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Der letzte Auftrag
Der letzte Auftrag
Der Wind pfiff immer stärker zwischen den Berghängen und über den kleinen Gebirgspass, der sich wie eine Schlange zwischen den kleinen und großen Felsformationen hin- und herwand. Er erfasste auch die kleine, gebeugte Gestalt, die einsam auf dem Pass wandelte und sich dem heftigen Wind entgegenzustemmen versuchte. Es begann zu schneien...
„HAAAA-TSCHUM!“ Na toll! Er hatte sich eine Erkältung geholt! Doch halt. Das konnte eigentlich gar nicht sein, außer... Dieses verlogene Schlitzohr von einem Händler hatte ihm doch tatsächlich einen minderwertigen Schutzumhang verkauft! Er hatte die Worte des Kaufmannes aus Brûnland noch im Ohr: „Ausgezeichnete Ware, wirklich ganz ausgezeichnete Ware, mein Herr! Dieser wunderbare Umhang aus bestem magischem Garn schützt sie vor jeder Art von Kälte! Ganz ausgezeichnet für kalte Winterabende!“ Für einen kalten Winterabend hätte er sich nie im Leben einen magischen Kälteschutzumhang für knapp 300 Goldmünzen gekauft... Na, sei´s drum! Jetzt war es eh zu spät umzukehren. Doch wenn er diesen schrecklichen Berg erst einmal bezwungen hatte und die Sache hier erledigt sein würde, dann sollte sich dieser Ramschhändler ja vorsehen! Der Wind ließ etwas nach und der Mann hob den Kopf. Die Jahre standen ihm im Gesicht und das Alter lastete schwer auf seinen Schultern. Unter dem „ganz ausgezeichneten“ Kälteumhang trug er eine schwarze Reiserobe wie sie Magier meist verwenden und in der rechten hielt er einen knorrigen, alten Wanderstab. Ein großer Spitzhut mit breiter Krempe zierte das ergraute Haupt. Der alte Mann sah sich eine Weile um, er warf auch einen Blick zurück und konnte mit viel Mühe einige kleine Lichter erkennen, die aus dem Dorf am Fuß des Berges kamen. Aus dem Dorf, in dem man so viel Interesse an ihm gezeigt hatte...
Als er am Abend zuvor das Wirtshaus „Zum Vollen Horn“ betrat, wurde er gleich mit misstrauischen Blicken bedacht. Es standen zwanzig Tische im gesamten Raum verteilt, von denen zurzeit acht besetzt waren. Am letzten Tisch in einer Ecke saß eine vermummte Gestalt, die den Alten aufmerksam beobachtete. Auch der junge Musiker am Klavier interessierte sich offenbar brennend für den Neuankömmling, denn er vergaß völlig das Spielen. Dem alten Mann entgingen die neugierigen Blicke keineswegs und er nahm sich vor, den Wirt nach den Personen zu fragen. Doch als er selbigem gegenüberstand, verwarf er sein Vorhaben schnell wieder, denn der Mann hinter der Theke sah nicht so aus, als gäbe er kostenlos Informationen preis. Auf die Frage hin, ob denn noch ein Zimmer frei sei, musterte der verschlagen aussehende Wirt den Alten zunächst mit einem grimmigen Blick. Nach einer langen Pause nickte er und hielt vier Finger hoch. Der alte Mann schaute den Wirt ärgerlich an. Er hatte diesen geldgierigen Geier also richtig eingeschätzt. Dennoch bezahlte er den maßlos übertriebenen Preis von vier Silbermünzen für eine Nacht. Der Wirt bedachte den Alten noch mit einem höhnischen Lächeln und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu. Wäre er zu einer anderen Zeit hier gewesen, dann hätte sich der alte Mann diese Unverschämtheit nicht bieten lassen und dem Wirt die Meinung gesagt. Doch er brauchte Ruhe und konnte es sich nicht leisten noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen. So schluckte er seinen Ärger hinunter und ging die Treppe hinauf auf sein Zimmer. Er hatte mittlerweile genug von diesem Kaff und seinen Bewohnern und wollte nur noch schlafen. Müde ließ er sich auf das Bett sinken. Plötzlich klopfte es. „Wer stört zu so später Stunde?