Was ist neu

der Staatssekretär

Mitglied
Beitritt
21.05.2003
Beiträge
4

der Staatssekretär

„Herein.“ Dr Alkin drehte sich zu dem hereinkommenden Patienten um. Er kannte ihn bisher nicht, aber ein Blick auf die Akte zeigte ihm, dass der Mann Conrad McArthur hieß. Ein weiterer Blick zeigte ihm, dass dieser bei der Tür stehen geblieben war. Er hatte eine hohe Gestalt mit breiten Schultern. Und er gehörte zu der Sorte von Mann, die auf andere bestimmt eine angsteinflößende Wirkung haben können. Seine braunen Augen schienen zwar Wärme auszustrahlen, aber die leicht ergrauten Augenbrauen, und der buschig grimmige Schnauzer machten diese Wirkung wieder zunichte.
„Hallo, Mr. McArthur. Setzen sie sich doch.” Keine Reaktion. McArthur schien unschlüssig zu sein, ob er wirklich eintreten und sich hinsetzen, oder nicht doch lieber gehen wollte. Er sah Alkin nicht einmal an, schien ihn nicht zu registrieren, oder nicht registrieren zu wollen. Alkin sah dem Szenario noch ein wenig zu, dann sprach er ihn wieder an „Mr. McArthur. Kommen sie?“ McArthur nahm Notiz von dem Arzt, schaute ihn geistesabwesend an. Dann schien es für einen kleinen Moment so, als ob er sich auf dem Absatz umdrehen wollte, um zu gehen, doch er blieb, ging auf den Tisch zu, an dem Dr. Alkin stand, und setzte sich. Alkin war leicht irritiert, folgte aber dem Beispiel seines neuen Patienten, und setzte sich auch. Er fand McArthur recht seltsam, und konnte sich noch keinen Reim darauf machen, was diesen Mann in seine Praxis geführt hatte. „Mrs Catalune hat sie mir empfohlen.“ sagte McArthur. „Freut mich.“ erwiderte dieser. „Sie sagte, sie würden gute Arbeit leisten.“ „Wie gesagt, freut mich zu hören.“ Damit war die erste Konversation vorerst vorbei. McArthur schwieg wieder, und machte keinerlei Anzeichen von alleine zu sagen, weswegen er gekommen war. Alkin klappte die Akte auf. Es waren noch einige Formalien auszufüllen.
„Alter?“
„Zweiundfünfzig.“
„Beruf?“
„Ich bin Staatssekretär für Auslandsangelegenheiten.“
„Verheiratet?“
„Ja. Seit 27 Jahren.“
„Kinder?“
Schweigen. Alkin blickte auf. „Kinder?“ wiederholte er. „Ja, zwei Söhne.“ hauchte McArthur.

