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Der Tod des Subjekt X

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12.05.2003
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Der Tod des Subjekt X

Der Tod des Subjekt X


Stellen Sie sich mal vor, wie schwer es ist, die Hölle zu organisieren.
Denken Sie nur mal an die vielen tausend netten Leute, die täglich das Zeitliche Segnen.
Doch obwohl so viele Leute ganz heiß darauf sind, ins Jenseits zu gelangen,
läuft genau genommen alles am Schnürchen im Hades:

Subjekt X starb, klopfte an die Tür, machte Bekanntschaft mit dem Fragensteller, welcher jedem Toten die 3 Fragen stellte. Danach wird dann von einem Ausschuss (ja, so richtig mit Gremien, Ausschüssen und Ermittlungskommissionen geht das hier in der Hölle) weitergeleitet, je nachdem, welche Antworten Subjekt X gab.

Ein Fallbeispiel dazu: Subjekt X starb, von mir aus wegen einem Herzinfarkt oder einem tragischen Unfall (es hat auch schon Tote gegeben, die an Langweile, exzessivem Kartenmischen oder äußerst kritischem Durchfall starben).
Was dann mit dem Toten passierte, wollen Sie wissen?
Ist doch klar: Er (oder sie) klopfte an die große Tür, zu welcher er (oder sie, aber wir gehen jetzt mal von einem „Er“ aus) direkt nach seinem Tod gelangt. Die Tür schwebt frei im Nichts. Mit dem Nichts ist es so eine Sache: Einige in der Hölle lebende und somit tote Philosophen meinen, das Nichts sei Etwas, ist es aber eben nicht. Oder doch?

Doch zurück zur Tür: Es ist eine große, massivgoldene Tür, an welcher hoch oben silberne Letter angebracht sind, die „ZUTRITT NUR FÜR TOTE“ besagen.
Meistens sind die lieben Leutchen, wenn sie sich so urplötzlich im Nichts schwebend vor einer goldenen Tür an der „ZUTRITT NUR FÜR TOTE“ steht, wiederfinden, so geschockt, dass sie an dem daraus resultierenden Hirnschlag sterben würden. Doch sie sind ja schon tot, somit kann eigentlich nichts passieren.
Das ist auch der Grund, warum Lebensversicherungen im Jenseits stets Konkurs anmelden.

Jedenfalls stand Subjekt X dann vor der Tür, und wusste nicht, was er tun sollte.

Abhauen? Geht nicht, denn es gibt wahrlich nicht viele Orte im Nichts, an die man verschwinden könnte.

Schreien? Kann man machen, ok, aber es nützt nichts (außer vielleicht einer
Beruhigung seiner selbst), weil niemand antwortet.
Was würden Sie machen? Klar, ich würde auch anklopfen. Genau das ist nämlich der richtige Weg, den früher oder später alle gehen: Sie klopfen an und werden eingelassen.
Manchmal brauchen die Toten Tage oder gar Wochen, um auf die Idee zu kommen, dass sie es einfach mal mit Anklopfen versuchen könnten. Da liegt natürlich der Gedanke nahe, ob sich während ihrer Zeit vor der goldenen Tür andere, ebenfalls frisch gebackene Tote zu ihnen gesellen oder nicht. Aber das ist natürlich nicht der Fall, sonst entstände vor der Tür ja ein riesiger Stau. Tatsächlich gibt es viele, ja sogar sehr, sehr viele dieser Türen, für jeden Toten eine, um genau zu sein.
Diese Tore sind so etwas wie Super-Duper-Individuelle-Höllentürchen.
Doch zurück zu unserem Fallbeispiel: Subjekt X klopfte also an. Pock, pock. Nichts. Nochmal: Pock, pock. Ein träges, scharrendes Geräusch erklang. Die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt, seichtes Licht durchflutete das Nichts. Subjekt X stand vor der Tür, besser: Er ging langsam ein paar Schritte zurück, und starrte gebannt auf die sich öffnende Tür. Der Spalt wurde immer größer. Mehr Licht hob sich aus der Tür auf das Gesicht von Subjekt X. Angstverzehrt kniff er die Augen fest zusammen. Wer erwartet ihn auf der anderen Seite? WAS erwartet ihn? Die Antwort kam schneller als ihm lieb war:

„Ah, schon wieder einer. Jetzt stehen sie da nicht so tatenlos rum. Kommen sie her!“

Wenn Tote in Ohnmacht fallen könnten, wäre genau das jetzt passiert.
Was Subjekt X sah, war ein kleiner, dicker Mann mit Knubbelnase und Nickelbrille. Er hatte ein paar Papiere bei sich und einen braunen Pullover sowie eine schwarze Hose an. Die Nickelbrille war überaus dick und im Verbund mit der zudem fetten Knubbelnase glich die Visage des Mannes einer Abrissbirne.

„Jetzt starren sie mich nicht so an. Folgen sie mir!“ nuschelte der Nickelbrillenmann.

