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Die letzte Begegnung
Der Kaffe schmeckte ihr heute nicht. Er schmeckte nach bitterem Wasser. Sie schaute mit betrübtem Blick aus dem Fenster des kleinen italienischen Cafés am Marktplatz heraus und seufzte. Draußen regnete es in Strömen. Selten waren die Menschen, die sich in die Kälte wagten und mit einem eiligen Schritt ihres Weges gingen.
Nichts schien heute richtig zu laufen. Es fing damit schon heute Morgen an. Sie kam zu spät zur Arbeit und verpasste die wichtigste Sitzung ihrer Karriere. Es ging um ihr Projekt Horizont, den sie über drei Jahre hinweg vorbereitet hatte. Drei lange und anstrengende Jahre für die Planung eines neuen Einkaufzentrums, mitten in der Stadt waren somit in einem Husch vernichtet worden. Dieses Projekt, das ihr zugeteilt worden war, kostete ihr die Ehe mit Jack. Er hatte sie verlassen. Sie kam jeden Abend spät und erschöpft nach Hause und ging früh morgens wieder zur Arbeit, sogar am Wochenende. Sie sahen sich nur noch selten. Für Jack gab es keine Ehe mehr. Dieses Projekt hatte ihr die Liebe ihres Lebens genommen. Doch sie bemerkte es nicht einmal. Das Projekt war wichtiger, sie hatte keine Zeit gehabt, sich darüber Gedanken zu machen. Bis es zu spät war.
Und heute war es soweit. Der große Tag an dem sie den Interessenten ihr Projekt vorstellen musste und sie anschließend unterschreiben sollten. Der große Tag, für den sie Tag und Nacht geschuftet hatte mit ihrem eigenen Schweiß und Blut. Sie war an diesem Tag nicht da. Der Wecker hatte nicht geklingelt. Als sie aufwachte, und die Uhr sah, erbleichte sie und es lief ihr kalt über den Rücken. Sie sprang aus ihrem Bett heraus, zog sich an und verließ in derselben Minute das Haus. Sie stieg ins Auto ein und fuhr los. Sie gab Gas. Ihre Gedanken waren durcheinander und trübten ihre Sinne. Sie sah das Auto nicht, das von rechts kam. Es gab einen gewaltigen Krach und einen großen Ruck, der sie wieder zu Verstand brachte. Erschrocken blickte sie in das Auto vor ihr, in das bewusstlose und blutige Gesicht einer 40 jährigen Frau.
„Oh mein Gott!“ hörte sie sich murmeln. Doch sie hatte keine Zeit, die Sitzung lief bereits seit einer halben Stunde. Sie packte ihre Tasche mit all den wichtigen Dokumenten für ihr Projekt, sprang aus ihrem qualmenden Auto und rannte wie eine wilde los ohne ein Wort zu sagen. Hinter ihr gab es plötzlich eine gewaltige Explosion. Sie drehte sich aber nicht um sondern rannte einfach weiter. Sie hatte keine Zeit. Ihr Projekt war wichtiger.
Sie kam zu spät. Die Kunden waren fort und das Projekt abgelehnt. Sie wurde gefeuert.
Sie empfand zu diesem Zeitpunkt nichts mehr. Es war nur eine tiefe Leere in ihr, die sie kalt ließ. Sie war wie leer gesaugt von Gefühlen. Sie nahm ein Taxi und ließ sich zum Markt fahren. Im Radio kam die Meldung eines schweren Autounfalls, an dem zwei Autos verwickelt waren. Mit dem Aufprall explodierte eines der zwei Autos. Eine Mutter und ihr sechs jähriges Kind starben dabei. Die Fahrerin des anderen Wagens war auf Fahrerflucht.
Es ließ sie kalt.
Draußen, im Regen, stand ein Mann ohne Regenschirm in einem schwarzen Mantel. Es war, als ob er direkt in ihren Augen sah. Sie schaute nervös weg. Sie holte sich aus der Schachtel eine neue Zigarette und wollte sie anzünden, doch ihr Feuerzeug sprang nicht an.
„Brauchen Sie Feuer?“ bot ein Mann, der plötzlich vor ihr stand, mit freundlicher Stimme an und zündete ihre Zigarette, ohne dass sie Zeit hatte zu antworten. Es war derselbe Mann, der eben draußen im Regen gestanden hatte. Er setzte sich zu ihr hin und lächelte. Sein dunkelblondes Haar war schulterlang und mit Gel nach hinten gekämmt. Seine Augen waren grau und er trug einen gepflegten, kurz gestutzten Bart. Sein Alter schätzte sie auf 35 Jahre. Er war gut aussehend. Sie betrachtete ihn etwas skeptisch, doch ließ ihn sitzen. Sie bemerkte etwas Seltsames an ihm. Er war nicht nass. Sein Haar hätte vom Regen durchnässt sein müssen, doch es war trocken, genauso wie sein Mantel.
„Schlimmer Tag, heute, nicht wahr?“ sagte er.
„Was?“ stotterte sie verwirrt
„Das Wetter, es ist beschissen!“ wiederholte er freundlich und zeigte mit dem Finger nach draußen.
„Oh, eh, ja, da haben Sie Recht.“ Stimmte sie ihm zu und verstummte wieder. Er sah sie an.
„Sie scheinen nicht besonders von guter Stimmung zu sein, als ob was Schlimmes passiert wäre. Wollen Sie mir erzählen, was passiert ist?“ sprach er weiter. Sie sah ihn verdutzt an. Etwas an ihm gab ihr Vertrauen, und ermutigte sie zum Reden.