“, rief der Alte, stand auf und griff nach seinem Stab. Ohne ein Wort trat ein Mann in farbenfroher Tracht ein. Es war der junge Musiker. „Gestatten? Melvin Limar ist mein Name. Zu Diensten, mein Herr.“ Bei diesen Worten verbeugte er sich. „Und wenn ich deine Dienste nicht will? Verschwindest du dann?“ Der junge Mann hob die Hände als Geste der Besänftigung. „Ich wollte sie nicht verärgern, wirklich nicht. Ich habe sie dort unten beobachtet.“ „Ist mir nicht entgangen. Und was ist dir so besonderes an mir aufgefallen, dass du mich jetzt so spät stören musst?“ „Ich wollte sie sprechen, bevor sie aufbrechen und ich sie morgen nicht mehr finde.“ Der alte Mann starrte den Musiker überrascht an. „Woher weißt du, dass ich vor Sonnenaufgang aufbreche?“, fragte er scharf und noch während er sprach, fiel ihm ein, dass er da einem Wildfremden seine Reisepläne verriet. Der junge Mann lächelte ob dieser entlockten Information, verbeugte sich noch einmal und ging höchst zufrieden mit sich wieder nach unten. Seine Torheit verfluchend, legte sich der Alte wieder hin. Dieser Melvin Sowieso war offensichtlich einer dieser lästigen Barden, die nichts Besseres zu tun haben, als über die Erlebnisse ehrbarer Reisender in ihren albernen Liedern herzuziehen. Er musste nun früher als geplant aufbrechen, wenn er diesem Plagegeist und möglichen anderen Neugierigen aus dem Weg gehen wollte. Dabei dachte er an die vermummte Gestalt. In seiner Branche war der alte Mann ja nicht gerade unbekannt...
So schlief er nur wenige Stunden, packte dann das Nötigste für den Aufstieg und verließ das Wirtshaus. Die Straßen waren um diese Zeit noch wie leergefegt. Er begegnete nur einem dicken Zwerg, der auf einer Bank lag und seinen Rausch ausschlief, und einem Streuner, der in der Nähe des Wirtshauses herumlief. Der Hund hob den Kopf und sah dem seltsamen, alten Mann nach, der mitten in der Nacht das Dorf verlassen wollte. Das letzte Hindernis stellte eine pflichtbewusste Torwache dar, die den merkwürdigen Reisenden zu dieser späten Stunde partout nicht passieren lassen wollte. Doch der alte Mann war nach den vorangegangenen Strapazen alles andere als bereit nachzugeben. So fand man die Torwache bei Sonnenaufgang friedlich schlummernd im Torhäuschen vor. Der Wächter konnte sich an die Nacht nicht erinnern und glaubte eingeschlafen zu sein.
Mittlerweile war es fast hell und endlich wand der alte Mann den Blick von dem kleinen Dorf ab. Er zog die Krempe seines Spitzhutes tiefer und ging weiter. Nach einiger Zeit ragten die Hänge zu beiden Seiten des Weges steiler auf und der Pass wurde schmaler. Nach gut zwei Stunden hatte der einsame Wanderer sein Ziel erreicht: Er befand sich auf einer Plattform, deren eine Seite von Felsen und Geröll bedeckt war. Dahinter führte der Weg immer weiter den Berg hinauf, bis er nicht mehr zu sehen war. Hier sollte das Treffen stattfinden, wegen dem er solche Scherereien auf sich nahm, doch keine Menschenseele war weit und breit zu sehen...