Was soll man auch anderes machen? Also ging Subjekt X dem dicksten Nickelbrillenmann der Hölle nach. Sie marschierten durch das Nichts, immer weiter, bis sie an einen hölzernen Tisch mit 2 Stühlen kamen. Um diesen herum standen allerlei Geräte, die die Toten noch nie im Leben gesehen haben.
Der Nickelbrillenmann rückte seine Brille zurecht und sprach:

„Setzen sie sich, Herr X.“

Subjekt X setzte sich auf einen der beiden Holzstühle; der Nickelbrillenmann setzte sich daneben. So geschieht das immer, schon seit Jahrtausenden.

„Sie sind jetzt Tod.“, sagte jener dann, wie immer, und kratzte sich an der überdimensionalen Nase.

In einem Traum wäre das jetzt endgültig die Stelle, an der man schweißgebadet aufwacht, aber es kommt noch schlimmer:

„Wollen sie einen Kaffee?“

Viele Verstorbene versuchen an dieser Stelle, den Nickelbrillenmann zu schlagen. Das bleibt jedoch vergeblich, da sie wie durch einen Geist immer durch ihn durchschlagen. Er ist keine feste Materie.

„Kommen sie, trinken sie einen. Mit Milch oder Zucker?“

Die Allerwenigsten sprechen den Nickelbrillenmann, dessen richtiger Name eigentlich Sense ist, direkt an, aber jetzt sagen viele einfach, was sie für einen Kaffee wollen. Schwupps ist der Kaffee auch schon da – doch nur ein sehr kleiner Teil trinkt ihn tatsächlich.

„Schnittchen dazu?“

Hier kommen häufig erste Gegenfragen der Art „Wer sind sie?“ „Wo bin ich?“. Das Denken, dass man sich in einem Traum befindet, ist bei nahezu allen an dieser Stelle noch nicht vorüber, was natürlich unglaublich hilfreich für das Orga-Team der Hölle ist: Die Kunden denken, sie sind in einem Traum, und werden dann besser damit fertig.

„Ok, dann keine Schnittchen. Kommen wir zu dem Fragebogen: Wie hießen sie?“

Wurden Sie schon mal gefragt, wie sie HIEßEN?
Subjekt X sagte seinen Namen.

„In welchem Land wohnten sie?“
Subjekt X sagte sein Herkunftsland.

Diese Daten reichen Sense, dem Nickelbrillenmann und gleichzeitig unermüdlichsten Beamten des Einwohnermeldeamtes der Hölle, um den Toten zu identifizieren.

Danach kommt er zum wirklich wichtigen Teil des Gesprächs, nämlich zu den 3 höllischen Fragen. Die Antworten auf eben diese entscheiden über den weiteren Lebensweg, pardon, Totensweg des Verstorbenen.
Die erste Frage:

Wie lautet die Nummer des örtlichen Pizzadienstes?

Antwort (die bis jetzt noch niemand wusste): 06584 / 297513

Zweite Frage:

Wie viel Borkenkäfer waren auf der Arche Noah?

Antwort (die bisher nur Noah wusste; seine Frau und seine Söhne haben jeweils um 1-3 Zahlen daneben gelegen): 26

Und jetzt die eigentliche, entscheidende Frage, die sich JEDER nach seinem Dahinscheiden fragen muss:

„Wer sind sie?“

Viele Leute neigen dazu, lange Vorträge darüber zu halten, was sie in ihrem Leben getan und was sie erreicht haben. Sie erzählen, wie reich sie waren oder wie viel Frauen sie hatten, sie erzählen stolz von ihrer Villa auf den Seychellen, von ihrem Privatjet, von ihrer Luxusyacht.
Doch nur wenige sagen die wahre, einzig richtige Antwort, ohne Floskeln und Bandwurmsätze:

„Ich bin ich.“

Und mit dieser Antwort gelangen sie in den Himmel (wo sie vor nervenden Nickelbrillenbeamten bewahrt sind).

 

Hi tobbi, wirklich gute und komische Geschichte. Mir gefällt deine Art, Dinge zu beschreiben und du zeichnest einige sehr absurde und groteske Situationen. Schön ist die Stelle, wo dem "Subjekt" Kaffee und Schnittchen angeboten werden, ist halt die alte Geschichte, gell ? :)
Auch die Frage, wie man denn eigentlich hieß, ist ziemlich gut und ruft sicherlich die verschiedensten Reaktionen hervor.
Interesant ist auch dein Ansatz, daß alle erst in der Hölle landen, wo dann entschieden wird, was nun weiter passiert. Und zwar durch Gremien und knallharte Beamtenstrukturen, sehr schön.
Stutzig wurde ich ein bißchen, als du den Nickelbrillenmann beim Namen nennst, sprich, ihn "Sense" heißen läßt. Das paßt in meinen Augen nicht so, erscheint mir zu "billig", kann es aber nicht richtig begründen, ist abgedroschen in meinen Augen.
Eine Sache ist mir noch aufgefallen. Du schreibst

„Sie sind jetzt Tod.“,

Du meinst vermutlich "tot", oder? Denn er ist vermutlich nicht der Tod, der sitzt ja vor ihm....


Wie gesagt, gute Unterhaltung, gefällt mir.

