Die letzte Freiheit
Die letze Freiheit
Eigentlich fahre ich nicht gern Auto.
Ich hasse es nicht direkt, aber ich finde es ungemein nervenaufreibend. Das fängt schon mit dem Geld an. Ein Auto will bezahlt werden. Kaum ist der dafür nötige Kredit endlich zurückgezahlt und der KFZ-Brief aus dem Banktresor in die Hände des Besitzers gelangt, werden Reparaturen fällig. Ein Ölwechsel hier, Achslager da, im Nuh ist der Auspuff durch, die Reifen herunter, der Kühler undicht. Jahr für Jahr sage ich mir, dies sei die letzte Reparatur, beim nächsten Mal wäre ein neuer Wagen fällig. Doch der Blick auf die Preise für Neufahrzeuge bringt mich Jahr für Jahr ebenso zur Werkstatt zurück. - Und damit ist noch kein Kilometer gefahren. Es werden Steuer und Versicherung fällig, der Automobilclub besteht auf seinem Beitrag und schließlich muß auch noch getankt werden, damit der Wagen seinen Dienst tun kann. Kurzum: mein Auto verschlingt einen guten Teil meines Einkommens, ohne mir Freude zu bereiten.
So schmerzlich dieser Teil auch ist, viel schlimmer scheint mir noch, das Automobil seinem Daseinszweck zuzuführen: zu fahren. Wie schon gesagt: ich tue es nicht gern. Mein Beruf zwingt mich dazu. Ich bin freiberuflich tätig, in einer Weise, die mich zwingt, unhandliche Materialien und Gebrauchsgegenstände mitzuführen, was sich in Zügen und Bussen etwas schwierig gestaltet.
Ich fahre also – schweren Herzens – Auto. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: der Stadtverkehr oder die Autobahn. Möglicherweise gibt es keinen Unterschied.
Nehmen wir die Autobahn.
Ich selbst lebe auf dem Lande und bin in der glücklichen Lage, nicht in eine größere Stadt hineinfahren zu müssen, um eine Autobahnauffahrt zu erreichen. Die zehn Kilometer Landstraße bereiten mir keine größeren Schwierigkeiten. Die ein oder zwei landwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge, die mit intensiv riechenden Stallrückständen überladen vor mir her kriechen, kann ich mühelos überholen. Wenn mal ein untermotorisierter Lastkraftwagen einer ponischen Kleinspedition mit 67,5 Kilometern pro Stunde meinen Weg blockiert, bleibe ich geduldig dahinter. Bis zur Autobahnauffahrt ist es ja nicht weit. Unangenehmer ist es schon, wenn besagter LKW an der Auffahrt ebenfalls den Blinker setzt.
Normalerweise ist das Auffahren kein Problem. Die Motorisierung meines Wagens reicht aus, um mich blitzschnell der Geschwindigkeit der Transportfahrzeuge auf der rechten Spur anzupassen und mich zwischen dem Esso-Tanklaster und der Aldi-Gemüselieferung einzufädeln. Der Pole, der in der Auffahrtskurve auf 32 Kilometer pro Stunde verlangsamen muß, schafft es jedoch nicht vor Ende der Beschleunigungsspur, die optimale Reisegeschwindigkeit der LKW-Spur von 92,4 Stundenkilometern zu erreichen. Genaugenommen liegt das zirka 15 Stundenkilometer über seinen Möglichkeiten und der Fahrer ist auf den guten Willen seiner Berufskollegen angewiesen, die auf die zweite Spur ausweichen und sich damit ihrerseits den Unmut des nachfolgenden Verkehrs einhandeln.
Ich hänge also mit etwa Tempo 60 hinter dem polischen Transporter, links neben mir die Neuwagenlieferung für den Fiat-Händler in Soest. Es dauert dann noch etwa zehn Minuten, bis mir der Weg auf die mittlere Spur frei steht. In einem wagemutigen Manöver ziehe ich direkt auf die dritte Spur durch, schalte in den dritten Gang herunter, um mit aufheulendem Motor so schnell es eben geht auf die hier übliche Reisegeschwindigkeit von 234 km/h zu beschleunigen.
Als würde dies nicht genügen, um meinen Puls in gefährliche Höhen zu treiben, versetzt mir ein rostiger Lada einen Adrenalinstoß, indem er unvermittelt auf meine Fahrspur herüberzieht, um einem P&O-Fahrzeug auszuweichen, das gerade dazu ansetzt, einen finnischen Holztransport zu überholen.
Viel lieber wäre es mir, ich könnte öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Ich würde zur festgelegten Zeit in einen Bus steigen, mich zurücklehnen und aus dem Fenster schauen. Möglicherweise könnte ich auf längeren Fahrten ein Buch lesen, was jedoch ungewiß ist. Ich neige dazu, mir übel werden zu lassen, wenn ich während der Fahrt lese. Bleibt mir immer noch die Entspannung. Ich schaue aus dem Fenster auf den übrigen Verkehr hinab, wohl wissend, daß ich damit nichts zu tun habe. Es geht mich nichts an, wenn da vorn einer dem Bus die Vorfahrt nimmt. Es läßt mich kalt, wenn der Fahrer aus der Haltebucht zieht, obwohl da von hinten ein S-Klasse Mercedes angerauscht kommt.
Doch – Busfahren wäre das Paradies. Leider zwingt mich, wie schon gesagt, mein Beruf dazu, den PKW zu nehmen und mich über diese rücksichtslosen Sonntagsfahrer aufzuregen.
Vielleicht wäre es nicht so schlimm, wenn ich mir einen Fahrer leisten könnte, was mein – dank Auto- und Hausbesitz – schmales Einkommen nicht erlaubt. Andererseits fühle ich mich auf dem Beifahrersitz noch viel unwohler. So unangenehm die Konfrontation mit anderen Verkehrsteilnehmern auch ist, es verbleibt doch zumindest ein Stück der Kontrolle bei mir. Als gewöhnlicher Passagier bleibe ich völlig ohnmächtig. So fest ich meinen Fuß auch gegen das Bodenblech drücke, das Fahrzeug wird nicht stehenbleiben, keine noch so heftige Ruderbewegung wird die Fahrtrichtung ändern. Lautes Gemecker wird bestenfalls dazu führen, daß ich den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen darf.
Vielleicht liegt darin auch der wahre Grund, selbst zu fahren und nicht auf die Linienbusse zu vertrauen: Ich begebe mich in völlige Abhängigkeit des Berufskraftfahrers. Und dabei ist das Autofahren doch das letzte Stück meines Berufs- und Ehelebens, in dem ich noch selbst die Richtung bestimme. Nein! Das letztes bißchen Kontrolle will ich nicht auch noch abgeben. Lieber nehme ich mit 45 Jahren blutdrucksenkende Mittel.