Der Alte ließ seinen Blick über das Geröll schweifen. Das Ganze kam ihm ziemlich verdächtig vor und er machte sich auf einen Hinterhalt gefasst. Tatsächlich bewegte sich etwas zwischen den Felsen hindurch auf die Plattform zu. Doch es war kein Räuber, es war nicht einmal ein menschliches Wesen... Es war der streunende Hund, den er noch vor gar nicht langer Zeit in der Stadt getroffen hatte. Der zottige schwarze Hund trottete langsam auf den Alten zu. Dieser verfolgte jeden Schritt aufmerksam und war bereit einem plötzlichen Angriff zu begegnen. Als sie nur noch wenige Meter trennten, blieb der merkwürdige Hund stehen und musterte den alten Mann. „Du bist recht spät, Magier. Dafür, dass du so früh aufgebrochen bist.“ Der Alte sah den Hund überrascht an, gewann dann aber seine Fassung zurück. „Soso. Ein sprechender Straßenköter. Ich nehme an, du hast mich den ganzen Morgen über verfolgt?“ Er wartete auf eine Antwort, doch der Hund saß einfach nur da und sah ihn an. Er deutete das als „Ja“ und fuhr fort: „Was willst du also von mir? Du hast ja wohl kaum nach mir geschickt, oder etwa doch?“ Der Alte versuchte den Blick des Hundes zu deuten und so vielleicht seine Gedanken zu erraten, aber bei Tieren kannte er sich da nicht aus und der Blick hätte alles und nichts bedeuten können. „Du hast Recht, Magier. Ich habe tatsächlich nicht nach dir geschickt. Derjenige, den du hier treffen solltest, musste sterben...“
Der alte Mann stand da wie erstarrt. Er kannte seinen Auftraggeber nicht und er wusste auch nicht, warum seine Dienste hier benötigt wurden. In seinem Geschäft ist es auch nicht zwingend notwendig, solche Fragen zu klären. Der Bote, der ihn in der Stadt Valmur fand, teilte ihm bloß den Ort des Treffens mit und machte sich dann wieder auf den Weg. Doch dass sein Auftraggeber getötet wurde, bevor er überhaupt erfahren hatte um was es sich bei dem Auftrag handelte, machte die ganze Angelegenheit äußerst fragwürdig und er musste unbedingt mehr erfahren.
„Nun. Anscheinend bin ich nun ganz auf einen schmutzigen Straßenköter angewiesen. Hast du auch einen Namen oder gar eine menschliche Gestalt?“ Die Frage stellte der alte Magier fast spöttisch, aber mit eiskalter Berechnung. Er hoffte den Gestaltwandler, der sich hinter der Hundegestalt verbarg, zu provozieren und ihm so seine Informationen zu entlocken. Der Hund antwortete jedoch im selben spöttischen Tonfall: „Wir kennen uns bereits, Magier. Wir sind uns schon im Vollen Horn begegnet.“ Der Magier ging im Geiste alle Gesichter durch, die er sich damals gemerkt hatte. Bei der vermummten Gestalt blieben seine Gedanken hängen und er war sich nach kurzer Überlegung sicher, dass es sich bei dem Hund um diese Person handelte. „Hmm. Gehe ich recht in der Annahme, dass du mir deinen Namen nicht verraten wirst?“ Der Hund machte sich nicht einmal die Mühe auf die Frage einzugehen. „Nun, ich will dir erzählen, warum du hier bist und dir einen Vorschlag machen.“ „Na schön, ich werde mir deinen Vorschlag anhören.“ „Deine Kontaktperson war ein reicher Händler und wurde in letzter Zeit häufig bedroht und erpresst. Doch er war ein mutiger Mann, kein verschlagener Halsabschneider.“ Der alte Magier musste unweigerlich an den „ganz ausgezeichneten“ Kälteumhang denken. „Die Drohungen erhielt er schriftlich und offensichtliche Feinde hatte er nicht. Er weigerte sich die geforderten Summen zu bezahlen. Daraufhin kam es zu einigen merkwürdigen Unfällen, die der Händler mit viel Glück überlebte. Er bekam es schließlich doch mit der Angst zu tun und hörte sich nach einer Leibwache um, die immer in seiner Nähe bleiben konnte, ohne aufzufallen.“ „Und da war ein Hund natürlich die optimale Lösung“, schlussfolgerte der Magier. Der Hund nickte. „So ist es. Meine Gabe, die Gestalt zu verändern, hat mir schon oft geholfen und hier verhalf sie mir zu einem lohnenden Auftrag, denn der Händler versprach mir eine Menge Gold für seinen Schutz. Ich blieb rund um die Uhr in seiner Nähe und dennoch kam es zu zwei weiteren Vorfällen. Den ersten konnte ich noch verhindern. Danach schickte mein Auftraggeber nach euch, da ihr für euer besonderes Geschick und eure Erfahrung bekannt seid.