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Detlef Kohlmann

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29.04.2003
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Detlef Kohlmann

Dürbeck, Christian, männlich, weiß, 32 Jahre, wohnhaft in Berlin stand auf dem ersten Bogen. Darunter eine lange Liste von Begriffen, die er an einem ähnlichen Ort schon einmal gehört oder gelesen hatte: schwere Körperverletzung, tätlicher Angriff, Fahrerflucht, Alkohol am Steuer oder auch Widerstand gegen die Staatsgewalt. Auch der neueste Eintrag, die Tinte war noch feucht, war unter anderem dadurch begründet, dass seine Faust einmal mehr nicht fernzuhalten war von einem grün uniformierten Mann. Er hegte eine Art instinktive, angeborene, vielleicht genetisch bedingte Antipathie gegen diese Personen, die immer in Sätzen sprachen wie: „Aber Herr Dürbeck, niemand möchte Ihnen etwas tun.“ Oder aber: „Beruhigen Sie sich doch, Herr Dürbeck, wir wollen doch nur Ihr bestes. Wir sind immer für Sie da. Niemand ist hier für oder gegen Sie. Keine Panik! Ganz ruhig.“ Einer hatte ihn sogar einmal als „minderbemittelte Kanakensau“ bezeichnet. Das hatte ihn verstört. Denn er hatte einmal gehört, dass Kanake die Bezeichnung für polynesische Eingeborene war. Doch erstens war er, wie schließlich auch auf dem Bogen stand, weiß und zweitens waren seine Eltern wohl die deutschesten Deutschen, die man sich vorstellen konnte. Obwohl die Nazis das anders sahen, als sie die beiden vor dem neu gebauten Einfamilienhaus auf offener Straße hinrichteten. Jetzt war die Zeit der unsozialistischen Nationalsozialisten vorbei. Es war 1965 und er starrte auf seinen Bogen. Dann starrte er zu der blonden Frau am Tisch gegenüber.

Dürbeck, Maria, weiblich, schwarz, 28 Jahre, wohnhaft in Berlin. Auch ihre Eltern waren erschossen worden. Jedoch zu einer Zeit, als sie noch in Afrika lebte; genauer gesagt in Südafrika. Die Parallelen, die zwischen beiden bestanden hatten bevor sie sich kennen lernten, waren also ihre von einem diktatorischen Regime hingerichteten Erzeuger sowie die Tatsache, dass die Mörder ihrer Eltern Weiße waren, die sich für Herrenmenschen hielten. Sie hatte in der Schule Deutsch gelernt, was sie einem glücklichen Zufall zu verdanken hatte. Denn eine Schwarzenquote im Bildungssystem, die keinesfalls dem Anteil der Schwarzen an der Gesamtbevölkerung des Landes entsprach, ermöglichte einigen Kindern eine, wenn auch rudimentäre, Ausbildung. Sie hatte Glück. Sobald es ihr möglich war, floh sie aus ihrem Heimatland. Irgendwie kam sie nach Ungarn, von dort aus über die CSSR in die DDR. Heimweh hatte sie nie. Sie war eine der letzten, die die Grenze in den Westen hatten frei passieren können. Hinter ihr wurde gewissermaßen die Mauer erbaut.

Jetzt standen beide hier. Sie hatten sich nichts zu Schulden kommen lassen, auch wenn sein Vorstrafenregister anderes vermuten ließ. Sie waren lediglich gemeinsam weggegangen. An die komischen Blicke und dummen Bemerkungen hatte sie sich schon lange gewöhnt. Solche Probleme gab es schon in ihrem Heimatland. Sie ignorierte derartiges. Ihr Mann hatte damit mehr Probleme. Er konnte diese Menschen nicht ignorieren. Für ihn waren das Dumpfbacken, die den 8. Mai 1945 verschlafen oder aber erfolgreich verdrängt hatten. Und er war fest entschlossen, sie alle zur Vernunft zu bringen. Notfalls mit Gewalt. Das war auch die Ursache für die Länge des Bogens, auf dem sein Name stand. Auch an jenem Abend war es wieder so. Ein Wort ergab das andere. Jemand kippte sein Glas auf ihm aus. Tullamore Dew: bei Whiskey kannte er sich aus. Er schmiss Gläser um. Sie bat ihn, die Ruhe zu bewahren. Er schubste fremde Gäste. Sie wollte in ein anderes Lokal. Er spürte eine Faust in der Magengegend. Der Absender dieser unmissverständlichen Botschaft steckte kurz danach einen heftigen Kinnhaken ein. Dann noch einen. Wie sich herausstellte, hatte der inzwischen leicht lädierte Provokateur eine größere Gruppe an guten Bekannten mit sich gebracht. Diese waren ebenfalls erfolgreiche Geschichtsverdränger und herzlich gern bereit, ihrem Freund zur Seite zu stehen. Bald darauf hieß es: „Beruhigen Sie sich doch.“ Er traf einen grünen Mann. „Niemand ist hier für oder gegen Sie. Keine Panik! Ganz ruhig.“ Sie wurde auf reinen Verdacht gleich mitverhaftet. Am Morgen danach lasen beide ihre Bögen. Er hatte etwas länger damit zu tun als sie. Nach geraumer Zeit des Verhörens wurden sie entlassen. Besonders ihr war diese Prozedur als Schikane vorgekommen – nicht ganz unbegründet. Und auch er hatte sich Fragen gefallen lassen müssen, die nicht unbedingt nach Objektivität rochen. Gegen 11 Uhr verließen sie gemeinsam das Präsidium.

