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Die Chance der Möwe Malwin

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06.04.2003
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Die Chance der Möwe Malwin

Die Chance der Möwe Malwin


Es gab einmal eine Möwe, die lebte an der felsigen Küste eines großen Meeres im Pulk vieler anderer Möwen. Die Möwe hieß Malwin. Malwin war unter seinen Gefährten sehr beliebt. Malwin war stets für die anderen da und schenkte ihnen größte Beachtung, welche bei diesen flatterhaften Geschöpfen keineswegs selbstverständlich ist.
Bei allen Dingen, die Malwin so beliebt machten, hatte er doch ein großes Handicap: Er fand Zeit seines Lebens keinen weiblichen Partner um sich der Natur gemäß fortzupflanzen.
Warum nicht? Nun, Malwin konnte nicht fliegen. Und so fand er nie eine Möwin, die mit ihm alt werden wollte, da alle Möwen-Damen nur fliegenden Männchen zugeneigt waren.
Malwin konnte sich noch so sehr bemühen mit Balz Ritualen auf sich aufmerksam zu machen. Leider Vergebens, denn Möwen, die nicht fliegen können, haben keine Chance, denn sie können keine Nahrung für den Nachwuchs beschaffen und die Familie vor Feinden beschützen.

Malwin war sehr einsam. Obwohl er bei anderen sehr beliebt war, war er doch meist alleine mit sich und seinen Gedanken.
"Ach warum ist das Leben nur so qualvoll? Ich wäre der fürsorglichste Partner, den eine Möwin sich vorstellen könnte. Ich wäre immer für sie und den Nachwuchs da. Was haben nur die anderen Möwen an sich? Sie können zwar fliegen, aber macht sie das zu besseren Geschöpfen? Die meisten sind im Gegenteil sehr flatterhaft und benutzen ihre Freiheit in der Luft um anderen Weibchen nachzufliegen." Malwin hatte öfter diese deprimierenden Gedanken. Er empfand die Welt als grausam und ungerecht. Täglich bat er um eine Chance seine Fürsorglichkeit unter Beweis stellen zu können. Doch ihm wurde klar, daß er fliegen lernen mußte oder keine Chance hätte.

Malwin trainierte hart. Fliegen zu lernen als erwachsene Möwe ist sehr schwer, wenn nicht nahezu unmöglich. Möwen, die als Küken nicht langsam mit ihrer Mutter das fliegen lernen, werden es später nie wagen sich in der Luft fallen zu lassen und seinen Flügelkräften zu vertrauen. Genauso war es bei Malwin. Sein eigenes Selbstvertrauen war derart geschwächt, daß er es nicht schaffte locker und frei durch die Lüfte zu schweben. Malwin sprang von leichten Erhebungen, doch während des Falles krampften seine Flügel reflexartig, daß er es nicht schaffte ein stabiles Gleichgewicht zu finden. Malwin stürzte ab, brach sich des öfteren die Flügel. Trotzdem probierte er es immer und immer wieder, denn nach all den Jahren hatte er gelernt, daß ihm die Grübeleien nicht weiter bringen würden. Er mußte üben und üben, auch wenn es noch so schwierig war.

Eines Tages als Malwin mit seinen Kräften schon beinahe am Ende war und das fliegen lernen aufgeben wollte, traf er während seiner Flugversuche die bezauberndste Möwe, die er je gesehen hatte. Er mußte sie einfach kennenlernen, doch leider flog sie schnell davon. Ohne zu überlegen sprang Malwin von einem Fels über dem Ozean um der sich entfernenden Möwe hinterher zu eilen. In diesem Moment geschah das Unglaubliche: Malwin bemerkte nicht, wie er den Boden unter den Füßen verlor. Instinktiv schlug er rhythmisch mit den Flügeln um sich von der Luft tragen zu lassen. Und siehe da, Malwin stürzte nicht in die Tiefe, er flog. Er hatte es geschafft. Er flatterte durch den Himmel, als habe er nie etwas anderes getan als zu fliegen. Ohne über sein großes Glück nachzudenken flog Malwin der bezaubernden Möwin hinterher. Als er ihr in der Luft begegnete, stellte er ihr nur eine einzige Frage:

"Gibst du mir eine Chance?"