„So, was kann ich denn nun für sie tun?“ Alkin lehnte sich zurück, und schaute seinen Patienten prüfend an. Dieser schwieg wieder. Der Arzt rollte mit den Augen, er hatte bei Gott noch genügend andere Dinge zu tun, und hatte nun wirklich nicht die nötige Lust oder auch die Zeit, diesem gut zwei Meter großen Mysterium, das ihm da gegenüber saß, die Probleme aus der Nase zu ziehen. „Was kann ich für sie tun, Mr. McArthur?“ fragte Alkin noch einmal. „Ich brauche ihre Hilfe. Mrs Catalune hat gesagt, dass sie mir helfen können.“ McArthur sah dem Arzt genau in die Augen. Alkin lehnte sich nach vorne über den Tisch, und kniff die Augen zusammen „Das sagten sie schon. Was genau hat Mrs Catalune ihnen gesagt?“ „Dass sie gute Arbeit leisten würden.“ „Was genau?“ bohrte Alkin nach. Er verstand langsam, was dieser Mann von ihm wollte. „Sie sagte mir, dass sie ihr geholfen haben, ein Problem zu lösen, das sie hatte.“ „So kann man das sagen. Sie sagten, sie sind Staatssekretär?“ McArthur schloss für ein paar Sekunden die Augen „Ja.“
„Eine Arbeit, die sehr viel Einfühlungsvermögen verlangt. Und Diskretion.“ Ein Lächeln flog über Alkins Gesicht. Er hatte die Fäden in der Hand. McArthur knirschte hörbar mit den Zähnen. „Haben sie das gleiche Problem wie Mrs Catalune, Mr McArthur?“ flötete Alkin. Er versuchte nicht allzu überlegen zu gucken, als er auf eine Reaktion seines zerknirschten Gegenübers wartete.
„Ja. Ich meine Nein, ich habe nicht dieses Problem. Ein Freund hat es.“ McArthur war wütend. Dieser unverschämte Kerl schien diese Situation auszukosten. Er war doch nicht irgendeiner. Er war der Staatsekretär seiner Majestät. Er hatte Einfluss, war in politischen Kreisen nicht unbekannt. Und dennoch brauchte er den Arzt.
„Ihr Freund ist, nehme ich an, eine Frau.“ Alkins Augen blitzen auf, während er McArthur beobachtete. Da saß er. Wieder einer von denen, die normalerweise glaubten, sie hielten die Welt in den Händen. Und nun war er es wieder, der die Macht in den Händen hielt. Wie Wachs waren sie. Unwillkürlich schaute Alkin auf seine Hände, und er glaubte beinahe, dass ein magisch mächtiger Glanz von ihnen ausgehen würde. „Sie brauchen nicht zu antworten,“ sagte Alkin „die Frage beantwortet sich von selber. In welchem Verhältnis stehen sie zu dieser Frau?“
Das Blut schoss McArthur in den Kopf. Dieser Mann schien wahrlich kein Taktgefühl zu haben „Sie arbeitet für mich.“ Alkin nickte zufrieden mit dem Kopf, lehnte sich zurück, die Hände auf dem Bauch gefaltet „Seit wie viel Monaten besteht das Problem?“. McArthur zog die Augenbrauen hoch. „Was meinen sie?“. Dieser Mensch war ihm von Grund auf unsympathisch, Arzt hin oder her. Er hätte am liebsten die Praxis verlassen, denn er sah seine Ehre und seinen Stolz langsam da hin schwinden. „Vor wie viel Monaten ist das Problem entstanden?“ formulierte Alkin seine Frage neu. „Zwei Monate.“ Alkin nickte ob dieser Aussage bedächtig. „Sie kennen den Preis?“ McArthur nickte „Ja, ich kenne den Preis.“ „Gut. Dann kommen sie nächsten Montag um 8Uhr morgens in die Praxis. Mit dem Geld. Das lassen sie dann bei mir, genauso wie das Problem.“ McArthur stand auf, und nötigte sich, dem Arzt die Hand zu geben „Montag.“ sagte er nickend. Er drehte sich von Alkin weg, dessen Anblick er nicht länger ertragen konnte, ging zur Tür und öffnete diese. „Bis Montag“ rief Alkin ihm nach.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, oder etwas zu erwidern verließ McArthur die Praxis. Draußen auf der Strasse schlug er sich den Kragen hoch, es hatte inzwischen angefangen zu nieseln. Plötzlich bemerkte er, wie etwas gegen sein Bein schlug. Er schaute automatisch runter. Ein Ball hatte seinen Weg gekreuzt. Zwei kleine Jungs rannten auf McArthur zu, bückten sich, hoben den Ball hoch, und grinsten ihn frech an. Wenig später bog ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, mit blonden langen Haaren um die Ecke. „Emilie, Emilie.“ riefen die zwei kleinen Burschen dem Mädchen zu, und winkten sie her. Emilie kam lachend angerannt, piepste „Entschuldigung“ zu McArthur, und lief mit den zwei Jungen und dem Ball die Strasse hinunter. McArthur musste kurz lächeln, seine Söhne waren schon einige Zeit erwachsen, und er vermisste seit langem das Kinderlachen in seinem großen Haus. Eine Tochter hatte er nicht gehabt. Wahrscheinlich würde er auch keine mehr bekommen. Auch in sieben Monaten würde er keine bekommen.
Die Unterhaltung mit Alkin schoss ihm wieder durch den Kopf. Den Preis? Er kannte den Preis ganz genau. Er wusste den Preis seitdem er mit Mrs Catalune geredet hatte. Der Preis würde seine Seele sein.

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom