Die Masche
Als ich zum Beispiel am Bahnhof vorbeikomme, steht da dieser Typ und ich reiße meinen Arm hoch und mache diesen Metal-Gruß, bei dem man den Daumen, Zeige- und den kleinen Finger abspreizt und brülle ihm ins Gesicht: „Up the Irons!“ Der Kerl glotzt mich nur blöd an und ihm fällt fast die Zigarette aus dem Mund.
Eigentlich höre ich keinen Metal - aber auf der Uni hatte ich diesen Mitbewohner, der ein riesiger Iron Maiden-Fan war und wenn ich in unsere Wohnung kam oder ihn sonst irgendwo traf, rief er meist: „Up the Irons!“ Und dabei hat er dieses Zeichen gemacht.
Warum ich das jetzt diesem Typen zurufe?
Ganz einfach: Der Kerl trägt ein T-Shirt mit dem Schriftzug Iron Maiden, darunter steht: The Number of the Beast. In so blutroter Schrift.
Ich meine, na gut: Das Shirt ist schon alt. Das Schwarz ist nicht mehr richtig schwarz, das Motiv am Verblassen und der Kragen sieht angefressen aus. Ja, vielleicht ist der Typ schon lange kein Maiden-Fan mehr. Oder nie einer gewesen ist. Vielleicht hat er das Hemd nur von seinem Vater geerbt. Oder auf dem Flohmarkt gekauft, weil er die Optik mochte. Oder er kam irgendwann aus dem Fitness-Center nach Hause, hat seine Tasche aufgemacht und darin ein Shirt gefunden, das ihm nicht gehörte und jetzt hat er es gelegentlich an, wenn alles andere in der Wäsche ist. Zugegeben: Das alles sind mögliche Welten.
Aber bitte: Dann soll er das Teil nicht tragen. Oder zumindest damit rechnen, dass ich drauf reagiere. Und mich nicht so dämlich anglotzen.
Ich nehme T-Shirts beim Wort. Das ist so, kurz gesagt, meine Masche.
Da steckt keine Weltanschauung hinter. Das ist keine Kapitalismuskritik oder so, erst recht keine Aktionskunst und ich mache das garantiert nicht, um irgendwie „interessant“ zu erscheinen. Als Person bin ich nicht besonders interessant, da mache ich mir nichts vor.
Das Ganze fing einfach an, an einem erstaunlich schwülen Abend im Frühling. Ich war damals gerade fünfzehn Jahre alt, ich saß in der U-Bahn, wusste nicht recht, ob es die richtige war und war allgemein ziemlich desorientiert, weil ich komplett betrunken war. Der erste Rausch meines Lebens und ich fühlte mich ziemlich überfordert damit.
Ich war auf dem Weg nach Hause von einem Konzert - wobei „Konzert“ vielleicht etwas zu viel gesagt ist. Mein bester Kumpel aus der Schule spielte seit ein paar Monaten in einer Band und an diesem Abend hatten sie ihren ersten Auftritt gehabt. Es war ziemlich furchtbar. Ich stand etwa vierzig Minuten in einer qualmigen, dunklen Halle und direkt neben meinem Kopf stand eine Box, aus der unentwirrbarer Lärm drang. Das Geschrammel und Gegröle machte mich zuerst taub und dann zunehmend depressiv. Ich trank zwei Pappbecher mit Cola und Jägermeister drin und als der Auftritt fast vorbei war, musste ich raus. Plötzlich wollte ich nichts weniger, als mit meinem Kumpel über den Auftritt oder über sonst irgendwas zu reden. Außerdem musste ich kotzen.
Ich spuckte also eine braune Flüssigkeit und den Rest einer Tiefkühlpizza hinter die Halle und stieg in die nächstbeste Bahn.
Als mein Hintern das Sitzpolster berührte und die Bahn losruckte, war meine Stimmung ganz unten angekommen. Warum musste ich die halbe Stadt durchqueren, um mir die Gehörgänge ruinieren zu lassen? Warum hatte ich diesen widerlichen Müll getrunken? Warum verschwendete mein bester Freund so viele Stunden für diese Art von „Musik“, statt mit mir Zeit zu verbringen? Warum saß ich hier in einem nach Pisse stinkenden U-Bahn-Abteil? Warum war ich im Sportunterricht der Schlechteste? Warum musste ich mit Typen rumhängen, mit denen ich nichts gemeinsam hatte? Warum ...
