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Die Räder drehen sich

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08.08.2002
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Die Räder drehen sich

Auf der Leinwand der Erinnerung zeigen sich bewegte Bilder längst vergangener Tage. Ich finde mich wieder im großen Mohnfeld hinter dem Haus. Zwischen den roten Blüten erforsche ich mit meinen Händen und Lippen den warmen weichen Körper Rachels. Ich gehe über das Feld und fühle das Korn zwischen meinen Fingern, weiß, dass alles gut ist. Ich sehe meinen Jungen im Sonnenlicht über die Wiese laufen. Lachend springt er in den See. Das Wasser spritzt auf. Löst sich aus meinen Augen. Das Sommerlächeln meines Sohnes zerfließt auf meinem Gesicht und ich berge die letzten Spuren meiner Gedankenreise in meinem Hemdsärmel.

Rachel ist tot. Es macht mir Mühe es zu begreifen.
Gemeinsamkeit entweicht durch die Mauerritzen. Ich nehme mich erstmals nach so vielen Jahren als einzelnen Menschen wahr. Das Zimmer ist erfüllt von ihrer Zärtlichkeit. Immer noch. Ich nehme ihre kalten Hände in die meinen. Streichelnd betrachte ich sie. Ist der Zauber noch da? Ihre Sanftheit, ihre Träume, ihr leidenschaftlicher Geist? Wo ist ihre Liebe nun hin? Ist auch sie gestorben? Der Wind heult im Kamin. Ich lege mein Gesicht auf ihre Brust, fühle den groben Stoff auf meiner Haut, spüre ihrem entwichenen Leben nach. Mit zittriger Hand streiche ich vorsichtig eine graue Haarsträhne aus ihrem Gesicht. "Schlaf jetzt mein Mädchen" flüstere ich ihr zu. Ihre braunen Augen, deren sinnliches Funkeln mich oft um den Verstand gebracht hatten, sind glanzlos. Immer noch halte ich ihre eiskalten Hände. Wärmen kann ich sie nicht.

Von der atemlosen Endgültigkeit ihres Fortgehens übermannt, stürze ich hinaus in den verschneiten Garten. Mit tiefen Zügen sauge ich die eisige Luft ein. So als könnte ich dadurch zu ihrem Atem werden. Nie war mir die Landschaft schweigsamer, nie leerer erschienen. Nie habe ich mich so sehr auf mich selbst zurückgeworfen gefühlt wie in diesen Stunden.

Ich hole aus dem Verschlag hinter dem Haus einen Spaten, grabe mich damit durch den hart gefrorenen Boden. Als das Grab tief genug scheint, setze ich mich erschöpft auf die kleine Bank vorm Haus. Verweht vom Eiswind legt sich der Schnee auf den Boden des Erdloches.

Dann betrete ich zum letzten Mal unser Haus. Ich hebe Rachel aus dem Bett und wundere mich wie leicht sie wiegt. An mich gepresst trage ich sie hinaus. Meine inneren Schreie sind nur ein stummes Aufbegehren, bedeutungslos für die Welt. Vorsichtig lasse ich einen großen Teil meines Lebens mit ihr in die schneebedeckte Erde sinken. Ein weißes Daunenbett für ewigen Schlaf. Wie es Brauch ist, verstreue ich graue Mohnkörner und die getrockneten roten Blüten. Sehe zu, wie der Wind beides davonträgt. Dann schiebe ich mit Schaufelhänden die Erde über sie und schichte Steine auf den entstandenen Hügel.

Langsam kriecht die Dämmerung durch das Geäst. Die Bäume zeichnen sich wie schwarze Tuschmalerei vom dunkelblauen Himmel ab. Unser kleines altes Haus ist leer. Der Sohn ist längst seinen eigenen Spuren gefolgt. Die Fenster des Hauses stehen weit offen um Rachels Seele nicht unwissentlich einzusperren. Es scheint als würde das alte Gemäuer aus großen schwarzen Augen in den Wald hinausblicken. Der Frost wird sich nun in ihm einnisten. Dort wo Rachels Zärtlichkeit mein bloßes Existieren in Leben verwandelt hat, werden nun die Waldgeister wohnen. Ein altes jiddisches Lied durchwandert meinen Geist. Vom greisen Mann der mit seinem Wägelchen einsam seinen letzten Weg beschreitet, begleitet nur von Erinnerung. "Die Räder drehen sich ..."

Ein fahler Lichtschein ist im Osten erkennbar. Ich schultere meinen Rucksack. Raben fliegen auf, krächzen vorwurfsvoll. Auf der Bank vorm Haus liegt die alte Geige. Ich hülle sie in billiges Tuch, drücke sie an mich. Wohl um sie vor Nässe zu schützen. Oder bin ich es der Schutz sucht? Wohin? Unsicher wende ich mich dem erwachenden Tageslicht zu. Zurück blicke ich nicht mehr. Habe alles in meinem Herzen. Sind die ersten Schritte noch zögerlich und verhalten, schreiten meine betagten Beine bald weit aus. So als könnte allein die Entfernung meinen Schmerz lindern.