„Es war der schlimmste Tag meines Lebens!“ fing sie an. Sie erzählte ihm alles was geschehen war, bis ins kleinste Detail. Ihr war es egal, dass er ein Fremder war. Er schien sie zu verstehen, ihr helfen zu wollen.
Wie konnte er innerhalb von ein paar Sekunden, von draußen ins Café kommen, ohne dass sie ihn gehört hätte? Und das, ohne nass geworden zu sein?
Sie erzählte ihm alles. Über ihr Leben, über ihr Projekt, über Jack und ihre Gefühle. Er nickte verständnisvoll und hörte ihr geduldig zu, immer mit einem Lächeln im Gesicht.
Innerhalb einer Stunde hatte sie ihm ihr ganzer Lebensablauf erzählt. Sie fühlte sich wohl dabei, wie erlöst vom großen Stein, der in ihrem Herzen festgesessen hatte, seit vielen Jahren.
Doch ihr fiel auf einmal auf, dass sie nicht einmal seinen Namen wusste.
„Es ist mir jetzt etwas peinlich zu fragen, nachdem ich Ihnen mein ganzes Leben erzählt habe, aber wie heißen Sie eigentlich, und was machen Sie beruflich?“ fragte sie mit einem verlegenen Lächeln. Er antwortete nicht sofort, sondern betrachtete sie intensiv.
„Ich bin beruflich im Geschäftshandel tätig und privat bin ich ein Sammler.“
„Ein Sammler? Und was sammeln Sie, wenn ich Ihnen nicht all zu neugierig erscheine?“
„Seelen.“ Gab er als Antwort und sah sie mit einem plötzlich ernsten Ausdruck. Sie spürte, wie ihr Blut erfror.
„Sagten Sie eben Seelen?“ Sie lachte verwirrt
„Du wirst heute sterben, Christine. Und ich bin gekommen, um deine Seele zunehmen.“ Erwiderte er bitter ernst.
„Das soll wohl ein Witz sein! Sie kranker Mensch!“ schrie sie, stand auf und verließ rennend das Café. Er blickte ihr lächelnd nach, wie sie im Regen verschwand.
Vor ihr Haus stand ein Polizeiwagen. Ihr Herz blieb fast stehen. Sie war die ganze Strecke vom Café bis hier gerannt, und sie hatte kein Atem mehr. Sie war durchnässt und stand nun da, und wusste nicht, was sie tun sollte.
„Willst du wirklich da rein gehen, zu der Polizei? Sie werden dich verhaften und dich wegen Mordes und Fahrerflucht beschuldigen.“ Erklang plötzlich eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich erschrocken um und blickte in die Augen des Teufels.
„Das kann nicht sein, nein, lass mich in Ruhe. Das glaube ich einfach nicht!“ schrie sie von Panik ergriffen und rannte wieder los. Sie konnte ihn hinter ihr lachen hören.
Es war inzwischen Abend geworden und es regnete immer noch. Den ganzen restlichen Tag lang war sie ziellos in der Stadt und im Park umhergelaufen, ohne stehen zu bleiben, aus Angst, sie könnte ihn wieder sehen. Doch sie wurde müde und musste sich schleunigst eine Unterkunft suchen. Sie ging in dem nächstliegenden Hotel rein und mietete ein Zimmer. Völlig am Ende schloss sie sich darin ein und zog ihre nassen Sachen bis auf die Unterwäsche aus. Sie ging ins Badezimmer und nahm eine heiße Dusche, um sich wieder aufzuwärmen.
Es vergingen zehn Minuten. Sie legte sich ein großes Handtuch über ihren nackten Körper und ging aus dem Badezimmer heraus. Sie brauchte einige Sekunden, bis sie das Licht fand und es anmachte.
Und dann blieb sie abrupt stehen. Auf dem Bett lag der Teufel und grinste.
„Kein besonders gemütliches Zimmer“ stellte er fest und setzte sich auf. „Aber das Bett ist in Ordnung!“ Sie fühlte ein schmerzhaftes Stechen in ihrer linken Brust, der ihr den Atem verschlag. Der Teufel sprang vom Bett auf und ging zu ihr, und blieb dicht hinter ihr stehen. Er legte seine Arme um ihren Bauch und sein Kopf auf ihre Schulter
„Willst du dich nicht zu mir gesellen, Liebste?!“ flüsterte er in ihr Ohr. Und plötzlich nahm er sie in den Armen. Sie konnte sich nicht einmal wehren vor Schmerz. Sie rang nach Luft. Er warf sie unsanft auf das Bett und sprang auf sie drauf. Sein Gesicht war ihres ganz nah, sie spürte seinen brennenden Atemzug auf ihrer Haut. Sie schrie kurz auf vor Schmerz
„Oh, die Schmerzen, ich weiß. Eine unangenehme Sache. Sie werden aber gleich verschwinden!“ sagte er mitfühlend und strich mit seiner Zunge über ihre Lippen. „Gleich gehörst du mir!“ grinste er. Ihr wurde schwindelig. Und wie es der Teufel vorhergesagt hatte, fühlte sie bald keinen Schmerz mehr. In den Augen des Bösen sah sie das Feuer der Hölle sie einnehmen, doch sie hatte keine Angst mehr. Dafür war es zu spät. Es war vorbei. Sie gab schließlich auf und schloss ihre Augen. Sie wollte nicht mehr kämpfen. Sie machte ihren letzten Atemzug und starb.