So ging das immer weiter. Die Fragen liefen durch mein Gehirn wie auf irgendeinem beschissenen News-Ticker. Immer die gleichen Fragen und keine einzige Antwort.
Da sah ich den Typen. Er saß mit gegenüber, war vielleicht Mitte zwanzig, hatte einen Kinnbart und einen blonden Pferdeschwanz. Er hatte dieses mintgrüne T-Shirt an und darauf stand in weißer Schrift: California Surf Championship 1988 - Ride the Waves.
Und das - dieser Satz auf diesem T-Shirt von diesem Typen, den ich noch nie gesehen hatte - ergab einfach - unleugbar und ultimativ - überhaupt keinen Sinn.
Ich sagte: „He, du warst bei einer Surfweltmeisterschaft dabei? Ich wollte immer mal surfen. Oder nach Kalifornien. Echt cool!“
Der Typ guckte mich mit großen Augen an, als sei ich vollkommen irre. Ich lächelte. Und plötzlich - zumindest für den Moment - fühlte ich mich ein klein wenig besser.
Ich wusste natürlich, dass der Kerl in der U-Bahn nie bei einer Surfweltmeisterschaft in Kalifornien gewesen ist. Ich bin kein Idiot. Vermutlich gab es 1988 gar keine Surfweltmeisterschaft in Kalifornien und vermutlich hat der Typ gar nicht gewusst, was auf seinem T-Shirt steht. Aber darum geht es ja gerade. Gewissermaßen.
Der Typ hat das Shirt halt in irgendeinem Laden gekauft, für zehn Mark vielleicht. Weil ihm die Farben gefielen oder weil er sie nicht allzu beschissen fand. Bei einem Shirt für zehn Mark müssen einem die Farben nicht unbedingt gefallen.
Was einer auf seinem Shirt zu stehen hat, ist buchstäblich Zufall. Das kann man nicht verstehen. Aber ich versuche es trotzdem. Und darum geht es hier.
Teilweise bin ich recht gut gefahren mit dem Shirt-Ding. Es hat unter anderem dazu geführt, dass ich das erste Mal die Brust einer Frau berührt habe. Da war ich frisch an der Uni.
Es war die Party von irgendeinem Kerl, den ich nicht kannte, ich war nur dort, weil der Maiden-Fan, den ich schon erwähnt habe, mich mitgeschleppt hatte. Damals wohnten wir noch nicht zusammen. Aber ich kannte ihn von so einer lahmen Begrüßungsfeier, mit der die Uni die Erstsemester malträtierte.
Dass ich auf dieser Party war, war also Zufall und was soll ich sagen - die Party war auch ziemlich lahm. Es war auch Zufall, dass ich da mit diesem Mädel zusammen auf der Couch saß und quatschte, denn sie sah deutlich besser aus als die Mädels, die sonst so mit mir quatschen. Eigentlich sah sie aus wie eine dieser Cheerleader-Schlampen aus diesen amerikanischen College-Filmen. Das fand ich zumindest witzig.
Ich sah aber ziemlich schnell, dass das Ganze nirgendwo hinführte. Sie redete ja nur mit mir, weil der allgemeine Lahmheitsgrad der Party meine persönliche Lahmheit vorübergehend überdeckt hatte. Aber jetzt sagte sie schon immer weniger, hörte mir kaum noch zu und sah sich um, ob nicht sonst irgendwer da wäre, an den sie sich ranhängen könnte. Die Sache begann mich mehr und mehr zu deprimieren.
Aber da geschah es: Ohne es wahrscheinlich zu merken, sich immer noch nach besserer Gesellschaft umschauend, öffnete sie langsam den Reißverschluss dieses Sweaters, den sie die ganze Zeit trug.
Was genau auf ihrem T-Shirt stand, weiß ich nicht mehr. Meine Erinnerung an den Abend ist ziemlich verschwommen. Aber ich kann sicher sagen: Es war was Versautes. Nichts Zweideutiges - das hätte mir nicht gereicht - sondern was eindeutig Versautes. Eine Aufforderung.
Das war die Situation: Ich fühlte mich schlecht und die Sache hier war de facto vorbei. Ich hatte nichts zu verlieren. Ich war sehr betrunken. Sie hatte recht schöne Titten. Und jetzt noch das T-Shirt.
