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Die Leiden des Mr. Nice Guy

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06.04.2003
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Die Leiden des Mr. Nice Guy

Die Leiden des Mr. Nice Guy


„Ich möchte Dich als guten Freund nicht verlieren“, sagte Julia, nachdem Andy ihr erklärte, dass er in sie verliebt sei. Ein Stich ins Herz. Andy spürte den Schmerz. Es fühlte sich an wie eine rostige Klinge, die Julia immer tiefer hineinbohrte.
„Warum kann man es nicht auf einen Versuch ankommen lassen? Wir wären mit Sicherheit ein Traumpaar.“, dachte Andy sich. Julia sagte er nichts, er zog sich erst einmal von ihr zurück.
„Bist du nun beleidigt?“, lautete die SMS, die Andy ein paar Tage später von ihr erhielt. Beleidigt war er gewiss nicht, jedoch sehr enttäuscht. Er hatte sich große Chancen bei Julia eingeräumt. Ihr ganzes Verhalten hatte ihm immer wieder gezeigt, dass sie ihn mehr als nur sehr mochte. Aber anscheinend sagte Julias Verstand etwas anderes als ihr Herz.
Sehr schade! Warum ticken Frauen nur so kompliziert?

Andy war 20 Jahre, bei vielen Frauen war er sehr beliebt. Von sehr vielen war er „der beste Freund und Seelentröster“ aber keine liebte ihn, wie jeder Mann sich von einer Frau geliebt zu werden wünscht. Es lag nicht an seinem Äußeren, dass keine in ihn verliebt war. Das war ihm klar. Er hatte alle Gliedmaßen, war sportlich drahtig und auch nicht gerade hässlich.
Woran also lag es, dass er noch keine Beziehung hatte? Lag es wirklich daran, dass er zu wenig Arschloch war? Andy konnte dies nicht glauben. Es müssen doch auch oder gerade Nicht-Arschlöcher einen Partner finden. Wieso verlieben sich Frauen in Arschlöcher, die ihre Frauen verachten? Noch so eine Frage, die sich Andy mit normalem Menschenverstand nicht erklären konnte. Vielleicht hat es irgendwas mit dem Verhalten aus der Steinzeit zu tun. Steinzeit-Mentalität, das steht sehr vielen Männern jedenfalls heute noch ins Gesicht geschrieben. Andy fühlte sich manchmal als einziger Homo Sapiens unter tausend Neandertalern. Ein nervendes Gefühl.

Zu Julia hielt er natürlich weiter freundschaftlichen Kontakt, weil er ja so ein netter Typ ist. Julia fand einen Partner. Muskelbepackt, braungebrannt, dicke Geldbörse, ein Mr. Wichtig aus dem Neandertal. Julia, die ein sehr tiefgründiger Mensch war und die oberflächliche Menschen eigentlich absolut nicht ab konnte, hatte sich nun in einen oberflächlichen Schleimbolzen verliebt.
Zu Andy sagte sie, er sei ihr großes Glück. Der zweite Stich ins Herz. Julia, reiß die Wunde bitte nicht noch weiter auf!
Am liebsten hätte er ihr gesagt, was er von dem Typen, der auf den Namen Mike hörte, hielt.
Aber er schwieg, weil Julia ihm ohnehin nicht zugehört hätte. Liebe macht blind.
„Wie habt ihr euch kennengelernt?“, fragte Andy und nahm freiwillig das Messer, das ihm immer noch im Herzen steckte, selbst in die Hand.
„In der Pommesbude. Er sagte, ich sei eine ganz süße Maus. Dann schenkte er mir eine Rose. Ein wahrhafter Romantiker!“
Andy hätte sich in den Allerwertesten beissen können. Eine fettige Rose mit Currywurst-Duft, wie romantisch. So leicht sind Frauen zu überzeugen!? Hatte sich Andy die ganze Zeit in Julia getäuscht? Sie wirkte immer sehr anspruchsvoll und wählerisch. Scheinbar hatte sie einen schwachen Moment, den dieser Idiot gnadenlos ausgenutzt hat.

In der nächsten Zeit hatte Julia natürlich kaum noch Zeit für Andy. Nicht einmal für ein kurzes Telefonat, wie sie es sonst des öfteren führten, reichte die Zeit bei ihr. Andy fühlte sich als bester Freund vernachlässigt. „Willst du unsere Freundschaft aufs Spiel setzen?“, fragte er sie bei einem zufälligen Treffen. „Setz mich nicht unter Druck, ich melde mich schon bei Dir.“, lautete Julias harsche Antwort.
Vielleicht waren Andys Worte ein wenig Krass, aber andererseits empfand er es genauso. Wenn Julia sich weiter so verhielt, würde die Freundschaft wirklich zerbrechen.

