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Die Nutte ist fertig

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02.11.2001
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Die Nutte ist fertig

Die Motorsäge frisst sich durch das Holzstück. Ein Raubtier. Spitze, geölte Zähne, auf einer Kette aufgefädelt. Eine Kettensäge.
Ein starker Scheinwerfer beleuchtet die Werkstatt im Keller. Das Lindenholz ist in einzelnen Schichten zusammengeleimt, der Block längst trocken. Gut bearbeitbar.
In seinen Haaren Sägespäne. In der Wolle des Pullovers hängen sie. Wenn er nach der Arbeit aus den Schuhen schlüpft, hat er sie auf den Socken, wird er sie im Gehen überall im Haus verteilen.
Die neue Serie. Er hat zögernd begonnen. Er saß davor, hatte nichts im Kopf. Er musste alles neu ordnen. Jetzt geht es. Der erste Schnitt, der nächste dann. Er merkt nichts vom Regen am Drahtglas der Fenster. Auf den Wänden des Raumes sind die Schatten seiner Arme, das Schwert der Säge. Schatten haben keine Töne. Das Licht tanzt um die Schatten. Die Wände dehnen sich, spielen mit dem Licht.
Er arbeitet nicht schnell. Es braucht Zeit. Das mit der Bildhauerei. Er glaubt zu wissen, was er und wie er was aus dem Holz schneiden, hauen muss. Es soll anders sein als all das, das es schon gibt in den Galerien. Ist der Mensch tatsächlich das Ebenbild Gottes? Nein, dachte er. Ich will bei der Wahrheit bleiben. Keine langen Beine, schmale Hüften. Anders. Ganz anders. Gezüchtigte Gesäße, geschundene Arme, verkrümmte Rücken, geformt von einem Leben, das viele nicht mehr mit sich herumtragen können.
Der Mensch ist nicht schön. Die meisten nicht. Eine Spinne ist schön, die Ratte, wenn sie den Kanalschacht hochkriecht. Eine Viper beim Speien ihres Giftes auch. Das sabbernde Maul eines Krüppels ist schön, wenn er um Brot bettelt vor der Hässlichkeit eines Juwelierladens. Die Augen eines Blinden sind schön. Sie sind unbelastet von all dem Dreck, der durch die Straßen taumelt. Nicht die Muskelpartien der Zehnkämpfer haben es. Das sind nicht wir, dachte er. Bierbäuche, fette Rücken, Halswülste und Finger, klebrig und dick wie Würste, so sehen wir aus. Verschwollene Fratzen, darin der Hass in einem Meer von Falten eingebrannt, das Blut der Gier gestaut in den Augen, so treiben wir an den Rand der Platte, die wir uns immer noch als elliptische Kugel vorzustellen versuchen.
Keine Galerie wird das wollen, so wahr ist es.
Sie werden sagen, dass kein Interesse da ist. Sie werden versuchen ihn loszuwerden. In ihren Schurwollanzügen werden sie vor ihm stehen, mit ersten Blicken schon zur Türe weisen. Wer soll das kaufen, werden sie fragen. Den Kretin aus Birke für die Manageretage? Die Frau mit den ausgezehrten Brüsten für den Massagesalon? Den Blinden aus Ahorn als Wohnzimmerdekoration? Wie stellen Sie sich das vor, werden sie in ihre parfümierten Krägen hüsteln.

Er macht weiter. Wer würde es sonst tun? Es ist so, wie es ist. Ich kann nicht damit aufhören, denkt er. Es ist die Wahrheit. Die Flacheisen, die Hohleisen, graben, schürfen, schlagen. Leben entsteht. Das Schleifpapier rundet ab. Gibt den letzten Schliff. Die Politur danach. Wie gut das Holz riecht.
Die Nutte ist fertig.
Ihr Mund ist offen. Der Schrei darin noch nicht geschrieen. Nur Augenhöhlen hat sie. Keine Augäpfel, keine Tränen. Kein Licht. Leere. Sie hat alles gesehen. Immer wieder die Hölle in den immer wiederkehrenden Nächten einer Peinlichkeit, die wirklicher nicht sein konnte. Beine, gespreizt, gleich den Flügeln einer Motte, angewinkelt und schon tot. Zu nahe ans Licht geraten. Das Geschlecht groß, weit, wie von Fäusten bearbeitet. Weißes Fleisch. Lindenholz. Keine Hände, Arme. Keine Abwehr. Nur Brüste, riesig. Kürbisse. Männerwahn, ja. Noch größer, noch fester. Hingreifen, zupacken.