Kohlmann, Detlef, männlich, weiß, 35 Jahre, wohnhaft in Potsdam hätte auf einem anderen Bogen gestanden. Doch dieser hatte sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Er war geschockt, als er nur einen Tag später in der Zeitung las: „Das zu Unrecht in Gewahrsam genommene Paar aus Berlin (Christian und Maria D.) hatte gerade eine Nacht in getrennten Einzelzellen im Polizeipräsidium Berlin/Charlottenburg verbracht, als die beiden jungen Menschen (32 bzw. 28 Jahre alt) die Zentrale verließen. Nach Zeugenberichten kam ein weiterer Mann mittleren Alters mit ausgestrecktem Arm auf das Paar zu. Nachdem Maria D. die Person als ‚den Mann von gestern Abend’ identifiziert habe, hätte der Mann in seine Jacke gegriffen und eine Schusswaffe herausgeholt, so ein Beobachter. Polizeioberwachtmeister Gering berichtete: ‚Der erste Schuss traf die farbige Maria D. im Bauch. Der zweite Schuss traf die junge Frau dann tödlich in der linken Brust. Der Mann, Christian D., wurde durch einen Kopfschuss schwer verletzt und liegt zurzeit auf der Intensivstation der Charite.’ Der Täter, so Gering, hatte unerkannt fliehen können. Es bestehe zwar ein Verdacht, aber dieser sei keineswegs konkret.“ Kohlmann blätterte um, ärgerte sich, die Fußballwette mit seinem Kumpel Dieter verloren zu haben, sah aus dem Fenster und war glücklich, weiß zu sein.

 

Hallo huckepick,
also, die etwas heikle Thematik deiner Geschichte hast Du, finde ich, gut und erfreulicherweise objektiv rübergebracht.
Allerdings: Was macht diese Story im Bereich Spannung?
Die kam bei mir nämlich garnich rüber?!
Ich musste mich anfangs sogar ein bisschen zwingen weiter zu lesen, da ich auf was Spannendes gewartet hab.
Durch deine schon erwähnte, wirklich passende Objetivität liest sich das Ganze wie ein Bericht und darin Spannung aufzubauen ist meiner Ansicht nach nicht möglich. Sprachlich ist die Geschichte gut gelungen.

Glassghost

 

Es freut mich, dass dir die sprachliche Umsetzung der Geschgichte gefällt.
Um ehrlich zu sein, habe ich lange überlegt, in welche Kategorie ich die Geschichte packen soll. In "Spannung" ist sie garantiert falsch, aber etwas besseres fiel mir nicht ein.
Mir wurde jedoch nicht ganz klar, ob du Kritik an der Geschichte an sich äußern möchtest, oder aber lediglich die Einordnung der Geschichte nicht magst. Vielleicht könntest du mir dazu etwas sagen.

mfg
huckepick

 

Hi huckepick,
also, Kritik an der Geschichte an sich will ich nicht äußern, da ich mich in der Thematik nicht genügend auskenne. Jedenfalls trau ich´s mir nicht ganz zu. Wie schon erwähnt hat mir deine Sprache gut gefallen. Und was Dinge wie Rechtschreib-, und satzzeichenfehler angeht, bin ich schlicht zu faul...sorry.
Persönlich glaube ich, dass auf dieser Seite in erster Linie die sprachlichen Mittel angesprochen werden sollten. Rechtschreibfehler sollten nur dann angesprochen werden, wenn sie echt gravierend sind, bzw sich wiederholen. Das ist aber meine persönliche Meinung.

Glassghost

 

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