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Deutsch, nur auf dem Papier!

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30.04.2012
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Deutsch, nur auf dem Papier!

Schwarze Augen.
Sie wanderten von links nach rechts und wieder nach links. Langsam und träge. Nicht nervös, eher nach etwas suchend, das sie kannten. Etwas, das so aussah wie er selbst.
All diese Auge, die so skeptisch blickten und zugleich Gleichgültigkeit und Toleranz vermitteln wollten. Irgendwie verletzten sie ihn. Irgendwie war es normal.
Wer würde einen schon für verrückt erklären, wenn man etwas nervös wurde, sobald ein schwarzer Mann neben einem in der U-Bahn steht? Er wusste es. Die Frau neben ihm wusste es. Es war okay.
Er hatte es oft genug gespürt. Die Distanz. Das Misstrauen.
Der Mann, dem die Wohnung gehörte, in der er lebte, lächelte, während er abwog: „Kannst du überhaupt die Miete bezahlen? Wie lange dauert es, bis du hier ein Flüchtlingslager aufmachst?“ Die alte Frau im Gemüseladen bediente ihn höflich denkend: „Sei froh, dass ich nicht gesehen habe, was du mitgehen lassen hast.“ Die Dame neben ihm in der U-Bahn vergrub den Hals, stur geradeaus starrend, im Pelzkragen, bangend: „Hoffentlich klaut der nicht gleich meine Tasche.“
Was ist ein echter Deutscher?
Die meisten würden sagen: „Jemand, der in den Grenzen von Deutschland, zwischen Bodensee und Flensburg, zwischen Oder und Saarland, geboren wurde.“
Das konnte er kontern: „ Aber ich bin in den Grenzen von Deutschland, ich bin hier geboren. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Ich bin hier zur Schule gegangen.“
Fragende, argwöhnische Blicke. „Nein... ein Deutscher hat helle Haut und blondes Haar. Er liebt Fußball, Bratwurst und Bier.“
Er war nichts von alle dem.
Quitschen.
Knarzen.
Langsam, quälend schoben sich die Türen des Wagons auf. Lärm drang vom belebten Bahnsteig in das geschlossene System der U-Bahn.
Es gab Reiche, die saßen und Arme, die standen. Es gab Alte, die um Verständnis baten und Junge, die dies Wort nie zuvor gehört hatten. Es gab ihn, der fremd in alle dem wirkte und es gab einen Polizisten, der am Ende des Abteils lehnend die Menschen beschützte, vor solchen wie ihm.
Es war seine Station.
Rückartig löste er sich von der Stange, an die er sich geklammert hatte. Mühsam drängte er durch den überfüllten Wagen. Vorbei an Menschen, die verlegen den Blick abwandten, wenn er sie passierte.
Den einen Fuß bereits auf dem Bahnsteig, hörte er ein lautes Aufschreien hinter sich. Wie ein Blitz fuhr es ihm durch die Knochen. Er wandte sich um.
Die Frau, die eben noch neben ihm gestanden hatte, hatte die Augen kugelrund aufgerissen und blickte wie ein Mensch, der soeben als Geisel genommen wurde. Ihre schwarze Ledertasche zu ihren Füßen.
Sie musste herunter gefallen sein.
Er musste sie gestreift haben.
Der Polizist hatte sich aus seiner Beobachterrolle gelöst und bahnte sich nun seinerseits den Weg durch die Masse, die sich vor ihm teilte, wie einst das Wasser vor Mose. „Der wollte meine Handtasche klauen.“, rief die Frau, noch immer wie angewurzelt an ihrem Platz.
Ein flaues Gefühl machte sich in ihm breit. Er wusste was nun geschehen würde.
„Darf ich mal ihren Ausweis sehen.“
„Sicher...“, suchend nach dem Ausweis, „Ich muss die Tasche der Dame gest...“
„Ja, ja, sicher...“, den Pass auswendig lernend, „Ich glaube, wir müssen uns mal auf dem Revier unterhalten.“
Ernüchterung. „Natürlich.“. Was hatte er erwartet? Die Frau war offensichtlich wohlhabend und er war... schwarz.
Deutsch, nur auf dem Papier.