Es mussten Stunden vergangen sein. Das Dunkel vor dem Haus ist wie eine Wand. Ein paar Sterne, die ihr Glitzern wagen.
Niemand wird sie kaufen. So nicht.
Sie wird mit toten Augen in die Ewigkeit starren, dort den Kretin sehen, den Blinden, der Viper beim Speien helfen.
Es wird weitergehen. Nichts wird sich ändern.
Er schläft bald. Er ist müde.
Morgen muss er den Christus beginnen.
Kastanie.
Ein Auftrag.
Eine Lüge das alles.

 

Hi Aqualung,
die Geschichte hat mir gut gefallen. Der Stil ist für mich etwas anstrengend zu lesen, fast nur abgehackte Sätze, die zwar dazu passen aber dennoch wirkt es für meinen Gschmack ein wenig zu hektisch - aber wie gesagt, das ist Ansichtssache.
Die Idee ist toll, absolut schonungslose, naturalistische Darstellung. So etwas ist viel besser als eine Story über langweilige Verklärung, finde ich. Ich konnte mir den Protagonisten gut bei seiner Arbeit vorstellen.
Das als erster Eindruck.

Ginny

 

P.S.: Gerade in der Weihnachtszeit ist so etwas quasi eine angenhme "andere" Darstellung.
Mein Vater ist Bildhauer und Steinmetz und stellt in seinem Grabmalebetrieb jedes Jahr eine lebensgroße Krippe aus, mit selbstgeschnitzten Figuren. Und obwohl er sicher nicht streng religiös ist, geht er doch, hm, als echter Urbayer da ganz anders ran als Dein Protagonist. ;-)
So eine Geschichte wie hier habe ich noch nie gelesen, immer nur wie der Bildhauer mit viel Liebe und Überzeugung zu seinem Werk und was es darstellt arbeitet. Deswegen ist es eine wohltuende Abwechslung.
Und das sage ich als überzeugte, hm, Christin. ;-)

 

Hallo Aqualung!

Schonungslose, harte Darstellung der Realität. Sich ausleben, etwas ausleben, von dem man aber gleichzeitig weiß, dass es niemand beachten wird. Er schafft Leben. Diese Darstellungen der Wirklichkeit, "die Serie", sie scheint mir etwas zu sein, was den Mann erst am Leben erhält. Davon bekommt er zwar kein Geld, aber von den Auftragsarbeiten könnte er, glaube ich, trotzdem nicht lben, so wie Du die Arbeit schilderst. Deine Art zu schreiben passt auch hier wieder wunderbar zum Inhalt; keine schnörkel, irgendwie spröde,wie roh behauenes Holz...wunderbar gelungen auch die Vergleiche, das Umkehren von schön/hässlich, von Schein und Wirklichkeit.

In meinen Augen ein toller Text, Aqua, toll umgesetzt.

Schöne Grüße, Anne :)

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Aqua,
die Werke eines Künstler, geschrieben und beschrieben von Einem.
Beide tun das worauf sie Bock haben.
Beide setzen sich, oder besser...nähern sich Grenzen
Lest es, oder lasst es, seht es euch an, oder schaut weg!

Super! Weg von Normen, heisst nicht unbedingt weg von Werten.

Allerdings er muss auch leben, um das hier zu schaffen, also Aufträge annehmen, vielleicht ja nicht für immer!

