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Der Makel

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15.05.2002
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Der Makel

Sie war schön. Ihr nussbraunes, langes Haar floss glänzend und lang, wie der Schweif einer edlen Stute über ihre Schultern, während ihr Körper in Grazie und Anmut einer jungen, frisch knospenden Birke gleichkam. Die zarte Haut ihres Gesichtes und jene, die verheißend unter dem dünnmaschigen, hellen Sommerkleid hindurchblitzte, erinnerte mit ihrer goldbraunen Färbung an das Herbstlaub im frühen Oktober. Die Sonne schien warm von einem leicht bewölkten Himmel auf dieses wundersame Wesen herab und hüllte es in eine strahlende, von samtenem Licht durchwirkte Aura.
Das Mädchen saß an einem kleinen runden Tisch, direkt vor einem gutbesuchten Café und genoss den milden Maitag. Eine feingliedrige, mit einem dünnen Silberreif am Ringfinger geschmückte Hand hielt eine bauchige Tasse umschlossen, aus welcher sich eine dünne Dampfsäule in die stimmendurchwaberte Luft kräuselte. Menschen kamen und gingen, ließen gelegentlich einen musternden Blick über das ansehnliche, Capuccino trinkende Wesen gleiten und liefen schließlich schweigend weiter. Die Stadt war zu dieser Stunde sehr belebt und Susi hatte von ihrem Sitzplatz aus eine gute Position zum Beobachten und neugierigen Mustern von Passanten inne. Sie kam gerne in ihrer freien Zeit am späten Nachmittag an diesen Platz. Zum Sitzen, die Sonne zu genießen, aber vor allem um zu ‚schauen’.

Zu Betrachten und zu Studieren. Die Merkmale und Eigenarten ihrer einzigartigen Person, ihres Verhaltens aufzusaugen und zu verinnerlichen. Zu sammeln und zu verwahren.

An einem der gegenüber auf der anderen Seite der Einkaufsmeile stehenden Stühle des dortigen Konkurrenzlokals entdeckte Susi just ein neues Opfer für ihre, wie sie es so gerne ausdrückte, ‚ausgefeilten Spionagekünste’.

Sah sie ihn an? Bemerkte sie seinen sehnsüchtigen Blick? Ahnte sie von dem schmerzenden, jedes andere Gefühl verzehrenden Verlangen nach einer, wenn auch nur flüchtigen Berührung von ihr auf seiner schon beim Gedanken danach bebenden Haut? Vielleicht hatte sie ihn schon früher entdeckt und herausgefunden, dass er sie verfolgte. Dass er ihre Lieblingsorte so oft aufsuchte, um dann dort im Falle ihres Erscheinens die Nähe ihrer Person genießen zu können und den köstlichen Worten zu lauschen, die über ihre rosengeborenen Lippen perlten, wenn sie eine Bestellung an einen Kellner richtete oder sich bei einer fremden Person nach etwas erkundigte.
Das anthrazitene Feuer ihrer Augen, das nun über ihn hinwegstrich und den Schwelbrand in seiner Seele sengend hell aufflackern ließ, war kaum zu ertragen. Er musste fort. Sie zurücklassen, um auch später weiterhin unbemerkt im Schatten ihres Leuchtfeuers zu verweilen und damit zufrieden zu sein, dass es sie einfach gab. Etwas Schönes, dass die Bewunderung, die er selbst ihr geben konnte, so sehr verdiente.
Er schlug die Augen nieder, legte das schuldige Geld auf die Untertasse seines unberührten Getränkes und ging. Ein stechender Schmerz begleitete jeden seiner schweren Schritte, so als ob ein unsichtbares Band mit jedem weiteren Meter, welchen er von ihr fort tat, schmerzhaft an etwas Empfindlichen, Unauslöschbaren in seinem Innersten zog, das aber niemals reißen konnte.

