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Der Tag als Hasenscharte starb oder "Die Hasenscharte die"
Die Hasenscharte die
Er war hässlich, was durch eine Hasenscharte begünstigt würde. Und er redete entsprechend hässlich: nuschelig lispelnd. Ich habe die Stimme noch heute im Ohr. Irgendwie schienen die Worte bei ihm aus der Nase zu kommen. Er war überheblich, rücksichtslos, durchräucherte die ganze Wohnung mit Cannabisqualm und hörte ununterbrochen quälend schlechten Hip Hop mit übersteuertem Bass. In einer Lautstärke, die selbst bei gravierender Schwerhörigkeit übertrieben gewesen wäre. Beschwerden quittierte er mit abfälligen Sprüchen. Das reichte aus, um ihm den Tod zu wünschen.
Sein Name war Tino und ich hasste ihn. Nicht, dass er solcher starken Gefühle würdig gewesen wäre, aber so war es. Nicht von Anfang an, nein. Keinen neuen WG-Mitbewohner hasste ich von Anfang an. Sonst hätte er das freie Zimmer auch nicht bekommen. Das stickige, kleine, klaustrophobische Scheißzimmer mit dem Blick in den hässlichen Hof. In dem es kein Mieter jemals vorher länger als zwei Jahre ausgehalten hatte. Normalerweise … Aber er war ein Kompromiss gewesen, meinerseits.
Mein anderer Mitbewohner, Julian, eine Art Milchbrötchen, aber schon okay, wollte ihn lieber als das kalifornische Männermodel. Aus irgendeinem wahnwitzigen Grund – wahrscheinlich reiner Faulheit oder Konfliktscheue – verzichtete ich damals auf langwierige Argumentationen für den einen und gegen den anderen. Und so zog er in unsere vernachlässigten Hallen, die mit seinem Einzug noch weniger Aufmerksamkeit erfahren sollten. Und er blieb. Und blieb. Und blieb. Zwei Jahre, drei Jahre … er wollte einfach nicht ausziehen.
In der Blütezeit passiver Aggression, die schon wenige Monate nach seinem Erscheinen begann, lag der Staub millimeterdick und waberte in wolkenartigen Flocken durch den etwa einmal im Jahr gesaugten Flur. Der Spiegel war durch Zahnpastaspritzer blind geworden, benutztes Geschirr stapelte sich kunstvoll in der Küche. Überschattet von einem geradezu akrobatischen Müllturm, der dem Abfalleimer entwuchs.
Während Tino bei offener Tür zu seiner wummernden Kiffermusik fingerdicke Tüten zog. Im Sommer saß er dabei gern auf dem breiten Fensterbrett seines Zimmers. Dem einzig positiven Attribut, das es vorzuweisen hatte. Schon als ich ihn das erste Mal dort sitzen sah, stürzte er vor meinem inneren Auge in die Tiefe.
Und dann, eines wunderschönen Tages, passierte es tatsächlich: er fiel und zerplatzte vier Stockwerke weiter unten auf dem harten Asphalt.
Sein Sound wummerte noch aus der offenen Zimmertür. Ich hatte das Klingeln der beiden Cops zuerst gar nicht gehört. Ja, ich hatte die Polizeisirene dennoch entfernt wahrgenommen, aber in dieser Stadt waren Polizeisirenen an der Tagesordnung. "Was gibt’s?", fragte ich. Ein wenig ungeduldig, weil gerade "The Real Life" auf MTV lief. Die Ära des Online-TV war noch nicht angebrochen und ich würde die halbe Folge verpassen, wenn die Jungs sich nicht kurz fassten.
"Ein junger Mann ist aus einem Fenster dieser Wohnung gestürzt." "Wirklich?!" Ich konnte mich gerade noch bremsen, dem Wort eine offensichtlich freudige Betonung zu verpassen. "Sind Sie sicher, aus dieser Wohnung?" "Finden Sie das etwa komisch?" Hatte ich doch gegrinst? "Nein, … wobei … vielleicht schon ein bisschen." Wohlige Wärme kribbelte durch meinen Bauch. Was für ein herrlicher Tag.
Die Cops begutachteten sein Zimmer, das breite Fensterbrett. Und stellten mir misstrauische Fragen. Der eine schien mich mit seinen Blicken röntgen zu wollen, aber ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Die Kiffnase war einfach eingenickt, zur Seite gekippt und boing. Klarer Fall. Die Cops waren mit dieser Theorie, die ich ihnen natürlich weniger leger formuliert unterbreitete, nicht völlig zufrieden.
"Sein Tod scheint Sie völlig kalt zu lassen", bemerkte Röntgenblick-Cop. "Der Typ hat nur abgehangen und nie den Müll runtergetragen", erklärte ich sachlich, "ich kann nicht sagen, dass ich ihn groß vermisse." Ein kaum erkennbares Grinsen huschte über das Gesicht des Cops. Hatte wahrscheinlich auch mal mit so einem Tino eine Wohnung geteilt. Und dann gingen sie endlich, um sich darum zu kümmern, dass er unten weggeräumt wurde.
Ich warf mich wieder auf mein kleines, abgewetztes Second Hand Sofa und machte den Ton des Fernsehers wieder lauter. Shit, "The Real Life" war vorbei. Mein Puls war normal, ich fühlte mich ganz ruhig, als wäre nichts geschehen. Im Geiste formulierte ich bereits die "Zimmer zu vermieten"-Aushang für das Schwarze Brett in der Uni. Gerne Männermodel. Kein Kiffer, keine laute Musik, keine Hasenscharte … Diesmal musste sich Julian beugen, sonnenklar.
Ein kleines Detail hatte ich den Cops verschwiegen. Seine Musik bei offener Zimmertür noch um 22 Uhr hatten meine Antipathie auf Maximalvolumen anschwellen lassen und ich hatte mich - wieder mal - zur Beschwerde entschlossen.
Da saß er, im dunklen Zimmer. Nur seine Silhouette zeichnete sich im Fensterrahmen ab. Leicht vom Mondschein erhellt. Seine Augen geschlossen, der Joint glomm in dem Deckel eines saure Gurken Glases. Da war kein Überlegen, kein Abwägen, kein soll ich oder soll ich nicht. Da waren nur ein paar Schritte, meine Hände auf seinem Shirt und dem knochigen Körper, für den Bruchteil einer Sekunde spürte ich das Leben in ihm.
Dann hörte ich ihn unten aufschlagen.