Gruß

 

Danke!
Du hast Recht, sobald ich die Story mal überarbeite, nehm ich das "Sense" raus (das mochte ich noch nie wirklich) und den Rechtschreibfehler mit "Tod" korrigiere ich auch.

 

Hallo tobbi!

Tolle Geschichte! :lol:
Originelle, amüsante Idee, gute Umsetzung.
Allerdings finde ich eins unlogisch: Noah hat von jedem Tier ein Paar (exakt 2 Stück) auf die Arche genommen (das weiß sogar ich). Wie kommst du da auf 26? :confused:?

Zum letzten Satz: Der ist etwas unglücklich gewählt:

Doch nur wenige sagen die wahre, einzig richtige Antwort, ohne Floskeln und Bandwurmsätze:

„Ich bin ich.“

Und mit dieser Antwort gelangen sie in den Himmel (wo sie vor nervenden Nickelbrillenbeamten bewahrt sind).

Das "ich bin ich" sollte Pointe bleiben. Um das zu erreichen, solltest du den letzten Satz an den vor der Pointe anfügen, z.B. so:
Doch nur wenige sagen die wahre, einzig richtige Antwort, ohne Floskeln und Bandwurmsätze. Die einzige Antwort, durch die sie in den Himmel gelangen:
Dadurch bleibt die Pointe am Schluss.

Übrigens: Du schreibst "Sie" konsequent klein, das solltest du ändern.

Mfg
xka

 

Hallo xka,

danke für die Hinweise!

Zu den Borkenkäfern: Öhm...hab nicht so nachgedacht :)
Interessiere mich eigentlich eher wenig für die Bibel / Christenkrams. Aber ich werde das der Korrektheit zu liebe ändern, Recht hast du ja! :)

Die Idee, das "ich bin ich" ganz ans Ende zu setzen, gefällt mir sehr gut! Das ich da nicht selber drauf komme... :(

Danke auch für den Rechtschreibtipp mit "Sie"...

thx nochmal,
- tobbi

 

Aber die Zahl der Borkenkäfer wäre dann ja sehr leicht zu erraten...
Vorschlag: Wie wäre es, wenn man die Anzahl der Käferarten erraten muss? ;)

Mfg
xka

 

Moin tobbi,

Ich kann mich dem allumfassenden Lob meiner Vorredner nicht ganz anschließen. Deine Geschichte verfügt über einen recht guten Stil und eine schön absurde Grundsituation. Ein paar Gags treffen, aber irgendwie ist der Funke bei mir trotzdem nicht übergesprungen.
Das kann daran liegen, daß du einige Stellen mit Leerlauf drinhast (die Sache mit der Tür ist mir persönlich zu langatmig) oder ein paar Sachen umständlich formuliert hast.
Was mich vom Stil her gestört hat, war der zu Beginn exzessive Einsatz von Klammern - die stören mMn den Lesefluß. Sowas würde ich bei Geschichten komplett lassen und den Inhalt der Klammern (der bei dir oft gut ist) irgendwie anders in den Text integrieren.

(es hat auch schon Tote gegeben, die an Langweile, exzessivem Kartenmischen oder äußerst kritischem Durchfall starben).
Das hat mir sehr gut gefallen. Ich würde hier aber auf die Klammern verzichten. Der Satz kann auch alleine stehen.

Er (oder sie) klopfte an die große Tür, zu welcher er (oder sie, aber wir gehen jetzt mal von einem „Er“ aus) direkt nach seinem Tod gelangt.
Das ist genau das, was ich oben mit gestörtem Lesefluß meinte. Die beiden Klammern zerstören mMn die Wirkung des Satzes, weil der Leser dreimal neu ansetzen muß. Mein Vorschlag wäre, die Information, daß dein Subjekt männlich ist, an den Anfang des Fallbeispieles zu setzen. "Wir werden der Einfachheit halber von einem männlichen Wesen ausgehen" oder so.

Schreien? Kann man machen, ok, aber es nützt nichts (außer vielleicht einer Beruhigung seiner selbst)
Besser vielleicht: außer vielleicht zur Beruhigung seiner selbst

Insgesamt eine ziemlich gute Geschichte mit vielen netten Ideen, und einer schönen Pointe. Aber mir persönlich hat irgendwas gefehlt... keine Ahnung, was...

 

Ich kenne dieses Gefühl, das man hat, wenn eine Story so eine kleine Leere hinterlässt und man nicht weiß, woher das kommt... Wäre mal was für einen Psychologen :)

Danke dennoch fürs Lesen und für die Tipps!

 

Hallo tobbi!

Ich mochte die Geschichte sehr, auch die Klammern fand ich meist passend (bin eine große Klammer-Freundin ;))
Die Stelle mit den Schnittchen ist genial :rotfl:
Nur diese Stelle hat mich gestört:

(ja, so richtig mit Gremien, Ausschüssen und Ermittlungskommissionen geht das hier in der Hölle)
Klingt nach "jaja liebe Kinder, so ist das hier"... also, eben als würdest du Kinder und keine erwachsenen Leser ansprechen. Vielleicht besser abändern.


mfg
winternachtstraum

 

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