Ich griff also zu.
Sie hat mir voll eine verpasst. Natürlich. Allerdings nicht wie im Film, nicht so eine Cheerleader-Schlampen-Ohrfeige mit der flachen Hand. Sondern mit der geschlossene Faust.
Sie hatte Kraft und außerdem einen Ring am Zeigefinger. Es blitzte hell, dann schmerzte es höllisch. Ich muss dazu sagen, dass ich ziemlich wehleidig bin. Jedenfalls hat meine Unterlippe geblutet. So sehr, dass ich das Blut mit meinem Becher auffangen musste, um mich nicht einzusauen.
Deshalb und weil ein paar Leute mich komisch anguckten, machte ich, dass ich da schnellstmöglich wegkam. Trotzdem dachte ich, als ich an die frische Luft kam: Es hat sich gelohnt.
Ich selbst trage meist einfarbige T-Shirts, ohne was drauf. Oder Hemden.
Nicht, dass ich nichts mitzuteilen hätte; dass ich nichts ausdrücken könnte. Das könnte ich schon. Aber: Es ist halt nichts so Wichtiges. Und die Leute werden schließlich schon genug zugemüllt: mit Plakaten und Slogans und Werbemails und Graffiti und Flyern und Fernseh-Gelaber und ...
Da muss ich nicht auch noch. Da kann ich wenigstens der sein, der die Fresse hält.
Zumindest auf meinem T-Shirt.
„He“, war - soweit ich mich erinnern kann - das erste, was ich zu Anne sagte. Und dann: „Ich würde dich gern ansprechen.“ Keine überwältigende Einleitung für ein Gespräch, aber für meine Verhältnisse ziemlich gut.
Es war nach einiger Zeit wieder mein erster Versuch, Kontakt aufzunehmen. Ich war jetzt fast ein Jahr an der Uni und es hatte sich herausgestellt, dass die meisten Philosophiestudenten ziemlich prätentiöse Idioten sind. Ich war nicht allzu scharf auf ihre Gesellschaft. Na ja, wenn ich ehrlich bin: Seit meiner Aktion auf dieser Party befanden sich meine Aktien auch in einem gewissen Zwischentief. Die meiste Zeit lief ich mit gesenktem Blick von Hörsaal zu Hörsaal und bewunderte die Auslegware. Manchmal begegnete ich zufällig meinem Mitbewohner, der rief dann „Up the Irons!“ und grinste mich an. Das war es aber auch schon.
Kann gut sein, dass ich ein wenig einsam war und sie deshalb ansprach. Sie sah nicht aus, wie die Mädels, auf die ich sonst stehe: Sie war kleiner, hatte weniger große Brüste und war weniger blond - na ja, eigentlich hatte sie schwarzes Haar. Aber irgendwie sah sie nett aus.
Und sie hatte dieses Shirt an. Es war rosa und darauf stand: Sprich mich an, ich bin schüchtern.
Das habe ich dann also gemacht. Ich muss ziemlich bescheuert ausgesehen haben, wie ich da vor ihr stand, denn auf einmal war ich schrecklich nervös. Aber das war gleich wieder vorbei - denn plötzlich lächelte sie. Und da wusste ich - so komisch das jetzt auch klingt - dass das hier eine ernste Sache war. Die erste ernste Sache in meinem Leben.
Das Studium habe ich dann geschmissen. Ich wollte diese prätentiösen Idioten nicht mehr ertragen - der eine war doch tatsächlich in einem T-Shirt mit einem Kant-Bild und dem Spruch Sapere aude! drauf im Seminar erschienen! - und außerdem hatte mich Philosophie ohnehin nie interessiert.
Was mich interessierte war Anne.
Das klingt vielleicht kitschig und irgendwie ist es das ja auch. Bisher war ich eher der Typ, der die Liebe für eine Erfindung der Blumenindustrie hält. Aber Dinge ändern sich. Die Dinge hatten sich geändert.
Ich suchte mir also einen Job. Nichts Tolles. Eigentlich war ich nur ein Kerl, der Zahlen aus einer Spalte in eine andere schrieb und ab und zu eine Taste drückte, die aus den Zahlen eine Grafik erstellte. Aber die Arbeit war leicht und das Geld reichte aus, um für uns beide eine kleine Wohnung und was zu essen und für Anne das Studium zu bezahlen.