Super Aqualung

(Der Stil ist nicht ganz einfach, aber okay)

 

eine grausame bilder-geschichte.....sehr gut rübergebracht.....das schlechte gefühl...das den spiegel hält..der realität vorrang vor dem bilder der werber, filme und hoffnungen der menschen....die frustration des protagonisten..

gefällt mir sehr gut die geschichte...weil mir das dargestellte..so wenig gefällt..

grüße, figaroo

 

hi aqualung,
keine leichte kost. hier hast du auf harmonie verzichtet, indem du parataktisch, also mit hauptsächlich kurzen sätzen, geschrieben hast.
die leserwelt wird sich spalten, vermute ich.
deine geschichte trifft leider nicht meinen persönlichen geschmack (das war auch sicherlich nicht deine intention *grins*).
es will nicht heissen, dass ich deine geschichte für misslungen halte, es heisst viel mehr, dass ich es nicht beurteilen kann. *sorry* :)
bye
barde

 

Hallo, alle miteinander, die ihr die Geschichte gelesen habt.
Danke euch sehr für die Kritik.

Ginny-Rose,
ich hab versucht, Schein und Sein zu trennen. Gerade die Bildhauerei lässt so etwas zu. Dein Vater hat einen schönen Beruf. Wenn ich nochmal beginnen könnte, würde ich Bildhauer oder Steinmetz werden wollen.

Maus,
ja, die schonungslose Darstellung der Realität. Wieviele Menschen haben Angst davor? Die Werbung gaukelt uns den perfekten Menschen vor. Ich denke, den gibt es nicht. Muss es auch nicht, doch zu wenige erkennen das. Der Geruch von Holz ist einzigartig, hm?

Arche,
deine Worte machen Freude. Weg von Normen heißt hin zu Werten. Wenn der Wert nicht in einer Uniformiertheit gesehen wird, wird er früher oder später in der Wahrheit erkannt werden. Wahr ist, dass 80% der Menschen Übergewicht haben. Wahr ist, dass es in Bombay knapp 400.000 Prostituierte gibt. Keine macht das zum Spaß.

Streicher,
der letzte Satz deiner Kritik hat mich besonders gefreut. So soll es sein. Wenn ich das weiterhin erreichen kann, macht meine Schreiberei Sinn.

Barde,
der Verzicht auf Harmonie stimmt nicht ganz. Die schönen Beispiele, wie die Spinne, die Viper, sind doch sehr harmonisch beschrieben. Aber klar, es gibt sicher viele unterschiedliche Annäherungen an diesen Text. Er soll ganz einfach nachdenklich machen.

Liebe Grüße an euch fünf - Aqualung

 

Hallo Aqualung,

eigentlich ist schon alles gesagt worden, daher möchte ich mich schlicht den Vorkritikern anschließen.
Deine nachdenkliche Geschichte hat mir gefallen.

Einen Eindruck, den du damit vermittelst möchte ich jedoch noch erwähnen: dein Protagonist wirkt auf mich so als sei es für ihn auch eine Art Befreiung all diese realen Häßlichkeiten sichtbar zu machen. So als könne er nur noch mit schmerzhaften Augen hinsehen und als sei mit der Herstellung und Fertigstellung solch einer Figur der Bann der Schmerzlichkeit gebrochen.

Besonders lieben Gruß aus HH schick

Elvira

 

Ja, Elvira,

Befreiung und Schmerzlichkeit. Schöne Worte und vor allem treffend. Wenn ich der Protagonist wäre, würde ich einen Kapitän eines Öltankers aus dem Holz hauen, der sein Schiff auf ein Riff auflaufen lässt. Seine Fratze, seinen ungläubigen Blick, was denn so alles passieren kann im Suff. So ist der Mensch. Auch schön, hmm? Fiel mir irgendwie aus gegebenem Anlass ein.

Danke für deine Kritik.

Liebe Grüße an dich und dein Hamburg - Aqua

 

Hallo Aqualung,
harte, ehrliche Story. Ich finde, gerade die kurzen Sätze unterstreichen die Aussage. Ich lese Zynismus zwischen den Zeilen und Ehrlichkeit, weil so die Welt erscheint. Zumindest für die Meisten unter uns.
Bewundernswerter Einfallsreichtum, echt.
************Merlinwolf************

 

Hallo Merlinwolf,

schön, wieder von dir zu hören. Danke für die Kritik.
Ja, Zynismus und Ehrlichkeit hängen da irgendwie zusammen. Freu mich schon, wieder was von dir lesen zu können.

