Die Nutte ist fertig
Die Motorsäge frisst sich durch das Holzstück. Ein Raubtier. Spitze, geölte Zähne, auf einer Kette aufgefädelt. Eine Kettensäge.
Ein starker Scheinwerfer beleuchtet die Werkstatt im Keller. Das Lindenholz ist in einzelnen Schichten zusammengeleimt, der Block längst trocken. Gut bearbeitbar.
In seinen Haaren Sägespäne. In der Wolle des Pullovers hängen sie. Wenn er nach der Arbeit aus den Schuhen schlüpft, hat er sie auf den Socken, wird er sie im Gehen überall im Haus verteilen.
Die neue Serie. Er hat zögernd begonnen. Er saß davor, hatte nichts im Kopf. Er musste alles neu ordnen. Jetzt geht es. Der erste Schnitt, der nächste dann. Er merkt nichts vom Regen am Drahtglas der Fenster. Auf den Wänden des Raumes sind die Schatten seiner Arme, das Schwert der Säge. Schatten haben keine Töne. Das Licht tanzt um die Schatten. Die Wände dehnen sich, spielen mit dem Licht.
Er arbeitet nicht schnell. Es braucht Zeit. Das mit der Bildhauerei. Er glaubt zu wissen, was er und wie er was aus dem Holz schneiden, hauen muss. Es soll anders sein als all das, das es schon gibt in den Galerien. Ist der Mensch tatsächlich das Ebenbild Gottes? Nein, dachte er. Ich will bei der Wahrheit bleiben. Keine langen Beine, schmale Hüften. Anders. Ganz anders. Gezüchtigte Gesäße, geschundene Arme, verkrümmte Rücken, geformt von einem Leben, das viele nicht mehr mit sich herumtragen können.
Der Mensch ist nicht schön. Die meisten nicht. Eine Spinne ist schön, die Ratte, wenn sie den Kanalschacht hochkriecht. Eine Viper beim Speien ihres Giftes auch. Das sabbernde Maul eines Krüppels ist schön, wenn er um Brot bettelt vor der Hässlichkeit eines Juwelierladens. Die Augen eines Blinden sind schön. Sie sind unbelastet von all dem Dreck, der durch die Straßen taumelt. Nicht die Muskelpartien der Zehnkämpfer haben es. Das sind nicht wir, dachte er. Bierbäuche, fette Rücken, Halswülste und Finger, klebrig und dick wie Würste, so sehen wir aus. Verschwollene Fratzen, darin der Hass in einem Meer von Falten eingebrannt, das Blut der Gier gestaut in den Augen, so treiben wir an den Rand der Platte, die wir uns immer noch als elliptische Kugel vorzustellen versuchen.
Keine Galerie wird das wollen, so wahr ist es.
Sie werden sagen, dass kein Interesse da ist. Sie werden versuchen ihn loszuwerden. In ihren Schurwollanzügen werden sie vor ihm stehen, mit ersten Blicken schon zur Türe weisen. Wer soll das kaufen, werden sie fragen. Den Kretin aus Birke für die Manageretage? Die Frau mit den ausgezehrten Brüsten für den Massagesalon? Den Blinden aus Ahorn als Wohnzimmerdekoration? Wie stellen Sie sich das vor, werden sie in ihre parfümierten Krägen hüsteln.
Er macht weiter. Wer würde es sonst tun? Es ist so, wie es ist. Ich kann nicht damit aufhören, denkt er. Es ist die Wahrheit. Die Flacheisen, die Hohleisen, graben, schürfen, schlagen. Leben entsteht. Das Schleifpapier rundet ab. Gibt den letzten Schliff. Die Politur danach. Wie gut das Holz riecht.
Die Nutte ist fertig.
Ihr Mund ist offen. Der Schrei darin noch nicht geschrieen. Nur Augenhöhlen hat sie. Keine Augäpfel, keine Tränen. Kein Licht. Leere. Sie hat alles gesehen. Immer wieder die Hölle in den immer wiederkehrenden Nächten einer Peinlichkeit, die wirklicher nicht sein konnte. Beine, gespreizt, gleich den Flügeln einer Motte, angewinkelt und schon tot. Zu nahe ans Licht geraten. Das Geschlecht groß, weit, wie von Fäusten bearbeitet. Weißes Fleisch. Lindenholz. Keine Hände, Arme. Keine Abwehr. Nur Brüste, riesig. Kürbisse. Männerwahn, ja. Noch größer, noch fester. Hingreifen, zupacken.
Es mussten Stunden vergangen sein. Das Dunkel vor dem Haus ist wie eine Wand. Ein paar Sterne, die ihr Glitzern wagen.
Niemand wird sie kaufen. So nicht.
Sie wird mit toten Augen in die Ewigkeit starren, dort den Kretin sehen, den Blinden, der Viper beim Speien helfen.
Es wird weitergehen. Nichts wird sich ändern.
Er schläft bald. Er ist müde.
Morgen muss er den Christus beginnen.
Kastanie.
Ein Auftrag.
Eine Lüge das alles.