Archäologie. Ihr Traum war es, einmal an einer Ausgrabung in Ägypten teilzunehmen. Ich fand das ein bisschen verrückt - aber auf die gute Art verrückt. Ich konnte sie mir gut vorstellen, mit Schlapphut und Peitsche.
Ab und zu guckte sie mich komisch an, wenn wir zum Beispiel aus dem Kino oder aus dem Theater kamen und ich in der U-Bahn einen Typen anquatschte, der ein bedrucktes T-Shirt trug. Aber bei dem Blick blieb es dann auch. Und tatsächlich kam so etwas immer seltener vor: Irgendwann war es so weit, dass uns einer gegenüber sitzen konnte, ein Clown-School-Graduate-1972-T-Shirt über den adipösen Leib gespannt - und ich sagte kein einziges Wort.
„Willst du mich heiraten?“ Es ist wohl ganz logisch, dass ich diese Frage irgendwann stellte. Aber so einfach sind diese Dinge bei mir nicht.
Ich kaufte also einen Ring. Der Stein war nicht allzu groß. Eigentlich mehr ein Splitter. Aber daran lag es nicht, dass ich zögerte. Diese Dinge interessierten Anne nicht besonders.
Ich wurde unsicher; fühlte mich wie jemand, der auf der Schwelle zu einem dunklen Raum steht und nicht weiß, ob der Raum einen Boden hat. Es hauchte mich eiskalt an.
Für vier Wochen war ich wie gelähmt. Den Ring hatte ich ganz hinten in einer mit Papieren vollgestopften Schublade meines Schreibtischs versteckt. Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, stand ich gelegentlich auf, nahm den Ring heraus und starrte in den Stein, diesen winzigen Splitter von irgendwas. Als sei es irgendein Rätsel.
Anne merkte, dass irgendwas nicht in Ordnung war. „Ist irgendwas nicht in Ordnung?“, fragte sie.
Und ich sagte: „Alles in Ordnung.“ Wie man das halt so sagt.
Sie konnte öfter fragen. Sie konnte sagen: „Ich glaube dir nicht.“
Ich antwortete: „Alles in Ordnung.“
Eines Nachts ging das Licht an. Ich saß mal wieder, schlaflos, mürbe, im Arbeitszimmer über den Ring gebeugt, wie dieser degenerierte Zwerg aus Der Herr der Ringe. Das Licht ging an. Ich drehe mich um und sehe Anne im Türrahmen stehen.
Sie trägt ein viel zu großes T-Shirt, ein riesiges, zeltartiges Ding, das ihr bis zu den Waden geht. Darauf steht in großen Buchstaben: „Willst du mich heiraten?“
Ich stehe auf. Gehe zu Anne und stecke ihr an den Ring an den Finger und küsse sie. Wir schließen uns in die Arme. Bin ich jetzt glücklich?
Mein Fuß geht über die Schwelle, jemand hat mich sanft von hinten gestoßen. Ein Gefühl wie Schwerelosigkeit. Finde ich halt? Falle ich? Aufwärts, abwärts?
Ich weiß es nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Ich halte Annes warmen Körper und trotzdem sind meine Hände, irgendwie, ein Stück weit, leer.
Das war der Anfang vom Ende. In den Wochen darauf wurde Anne immer stiller. Sie blieb lange Nachmittage lang in der Bibliothek der Uni, obwohl der herrlichste Sommer war, las Bücher über Pharaonen mit unaussprechlichen Namen, bis man sie rauswarf. Wir stritten uns nicht. Das wäre mir lieber gewesen. Sie sah mich nur ständig mit diesem traurigen Blick an, diesem Blick, der eigentlich reserviert ist für Schwarzweißfotographien von irgendeinem Typen, der schon dreißig Jahre unter der Erde liegt.
