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Die Farbe der Blumen

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15.02.2003
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Die Farbe der Blumen

"emuärtnemulB" stand in großen grünen Buchstaben auf dem Schaufenster. Für die Leute draußen hieß es "Blumenträume". Ralf hatte es oft genug gelesen.
Er konnte zwischen den Lücken der Schrift hindurch ihren Rücken sehen.
Eine junge Frau.
Sie ging vor seinem Laden auf und ab. Unter dem Arm trug sie irgendwelche Zettel. Nichts Wichtiges. Niemand schenkte ihr Beachtung. Die Fußgänger blickten angestrengt nach vorn, betrachteten ihr Lieblingsstück vom Horizont, lauerten der Sonne auf wie nachtaktive Tiere.

Vielleicht war sie das auch, ein nachtaktives Tier. Mit ihrer dunklen Sonnenbrille. Vielleicht hatte sie sich verlaufen, im Taumel der Jahreszeiten. Nun stand sie da, irgendwo im Frühling, irgendwie verloren. Mitten in der grellen Sonne. Wenn sie den Kopf drehte, glitt ihr das Haar über die schmalen Schultern. Haselnussbraun. Genau wie Ralfs Hemd.

Sie sprachen vom Regen, stattfinden sollte er in der Grauzone zwischen dem Jetzt und dem Später. In der Frühe hatten sich hellblaue Inseln in den Wolken aufgetan. Am Mittag hatte sich der Himmel dann wieder verdunkelt und im Augenblick konnte man unmöglich sagen, wie es weitergehen würde. Ralf fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Gähnte. Warf einen Blick auf die große Uhr neben der Tür. Dachte: Nicht viel los heute, und lächelte im nächsten Moment, als er sah, dass es bei der jungen Frau auch nicht besser lief. Niemand schien sich für ihre Zettel zu interessieren. Kein Tag für Zettel. Und auch kein Tag für Blumen.

Ralf wandte dem Schaufenster den Rücken zu, er schritt langsam die Regale mit den Blumen ab. Akazien, Azaleen, Chrysanthemen, rote gelbe weiße, Fuchsien und Gladiolen, Nelken, weiß und rosa. Vor den Tulpen blieb er stehen. Von den gelben waren nicht mehr viele da, vielleicht hinten im Lager noch ein paar. Das altbekannte Frühlingsspiel. Alle wollten Tulpen. Ralf schüttelte den Kopf und ging in Richtung Hinterzimmer, um die Bestände zu überprüfen. Da ertönte das kleine Glockenspiel über der Tür. Erschrocken wandte er sich um. Nur ein Kunde. Der erste an diesem Tag. Ralf grüßte, der Mann nickte kurz zurück. Irgendetwas machte ihn verlegen. Nachdem er sich eine Weile zwischen den Tischen und Regalen umgesehn hatte, bemerkte er Ralfs Blicke und sah nun ebenfalls herüber.

„Kann ich ihnen behilflich sein?“
„Ach! Diese ganzen Blumen. Wie soll ich denn da die richtigen finden.“
„Lassen Sie sich einfach von den Blumen finden. Für wen sie dann am Ende sind, spielt gar keine Rolle. Denken Sie an ihre Lieblingsfarbe, fühlen Sie mit den Augen.“
Misstrauisch musterte der Mann die von der Decke hängenden Blumenkübel. „Gelb. Ja, ich denke, gelb wäre schön.“
Ralf lächelte. „Gelb. Dann nehmen Sie doch Osterglocken, draußen ist ja Frühling. Meistens. Die sind auf dem Tisch da drüben. Kommen Sie, ich zeig sie ihnen.“
Keine Tulpen.

Wieder allein im Laden ging er zurück zu den Regalen. Schloss die Augen und atmete tief ein. Früher hatte er jede Blume am Duft erkannt. Irgendwann innerhalb der letzten Monate war ihm die Fähigkeit abhanden gekommen. Wenn man den ganzen Tag von Gerüchen umgeben war, hörte man früher oder später mit dem Riechen auf.
Was hatte der Kerl beim Bezahlen noch gemeint?
Mit gesenkter Stimme und aufs Schaufenster deutend hatte er gesagt: „Sagen sie mal, kennen sie die? Nicht? Dann sollten sie vielleicht mal hingehn und sie bitten, das woanders zu machen. Die sollen das mal nich übertreiben, die mit ihrem Jesus. Man muss sich ja regelrecht vorbeischleichen an der Göre, wenn man in den Laden will.“
Ralf trat ans Fenster.

Vorbeischleichen.

Dabei war sie doch so dünn. Der Pullover, der sich bei jedem Windstoß aufbauschte, der Rock zu lang. Malvenfarben. Und altmodisch dazu, hoffnungslos. Vielleicht hatte der andere doch recht.

