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Der Lichtbogen

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21.03.2003
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Der Lichtbogen

Der Lichtbogen

Valery ist ein kleiner Ort mitten in Frankreich.
In diesem Ort hat sich noch nie etwas besonders Aufregendes ereignet, nichts, was es wert gewesen wäre zu berichten. Keine wichtige Person, weder ein Bischof oder König, ist je durch die Strassen von Valery gegangen – und in dem einzigen Gasthaus im Ort, im „Cheval blanc“, ist noch kein Staatsmann eingekehrt, kein Sänger oder grosser Sportler hat hier Platz genommen und gegessen.
Die wenigen Menschen, die hier geboren werden, arbeiten auf dem Feld oder in der Tiermehlfabrik, die allein dem Bauer Luc gehört. Diese Menschen arbeiten ihr ganzes Leben, glauben an Gott, heiraten, zeugen dann Kinder - irgendwann werden sie alt und sterben. Es sind einfache Leute.

Auf dem Feldweg, der sich durch die Äcker und Wiesen der Gemeinde Valery schlängelt, läuft am 14. August 1973 ein Clochard mit seinem Rucksack durch die Landschaft.
Es ist kurz vor Mittag und der heisseste Tag des Jahres 1973.
Jetzt gelangt der Obdachlose von dem staubigen Feldweg auf die Landstrasse.
Und schon nach den ersten Metern spürt er die Hitze, flimmernde Luft, die über dem glühendheissen Asphalt aufsteigt.
Während der Wanderung hält sich der Mann eine Hand über die Stirn, denn das Sonnenlicht brennt und blendet ihn.
Ihm fällt auf, dass es heute absolut windstill ist:
nicht die geringste Bewegung in der Luft. Kein Grashalm regt sich, kein Staubkörnchen, nichts.
Vor ihm liegt die geteerte Landstrasse, ein graues Band, das sich in südlicher Richtung durch die Landschaft windet.
Irgendwo in der Ferne verliert sich das Band.
Und irgendwo in der Ferne passiert jetzt etwas Merkwürdiges:
Zuerst flimmert ihm ein Turm entgegen, winzig und verschwommen; dann wächst an dieser Stelle eine Kirche empor, erhebt sich weiss über den Grenzstrich zwischen Himmel und Erde - dort, wo die Wirklichkeit in der Weltkrümmung versinkt.
Und nun tauchen nach und nach auch die roten Ziegeldächer von Valery auf – wie eine Fata Morgana erscheint ihm die Ansammlung kastellfarbener Häuser, die zum Teil noch aus dem Mittelalter stammen.
In einer Stunde, schätzt er, wird er dort ankommen.

Dann wird er den Dorfbrunnen aufsuchen, sich unter einen Baum in den Schatten setzen.
Und während die Mittagshitze die Luft über den Steinen zum Flimmern bringt, kann der durstige Mann Kälte trinken, sein Gesicht über und über mit nasser Kühle bespritzen.
Wenn er damit fertig ist, wird er seinen Rucksack abnehmen.
Er wird sich auf den Randstein vom Trog setzen, seine Schuhe ausziehen, und endlich die glühenden Füsse ins Brunnenwasser tauchen.

Beim Laufen über die Landstrasse denkt der Mann an gar nichts. Weder grübelt er über die Vergangenheit nach - über all seine verspielten Chancen -, noch macht er sich Gedanken um die Gegenwart, die ja nichts anderes als eine Welle ist:
Eine ruhige ebenmässige Welle, die durch die Zeit läuft, um irgendwann ... in eine unbestimmte Zukunft zu fluten.
Nein, an nichts dergleichen will der Landstreicher denken.
Er hört einfach nur der Stille zu.
Das gleichmässige Klacken, wenn die Absätze seiner Schuhe auf den Asphalt klopfen, dieses Geräusch nimmt er schon lange nicht mehr wahr.
Nur ab und zu zirpen Grillen, die sich im hohen Gras längs des Weges versteckt halten – sonst ist diese Gegend absolut ruhig.
Weit und breit ist niemand auf der Strasse, auch keine Leute, die auf den Feldern arbeiten.
Die Bauern sind längst nach Hause gegangen, essen mit ihren Familien zu Mittag.

