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Die Hühner und die Eier
Jeden Sonntag nach der Kirche setzte sich mein Großvater in seinen Schaukelstuhl und zog sich die Schuhe aus. Das ist deswegen bemerkenswert, weil mein Großvater Zeit seines Lebens auf den Feldern gearbeitet hatte und Sommer wie Winter nur barfüßig anzutreffen war. Nur einmal in der Woche - am Sonntag zum Kirchgang - trug er Schuhe. Während der süßliche Geruch seiner Füsse sich langsam mit dem Stalldunst vermischte, kuschelte ich mich auf seinem Schoß zusammen und lauschte seinen Geschichten.
Eines Ostersonntages erzählte er mir, alle Rumänen würden sich an Ostern verkleiden. Die eine Hälfte als Hühner, die andere Hälfte als bunte Eier. Die Hennen würden dann die Eier auf der Straße suchen, wobei die buntbemalten Eier schreiend vor den Hennen davonlaufen müßten. Manchmal würde man kleine Grüppchen von ängstlich zusammengekauerten Eiern im Gebüsch finden, einige der mutigeren Eier betränken sich auch manchmal auf versteckten Waldlichtungen, wobei sie ab und zu ein (echtes) Huhn grillten. Der eine oder andere pflichtvergesssene Gockel würde sich auch auf die Suche nach einer hübschen Henne machen, um den Eiernachwuchs für die nächsten Jahre sicherzustellen. Auch sonst ginge es recht fröhlich zu, da man am Ende des Tages um große Lagerfeuer aus Hausrat tanze und gemeinsam seine Kostüme verbrenne.
Inzwischen ist mein Großvater den Weg alles Irdischen gegangen. Nur manchmal, wenn ich meinen Kindern die Geschichte von den Hühnern und den Eiern erzähle, zieht sein Sonntagsduft durch den Raum.