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Der Tag als Hasenscharte starb oder "Die Hasenscharte die"

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30.10.2007
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Der Tag als Hasenscharte starb oder "Die Hasenscharte die"

Die Hasenscharte die

Er war hässlich, was durch eine Hasenscharte begünstigt würde. Und er redete entsprechend hässlich: nuschelig lispelnd. Ich habe die Stimme noch heute im Ohr. Irgendwie schienen die Worte bei ihm aus der Nase zu kommen. Er war überheblich, rücksichtslos, durchräucherte die ganze Wohnung mit Cannabisqualm und hörte ununterbrochen quälend schlechten Hip Hop mit übersteuertem Bass. In einer Lautstärke, die selbst bei gravierender Schwerhörigkeit übertrieben gewesen wäre. Beschwerden quittierte er mit abfälligen Sprüchen. Das reichte aus, um ihm den Tod zu wünschen.

Sein Name war Tino und ich hasste ihn. Nicht, dass er solcher starken Gefühle würdig gewesen wäre, aber so war es. Nicht von Anfang an, nein. Keinen neuen WG-Mitbewohner hasste ich von Anfang an. Sonst hätte er das freie Zimmer auch nicht bekommen. Das stickige, kleine, klaustrophobische Scheißzimmer mit dem Blick in den hässlichen Hof. In dem es kein Mieter jemals vorher länger als zwei Jahre ausgehalten hatte. Normalerweise … Aber er war ein Kompromiss gewesen, meinerseits.

Mein anderer Mitbewohner, Julian, eine Art Milchbrötchen, aber schon okay, wollte ihn lieber als das kalifornische Männermodel. Aus irgendeinem wahnwitzigen Grund – wahrscheinlich reiner Faulheit oder Konfliktscheue – verzichtete ich damals auf langwierige Argumentationen für den einen und gegen den anderen. Und so zog er in unsere vernachlässigten Hallen, die mit seinem Einzug noch weniger Aufmerksamkeit erfahren sollten. Und er blieb. Und blieb. Und blieb. Zwei Jahre, drei Jahre … er wollte einfach nicht ausziehen.

In der Blütezeit passiver Aggression, die schon wenige Monate nach seinem Erscheinen begann, lag der Staub millimeterdick und waberte in wolkenartigen Flocken durch den etwa einmal im Jahr gesaugten Flur. Der Spiegel war durch Zahnpastaspritzer blind geworden, benutztes Geschirr stapelte sich kunstvoll in der Küche. Überschattet von einem geradezu akrobatischen Müllturm, der dem Abfalleimer entwuchs.

Während Tino bei offener Tür zu seiner wummernden Kiffermusik fingerdicke Tüten zog. Im Sommer saß er dabei gern auf dem breiten Fensterbrett seines Zimmers. Dem einzig positiven Attribut, das es vorzuweisen hatte. Schon als ich ihn das erste Mal dort sitzen sah, stürzte er vor meinem inneren Auge in die Tiefe.

Und dann, eines wunderschönen Tages, passierte es tatsächlich: er fiel und zerplatzte vier Stockwerke weiter unten auf dem harten Asphalt.

Sein Sound wummerte noch aus der offenen Zimmertür. Ich hatte das Klingeln der beiden Cops zuerst gar nicht gehört. Ja, ich hatte die Polizeisirene dennoch entfernt wahrgenommen, aber in dieser Stadt waren Polizeisirenen an der Tagesordnung. "Was gibt’s?", fragte ich. Ein wenig ungeduldig, weil gerade "The Real Life" auf MTV lief. Die Ära des Online-TV war noch nicht angebrochen und ich würde die halbe Folge verpassen, wenn die Jungs sich nicht kurz fassten.

"Ein junger Mann ist aus einem Fenster dieser Wohnung gestürzt." "Wirklich?!" Ich konnte mich gerade noch bremsen, dem Wort eine offensichtlich freudige Betonung zu verpassen. "Sind Sie sicher, aus dieser Wohnung?" "Finden Sie das etwa komisch?" Hatte ich doch gegrinst? "Nein, … wobei … vielleicht schon ein bisschen." Wohlige Wärme kribbelte durch meinen Bauch. Was für ein herrlicher Tag.

Die Cops begutachteten sein Zimmer, das breite Fensterbrett. Und stellten mir misstrauische Fragen. Der eine schien mich mit seinen Blicken röntgen zu wollen, aber ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Die Kiffnase war einfach eingenickt, zur Seite gekippt und boing. Klarer Fall. Die Cops waren mit dieser Theorie, die ich ihnen natürlich weniger leger formuliert unterbreitete, nicht völlig zufrieden.

"Sein Tod scheint Sie völlig kalt zu lassen", bemerkte Röntgenblick-Cop. "Der Typ hat nur abgehangen und nie den Müll runtergetragen", erklärte ich sachlich, "ich kann nicht sagen, dass ich ihn groß vermisse." Ein kaum erkennbares Grinsen huschte über das Gesicht des Cops. Hatte wahrscheinlich auch mal mit so einem Tino eine Wohnung geteilt. Und dann gingen sie endlich, um sich darum zu kümmern, dass er unten weggeräumt wurde.