“ Der Magier wusste um seinen Ruf und dennoch schmeichelte ihm dieses Kompliment. Der Vierbeiner fuhr fort: „Kurz nachdem der Bote mit der Nachricht aufgebrochen war, geschah der nächste Anschlag: Es war eine vergiftete Mahlzeit im Vollen Horn. Mein Auftraggeber erlag dem Gift und so kam der Täter schließlich doch an sein Gold.“ Der Magier hob die Augenbrauen. „Ich habe natürlich den Wirt befragt, aber der schien wirklich erschrocken und beteuerte ein Dutzend Mal seine Unschuld. Auf mich wirkte er überzeugend.“ Der Magier erinnerte sich nur an einen unsympathischen Flegel und konnte kaum glauben, dass der Hund dieselbe Person meinte. „Jedenfalls blieb ich die letzten Tage über im Wirtshaus und beobachtete die Leute, während ich auf euch wartete.“ Der Hund legte den Kopf auf die Seite und wartete auf eine Reaktion des Magiers. Diesem waren die Hintergedanken des Gestaltwandlers mittlerweile klar. „Mit dem Tod des Händlers ist auch deine Belohnung zunichte gemacht worden. Dafür möchtest du dich nun rächen und, wenn du den Täter zur Strecke gebracht hast, das gestohlene Gold als Entschädigung einstreichen. Ist es nicht so?“ Der Magier blickte dem Hund starr in die Augen und der zog eingeschüchtert den Schwanz ein. „Dacht ich mir´s doch!“ „Nun“, antwortete der Hund leise, „ich dachte, wir könnten den Täter gemeinsam finden und das gestohlene Gold teilen...“ Der Magier überlegte eine ganze Weile und musterte den Hund, der sich unter dem Blick äußerst unwohl fühlte. „Na schön, aber wenn du versuchen solltest mich zu hintergehen, dann renn so schnell du kannst.“ Diese letzte Drohung flößte dem Gestaltwandler gehörig Respekt ein und er trottete mit gesenktem Kopf hinter dem Magier her.
Sie schwiegen beide auf dem Rückweg zum Dorf. Mittlerweile war es fast Nacht. Kurz vor dem Tor blieben sie stehen und der Magier wandte sich an den Hund: „Ich werde mir noch einmal den Wirt vornehmen. Bleib draußen, bis ich dich hole. Sollte es wider erwarten Schwierigkeiten geben, werde ich dir ein Zeichen geben.“ Der Hund nickte bloß und sie gingen weiter. (Auch am nächsten Tag fanden die Leute eine schlafende Torwache vor.) Kurze Zeit später stand der Magier vor dem Wirtshaus, an dessen Tür ein Schild angeschlagen war: Wegen Krankheit vorübergehend geschlossen. Der Magier drückte die Klinke herunter. Es war nicht abgeschlossen. Er sah sich nach dem Hund um, doch dieser hatte sich bereits in der Nähe des Eingangs in den Schatten gelegt. Leise öffnete der Magier die Tür und trat ein. Drinnen war es mucksmäuschenstill. Die Stühle und Tische waren allesamt in eine Ecke geräumt worden und obwohl niemand anwesend war, wurde das Wirtshaus mit Hilfe magischer Lichter erhellt. Doch das alles bemerkte der Magier nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem toten Mann, der mit einem Dolch im Rücken auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes saß. Er konnte nicht genau erkennen, um wen es sich bei dem Toten handelte, denn er saß mit dem Gesicht zur gegenüberliegenden Wand. Er war sich nicht schlüssig, ob er den Toten untersuchen sollte, da es eine Falle sein konnte. Plötzlich hörte er Schritte, die von der Tür auf der anderen Seite kamen. Der Magier pfiff zweimal kurz zur Eingangstür und wenige Sekunden später öffnete der Gestaltwandler die Tür. Der Magier sah ihn nun zum ersten Mal in menschlicher Gestalt: Es war der vermummte Mann, wie er es vermutet hatte. Er trat mit entschlossener Miene und einer gespannten Armbrust ein, doch auf das, was er sah, schien er ebenso wenig gefasst. Beide hörten die Schritte und sahen zur Tür. Die Schritte verstummten und die Tür öffnete sich. Die Person trat ein. Der Magier stutzte. Das war nicht die Person, die er erwartet hatte. Es war nicht der Wirt, es war der junge Musiker Melvin.
