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Die Kettenuhr
Aufatmend schlage ich die Tür hinter mir zu. Hinter dem dünnen Holz, kann ichlaute, aufgebrachte Stimmen hören, unterbrochen von verzweifelten Schluchzern.
Ich schleudere meine Sachen in eine Ecke. Endlich allein. Meine Welt. Mein Reich. Ich bin allein. Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Kleiderschrank, ein großer Spiegel und ein Regal, vollgestopft mit Büchern. Ich setzte mich kurz, um zu verschnaufen, mach die Augen zu und massiere meine Schläfen. Doch schon im nächsten Moment wird die Tür aufgerissen. Ein riesiger Hase mit Stiefeln und einem Jackett steht im Türrahmen.
"Endlich. Batista! Ich habe euch erwartet.", begrüße ich ihn.
Ganz nach der Etikette verbeugt er sich und reicht mir seine große, weiß behandschuhte Pfote. Ich lege meine Hand hinein, die fast darin versinkt. An seiner rechten Seite schreite ich aus dem Zimmer in meine Welt. Mein Reich. Allein meine.
Sobald ich aus dem Zimmer bin, habe ich ein langes hellblaues Kleid an und samtene Handschuhe ziehen sich bis zu meinen Ellenbogen. Mein Haar ist zu einer kunstvollen Frisur zusammengefasst. In der Hand halte ich eine feine, wunderschöne Stabmaske. Das Einzige, was stört, ist eine kleine Uhr, die ich als Kette um meinen Hals trage. Wunderschön und doch so gefährlich. Eine Fessel, die mich zurück in mein Gefängnis zieht, sollte ich die Zeit vergessen.
"Was steht heute an, Batista?", frage ich, während er mich hinaus und in eine teure Kutsche mit Vorhängen führt.
"Oh, wir sind zu Lucianas Ball eingeladen. Ihre Tochter feiert ihre Verlobung."
"Ach ja richtig. Habt ihr das Geschenk dabei?"
"Wie ihr befohlen habt."
Er verbeugt sich lächelnd und hilft mir in die Kutsche zu steigen. Dann springt er auf den Kutschbock und treibt die sechzehn Schwäne an, die abheben und uns über den Wolken bis hin zum Sitz der Bärengräfin Luciana bringen. Meine Gedanken schweifen ab und ich erinnere mich daran, wie der Bärengraf mir damals zur Hilfe kam und selbst dabei umkam.
Dann sind wir da. Batista hilft mir auszusteigen. Ich werfe den Schwänen einen Blick zu, sie schütteln ihre Gefieder und unterhalten sich über den Flug. Stolze und schnell gereizte Tiere.
Riesige Türen gehen wie von Geisterhand vor uns auf. Am Empfang stehen zwei Wölfe. Einer von beiden nimmt mein großes Geschenk ab, das Batista trägt. Ein Falke fliegt voraus in den Ballsaal und ich höre seine laute Stimme bis zu mir:
"Die Menschengräfin."
Ich trete ein und werde sofort von der aufgeregten, etwas pummeligen Luacin überfallen. Ihre Mutter Luciana ermahnt sie und macht mir ihre Aufwartung. Ich knickse und antworte ihr höflich auf die gut gemeinten Fragen. Doch meine Augen suchen bereits den Saal ab. Ich habe nicht mehr sehr viel Zeit. In dem allgemeinen Trubel und der Aufregung merkt man es vielleicht nicht, aber das Ticken meiner Kettenuhr ist lauter geworden. Ich höre es. Die nächste Stufe ist, dass sie größer wird, bis zu der Größe eines Tellers. Und dann schwerer. Es wird so lange gehen, bis ich das immer lauter werdende Ticken und das Gewicht nicht mehr halten kann und zurück gehe. Aber noch habe ich Zeit.
Hektisch huschen meine Augen hin und her. Da der Ziegengraf - ihm gehe ich lieber aus dem Weg und da der Adleroffizier. Er sieht mich. Ich knickse und suche weiter. Oh, die Pumakapitänin, gerne würde ich sie begrüßen und die Vergangenheit bequatschen, aber es gibt Wichtigeres. Endlich entdecke ich ihn. Der Fledermausmensch. Der Einzige auf diesem Ball der ebenfalls eine Maske trägt. Das Gegenstück von meiner.
Ich entschuldige mich bei der Bärengräfin und will zu ihm, doch er ist fort. Panik überkommt mich, wie eine eisige Welle. Nur unterbewusst bekomme ich mit, wie die Elefantenfamilie angesagt wird. 25 kleine Elefanten - sie reichen mir alle höchstens bis zu den Knien, schweben mit ihren riesigen Segelohren elegant herein. Mit den 23 Kindern habe ich immer gerne gespielt. Sie haben mich ab und zu eine Runde durch die Luft getragen.
Wo seid ihr? Immer wieder drehe ich mich im Kreis und halte Ausschau nach ihm, ohne zu bemerken, dass ich auf dem Tanzparkett gelandet bin.
"Na so was. Die Menschengräfin."
Ich zucke zusammen. Vor mir steht der Vogelbaron. Von allen die hier sind, wollte ich ihm am wenigsten begegnen. Ich schlucke meinen Ärger runter und knickse. Er verbeugt sich und reicht mir seinen Flügel. Tränen stehen in meinen Augen, als wir Walzer zu einem nervenaufreibend langsamen Dreivierteltakt tanzen. Die Kettenuhr ist noch lauter und schwerer geworden. Ich fühle, wie das Metall schmerzhaft in meine Haut schneidet. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit.
"Geht es euch nicht gut? Ihr seht blass aus.", fragt der Vogelbaron schadenfroh.
Ich richte mich gerade auf.
"Macht euch keine Sorgen. Alles bestens. Danke."
Er nickt verständnisvoll mit einem Raubtierlächeln.
"Es muss schmerzvoll sein, nicht da hin zugehören, wo das Herz ist."
Ich beiße mir auf die Lippen und schweige.
"Ich übernehme."
Ich schaue auf und blicke in die Maske des Fledermausmenschen. Ich habe das Gefühl, dass uns der ganze Saal anstarrt. Alle tuscheln.
"Ihr seid also wieder da.", begrüßt er mich.
"Scheint so.", antworte ich.
Dann tanzen wir. Es ist immer noch derselbe Walzer, die Uhr tickt immer lauter, sie ist jetzt schwer, wie ein Mühlstein und groß, wie ein Tablett. Trotzdem tanze ich weiter. Und tanze und tanze. Als würde mein Leben davon abhängen. Als wären es die letzten Minuten. Als wäre ich schon tot und alles egal. Dann ist alles schwarz.
Ich liege auf dem Boden meines Zimmers. Die Arme von mir gestreckt, wie bei einem Tanz. Vorsichtig richte ich mich auf und blicke an mir runter. Ich habe wieder Jeans und Pullover an. Mein Blick fällt auf den Spiegel. Dort stehe ich in dem hellblauen Kleid, mit der Maske in der Hand und der Kettenuhr, die jetzt wieder klein, unschuldig und wunderschön ist. Es scheint unwahrscheinlich, dass sie so viel Macht über mich hat. Unweigerlich verzieht sich mein Mund zu einem bitteren Lächeln. Nächstes mal bleibe ich da! Ich will nicht zugeben, dass ich von der Uhr abhängig bin, dass ich ihre Gefangene bin. Sie kann mich nicht zwingen! Doch so lange muss ich noch warten, bis sie mich wieder holt.
In diesem Moment setzt ein leises, stetiges Ticken ein.