Susi war zufrieden mit dem, was sie da vor sich sah. Zwar war der Junge nicht gerade das, was man gemeinhin als extrem gutaussehend bezeichnen würde, aber einen Grund für ein ‚entsetztes- Weggucken-und sich-vor-Ekel-schnellstmöglich-in die-nächstbeste-Plastiktüte-Übergeben’ stellte das neueste Objekt ihrer Observationen ganz sicher nicht dar. In ein unauffälliges Beige gekleidet, saß er in einen weißen Plastikstuhl gelümmelt da und gab eine lässige, an allem und jedem desinteressierte Unbekümmertheit zur Schau, obwohl sie genau gemerkt hatte, wie sich seine Aufmerksamkeit in Form von schnellen Augenaufschlägen immer wieder auf sie selbst konzentrierte, sobald Susi einen Blick in eine andere Richtung als die seinige warf.
Sie fand das zurückhaltende Verhalten ihres schwarzgelockten Gegenübers auf seltsame Art belustigend und traurig zugleich. Warum jeder ihrer Zeitgenossen mit solch auffälliger Nichtbeachtung und nicht selten auch Missbilligung auf ihre Person reagierte, würde Susi sich wohl nie genau erklären können. Ganz gleich welchen Geschlechtes die Menschen waren, fast alle begegneten ihr mit diesen abfälligen, geringschätzigen Blicken oder einem verhaltenen Tuscheln untereinander, sobald sie selbst in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit geriet. Schon ihr ganzes erwachsenes Leben hatten Susi Selbstzweifel geplagt und ihr Verhalten Anderen gegenüber nachhaltig beeinflusst. Sie wusste einfach nicht, was die Leute gegen sie einnahm und würde es wohl auch nie herausfinden, wie sie sich selbst immer wieder eingestand. Ihre Beziehungen waren nie von langer Dauer gewesen. Irgendwie hatte sie sich immer sehr rasch mit ihrem jeweiligen Partner auseinandergelebt und zum Ende sprach man dann kaum mehr miteinander und beschloss endlich, nachdem das Schweigen untereinander schon fast weh getan hatte, auch eine reale Trennung in Angriff zu nehmen. ‚Unverknotbare Fäden, die nie zueinander fanden.’ - Ja, es war traurig wissen zu müssen, dass dieser Junge dort drüben wohl nicht gerade über ein eventuelles Gespräch zwischen ihnen Beiden nachdachte und sich keine mögliche gemeinsame Zukunft ausmalte. Bunt und voller Glück. Ein Flüstern: „Denn du bist nur ein interessantes Objekt.“
Unwillkürlich musste Susi an das reich illustrierte Märchenbuch denken, aus dem ihre alte Tante ihr als kleinem Kind immer vorgelesen und an den entsprechenden dramatischen Stellen eines der hübschen Bilder daraus vorgezeigt hatte. – Der Held welcher auszog, die Prinzessin aus dem verwunschenen (selbstgeschaffenen) Gefängnis tief in den finsteren Gewölben (ihres Geistes) zu erretten. Endlich ein erlösender Kuss...
Nur kurz war Susi in Gedanken versunken gewesen und schaute nun schnell von ihrem Schoß auf. – Der mutige Recke war davon geritten und hatte die arme Maid zurückgelassen, so dass sie nun ihr restliches erbärmliches Leben in erdrückender Dunkelheit fristen musste. Dort, wo niemals jemand ihr Weinen und Flehen nach einem liebenden Herzen hören würde.
Susi schlang die bloßen Arme um sich und seufzte leise. Den gewohnten, zerrenden Druck in ihrer Brust beachtete sie nicht mehr.

 

Auch wenn ich sagen muss, dass mir die Story wegen der vielen, vor allem am Anfang auftretenden Adjektiven als kitschig vorkam, so hat mir die dargestellte Gefühlswelt im Endeffekt doch gut gefallen.
Ich denke schon, dass viele Frauen einfach nur als Objekt der Begierde gesehn werden - und mehr nicht.
Dies hast du sehr einfühlsam beschrieben. Deshalb, weiter so !

 

Hallo Marcus,

ich schließe mich in Punkto der vielen Adjektiven wegen LeoN an. Wenn du sie weniger verwendest und gezielter einsetzt, würde der Text eventuell noch ansprechender sein.


Ansonsten ist es eine nette Geschichte, die auch irgendwie zum Nachdenken anregt, aber aus der du noch mehr rausholen könntest. Es gibt wohl viele einsame Seelen, die nach Wärme ... schreien.


Gruß

Evi

 

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