 

Hallo f1man,

Erst mal herzlich Willkommen auf kurzgeschichten.de :anstoss:

Ich wollte ursprünglich über deinen anderen Text ("the trouble of being Mr. Nice Guy") etwas schreiben, hab aber erst mal "recherchiert", was es sonst noch von dir gibt... - tja, und so bin ich bei der Möwe "Malwin" gelandet!

Die Geschichte ist schön erzählt.
Du besitzt einen flüssigen Sprachstil, und den Möwen-Mann Malwin hast du gut charakterisiert, so dass man sich leicht in ihn "hineinfühlen" kann.

Einerseits tut Malwin mir Leid, weil er ja (erstmal) nicht Fliegen kann und keine Partnerin hat.
Aber andererseits verstehe ich ihn nicht:
Was für ein Problem hatte er vorher wirklich mit dem Fliegen gehabt? Du sagst ja nicht, dass er ein körperliches Handicap oder so etwas hat - sondern:

Sein eigenes Selbstvertrauen war derart geschwächt, daß er es nicht schaffte locker und frei durch die Lüfte zu schweben.
Aber das ist ja auch nur ein Symptom für etwas anderes (Symptom eines tieferliegenden Problems...) Also bleibt für mich die Frage nach der wirklichen Ursache des "Nicht-fliegen-könnens" offen...
Noch interessanter wird alles, wenn man die Geschichte insgesamt als Parabel auffasst, dann steht nämlich das "Fliegen" als Metapher für etwas ganz anderes...
- Aber ich möchte hier nicht zu sehr "Psychologisieren".

Natürlich hab ich mich am Schluß für Malwins Flugerfolge gefreut - aber der Ausgang, ob er nun Erfolg bei ihr hat oder nicht - das bleibt ja im Prinzip noch offen.
Ich glaube, die Möwin hätte es vielleicht noch "cooler" von Malwin gefunden, wenn er nicht so zaghaft gefragt hätte:

"Gibst du mir eine Chance?"
Vielleicht wäre die Möwin ja aus allen Wolken gefallen, wenn Malwin sie einfach an den Schwanzfedern gepackt und ihr dann gesagt hätte: "Jetzt hab ich dich endlich! Ich will Dich, Süße! Und jetzt kommst du mir auch nicht mehr davon!" :D


Liebe Grüße,
Wolf

 

Hallo f1man,

Erst mal herzlich Willkommen auf kurzgeschichten.de :anstoss:


Danke... wow... ich hätte nicht gedacht, daß noch mal jemand was zu der Geschichte schreibt. Vielen Dank für deine Rezension...


Noch interessanter wird alles, wenn man die Geschichte insgesamt als Parabel auffasst, dann steht nämlich das "Fliegen" als Metapher für etwas ganz anderes...
- Aber ich möchte hier nicht zu sehr "Psychologisieren".

Gratuliere... hiermit triffst du den Nagel auf den Kopf... es soll tatsächlich eine Parabel (Fabel?) sein... und zwar steht das "nicht fliegen" für Mimnderwertigkeit und Verklemmtheit gegenüber Frauen...
so lange Malwin nicht fliegen kann, also nicht locker ist, bekommt er keine Möwe, also keine Herzdame ;-)

allen Wolken gefallen, wenn Malwin sie einfach an den Schwanzfedern gepackt und ihr dann gesagt hätte: "Jetzt hab ich dich endlich! Ich will Dich, Süße! Und jetzt kommst du mir auch nicht mehr davon!" :D

Kann sein, daß das zaghaft war. Andererseits entsprach das Malwins Charakter, der lieber auf zurückhaltende Art Möwinnen erobern möchte. Und so viel Selbstvertrauen hatte er wohl doch nicht, daß er sein ganzes Pulver direkt wieder verschoß.

Freut mich, daß dir die Geschichte gefiel...


Grüße,
Martin

PS: Was sagst du denn nun zum "Nice Guy" ;-))?

 

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