Oder in einer Pyramide, dachte ich, ohne Zusammenhang. Das Rätsel der Sphinx. Aber das war in Griechenland, oder? Das Rätsel des Splitters - wovon sie den wohl abgeschlagen haben? Meine Gedanken wurden fiebrig. Es war entsetzlich heiß in diesem Sommer. Nachts lagen wir im Bett weit voneinander entfernt deshalb. Stachelschwein-Dilemma, dachte ich. Schopenhauer, dieser Jammerlappen. Ich träumte von einer gewaltigen T-Shirt-Fabrik, auf dem schneebedeckten Gipfel eines unendlichen Berges mitten in China. Abermillionen von T-Shirts, die auf Förderbändern nach einem unentwirrbaren System kreuz und quer durcheinanderlaufen. Pressen fahren zischend herab und brennen Zahlenkolonnen in den Stoff. Arbeiter krabbeln wie Ameisen über einen Diamanten, der so riesig ist, dass sie sich nur wie Bergsteiger gesichert an seinen Flanken entlang bewegen können. Gelegentlich stürzt einer ab und verschwindet stumm in der Tiefe. Mit Meißeln aus Jade schlagen sie Stücke heraus. Sie mahlen sie in Saphir-Mörsern mit Stößeln aus Rubinen zu Kohlenstoff und streuen den Staub über die Shirts. Auf einer Galerie sitzt der Dalai Lama in einem Smoking, er raucht eine Zigarre und lacht mit Haifischzähnen.
„Lass mich allein.“
Ich habe mir also ein Herz gefasst. Das habe ich - ich gebe es zu - in meinem Leben nicht oft getan. Weil ich eigentlich ein ziemlicher Angsthase bin. Als ich mit zwölf im Fernsehen Der Exorzist gesehen hatte, konnte ich fast eine Woche nicht schlafen. Aber bei dieser Sache habe ich mich zusammengerissen.
Ich bin die zwanzig Minuten mit der U-Bahn gefahren, obwohl ich bei jeder Station rausspringen und nach Hause fahren wollte. Ich habe Blumen gekauft, Rosen, rote, zwanzig Stück, für je zwei Euro fünfzig. Ich habe die Adresse von Annes Freundin, die mich nie leiden konnte, zu der sie gezogen ist, ohne Warnung aber nicht unerwartet, gesucht. Ich bin an dem Haus vorbeigelaufen, weil mich die nackte Panik überkam. Aber ich bin zurückgekommen.
Das Treppenhaus hat scharf nach Reinigungsmitteln gerochen, das Brennen habe ich immer noch in der Nase, als hätte es mir nachhaltig die Schleimhäute verätzt. Die zwei Treppen, beide zu neun Stufen, kamen mir endlos vor. Gipfelbesteigung - die Luft wird dünn.
Das Surren der Klingel geht durch und durch. Ich warte - und Anne öffnet die Tür.
Ich stehe also da mit meinen zwanzig roten Rosen für zwei fünfzig das Stück, viel zu teuer eigentlich, denke ich irgendwo. Auf meinem T-Shirt steht: Komm zu mir zurück.
Anne sieht mich nur an, mit dieser Schwarzweiß-, dieser Pharaonentraurigkeit. Alles ist plötzlich dreitausend Jahre her und viel Wasser ist den Nil runter geflossen. Die Stelle an ihrem Ringfinger ist frei und auf ihrem T-Shirt steht: Lass mich allein.
Aber in ihrem Blick ist noch etwas - etwas das sagt: Es ist noch nicht alles gesagt. Und ich will etwas sagen, irgendwas, mache den Mund auf und - sehe wieder auf ihr Shirt. Nein. Da kann ich nichts machen. Niemand könnte da etwas tun. Es ist schon zu spät und wird nur immer später.
Ich sehe mir selbst dabei zu, wie ich mich umdrehe und gehe.
Und während ich die überteuerten Rosen - schön sind die wirklich nicht, die Blüten zu klein eigentlich und manche schon trocken - am Bahnhof in einen Mülleimer feuere, kann ich nicht anders, als lächeln. Was für eine kitschige Geste. Ich denke aber auch: was für ein Wurm ich doch bin. Wie armselig diese ganze Masche ist und überhaupt immer war.
Immerhin das habe ich gelernt.
Aber als ich diesem Typen ins Gesicht brülle: „Up the Irons!“, da glotzt er mich nur für einen Moment dämlich an. Dann brüllt er zurück: „Up the Irons!“ Und ich erkenne meinen alten Mitbewohner, er fragt mich - und ich weiß wirklich nicht warum oder wie er darauf kommt: „Brauchst du zufällig ein Zimmer? Mein Mitbewohner zieht aus und ...“
Und jetzt verstehe ich gar nichts mehr.