. Er hatte den Kopf gesenkt und war an Armen und Händen gefesselt.
„Ich möchte bloß wissen, wo die Burg des Schwarzen Ritters liegt“, begann sie. Der Gefangene antwortete nicht.
„Habt Ihr auch einen Namen“, fragte Johanna weiter.
Der Gefangene blickte sie aus den Augenwinkeln an. Quer über seine Stirn erstreckte sich eine blutverkrustet Wunde.
„Ich bin Johanna“, sagte sie. „Es war nicht recht von euch, die Bauern zu überfallen. Und ihr braucht nicht für den Schwarzen Ritter zu leiden. Erzählt mir, wo seine Burg ist und ihr erspart euch den Kerker.“
Der Gefangene blickte wieder weg. Inzwischen schneite es riesige Schneeflocken.
Die Sicht wurde immer schlechter und vorne mussten ihre Brüder anhalten, weil sie nicht sicher waren, welche Abzweigung die Richtige war. Rolf fand ihre alten Spuren wieder und alle ritten weiter.
„Ich bin Georg", sagte der Gefangene schließlich. „Der Schwarze Ritter wird mich nicht im Stich lassen. Er wird euch folgen und mich befreien. Mit eurem schweren Schlitten und dem vielen Schnee schafft ihr es ohnehin nicht mehr bis ins nächste Dorf.“
Johanna hätte ihm dafür am liebsten einen Tritt gegeben, doch dann besann sie sich, dass dies unritterlich gewesen wäre.
Was der Schwarze Ritter jetzt wohl tat? Ob er sich ärgerte oder ob ...
Sie sah wieder zum Gefangenen.
„Ihr glaubt also, der Schwarze Ritter würde euch befreien?“
Er schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Johanna musterte sein Gesicht und versuchte seinen Ausdruck zu deuten.
Natürlich. Er ärgerte sich, weil er ihr verraten hatte, dass der Schwarze Ritter ihnen folgen würde.
Johanna ließ den Schlitten stoppen und humpelte vor zu Geiserich.
„Möglicherweise verfolgt uns der Schwarze Ritter, um sich die Beute wieder holen“, flüsterte sie. „Versteck dich am Wegesrand und überprüfe das. Wenn sie hinter uns her sind, müssen wir etwas tun.“
Geiserich nickte ohne Widerrede, trug aber seinen Knappen auf, sich zu verstecken und zu beobachten, ob der Schwarze Ritter ihnen folgte. Sehr schwer würde das nicht sein, denn der Schneefall war so dicht, dass sie keine zwanzig Meter weit sahen.
Die Pferde kamen immer langsamer voran. Der Schnee reichte ihnen schon beinahe bis zum Bauch. Im Wald war es zwar noch etwas besser, doch der Weg über die vor ihnen liegenden Wiesen würde sehr beschwerlich werden.
Der Knappe blieb lange weg. Sie hatten beinahe den Wald durchquert, als er endlich wieder zu ihnen aufschloss.
Er und sein Pferd keuchten.
„Tatsächlich“, flüsterte er heiser. „Sie folgen uns. Das sind hartnäckige Kerle. Der Schnee ist schon so hoch, dass mein Pferd ein paar Mal stecken blieb. Am besten lauern wir dem Schwarzen Ritter hier auf. Wenn er noch einmal von uns geschlagen wird, gibt er sicher auf.“
Alle blieb stehen, doch Johanna kam das nicht sehr klug vor.
„Hört zu“, sprach sie zu ihren Brüdern. „Der Schwarze Ritter ist im Vorteil. Wir sind langsam und werden bald nicht mehr weiter kommen. Er braucht nur darauf zu warten und uns zu belagern. Bei dem vielen Schnee stecken wir dann alle fest.
Ich habe einen Vorschlag, wie wir ihn für längere Zeit los werden. Das geht so“, begann sie.
