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Die Geister, die ich rief
Zuerst nannten sie es amüsiert Spleen, dann hinter vorgehaltener Hand Neurose oder Psychose. Für mich waren es meine guten Geister. Die Geister, die ich rief. Doch dann wuchsen sie. Heute lachen sie mich an, fratzengleich, diabolisch. Lasst mich, geht! Sie sind überall. Greifen nach mir mit ihren unsichtbaren Krallen, den unsichtbaren Zähnen. Beißen sich fest, ihr Geifer rinnt in mein Gehirn, verätzt Verbindungen, die ehemals wichtig schienen. Sie zerreißen mich, meine Seele stirbt im Würgegriff ihrer gnadenlosen, ersehnten Umklammerung.
Zurück bleibt meine Hülle. Leer, aber weiterhin Ehemann, Geliebter und Vater. Mein Verschwinden wird ignoriert, zeitgemäß übergangen. Weiterhin bin ich Kollege, Geschäftsfreund und Ansprechpartner. Kein Wort über mein langsames Sterben, mein Siechtum, mein Verschwinden. Erkennen sie es nicht?
Ich bin nicht länger Bestandteil dieses Körpers. Ignorant schleudern sie weiterhin leere Blasen gegen mein früheres Ich, scherzen und halten mit dekadenter Kommunikation die Hülle am Leben.
Und ich bleibe gefangen. Mein teuflisches Karussell, mit selbst geschaffenen Begleitern, dreht sich. In immer schnellerer Abfolge rotieren die Käfigstangen vor meinem Auge, verschwimmen zuerst, dass man sie kaum wahrnimmt. Doch je schneller der Käfig sich dreht, desto mehr verblasst der Hintergrund, desto massiver wirken die Stangen als Wand. Bald ist mir der Durchblick versagt, bald bin ich isoliert.
Allein mit meinen Geistern. War ich das nicht schon immer?