Stau am Himmel, die Wolken lagen dicht an dicht. Ein leichter Wind war aufgekommen, die junge Frau hatte Mühe, die Zettel beisammen zu halten. Immer wieder ging sie zu den Leuten hin und versuchte, ihnen ihre Zettel in die Hand zu drücken. Doch die meisten winkten verlegen lächelnd ab. Andere griffen zu, lachten und warfen die Zettel gleich wieder weg, nicht in den Mülleimer. Erst jetzt fiel ihm auf, wie vorsichtig sie einen Fuß vor den anderen setzte, vielleicht hatte sie Angst, ihren weiten Rock zu verlieren, durch den Wind oder einfach so beim Laufen.
Unsinn.

Jetzt fing es an. Die ersten Tropfen zerplatzten auf dem Pflaster. Die überall auf dem Boden verstreuten Zettel wurden nass, das Papier wellte sich und begann zu glänzen. Der Regen schien sie nicht zu stören. Sie nahm nicht einmal ihre Sonnenbrille ab, aber der Regen war ja auch nicht stark. Nur ein Nieselregen. Hingehauchte Regenbögen, Farbenspektrum helles Grau bis dunkles Grau. Insgesamt fast unsichtbar.

Vielleicht sollte er doch rausgehn. Nur, was sollte er denn sagen. Entschuldigen sie, aber hätten sie die Güte zu verschwinden. Nein, man musste höflich bleiben. Allein schon der anderen Leute wegen.
Blumen. Warum nicht. Durch eine Blume gesprochen, wird jedes Wort zur Höflichkeit. Sagt man. Magnolien? Lieber nicht. Passionsblumen? Nicht gar so offensichtlich, bitte.

Malven.

Als die Tür zuschwang, ertönte gedämpft das Glockenspiel. Bemüht, die Blumen möglichst unauffällig zu halten, näherte er sich der Frau. Die warmen Regentropfen verfingen sich im Stoff seines Hemdes. Eine Jacke hätte sie möglicherweise als beleidigend empfunden, lief ihr doch das Wasser inzwischen in langen Fäden über das Gesicht. Wie blass sie ist, dachte Ralf, aber eigentlich auch ganz hübsch. Geschmeidig. Wie ein scheues Tier. Nachtaktiv. Nachtfalter sind nichts als schüchterne Schmetterlinge, warum denn nicht.

Auf ihrem Pullover war in bunter, verschnörkelter Schrift zu lesen: „Jesus, öffne uns die Augen!“

Sie kam auf ihn zu und hielt ihm einen der Zettel hin. Das Papier war aufgeweicht und wellig. Er lehnte hastig ab. „Nein danke, ich...wollte Sie eigentlich...“ Wieso sah sie ihn so kühl an: „Oh, Sie haben Malven dabei. Welche Farbe haben sie?“
Ralf verstand nicht. Ihre Blicke machten ihn nervös. Er fasste sich. „Sagen Sie, würde es ihnen etwas ausmachen, die Sonnenbrille abzusetzen. Die Sonne ist ja auch schon nicht mehr da.“

„Ja“, sagte sie, die Brille vorsichtig abnehmend, „die Sonne ist schon nicht mehr da.“
Dann lächelte sie ihn mit ihren leeren, weißen Augen an.
„Würden Sie mir die Farbe beschreiben? Die Farbe der Blumen. Es wäre wirklich wunderbar.“

 
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Servus Wolkenkind!

Eine ruhige, angenehme Geschichte. Das Ende kommt, zumindest für mich, doch unerwartet. Normalerweise sind mit einer derartigen "Pointe" Geschichten aus und das ist meist gut so, denn ihr Ziel haben sie dann bereits erreicht. Bei deiner Geschichte ist es schade, hätte dies gar nicht gebraucht. Ich würde gerne erfahren, wie reagiert er, welches Gespräch entwickelt sich zwischen ihnen, welche Bewegungen und Gesten verbindest du mit Naturschauspielen oder stellst sie kaum ausgesprochen schon wieder in Frage - ich könnt deine Geschichten einfach immer weiter und weiter lesen.

Lieben Gruß an dich - Eva

 

hallo!
ich fand den schluss deiner geschichte sehr gelungen, muss aber zugeben, dass ich mich bis dahin ab und zu etwas durch den text quälen musste! für meinen geschmack ist zu wenig handlung vorhanden, beziehungsweise die handlung zu langweilig dargestellt.
aber die idee der geschichte gefiel mir gut, auch brucht es nicht umbedingt eine nachgeschichte.
mfg onida

 
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Hi eva, Hi onida

Danke euch beiden für die schnellen Antworten.

Wenn die Geschichte mit "sie war blind" enden würde, gäbe es die Pointe. Aber der letzte Satz war mir wichtig. Ich mag keine abgeschlossenen Geschichten, weil sie Prämissen benötigen.

