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Deutsch, nur auf dem Papier!
Schwarze Augen.
Sie wanderten von links nach rechts und wieder nach links. Langsam und träge. Nicht nervös, eher nach etwas suchend, das sie kannten. Etwas, das so aussah wie er selbst.
All diese Auge, die so skeptisch blickten und zugleich Gleichgültigkeit und Toleranz vermitteln wollten. Irgendwie verletzten sie ihn. Irgendwie war es normal.
Wer würde einen schon für verrückt erklären, wenn man etwas nervös wurde, sobald ein schwarzer Mann neben einem in der U-Bahn steht? Er wusste es. Die Frau neben ihm wusste es. Es war okay.
Er hatte es oft genug gespürt. Die Distanz. Das Misstrauen.
Der Mann, dem die Wohnung gehörte, in der er lebte, lächelte, während er abwog: „Kannst du überhaupt die Miete bezahlen? Wie lange dauert es, bis du hier ein Flüchtlingslager aufmachst?“ Die alte Frau im Gemüseladen bediente ihn höflich denkend: „Sei froh, dass ich nicht gesehen habe, was du mitgehen lassen hast.“ Die Dame neben ihm in der U-Bahn vergrub den Hals, stur geradeaus starrend, im Pelzkragen, bangend: „Hoffentlich klaut der nicht gleich meine Tasche.“
Was ist ein echter Deutscher?
Die meisten würden sagen: „Jemand, der in den Grenzen von Deutschland, zwischen Bodensee und Flensburg, zwischen Oder und Saarland, geboren wurde.“
Das konnte er kontern: „ Aber ich bin in den Grenzen von Deutschland, ich bin hier geboren. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Ich bin hier zur Schule gegangen.“
Fragende, argwöhnische Blicke. „Nein... ein Deutscher hat helle Haut und blondes Haar. Er liebt Fußball, Bratwurst und Bier.“
Er war nichts von alle dem.
Quitschen.
Knarzen.
Langsam, quälend schoben sich die Türen des Wagons auf. Lärm drang vom belebten Bahnsteig in das geschlossene System der U-Bahn.
Es gab Reiche, die saßen und Arme, die standen. Es gab Alte, die um Verständnis baten und Junge, die dies Wort nie zuvor gehört hatten. Es gab ihn, der fremd in alle dem wirkte und es gab einen Polizisten, der am Ende des Abteils lehnend die Menschen beschützte, vor solchen wie ihm.
Es war seine Station.
Rückartig löste er sich von der Stange, an die er sich geklammert hatte. Mühsam drängte er durch den überfüllten Wagen. Vorbei an Menschen, die verlegen den Blick abwandten, wenn er sie passierte.
Den einen Fuß bereits auf dem Bahnsteig, hörte er ein lautes Aufschreien hinter sich. Wie ein Blitz fuhr es ihm durch die Knochen. Er wandte sich um.
Die Frau, die eben noch neben ihm gestanden hatte, hatte die Augen kugelrund aufgerissen und blickte wie ein Mensch, der soeben als Geisel genommen wurde. Ihre schwarze Ledertasche zu ihren Füßen.
Sie musste herunter gefallen sein.
Er musste sie gestreift haben.
Der Polizist hatte sich aus seiner Beobachterrolle gelöst und bahnte sich nun seinerseits den Weg durch die Masse, die sich vor ihm teilte, wie einst das Wasser vor Mose. „Der wollte meine Handtasche klauen.“, rief die Frau, noch immer wie angewurzelt an ihrem Platz.
Ein flaues Gefühl machte sich in ihm breit. Er wusste was nun geschehen würde.
„Darf ich mal ihren Ausweis sehen.“
„Sicher...“, suchend nach dem Ausweis, „Ich muss die Tasche der Dame gest...“
„Ja, ja, sicher...“, den Pass auswendig lernend, „Ich glaube, wir müssen uns mal auf dem Revier unterhalten.“
Ernüchterung. „Natürlich.“. Was hatte er erwartet? Die Frau war offensichtlich wohlhabend und er war... schwarz.
Deutsch, nur auf dem Papier.