Endlich gelangt der Obdachlose in das Dorf.
Er läuft direkt in die "Rue du cerpent" hinein, dort ist um diese Zeit niemand unterwegs, nur ein paar Citroens und Renaults parken am Strassenrand, hin und wieder huscht eine Katze quer über die Strasse, sonst passiert hier nichts.
Der Mann läuft die Hauptstrasse entlang, an der Kirche vorbei, erreicht bald den "Place de la cigale".
Dort stehen drei Linden - dazwischen sprudelt Brunnenwasser.

Nachdem er getrunken hat, wird er sich ausruhen.
Dann wird er weiter durch die Strassen von Valery schlendern, sollte er dabei einem Menschen begegnet, wird er um ein paar Centimes betteln - und wenn er grosses Glück hat, bekommt der Namenlose im "Cheval blanc" einen Teller mit Essen geschenkt, das er draussen verzehren kann.
Der Mann wird also durch die Strassen von diesem ereignislosen, stummen Ort ziehen und sich am frühen Abend ein Nachlager suchen, vielleicht schläft er wieder auf offenem Feld, so wie er es die letzten Nächte auch gemacht hat... Aber heute wird es ein Gewitter geben. Das spürt er.
Es wird sehr viel und heftig regnen.
Der Mann weiss es, ohne die schwarzen Gewitterwolken gesehen zu haben, die sich allmählich über Valery zusammenbrauen und Nässe sammeln.

Es wird einen Wolkenbruch geben, bald schon.
Der Himmel ist bereits aufgeladen, elektrisiert.
Die ganze Atmosphäre scheint zu zittern, angespannt, bis zum Bersten. Ganz schwül und drückend ist die Luft, unerträglich, alles wiegt Tonnen an Wetterfeuchtigkeit...
Erst wird es grollen.
Dann donnert es und Blitze schlagen -
Danach gibt es einen großen Knall:
Endlich kann der Himmel aufplatzen und dicke Regentropfen platschen auf den Ort hinunter, manche der Tropfen versickern in der Erde, ohne eine Spur - andere malen dunkelnasse Flecken auf die roten Ziegeldächer der Häuser.
Die Wassertropfen, die vereinzelt auf den "Place de la cigale" und die "Rue du serpent" fallen, verdampfen sofort.
Aber immer zahlreicher werden die Tropfen hinabtrommeln, es prasselt und prasselt und giesst schliesslich - bis der Himmel schwarz wird und sich der Boden dunkel färbt.
Dann strömt es silbern zur Erde hinunter, in dünnen lamettaartigen Regenfäden, es gießt auf die Strassen, auf die Dächer, und macht die Blätter der Bäume nass.
Solange werden die Regenmassen auf die Erde prasseln, bis sich der Ort dampfend abgekühlt hat – solange, bis das Wasser in den Strassenrinnen wieder abfliessen kann...

*

Ich öffne meine Augen:
Es muss gerade aufgehört haben zu regnen.
Wie lange das Gewitter wohl gedauert hat?
Vorhin muss ich hier eingeschlafen sein... aber zum Glück bin ich nicht so nass geworden, das Blätterdach der Linde hat wohl einiges abgehalten: auch der Grasboden um mich herum ist schön trocken geblieben.
Ein paar Regentropfen fallen noch.
Und jetzt raschelt es. In den Blättern.
Dort im Brunnentrog glitzert es hell auf, wenn die Tropfen hineintreffen.
Die Oberfläche vom Wasser ist wie ein Spiegel.
Ich sehe mein Gesicht darin, ein bärtiges Lächeln.
Plötzlich kommen wieder Tropfen vom Himmel, das Gesicht bricht auseinander, und der Spiegel zerklirrt lautlos.
Die Wasserhaut zittert.
Aber langsam beruhigt sich der Brunnen wieder, mein Gesicht glättet sich, und alles wird wieder schön -
Schön wie der Schein der Wirklichkeit!