Als sie den Vorschlag zu Ende erzählt hatte, protestierten ihre Brüder, doch dann sahen sie ein, wie klug das war.
Der Schwarze Ritter und seine Kumpanen waren schon sehr missmutig. Zwar sahen sie gut die Spuren der Gravensteiner Ritter, doch im hohen Schnee kamen sie selbst auch kaum noch vorwärts.
„Wir brennen das ganze Bauerndorf nieder“, sagte einer.
„Blödsinn“, sagte der Schwarze Ritter. „Wir sind alle vom letzten Kampf verletzt. Wir stehlen den Schlitten und verwischen dieses Mal unsere Spuren besser. Wenn wir nicht schnell sind, kommen wir ohnedies nicht mehr zu unserem Versteck zurück.“
Plötzlich sahen sie etwas Dunkles vor ihnen liegen.
„Was ist denn das?“, sagte einer.
„Da liegt Georg auf dem Weg. Konnte er ihnen am Ende entkommen?“
„Seht, er ist gefesselt, vielleicht ist er vom Schlitten gefallen. Und was liegt neben ihm? Das sieht ja aus wie ein Sack voller Vorräte.“
Ihr Kamerad lag gefesselt mitten auf dem Weg und hatte einen Knebel um den Mund gebunden.
„Befreit mich endlich“, rief er, als ihm der Schwarze Ritter den Knebel entfernt hatte. „Diese tückische Johanna hat mich und den Sack zurückgelassen, damit sie schneller sind und ihr langsamer. Sie lässt euch ausrichten, dass ihr den Sack haben könnt, als Zeichen, dass sie ritterlich ist.“
Der schwarze Ritter sah in den Sack. Da war nicht nur Brot drinnen, sondern auch ein leckeres Stück Speck. Er und seine Kameraden waren schon sehr hungrig. Darum stiegen sie gleich ab und aßen sich satt.
„Warum kehren wir nicht einfach um“, sagte schließlich einer seiner Männer. „Wir haben Speck und einen Sack Brot. Bei dem vielen Schnee kommen wir kaum noch vorwärts und Georg haben wir auch wieder gefunden.“
Der Schwarze Ritter, der jetzt satt und zufrieden war, zögerte noch mit der Antwort. Er hätte natürlich gerne die Vorräte wieder gehabt, aber das würde mühsam werden. Und immerhin hatten sie ja den Speck und den Sack Brot bei sich.
„Morgen gibt es sicher besseres Wetter. Da reiten wir lieber zurück in unser warmes Versteck, als dass wir hier die ganze Nacht frieren“, sagte er schließlich und alle seine Männer waren froh, dass sie umkehren konnten.
Mit Müh und Not schafften sie es, in ihr Versteck zurückzukehren. „Hört denn der Schneefall gar nicht auf“, ärgerte sich der Schwarze Ritter, während sie gemeinsam den Eingang frei schaufelten. Der Schnee lag schon über einen Meter hoch und noch immer fielen unzählige Flocken und deckten alles zu.
Johanna und ihre Brüder waren inzwischen im Bauerndorf angelangt. Der Schnee lag so hoch, dass sie nicht mehr weiterreiten konnten.
Am nächsten Tag schneite es noch immer. Der Schnee reichte bis über die Fenster. Geiserich zwängte sich raus, und begann die Türe frei zu schaufeln.
„So was Dummes auch“, meinte Gottfried. „Jetzt sind wir völlig eingeschneit.“
„Aber das läuft doch alles genau nach Plan“, erwiderte Johanna. „Wir sind hier mit den Vorräten und den Bauern. Wir können hier nicht weg und das stört uns nicht groß, doch der Schwarze Ritter ist inzwischen auch eingeschneit. Nur ist er jetzt weit weg vom Dorf und kann nichts mehr stehlen, bis der Schnee wieder geschmolzen ist. Und das hat uns nicht mehr gekostet, als das Brot, das wir ihm im Kerker ohnehin gegeben hätten.“