Ich warf mich wieder auf mein kleines, abgewetztes Second Hand Sofa und machte den Ton des Fernsehers wieder lauter. Shit, "The Real Life" war vorbei. Mein Puls war normal, ich fühlte mich ganz ruhig, als wäre nichts geschehen. Im Geiste formulierte ich bereits die "Zimmer zu vermieten"-Aushang für das Schwarze Brett in der Uni. Gerne Männermodel. Kein Kiffer, keine laute Musik, keine Hasenscharte … Diesmal musste sich Julian beugen, sonnenklar.

Ein kleines Detail hatte ich den Cops verschwiegen. Seine Musik bei offener Zimmertür noch um 22 Uhr hatten meine Antipathie auf Maximalvolumen anschwellen lassen und ich hatte mich - wieder mal - zur Beschwerde entschlossen.

Da saß er, im dunklen Zimmer. Nur seine Silhouette zeichnete sich im Fensterrahmen ab. Leicht vom Mondschein erhellt. Seine Augen geschlossen, der Joint glomm in dem Deckel eines saure Gurken Glases. Da war kein Überlegen, kein Abwägen, kein soll ich oder soll ich nicht. Da waren nur ein paar Schritte, meine Hände auf seinem Shirt und dem knochigen Körper, für den Bruchteil einer Sekunde spürte ich das Leben in ihm.

Dann hörte ich ihn unten aufschlagen.

 

Hej Mel Vee,

ich würd mich für eine Überschrift entscheiden, zumal die zweite Variante nichts hinzufügt, was die erste nicht schon verrät.

Zwischendurch hat die Geschichte satirische Züge, obwohl eine WG in der Geschirr und Müll sich stapeln ja nichts Besonders ist. Für mich kommt der Mord, den der Erzähler am Ende gesteht eher als etwas verquer angelegte Pointe daher. Passt vllt eher in die Rubrik Sonstige?

stürzte er vor meinem Inneren Auge in die Tiefe.
inneren Auge

Ich hatte das Klingeln der beiden Cops zuerst gar nicht gehört.
Warum sind das Cops und keine Polizisten? Hab vorher keinen Hinweis darauf gefunden, dass es sich um eine Geschichte im englischsprachigen Raum handelt.

"Wirklich?!" Ich konnte mich gerade noch bremsen, dem Wort eine offensichtlich freudige Betonung zu verpassen.
Passt für mich nicht zum Ende. Das finde ich wie gesagt etwas verquer. Es ist nicht wirklich brutal, dafür ist es zu harmlos dargestellt und der Erzähler wirkt vorher zu kindlich, Du stellst ihn ja freudig überrascht dar und gänzlich frei von Konflikten oder Gewissensqualen.
Ich kann damit nichts anfangen, soll das lustig sein?

Ein kaum erkennbares Grinsen huschte über das Gesicht des Cops. Hatte wahrscheinlich auch mal mit so einem Tino eine Wohnung geteilt.
Hier versuchst Du, die Sympathien des Lesers dahingehend zu beeinflussen, dass es verständlich ist, einfach nur froh zu sein, wenn der verhasste Mitbewohner abgekratzt, indem Du den Polizisten dazu lächeln lässt. Aber ein Polizist, der in so einem Fall Empathie bekundet, wirkt eher krank und eignet sich nicht mehr als Träger subtiler Botschaften.

Tut mir leid, ich glaube, das klingt schlimmer, als ich es beim Lesen erlebt habe. Positiv möchte ich noch erwähnen, dass Du schön flüssig schreibst,

LG
Ane

 

Liebe Ane,

danke für dein Feedback.
Die Geschichte sollte zunächst tatsächlich nur "Die, Hasenscharte, die", heißen. Wie kann ich die Überschrift denn ändern?

Und ja, es sind Cops. Ich hatte anfangs an einer Stelle einen Hinweis, dass die Handlung in New York spielt. Ich fand es dann aber nicht so wichtig, das zu erwähnen. Für die Handlung spielt es keine Rolle. So kann der Leser selbst entscheiden, ob die Erzählerin nun Polizisten einfach Cops nennt, oder das Ganze irgendwo in USA stattfindet.

Dass du die eine Stelle verquer wahrnimmst, kann ich verstehen. Soll es lustig sein? Das bleibt dem Leser überlassen. Ich finde es lustig, aber auf eine etwas verstörende Weise. Das finde ich wiederum keinen Bruch. Die Hauptperson ist offensichtlich soziopathisch angehaucht, begeht einen Mord, ohne erkennbare Reue, ohne Schuldgefühle, abgeklärt und ziemlich kalt.