Auf der nasswarmen Strasse schwimmen noch einige Wasserpfützen, hell und glitzernd, der aufgebrochene Himmel spiegelt sich blau darin und um mich herum dampft es noch:
über dem dunkelfeuchten Asphalt empor und der Wasserdampf steigt zum Himmel - ganz weit in die Höhe steigt er:
hoch oben, wo sich die Augustsonne durch den zerschlagenen Himmel hindurchschiebt, dort, wo gelb und brennend nur Iris, die Sonnengöttin herrschen darf.
Sofort halte ich beide Hände vors Gesicht, wie schützende Schilde, und wehre das Sonnenlicht ab - und für einen Moment, sehe ich nichts mehr, nur weißgelbe Kreise, die hinter verschlossenen Augenlidern flammen.
Ich drücke und reibe mit den Handrücken darüber, und die Kreise brennen, schwimmen im Aderrot vom Netzhauthintergrund, und alles leuchtet und dreht sich dabei - gleichzeitig riecht es nach Abgasen, Teer, Urin und Tiermehl, und der Motorenlärm vorbeifahrender Fahrzeuge dröhnt jetzt unmittelbar - und unerträglich laut - in mein Gehirn hinein.
Nun öffne ich meine Augen wieder, vorsichtig, zu kleinwässrigen Schlitzen - und muss staunen:
Was sehe ich da?
Das ist ja unglaublich: über den Häusern hat sich ein riesiger Regenbogen aufgetürmt! Der Bogen beginnt neben der Kirche und wuchert in den Himmel hinein – wie eine phantastische Licht-Brücke, die in eine andere Welt führen mag...
Der Lichtbogen sucht sich seinen Weg durch die Wolken hindurch und die Wolkenränder glänzen an der Durchbruchstelle zur Erde hinunter, goldenweiß, und zwischen den Wolken ist der Himmel so intensiv, so blau und blendend!
Der Spektralbogen reicht bestimmt bis zu den Sternen, denke ich, vielleicht sogar noch weiter...

Jetzt fängt es wieder leicht zu Regnen an.
Die Tropfen funkeln nun, glitzern im Sonnenlicht.
In jedem Wassertropfen ist ein kleiner Regenbogen zu sehen, bunt und schillernd, genau wie der große am Himmel. Ich glaube, jede dieser Wettertränen ist wie ein Spiegelbild der Realität, ein Mikrokosmos, in dem Himmel und Erde eingeschlossen sind, vielleicht sogar mit richtigen Menschen darin - wer weiss?
Aber nun lösen sich die Gewitterwolken wieder auf, nur noch vereinzelt fallen Regentropfen, aber sie fallen nicht wirklich – Nein, sie scheinen eher zu schweben: wie ein Abwarten in der Luft.
Denn in diesem Moment kommt es mir so vor, als wären die Tropfen statisch aufgeladen und im Erdmagnetfeld gehalten.
Und tatsächlich: die Wasserkugeln haben aufgehört, gegen die Erde zu stürzen und tanzen jetzt - sie tanzen im Sonnenlicht!
Unglaublich. Tausend kleine Lichtkugeln leuchten und funkeln nun im Kreis um mich herum...
Und auf einmal sehe ich Jaqueline am Himmel:
Ganz klar, ganz deutlich erkenne ich ihr liebes Gesicht - genau an der Stelle, wo das Licht durch die Wolkendecke bricht.
Wenn Du am Fuße eines Regenbogens die Erde aufgräbst, hat mir meine verstorbene Frau einmal gesagt, wenn Du dort immer weiter und weiter gräbst, und nicht aufgibst, dann wirst Du einen Sack voll Gold finden.
Mittlerweile hat sich die Sonne in den Zenit geschoben und brennt jetzt, heiß und mächtig, mitten im ozeanblauen Himmel. Der Regenbogen und Jaqueline aber ... lösen sich zusehends auf.
Dort wirst Du Gold finden, ganz bestimmt, und es wird Dich reich machen, Pascal, Reich! Glaub mir das: dann wirst Du alle Sorgen los sein.
Ich renne und renne jetzt, laufe auf die Kirche zu, will den Anfang des Bogens erreichen, unbedingt, noch bevor die Erscheinung entschwunden ist ... aber dann rutsche ich aus:
Die Strasse stürzt mir entgegen.
Ich falle hin, der Länge nach -
und schlage mir beide Knie auf.