Die weiße Landschaft lässt die Tage alle gleich erscheinen. Stille begleitet mich. Der Weg ist holprig, erfroren unter dem Schnee. Der Himmel über mir ist ohne Ende. Dort wo sich keine Grenzen mehr breit machen, braucht es auch kein Niemandsland. Sie wird glücklich sein an diesem Ort.

Irgendwann dringen Worte an mein Ohr. Ich erkenne etwas abseits vom Weg Menschen die sich um ein kleines Feuer scharen. Einer sieht herüber, bietet mir schwarzen Tee an. Es sind Holzfäller auf dem Weg zu den Nadelwäldern am Talausgang. Ob ich mitfahren wolle. "Ja" sage ich. Bald darauf verlasse ich in einem von Pferden gezogenen Heuwagen den vertrauten Waldboden, verlasse das was war, ohne es zu verlieren.

"Nimm deine Fidel Alter. Komm, spiel uns ein Lied" sagt der, welcher die Zügel in den Händen hält. Ich nehme das Tuch von der Geige, setze sie unter das Kinn. Die Wintersonne durchbricht zaghaft die dichte Wolkendecke und ich spiele. Es sind fröhliche Weisen die der Bogen hervorholt. Ich wirble meine Rachel über den Tanzboden und sie lacht meine Tränen fort, während die Räder sich immer weiterdrehen.

 

Hallo Eva

ich bin immer wieder beeindruckt, wie du so traurige Geschichten mit solch wunderschönen Worten beschreiben kannst.

mit wenigen worten lässt du glasklare Bilder entstehen, die einen nicht so schnell wieder loslassen.

Einfach, wunderschön und traurig.

Heli

ui, einen Fehler hab ich trotzdem gefunden:

schreiten meine betagten Bein bald weit aus

Beine... oder?

 

Hallo schnee.eule!
Ich bin beeindruckt, wie du mit wenigen Wörtern eine solch schöne, traurige Geschichte entstehen lassen kannst.
Eine ruhige, stille Geschichte, die deutliche Bilder im Kopf entstehen lässt. Du hast einen wirklich angenehm zu lesenden und schönen Stil. :)

Fehler sind mir auch keine aufgefallen.

bye und tschö

 

Servus Heli! Servus monnshadow!

Lieben Dank für Eure Antwort. Ich habe mich darüber sehr gefreut. Ihr habt allem voran die Traurigkeit empfunden. Ist es ausschließlich dieses Gefühl das bleibt?

Einen herzlichen Gruß an Euch - Eva

 

hallo schnee.eule

Für mich ist es nicht aussschließlich die Traurigkeit, die bleibt, die Traurigkeit ist nur ein kleiner Teil des großen Lebensrades, das sich immer weiterdreht, so oder so. Also ist es eher die Hoffnung, die für mich als Aussage durchscheint.

Die Sprache ist wie immer bei deinen Geschichten poetisch, ein weißes Daunenbett, in das die Wörter versinken.
Schön, wie du den Kontrast des Rot und Weiß zum Schluss auflöst, als er Blüten auf das Grab
streut.

Sehe hilflos zu, wie der Wind beides davonträgt

Hier finde ich das "hilflos" nicht nötig, für mich drückt die Geschichte eher aus, dass die Vergangenheit im Fahrtwind des Lebens aufgeht, um bei deinem Bild zu bleiben.

Noch ein paar Details:
Wie große schwarze Augen blickt das alte Gemäuer in den Wald hinaus

Das Gemäuer kann hier nur Gesicht sein, die Augen sind ja die Fenster, denke ich.

Heftig übermannt mich die atemlose Endgültigkeit ihres Fortgehens.

Hier finde ich das "heftig" überflüssig, "übermannen" beinhaltet das für mich bereits.

Liebe Grüße
wolkenkind

 

Servus Wolkenkind!

Herzlichen Dank für deine Kritik. Ich wehre mich an sich immer gegen Veränderungen in meinen Texten. Aber die absolute Richtigkeit deiner Einwände zeigt mir, wie sehr du dich auf die Aussage der Geschichte einlassen konntest. Vor allem die Hilflosigkeit stand im Gegensatz zum Annehmen des Lebens. Die Fensteraugen sind durch einen eingeschobenen Satz irrtümlich auf das Gemäuer übergegangen und inzwischen wieder richtig eingefügt worden. Eine sehr große Freude machst du mir, mit der einfühlsamen Betrachtung des Zusammenführens der roten Blüten mit dem weißen Schnee.