Vier Wochen nach dem Beginn der Beziehung fand Julia plötzlich wieder Zeit für Andy. „Hast du Lust vorbeizukommen und ein bisschen zu quatschen?“, fragte Julia. Andy, der gerne mit Julia zusammen war, konnte da natürlich nicht nein sagen. Was folgte, war kein netter Plausch zwischen zwei Freunden. Andy wurde mit ihren Beziehungsproblemen förmlich zugeschüttet. Er fragte sich allen ernstes, wie viel Probleme zwei Menschen nach nur einem Monat miteinander haben können.
„Er schaut ständig anderen Frauen hinterher. Warum seid ihr Männer so?“, fragte Julia verzweifelt.
„Wir sind nicht alle so, wirklich nicht.“, dachte Andy. Er hörte weiter Julia zu:
„Aber er liebt mich ja. Das hat er mir gestern noch gesagt.“
„Naja, wenn er das sagt, dann stimmt das natürlich direkt“, waren Andys ironische Gedanken.
Noch eine weitere Stunde flennte sich Julia bei ihrer seelischen Müllabfuhr aus.
Andy überlegte, ob er eine Ich-AG gründen solle. Die Andy GmbH „Beziehungsstress?? Kein Problem, wir entsorgen ihn diskret und direkt.“
Als Julia fertig war, holte er aus. Der Typ wäre nicht der Richtige für Julia. Er verdiene sie absolut nicht, denn sein Verhalten zeige ja, dass er sie nicht liebe. „Wieso schaut er anderen Damen hinterher, wenn er seine Prinzessin in dir gefunden hat?“ Knallharte und gutgemeinte Worte, die bei Julia keinen Anklang fanden.
„Willst Du meinen Freund schlecht reden? Du willst mich immer noch für dich haben. Vergiß es!!“
Daß Andy nur objektive Ratschläge seiner allerbesten Freundin, die ihm unheimlich wichtig ist, geben wollte, glaubte Julia ihm nicht.

Funkstille! Wochen vergingen ohne das Julia sich meldete. Über Bekannte erfuhr Andy, dass es ständig bei dem „Liebespaar“ kriselte. Aber sie versöhnen sich ja auch immer wieder. Was muss eine Liebesbeziehung belastbar sein...
Und eine Freundschaft? Da sagt man einmal das Falsche und meint doch das Richtige; schon ist die beste Freundschaft dahin. Ist das noch fair? Andy zweifelte an der Gerechtigkeit in der Welt. Warum konnte er nicht in einer anderen Welt geboren sein?
Andy wurde depressiv, weil er sich mit diesen Gedanken sehr quälte. Doch keiner holte ihn aus diesem Schlamassel raus. Die Andy GmbH hat keinen Endabnehmer. Seinen Seelenmüll muß er selbst entsorgen.

Andy überwand die Depression und versuchte Julia zu vergessen. Er schaffte es nie völlig. Er fand jedoch neue Freunde. Nun hatte er einen großen Freundeskreis, auch wenn zwangsläufig einige oberflächliche Kontakte dabei waren.
Es verging noch einige Zeit, da traf auch Andy die große Liebe. Er führte eine traumhafte Beziehung mit seiner Partnerin. So wie er es sich immer gewünscht hatte.
Drei Jahre nach dem letzten Kontakt zu Julia, traf er sie zufällig auf der Straße. Mit zerheulten Augen sagte Julia: „Er hat mich vergewaltigt.“
„Ich hab dir gleich gesagt, dass er dich nicht liebt.“, antwortete Andy nur knapp und ließ sie stehen. Er hatte keine Lust, erneut der ewige Seelentröster auf den man nicht hört, zu sein.
„Arschloch“, rief Julia ihm hinterher und dachte gleichzeitig zum ersten Mal daran, wie eine Beziehung mit Andy wohl gewesen wäre. Der sehnsuchtsvolle Gedanke hielt nicht lange an, denn eine Woche später lernte sie erneut einen Mann kennen, der sie schlug und beschimpfte. Aber er liebte sie ja. Nach Jahren eines Martyriums voller psychischer und physischer Gewalt bei dem ihr niemand mehr half, nahm Julia sich mit Rattengift das Leben.
Der einzige, der ihr hätte helfen können, Andy, wusste nichts von ihren Hilferufen. Er war mittlerweile glücklich verheiratet und hatte drei süße Kinder. Mittlerweile hatte er seine Gabe zum Beruf gemacht. Die Andy GmbH – „Berater in Sachen Beziehungsstress“ - war gegründet und erfreute sich großen Zulauf.

 

Im Gegensatz zu PM finde ich deine Geschichte sehr gut, und allein die Eröffnung "...wirkt wie von der Seele gekotzt." ist für mich weit von konstruktiver Kritik entfernt.

Ich frage mich warum er reflektierter schreiben sollte bzw. etwas überarbeiten.

Das, was Texte wie diese ausmacht, ist meiner Meinung nach die Gefühlsnähe, die sich eben auch in bestimmten, äußerlich vielleicht übertriebenen, Ausdrucksweisen wiederspiegelt.

Ich würde, bis auf ein paar Rechtschreibfehler nichts an dieser Geschichte ändern.

Das Ende ist (leider?) weder krass noch unrealistisch.

@f1man
Im Gegensatz zu vielen Geschichtchen, die man so ließt
spürt man in dieser die Emotion, die dahintersteckt. Es fließt unabstreitbar deine eigene Denkweise und/oder deine Erfahrungen mit hinein, was einer toten Ansammlung von Worten Leben einhaucht.
Gute Geschichte.

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Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten und als Trophäe an die Decke tackern.

 

Unter meine Geschichten setzte ich diese Signatur nicht, nur unter Beiträge.

 

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