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Die Überraschung.
Die Überraschung.
Der kleine Laden für Bastelsachen und Mal-Utensilien lief schlecht.
Jeden Abend, wenn Kassensturz war, fluchte Karl Klecksel, der Inhaber, wegen des mageren Ergebnisses laut vor sich hin.
Am Donnerstag war es soweit.
Er rief Erna, seine Frau und sagte:
"Erna, Du hast doch mal vor 10 Jahren einen Volkshochschulkurs für das Malen von Ölbildern besucht, nicht wahr?"
Erna nickte.
"Wieviele Bilder hast Du denn damals gemalt?" fragte Klecksel seine Frau weiter.
"Sieben Stück" antwortete Erna, "aber die habe ich in einem Koffer auf dem Boden deponiert, so schrecklich sind die geworden."
Sofort rannte Karl Klecksel auf den Boden und wühlte dort herum.
Triumphierend zog er den Koffer dort unter einem Stapel alter Zeitungen hervor.
Als er ihn öffnete, zuckte er allerdings zusammen.
Es war wirklich eine Zumutung, diese Bilder zu betrachten.
Sie zeugten drastisch davon, dass hier jemand versucht hatte zu malen, der es wohl im Leben nicht lernen könnte.
Weder die Proportionen, noch die Farben und Formen stimmten.
Die Motive (Blumen, Landschaften, Engel) wirkten grell, kitschig, kindlich - mit einem Wort - unmöglich.
"Egal" sagte sich Karl Klecksel "die lege ich jetzt zum Verkauf ins Schaufenster."
Er putzte sie vom Staub frei und am nächsten Morgen lagen alle sieben Bilder ausgezeichnet mit einem Verkaufspreis von 50 Euro das Stück im Schaufenster.
Da lagen sie auch nach einer Woche noch.
Fluchend änderte Klecksel den Preis in der folgenden Woche auf 25 Euro pro Stück.
Eine Woche später hatte er immer noch sieben Bilder dort liegen.
"Jetzt gehen wir ran" sagte Klecksel und änderte den Preis auf 12 Euro pro Stück.
Diesen Preis schrieb er jetzt sogar in grellroter grosser Schrift und setzte jedem Bild noch das Wort "Sonderangebot" in Form eines weiteren Schildes hinzu.
Nach einer Woche kam tatsächlich ein Kunde herein und fragte nach den Bildern, aber es zeigte sich,
dass dieser geglaubt hatte, dass er alle sieben Bilder für einen Gesamtpreis von 12 Euro bekäme.
Klecksel warf ihn mit unsanften Worten aus dem Laden.
Es vergingen weitere Wochen.
Klecksel war jetzt so genervt, dass Preisschilder in der 10. Woche noch einen Preis von einem Euro pro Stück zeigten.
Einen Tag, nachdem Klecksel seine Bilder erneut preislich ausgezeichnet hatte, hielt ein nagelneuer Porsche
vor dem Laden.
Herein kam ein Kunde, dem der Reichtum auf den ersten Blick anzusehen war.
Ohne nach seinem Wunsch gefragt worden zu sein sagte er:
"Für die ganzen Bilder da draußen biete ich Ihnen 10.000 Euro.
Wissen Sie, ich bin es nicht gewohnt, lange rumzuhandeln, ich habe einen Blick für Raritäten."
Klecksel schluckte und stotterte Unzusammenhängendes.
"Ok," sagte der Kunde, "Ich biete Fünfzehntausend".
Während Klecksel noch laufend seine Gesichtsfarbe wechselte, kam seine Frau dazu.
"Einverstanden" sagte sie.
Karl Klecksel sah sie entgeistert an und stotterte nur noch: "Meine Frau wird das machen".
Er lief total verwirrt ins Badezimmer und liess sich kaltes Wasser über den Kopf laufen.
"Das gibt es doch nicht, das gibt es doch nicht" flüsterte er vor sich hin.
Die Tür öffnete sich.
Erna Klecksel stand vor ihm.
Sie hielt ihm strahlend ein riesiges Bündel mit Geldscheinen hin.
Karl Klecksel konnte vor Aufregung kaum sprechen.
"Ich verstehe das nicht", jammerte er , "wenn einer mir sieben Euro geboten hätte, dann hätte ich jetzt keine Schwierigkeiten, aber das hier, das geht nicht in meinen Kopf."
Erna Klecksel lächelte ihren Mann gütig an.
"Von wegen sieben Euro" sagte sie und ihr Lächeln wurde zu einem fast gemein wirkenden Grinsen.
"Ich habe jedes Preisschild durch ein neues Schild ersetzt, habe nur vergessen es Dir zu sagen".
Klecksel stotterte erneut: "Und dddddu hhhaast sooo hohe PPPreise eingesetzt?"
"Nein,", sagte Erna "ich habe gestern abend noch auf jedes Schild das Wort "Unverkäuflich" geschrieben!"
© K. Briesemeister/2003