Der Asphalt hat meine Handflächen aufgeschürft wie ein Schleifpapier. Mir ist heiß.
Schwülwarm hat sich die Luft über der Erde gelegt, sie ist irgendwie tropisch, diese feuchtwarme Luft, und der Himmel erscheint mir wie eine riesige Qualle.
Es ist schrecklich: ich schwitze am ganzen Körper und mein Puls zuckt in der schweren Luft.
Verkrümmt wie ein Büßer hocke ich auf der Teerhaut der Strasse, und der Asphalt glüht, brennt unter meinen wunden Knien.
Langsam wird die Hitze unerträglich.
Die Sonnengöttin Iris ist ein glühender Stern. Der Tod.
Schützend lege ich eine Hand auf die Stirn:
Die Kopfhaut fühlt sich fiebrig – irgendwie krank an.
Und auf einmal merke ich, dass die Strasse ein lebendes Wesen sein muss, denn gleich einem Reptil zuckt sie – Nein, sie pulsiert regelrecht, und das direkt unter mir!
Zur Kontrolle lege ich beide Hände auf den feuchten Strassenrücken – drücke dagegen, fest - und nun kann ich es spüren, das Leben, das unmittelbar unter der Teerfläche zittert. Ganz nah und überdeutlich fühle ich die Körperwärme – Ja, ich kann sogar ihren Herzschlag wahrnehmen:
die Asphaltdecke bebt unter mir, lebendigwarm, eine riesige Schlange ist es, auf der ich jetzt hocke und sie blutet sogar.
Blut. Überall Blut!
Kein Zweifel: die Strasse ist ein blutendes, verletztes Tier und andauernd zischelt sie mir etwas zu, immer wieder und wieder:

„Sind sie verletzt, Monsieur?“
„Brauchen sie Hilfe?“

Sofort lasse ich den Reptilrücken los.
Meine Hände zittern, und die Haut fühlt sich an, als ob sie in siedendes Öl getaucht wäre.
Jetzt werfe ich beide Arme in die Höhe.
Die Hände, blutverschmiert, berühren das Blau des Himmels – wieder flüstert mir die Schlangenstimme ins Ohr:

„Sind sie verletzt?“

Ich verstehe nicht.
Was zum Teufel will dieses Wesen eigentlich von mir?
Wahrscheinlich führt die Strasse nur Selbstgespräche, und möglicherweise kann ich irgendwie ihre Gedanken lesen - aber im Grunde ist mir das auch gleichgültig, ihr Gemurmel geht mich schließlich nichts an, und es interessiert mich auch nicht.

Aber Jaqueline, wo ist Jaqueline?
Der Regenbogen ist verschwunden.

Wolf W. 2001-2003

 

Hallo Wolf,

mir haben Deine schönen Naturbeschreibungen sehr gut gefallen, für mich als Leser entstanden dadurch schöne Bilder vor Augen.
Ich habe allerdings den Zusammenhang zwischen dem Clochard und dem Erzähler in der Ich-Form nicht so ganz verstanden. Ist das ein und dieselbe Person.
Oder hab ich einfach nur ein Brett vor dem Kopf, weil es mir nicht klar wird?
Ansonsten fand ich den Text sehr schön.

LG
Blanca

 

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