der Retter
Ich hänge in meinem Sessel am Fenster. Füße über die eine Armlehne, Kopf über die andere Seite und beobachte die Wolken. Mach ich ganz gern manchmal. Mensch kann so richtig entspannen, einfach mal wirklich alles baumeln lassen. Ich träume so vor mich hin und erkenne auch hier und da mal eine lustige Formation, als dann mit einem Male – zip - ein greller Blitz mitten durch zwei Wolken zipt, direkt durch mein Fenster ballert und direkt über mich hinweg, unweit meines Lagers im Fußboden einschlägt. Das war haarscharf, denke ich noch schnell, als dann:
Lautes Krachen, viel Qualm. Ich starre mit aufgerissenen Augen und heruntergeklapptem Kiefer in dicke gelbe Schwaden. Erst immer dicker und gelber werdend, löst sich der Qualm dann überraschend schnell und vollständig wieder auf. Zurück bleibt ein gnom– oder zwergaritges Wesen mit langem weißen Bart, das außer mit einem paar Cowboystiefeln, völlig unbekleidet daher kommt. Die Stiefel scheinen ein paar Nummern zu groß zu sein, aber in Anbetracht seiner großen Hände und noch anderer, durch die Nacktheit, die nur bis zum Bauchnabel des medizinballförmigen Bauches durch den Bart verdeckt ist, freiliegender Körperteile, werden die Schuhe wohl doch passen. Noch liegt das Wesen, das in meinen Augen wie ein durchgeknallter, nackter Prolo-Killer aus ScienceFiction-B-Produktionen auftritt, platt auf dem Rücken. Offenbar ist er von der doch recht abrupten Ankunft noch ein wenig mitgenommen.
Ich bin derweil – Zitat aus Ghostbusters: „...über die Grenzen meines rationalen Erfassens hinaus entstetzt.“ oder so ähnlich. Jedenfalls bin ich der Situation psychisch nicht gewachsen. Das Unterbewusste und tiefe, ‚alte‘ Schichten meines Gehirns übernehmen nun die Steuerung.
„Totschlagen, totschlagen, totschlagen!!!“ läßt es mich denken.
Ich sehe mich nach einer passenden Waffe um. Der Sessel ist zu schwer, die Tischlampe zu klein. Ich stehe auf, schleiche mich zur Küchentür. Den Gnom lasse ich dabei nicht aus den Augen. Er beginnt sich zu regen, zu röcheln, sich aufzusetzen. Sieht mich noch nicht. Ich erreiche die Tür, die sich hinter der nun sitzenden Gruselgestalt befindet, gehe hindurch und lehne sie hinter mir wieder an, damit die Lebensbedrohung dort auf meinem Wohnzimmerteppich nicht sofort sein erstes Opfer erblicken kann.
Ich bewege mich möglichst geräuschlos und vorsichtig und finde neben dem Herd meine Baseballkeule, die ich dort zum Eis-crushen aufbewahre. Genau richtig, denkt es in mir.
Vorsichtig, mit erhobenem Schläger und zu allem bereit, bewege ich mich zurück zur Tür. Gut, dass sie angelehnt ist und ins Wohnzimmer auf geht, denn so brauche ich ihr nur einen Tritt zu verpassen, zwei Schritte zu machen und kann das Monster erschlagen, bevor es überhaupt weiss, wie ihm geschieht. Guter Plan. Angriff ist die beste Verteidigung.
Inzwischen hatte sich der Gnom erholt (gute Konstitution), war aufgestanden und hatte gerade gesagt:
„Da bin ich nun bei den Menschen, um ihnen die lang ersehnte Botschaft ihres Schöpfers zu überbringen, die ihnen endlich den Sinn ihres Daseins offenbaren und Glückseligkeit bescheren soll. Ich bin das gnomifizierte Gute.“
Da knallt die Tür auf und ein gewaltiger Keulenhieb gegen den Kopf des Gnoms. Dieser fliegt ohne den dazugehörigen Körper an die Wand und zerschellt dort zu gelbem selbstlösendem Qualm. Auch der Körper vergeht umgehend.
Aus der Traum vom neuen Heiland.
Wenn also bei Dir mal ein überirdisches Wesen einschlägt: Immer erstmal nen Kaffee, oder sowas anbieten und fragen, was es will.