@onida
Zu sagen, dass etwas langweilig ist, ist fies :)
Entweder ich sage, ich wollte die Langeweile, oder ich sage, dass die Geschichte misslungen ist.
Ich gebe dir Recht, viel Bewegung ist nicht drin, aber sonst wäre es auch eine ganz andere Geschichte. Wenn du die SPannung am liebsten in der Handlung hast, habe ich nichts dagegen einzuwenden.

Liebe Grüße
wolkenkind

 

Hallo Wolkenkind!

Ich kann Eva nur zustimmen - eine wunderbar angenehme, ruhige Geschichte. Als langweilig habe ich sie ganz und garnicht empfunden. Sie fließt ruhig und gelichmäßig dahin, findet genug Raum für den Geruch der Blumen, und kommt dann zur Ponite, sehr gelungen! Auch ich könnte mir allerdings gut vorstellen, dass die Geschichte noch nciht zuende ist - es ist der Anfang :)

"Passionsblumen? Nicht gar so offensichtlich, bitte." - :lol:

"Nachtfalter sind nichts als schüchterne Schmetterlinge, warum denn nicht." - ein schöner Satz, ein schöner Gedanke. Ja, warum eigentlich nicht?

liebe Grüße
Anne

 

Hallo Wolkenkind!
ich mag deine Geschichte sehr. Sie hat eine so schön ruhige und stille Stimmung. Eine leichte Handlung, die eigentlich im Hintergrund abläuft. Gefällt mir sehr gut.
Du lässt dem Leser Zeit, den Geruch der Blumen wahrzunehmen und sogar dei Seele ein bisschen baumeln zu lassen. Ich finde, die Handlung plätschert so vor sich hin und ist doch auf ihre eigende Art fesselnd. Finde ich sehr gelungen. :)

Nein, langweilig ist sie nicht. Sie hat das richtige Tempo.
Den Schluss finde ich auch gut. Wenn du geschrieben hättest: Sie war blind. Oder so etwas in der Art wäre es für mich zu abschließend. So kann man sich eigende Gedanken machen, wie es wohl weiter geht.

So, das wollt ich dazu loswerden. :)

bye und tschö

 

Hallo Wolkenkind

auch mir hat die Geschichte sehr gefallen, ich finde sie ganz und gar nicht langweilig, sondern eine sehr gelungene Betrachtung und Beschreibung von Ralf, dem Blumenladen und der Frau.

Zwei Stellen lesen sich für mich allerdings etwas holprig:

Sie sprachen vom Regen, stattfinden sollte er in der Grauzone zwischen dem Jetzt und dem Später.

Vielleicht besser: "Sie sprachen vom Regen, der in der Grauzone zwischen dem Jetzt und dem Später stattfinden sollte"

Und:

Andere griffen zu, lachten und warfen die Zettel gleich wieder weg, nicht in den Mülleimer

vor dem "nicht" ein "aber" setzen. "..., aber nicht in den Mülleimer"

Gruß
deMolay

 

hi wolkenkind,

eine solide geschichte, die sich etwas zieht. die pointe ist gelungen. der sprachstil ist manchmal etwas holprig - wahrscheinlich provoziert.
es ist gewöhnungsbedürftig, dass die erzählung über das verkaufsgespräch auf einmal abbricht, und dass es später durch die gedanken des protas beendet wird. durchaus interessant dieser weg, aber es klang gefühlsmässig nicht gut.
die ganze geschichte erscheint mir etwas ungeschliffen - zwar in sich rund aber in den formulierungen und im stil manchmal noch grobkantig:

Da ertönte das kleine Glockenspiel über der Tür. Erschrocken wandte er sich um. Nur ein Kunde. Der erste an diesem Tag. Ralf grüßte, der Mann nickte kurz zurück. Irgendetwas machte ihn verlegen. Nachdem er sich eine Weile zwischen den Tischen und Regalen umgesehn hatte, bemerkte er Ralfs Blicke und sah nun ebenfalls herüber.

das ist nur ein beispiel!
ich vermute, dass kombosätze hier vielleicht besser klingen würden.

bis dann

barde

 

Danke allen fürs lesen, schön, dass ihr was mit der Geschichte anfangen könnt, Moonshadow, Anne und deMolay.

@barde

Auch dir danke fürs Lesen und besonders für die Kritik.
Der erste Grund, warum der Stil noch holpert mag wohl einfach meine mangelnde Erfahrung sein :)
Aber teilweise war es auch Absicht. Ich schreibe sehr, sehr langsam. Daher muss man wohl auch dementsprechend langsam lesen, aber das kann ich natürlich niemandem vorschreiben.
Bei der nächsten Geschichte versuch ich mal längere Sätze.

Liebe Grüße
wolkenkind

 

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