Bis dann und liebe Grüße - Aqua

 

Genial! Endlich mal eine Kurzgeschichte, die einen STil konsequent durchzieht und sich nicht davor schämt, dem Leser die Augen aufzureißen! Die Gegenüberstellung, die Symbole, ...toll. Vom Stil her, sehe ich für mich endlich eine Kurzgeschichte, die eine traditonelle Form wieder aufgegriffen hat, die wahre Kurzgeschichten wirklich kennzeichnen. Die Story inside the Story. Die abgehackten Sätze finde ich gut. Das soll sich in die Gedanken er Leser einhämmern und nicht einfach so vorbei laufen.
My favourite!
bye
Daigoro

 

Das meiste wurde schon gesagt. Kurz, bündig und echt!!
Mir gefällt der Schreibstil. Danke

 

Hallo Daigoro, hallo Tearzzz,

ich möchte mich bei euch beiden ganz herzlich für die Kritik bedanken. Als Antwort auf diese Geschichte bekam ich ganz schön viel Schulterklopfen ab.
Das tut gut und bestärkt.
Bleibt mir gewogen.

Liebe Grüße - Aqua

 

*Schulterklopf*
*Sich-den-anderen-Anschließ*
*Lob*

Anllerdings finde ich, dass diese Geschichte ziemlich deutlich in "Gesellschaft" gehört. Das du eine sozialkritische Intention hast, liest man ja auch deutlich in deinen Antworten- weg von Normen, hin zu Werten...

Grüße
All-Apologies

 

Hallo Aqua!

Ein gelungener Text, der auch literarische Qualtität besitzt.
(Und trotz seiner Kürze, sagt er einiges aus - was m.E. eine hohe Kunst ist...)

@all-apologies: Danke, dass du die Geschichte wieder "ausgegraben" hast - sie wäre mir sonst vielleicht entgangen...


Liebe Grüße,
Wolf

 

Keine "schöne" Geschichte - aber eine verdammt gute!!! Spätestens jener Satz hat mich überzeugt:

"Gezüchtigte Gesäße, geschundene Arme, verkrümmte Rücken, geformt von einem Leben, das viele nicht mehr mit sich herumtragen können."

Sprachlich wirklich sehr gelungen - kriecht unter die Haut, macht hübsche hässliche Blasen in die sonst so schöne Oberfläche der "Kunst". Eine grosse kleine Geschichte, so wohltuend und lyrisch wie eine sanft geschwungene Faust mitten ins Gesicht! :D

Alle verfügbaren Daumen hoch von
Horni

 
Zuletzt bearbeitet:

@Horni-
Mich hat ja schon das wundervoll doppeldeutige "Die Nutte ist fertig" überzeugt gehabt... Horni, auf die Gefahr hin, dass ich jetzt schleimisch werde: Schon allein der Name "Aqualung" ist eine ziemlich sichere Garantie dafür, dass die Geschichte klasse ist.

@kleiner Wolf- np :D
Folge mal "Schnuffelchens" Spur, schnuffi hat auch eine gute Nase, hat mich zum Beispiel zu einer wundervollen Geschichte von, *schleim*, Horni gebracht!

All-Apologies

 

*ausrutsch* Puh, ist das glitschig hier... :D

@apologies: Simmer feddich? Ich denke, das war jetzt genug :huldig: in alle Richtungen. Sonst schmeissen die uns hier noch raus... :lol:
PS: Ich glaub, schnuffelsche ist eine sie...

@aqua: Was mir doch jetzt so an Frage wieder in den Sinn kommt, wo apologies grad vom Titel redet: Ist die Nutte einfach nur eine Nutte an sich, die sich so ergeben hat, oder hab ich das richtig verstanden und der ursprüngliche Auftrag war tatsächlich eine Marienstatue???

 

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