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Der Sammler
"Wer bist du?"
Ich bekam meinen Kopf nicht mehr hoch. Ich konnte auch nicht mehr den Stift bewegen. Meine Blicke waren am "h" des Wortes "hinkend" tief gefroren. Bei wem konnte ich mich beschweren, wenn überhaupt? Ich rang nach Luft, wie ein neugeborenes Kind, dass die Scheide der in schweiß getränkten Mutter verließ. Es war, als ob der Rücken sich mit der Lunge verschmelzt und sich in die Rippen einfügt, so dass das Herz unter meinen Achseln hervorbrach. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass eine Seele solch einen Körper, wie meinen bewohnen wollen würde. Verraucht und verbraucht, versoffen und verstunken. Ich kannte diesen Schmerz, der auftritt, wenn ich immer wieder zu lange wach blieb.
"Was willst du von mir?"
Das Fenster war wie in jeder Nacht offen, aber der Rauch schien sich nicht vertreiben zu wollen. Den Ausblick aus dem Fenster konnte ich schon lange nicht mehr genießen, weil sich die Rauchpartikel zu einer Kette gebildet und einen licht- und blickundurchlässigen, trüben Vorhang geschweißt hatten. Mir war, als ob ich in einem Grab liegen würde, so lebendig und so jung ich war, noch. Der Stuhl auf dem ich saß, war so bequem. Ich wollte die Augen schließen und mich in die Arme des Windes legen. Doch der Wind führte seine Reise auf der Nordseite des Hauses fort. Die Geschichten, die sie mir jede Nacht erzählten von Orten, die ich erträumte, von Öfen, die ich erbaute, von Kindern, die ich zeugte, von der Mutter, die ich einst heiratete. Nein, der Wind war auch nicht mehr mein Freund gewesen, aber er war es einst gewesen. Mit dabei gewesen mit meinem Drachen, den mir mein Onkel damals schenkte, mit den Kühen, die ich ritt, auf der Weide meines Großvaters.
"Nimmst du mich mit?"
"Ja, ich nehme dich mit."
"Nimmst du mich wirklich mit? Und zeigst du mir auch alles?"
"Ja, ich nehme dich mit. Und zeige dir auch alles."
"Bringst du mich zu meinem Kind?“
"Ja, ich bringe dich zu deinem Kind."
Der Vorhang um mich zog sich enger, und enger, und enger... Sie verwandelte sich in eine Art Matte, so wolkenhart und doch so auffangend. Von unten, über dem dicken Teppich, den ich von meinem Vater zum 40. bekam, kroch er sich langsam an mich. Wie die Spinne, die ich letzten Sommer in der fast verschlossenen Tulpe fotografierte, wurde ich von dem Rauch der Zigaretten eingehüllt, doch berührte er mich nicht. Als ob ich der Tanzpartner gewesen wäre; in spiralförmiger Kurve schmiegte er sich langsam an mich heran, näher und näher und näher.
"Ist es denn soweit?"
"Ja, es ist soweit."
Ich fühlte eine Schwere, die so leicht war, die mich nicht erdrückte, die mich aber erlöste, von meinen Zwängen. Sie zerstäubte mich, obwohl ich mich dagegen noch sträubte.
Es war an der Zeit zu verstehen. Es war was anderes.