 

Hey Spiderpig!

Ich hör den Satz "Ich bin Deutsch, aber nur auf dem Papier" öfters von Freunden, die mir ihre "kulturelle/ethnische Identität" unter die Nase reiben wollen oder sich weigern als assimiliert zu gelten. Daher das Interesse an deiner Geschichte. Bei dir ist es genau umgekehrt, der Typ ist Deutscher, wird aber von den anderen nicht als solcher wahrgenommen.
Ich finde deine Darstellung dieser Problematik ziemlich einseitig. Es ist auch mittlerweile bei dem "Durchschnittsdeutschen" angekommen, dass deutsch nicht heißt, man ist blond, trinkt Bier und isst Bratwurst und glotzt Fußball. Das ist alles bisschen komplexer als hier dargestellt.

Er hatte es oft genug gespürt. Die Distanz. Das Misstrauen.
Der Mann, dem die Wohnung gehörte, in der er lebte, lächelte, während er abwog: „Kannst du überhaupt die Miete bezahlen? Wie lange dauert es, bis du hier ein Flüchtlingslager aufmachst?“ Die alte Frau im Gemüseladen bediente ihn höflich denkend: „Sei froh, dass ich nicht gesehen habe, was du mitgehen lassen hast.“
Das sind seine Gedanken, richtig? Also er interpretiert die Gesichtsausdrücke seiner Mitmenschen - ich finde, DAS ist ein spannendes Thema, inwiefern man sich Sachen so einredet, weil man ein, zwei schlechte Erfahrungen gemacht hat.
Ne Freundin von mir ist davon überzeugt, sie wurde in der Schule von Lehrern unfair behandelt, weil sie Ausländerin ist.
Ne andere Freundin von mir hat ne zeitlang viel Scheiße über Ausländer abgelassen, als sie sich von ihrem Freund getrennt hat, der selbst Ausländer war. Ich leugne also die Tatsache nicht, dass sich der Blick auf bestimmte Sachen stark verfärbt, wenn man eine schlechte Erfahrung gemacht hat - aber dann muss der Text, dann musst du als Autor, wenn du über solche Figuren schreibst, selbst eine kritische Distanz bewahren und in dem Text muss genug Raum vorhanden sein, um dem Leser auch diese Distanz zu gewähren. Dein Text springt einen ja ins Gesicht - und das ist ziemlich unangenehm.
Es gab Reiche, die saßen und Arme, die standen. Es gab Alte, die um Verständnis baten und Junge, die dies Wort nie zuvor gehört hatten. Es gab ihn, der fremd in alle dem wirkte und es gab einen Polizisten, der am Ende des Abteils lehnend die Menschen beschützte, vor solchen wie ihm.
Die Aussage ist so pauschal und anklagend - da sträubt sich alles in mir - ich kann die Geschichte gar nicht verfolgen, wenn solche pauschalisierenden Aussagen drin stecken, die einem eine allgemeingültige Wahrheit vorgaukeln, die es so in der Realität nicht gibt, jedenfalls nicht so ausgeprägt.
Der Polizist hatte sich aus seiner Beobachterrolle gelöst und bahnte sich nun seinerseits den Weg durch die Masse, die sich vor ihm teilte, wie einst das Wasser vor Mose. „Der wollte meine Handtasche klauen.“, rief die Frau, noch immer wie angewurzelt an ihrem Platz.
Ein flaues Gefühl machte sich in ihm breit. Er wusste was nun geschehen würde.
„Darf ich mal ihren Ausweis sehen.“
„Sicher...“, suchend nach dem Ausweis, „Ich muss die Tasche der Dame gest...“
„Ja, ja, sicher...“, den Pass auswendig lernend, „Ich glaube, wir müssen uns mal auf dem Revier unterhalten.“
Ernüchterung. „Natürlich.“. Was hatte er erwartet? Die Frau war offensichtlich wohlhabend und er war... schwarz.
Deutsch, nur auf dem Papier.
Ich studiere kein Jura, aber müsste dann die Frau nicht mitkommen, eventuelle Zeugen befragen, der kann den doch nicht einfach so mit aufs Revier nehmen, ohne irgendwelche Beweise?
Er ist ja auch Deutscher, ist jetzt nicht ein Flüchtling, ein Geduldeter oder Asylant - also, der hat einen ganz anderen Status als ein Ausländer.

Es soll jetzt nicht rüberkommen, als würd ich hier Rassismus, der tagtäglich in Deutschland stattfindet, leugnen, aber solche Fälle, denke ich, kommen doch vereinzelt vor und wenn nicht, dann müsstest du es mir so glaubhaft und authentisch schildern, dass ich dir das abkaufe. So ist mir das echt zu plump, ich kann das einfach nicht glauben, nein, das läuft viel subtiler ab, viel unbewusster auch. Der Text hat eine eindeutige Aussage, mit der ich mich nicht identifizieren kann, obwohl ich keine Deutsche bin und hier will ich mal echt für die Deutschen Partei ergreifen und sagen, nee, so ist echt nicht, auch wenn ich jedes Mal, wenn ich aus dem Bus steige auf dem Pro NRW Plakat: "Islam statt Freiheit" lese.

Spiderpig, du hast eine bestimmte Motivation und eine bestimmte Intention, warum du diese Geschichte geschrieben hast, bleib auf jeden Fall dran, bei diesem Thema hast du mich auf deiner Seite, aber bitte nicht so einseitig, sonst lässt du mir einfach keine Wahl. Ist mir echt zu eindimensional. Sorry.
(Es gibt hier ne Geschichte mit ähnlichem Thema, aber viel humoriger gelöst, mit (Selbst-)Ironie und mit Raum zu Entfaltung der Thematik, mit ausgefeilten Figuren usw., Bitteschön:http://www.kurzgeschichten.de/vb/showthread.php?t=47908 )


Herzlich Willkommen hier und viel Spaß noch auf der Seite!

JoBlack

 

Hallo spiderpig90

Deine erste Kurze hat durchaus seine gesellschaftskritische Berechtigung, die Angst vor dem Fremden kolportierend. Von der Idee her gefällt sie mir denn auch gut. In Ausnahmesituationen kamen mir subjektiv auch schon ähnlich vorurteilsbesetzte Gedanken vor Fremden auf, obwohl ich solche rational entschieden ablehne, wenn kein triftiger Grund dafür besteht.

Etwas weniger überzeugt hat mich die Umsetzung, es liest sich über lange Strecken erzählend abgehackt. Die Schwierigkeit ist, dass es weitgehend nur seine Empfindungen und Erinnerungen sind, eine effektive Handlungsebene erst spät aufkommt. Es liesse sich wahrscheinlich auflockern, wenn der Mann nicht nur dort steht und denkt, sondern auch aktiv handelt. Beim Einstieg vielleicht einer ihm unbekannten Frau hilft, einen Kinderwagen in den Waggon zu heben. Einem alten Mann seinen Sitzplatz überlässt, oder dergleichen. Ansonsten kommt es trotz der Gedanken nur träge rüber. Also versuche es den Lesefluss mit mehr Lebendigkeit auszustatten, dann gewinnt sie.

Beim Lesen sind mir noch ein paar Tippfehler aufgefallen, ohne Gewähr auf Vollständigkeit:

All diese Auge, die so skeptisch blickten und zugleich Gleichgültigkeit und Toleranz vermitteln wollten.

Augen

Nein... ein Deutscher hat helle Haut und blondes Haar.

Nein … Leerschlag zwischen Nein und Auslassungszeichen. Diesen Fehler hast du noch dreimal gegen Schluss im Text. Die Regel ist: nach einem abgeschlossenen Wort ein Leerschlag vor Auslassungszeichen; bei einem unvollständigen Wort keinen Leerschlag zwischen dem Wortteil und Leerzeichen.

Quitschen.

Quietschen.

Sie musste herunter gefallen sein.

heruntergefallen

„Der wollte meine Handtasche klauen.“, rief die Frau, noch immer wie angewurzelt an ihrem Platz.

„Der wollte meine Handtasche klauen“, rief die Frau … Am Schluss der wörtlichen Rede keinen Punkt, wenn der Satz wie vorstehend weiterführt. Ausnahmen bilden da einzig Ausrufe- oder Fragezeichen, da sie die Bedeutung der wörtlichen Rede hervorheben.

Schöne Grüsse

Anakreon

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo spiderpig,

Ja, also ein bisschen komplizierter ist die Realität schon. Die Stadt, in der deine Geschichte spielt, hat ja immerhin eine Größe, die eine U-Bahn rechtfertigt. Und wenn man in Berlin oder auch in München immer gleich komisch gucken würde, wenn da jemand mit dunkler oder sonst wie nicht-weißer Haut herumsteht, käme man aus dem komisch Gucken gar nicht mehr raus.

All diese Auge, die so skeptisch blickten und zugleich Gleichgültigkeit und Toleranz vermitteln wollten. Irgendwie verletzten sie ihn. Irgendwie war es normal.
Das erscheint halt so seltsam: Dass ein ganzer U-Bahn-Waggon voller Leute, die alle wohin wollen, sich unterhalten, Musik hören, Bücher lesen, die in Gedanken sind etc. nichts Besseres zutun haben, als angestrengt gleichgültig-tolerant zu gucken, weil da noch ein Schwarzer im Abteil ist.

Diese schräge Wahrnehmung wäre für mich eher interessant in Bezug auf die Frage, wie Einzelne in die Opferrolle hineingequatscht werden oder sich diese auch selbst einreden. Sowas kann auch sehr schnell sehr bequem werden, glaube ich: Ich habe wenige Freunde - aber nicht, weil ich introvertiert bin, sondern weil ich "anders" aussehe. Ich finde keinen Job - aber nicht, weil ich irgendwas falsch mache, sondern weil alle Rassisten sind. Und alle starren mich an.

Soll jetzt nicht heißen, dass man mit seinem Aussehen oder Hintergrund nicht auch wirklich auf Probleme stoßen kann. Aber ich denke, die Günter Wallraffs, die Betroffenheitsvereine und leider auch diese Story hier vermitteln ein einseitiges Bild der Realität.

Dazu kommen noch so andere "sozialkritische" Klischees: Der Polizist, der nur dazu da ist, die Weißen vor den Schwarzen zu schützen, "die Reichen" die sitzen dürfen, während "die Armen" stehen (in welcher U-Bahn sitzen denn "Reiche" und wie setzen die diese Ordnung durch?), die Frau, die sofort hysterisch wird, wenn sich ein Dunkelhäutiger auf fünf Meter nähert ... Ah sorry, aber das ist eine Geschichte, die auf Vorurteilen über Vorurteile basiert.

Was mir gut gefallen hat: Die Geschichte liest sich flüssig. Es gibt aber auch Flüchtigkeitsfehler, so was hier:

Ernüchterung. „Natürlich.“.
Die sind bei einer so kurzen Geschichte auch nicht nötig.

Und der Aufbau, also der Spannungsbogen stimmt schon mal. Das wird im ersten Teil aufgebaut, konkretisiert sich, der Konflikt verschärft sich und mit der Pointe kommst du wieder aufs Thema zurück. Sehr klassisch.

Also, ich würde noch zwei, drei mal drüber nachdenken, ob man da nicht mehr Zwischentöne einbauen kann.

Grüße,
Meridian

P.S.:
@JoBlack: "Pro NRW" plakatiert jetzt "Islam statt Freiheit"? Die Welt ist wirklich komplizierter als man glauben sollte. ;)

 

Haha! Wär bestimmt auch lustig, wenn die sich mal vertippen würden! Aber ihre Plakate können sogar Analphabete "lesen". (Moschee rot umkreist und fett durchgestrichen) Und ja: "Pro" NRW, hab die Anführungszeichen vergessen.

 

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