Lieben Gruß an dich - Eva

 

Hallo Schnee.eule,
kann mich meinen Vorgängern nur anschliessen. Wunderschöner Text mit absolut schönen Formulierungen.
Sicher ist der Text auf der einen Seite sehr traurig, denn hier verliert jemand seinen geliebten Partner, aber die Räder drehen sich weiter und so wird auch das Leben für den alten Mann weitergehen und die Zeit seinen Kummer heilen.
Die schwarzen Mohnkörner und getrockneten Blüten, die der Alte auf das Grab streut, woher stammt dieser Brauch? Gibt es den wirklich?

Alles Liebe
Blanca

 

Liebe Eva!

Eine wunderschöne, einfach und sehr stimmungsvolle Geschichte von Dir. Der Schmerz, den der Prot empfindet, aber auf der anderen Seite auch der Neuaufbruch, all das kommt bei mir als Lesern sehr gut an. Zahlreiche liebvolle Details schilderst Du, der Schnee, der Mohn, die alte Geige.
"Meine inneren Schreie sind nur ein stummes Aufbegehren, bedeutungslos für die Welt" - das ist für mich einer der wichtigsten Sätze, einer von denen, über die ich ieder länger nachdenken werde. Der Schmerz des einzelnen, den die anderen oft nciht wahrnehemn, der für den Lauf der Welt unwichtig sit, und dennoch für den einzelnen, die Welt verändern kann.

ein ganz toller, sensibler und leichter Text.

alles Liebe
Anne

 

Servus Blanca!

Lieben Dank für das Lesen und Kommentieren meiner Geschichte. Vielleicht wird die Zeit den Schmerz dieses alten Menschen nicht mehr heilen, aber annehmen wird er können was ist, weil er sich dem Leben zuwendet, weil er zulässt, dass die Räder sich weiterdrehen.

Den Brauch, Mohnkörner über das Grab zu verstreuen ist aus dem böhmischen Grenzland des Waldviertels bekannt. Die roten Blüten habe ich hinzugefügt weil sie in meiner Geschichte für die Lebendigkeit einstehen.

Lieben Gruß an dich - Eva


Servus Maus!

Danke Anne, es ist schön, wenn du einen Gedanken mitnimmst aus diesem Text. Wenn jemand großen Schmerz erfährt, scheint es ihm oft unbegreiflich, dass die Welt davon völlig unbeeindruckt bleibt, sich ungehindert weiterdreht als wäre nichts geschehen. Und dennoch ist es so.

Einen lieben Gruß an dich - Eva

 

Hallo schnee.eule,

viel Trauerarbeit beschreibst Du in Deiner Geschichte, hier wird nicht deligiert, sondern sich dem Leid gestellt.
Schön beschreibst Du, wie ein Schlußstrich gezogen wird, ein Neuanfang gewagt und das Leid in eine neue Dynamik umgewandelt wird. Der Protagonist kann schließlich sagen: „Ich wirble meine Rachel über den Tanzboden und sie lacht meine Tränen fort, während“ (oder weil?) „die Räder sich immer weiter drehen.“

Bei der folgenden Aussage sehe ich auch einen ganz anderen Aspekt, als den bisher genannten:
„Meine inneren Schreie sind nur ein stummes Aufbegehren, bedeutungslos für die Welt“ - und trotzdem ist gerade die Universalität des Leids über Generationen und innerhalb einer Generation eine der bedeutensten Bindungen der Menschheit.

Tschüß... Woltochinon

 

Servus Woltochinon!

Lieben Dank für deinen weiterführenden Beitrag zu dieser Geschichte. Ich bin nicht ganz sicher ob ich deinen Denkansatz richtig interpretiere. Wenn du meinst, dass Menschen, solange sie im Leid gefangen sind, auch an den Schmerz auslösenden Faktor gebunden sind, dann gebe ich dir schon recht. Was natürlich jedes intensive Gefühl betrifft, besonders auch Hass oder Schuld etc. Ich denke, dass du in diese Richtung denkst da du ja von Generationen sprichst?

Lieben Gruß an dich - Eva

 

Hallo schnee.eule,

ja, genau darum geht es mir. Natürlich wäre es schöner, wenn das `Alle Menschen werden (eigentlich: sind) Brüder´ sich über angenehme Gemeinsamkeiten definieren würde. `Frauen für den Frieden´ haben den Ansatz der Gemeinsamkeit durch das universelle Erlebnis `Leid´ verfolgt, leider nur mit partiellem Erfolg.

Liebe Grüße,

tschüß... Woltochinon

 

Servus Woltochinon!

Alles klar, verstehe ich gut. Hier, in dieser Geschichte, ist es aber der einzelne Mensch der empfindet. Es ist sein kleiner eigener Schmerz der seine innere Welt in Unordnung bringt, der Kreislauf außerhalb bleibt davon unberührt.

Herzlichen Gruß - Eva

 

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