Das Feedback zum Cop verstehe ich nicht ganz. Es ist nicht meine Absicht, die Sympathien des Lesers zu beeinflussen. Dass du seine Reaktion als krank wahrnimmst, finde ich völlig ok. Natürlich wünscht man sich in der Realität nicht, mit solchen Polizisten zu tun zu haben, aber auch Polizisten sind Menschen ... mit einer potentiellen dunklen Seite ;)

LG, Mel

 

Ich will nur eins kurz sagen:
"Die, Hasenscharte, die": Lese ich nicht als halb-englisch/halb-deutsch, sondern komplett als Deutsch und dann ist die Überschrift vollkommen sinnlos.
Das solltest du vielleicht im Hinterkopf behalten. "Die" ist auch ein deutsches Wort. :)

 

Quinn, ich bin mir dieses Dilemmas bewusst ... also doch nur "Der Tag, als Hasenscharte starb"? Und "Die Hasenscharte die" für die vertonte Version ;)?

 

Wäre auf jeden Fall besser als das, was du jetzt hast. Ja.

 

Hallo Mel Vee,

diese Geschichte ist nichts, weder der Ich-Erzähler noch Tino werden wirklich lebendig, vielmehr wird mit den negativ konnotierten Verben nur so um sich geschmissen. Es ist, als würde sich ein Toter über einen Toten aufregen. Kein trauriger Text, aber ein traurig machender, ganz ehrlich.

 
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Hallo Mel!

Wie kann ich die Überschrift denn ändern?
Gar nicht. :D

Sende mir eine PM mit dem genauen Wortlaut. Dann erledige ich das. ;)

Gruß

Asterix

 
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Hallo Rindersheim (Tino, bist du das ...?!)

Dass dich die Geschichte traurig macht, kann ich in gewisser Weise nachvollziehen. Ist sie deswegen "nichts"? I don't think so.

Eine Schlacht negativ konnotierter Verben ... wirklich? Und: warum nicht?

Der Ich-Erzähler bringt Tino um und empfindet nichts, außer Freude darüber, dass dieser nun endlich nicht mehr stört. Glaubst du wirklich, diese Person würde den anderen differenziert als Menschen wahrnehmen und entsprechend charakterisieren?

LG, Mel

 

Hallo Mel Vee,

gefallen hat mir der Stil. Weniger gut finde ich, dass die Geschichte anscheinend in den USA spielt, ohne amerikanisches Lokalkolorit zu liefern. Auf "Die Hasenscharte die" im Titel konnte ich mir zuerst keinen Reim machen. Auch, dass die Polizisten Cops heißen, kam mir unpassend vor, weil ich gefühlsmäßig nicht an die USA als Schauplatz gedacht hätte.

"Sein Tod scheint Sie völlig kalt zu lassen", bemerkte Röntgenblick-Cop. "Der Typ hat nur abgehangen und nie den Müll runtergetragen", erklärte ich sachlich, "ich kann nicht sagen, dass ich ihn groß vermisse." Ein kaum erkennbares Grinsen huschte über das Gesicht des Cops.
Der muss schon recht hartgesotten sein, wenn er gerade Tinos zerschmetterte Leiche gesehen hat und solche Äußerungen witzig finden kann. ;)

Wie die Protagonistin Tino runtergeschubst hat, was da in ihr vorging, darüber würde ich gerne etwas mehr lesen.

Der etwas zynische Erzählton der Geschichte erinnert mich an Detektivromane. In Verbindung mit einer rätselhaften Handlung und Spannung mag ich das manchmal ganz gern. Hier war es mir zu tough: Einfach so den Mitbewohner aus dem Fenster schmeißen, ohne das sich auch nur Ansatzweise das Gewissen zu Wort meldet? ;)

Freundliche Grüße,

Berg

 

Berg,

danke für dein zumindest teilpositives Feedback :)

Ja, vielleicht verwandle ich die Cops noch in Polizisten ...

Etwas Hintergrundinformation zur Anmerkung, dass dir das Gewissen der Hauptperson fehlt.
Die Geschichte ist Teil einer Backstory zu einer Person, die Berufskiller wird. Diese Begebenheit ist ein "crucial point" in ihrem Werdegang, da sie die Hauptperson ein außergewöhnliches "Talent" entdecken lässt: Töten zu können, ohne Reue zu fühlen und unter Druck (Verhörsituation mit Cops/Polizisten ;) völlig entspannt zu bleiben, naturgegeben quasi, ohne sich anstrengen zu müssen, oder es sich speziell vorzunehmen.

Der Röntgenblick-Grinse-Cop spielt in der "Vollversion" ebenfalls eine entscheidende Rolle. Er durchaut sie nämlich und erkennt ihr besagtes Talent. Um sie wiederum jemand anderem als Killer-Elevin zu empfehlen. Er ist also in der Tat hartgesotten und hat eine ganz und gar unpolizistische Agenda.

In der Hauptperson geht tatsächlich nichts vor, als sie die Tat begeht. Es ist eine Art Reflexhandlung. Nur in dem Moment, als sie die Wärme und die Struktur von Tinos Körper, ja das Leben in ihm fühlt, wird er für einen Bruchteil menschlich. Aber da ist es schon zu spät. Ein schmerzvoller, tieftrauriger Moment.

Ansonsten muss ich gestehen, bringt mich die Geschichte an vielen Stellen zum lachen ... sie ist ja auch nur zu etwa 95 Prozent ernst gemeint ;)
Und Tino ist in Wirklichkeit dann doch von selbst ausgezogen. Ganz lebendig.

 

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