Dieser riss die Augen auf. Er sah dem Toten direkt ins Gesicht, hob dann den Blick und sah den Magier und den Gestaltwandler. Beim Anblick des Gestaltwandlers erschrak er fürchterlich, wollte umdrehen und wegrennen. Der Gestaltwandler legte sofort die Armbrust an und schoss. Das Bolzengeschoss verfehlte sein Ziel haarscharf. Doch der Magier handelte blitzschnell. Er richtete seinen Stab auf den Musiker, worauf dieser von einer unsichtbaren Macht gepackt wurde, die ihn mitten in der Drehung erstarren ließ. Der Gestaltwandler lud seine Armbrust schnell nach und nahm den jungen Mann ins Visier. „Warte!“, rief der Magier scharf. Der Schütze ließ die Armbrust nicht sinken, stattdessen rief er: „Ich muss schießen! Er hat versucht zu fliehen! Er ist der Mörder!“ Der Magier konnte nicht glauben, was er da hörte. „Verdammt, jetzt warte! Dass er fliehen wollte, beweist gar nichts! Wir müssen ihn erst verhören!“ Doch das beeindruckte den Gestaltwandler kein bisschen. Er drückte ab. Diesmal verfehlte der Bolzen sein Ziel nicht und bohrte sich tief in den Rücken des jungen Musikers. Sein Leben war verloschen und somit auch die Magie, die ihn festhielt. Melvin fiel tot zu Boden. Der Magier lief sofort zu ihm und beugte sich über seinen leblosen Körper. „Das war vollkommen unnötig! Wir hätten ihn zumindest verhören sollen!“ Verbittert erhob sich der Magier und drehte sich zu dem Gestaltwandler um. Dabei fiel sein Blick auf den Toten auf dem Stuhl. Er stand nun ebenso erstarrt da wie der junge Melvin kurz zuvor. So unwirklich und unmöglich das auch war, auf dem Stuhl saß ohne Zweifel die Leiche des vermummten Mannes. Des Mannes, der mit ihm hier im Raum stand. Er sah auf. Die Überraschungen schienen überhaupt kein Ende zu nehmen. Der ernste Mann mit dem langen, dunklen Mantel war verschwunden. An seiner Stelle stand nun der Wirt. Er hatte aber immer noch die Armbrust und richtete sie auf den Magier. „Lass den Stab fallen! Los!“ Der Magier war viel zu verwirrt, als dass er irgendetwas hätte planen können. „Ganz schöner Schock für dich, was?“ Der Wirt fing an zu lachen. Es war ein kaltes, böses Lachen. „Dass es so ausgeht, hättest du nicht gedacht, ha? Tja, dann geht es dir wie den anderen, armen Narren, die ich in die Irre geführt habe. Aber um ehrlich zu sein, bin ich ziemlich enttäuscht von dir. Du sollst einer der besten Magier-Söldner sein, die es gibt, hab ich gehört. Pah! Dich reinzulegen war viel einfacher als ich gedacht habe. Auf dem Berg kamst du dir noch so überlegen und clever vor! Jetzt bist du wohl nicht mehr so überheblich, was?“ Der Magier war noch immer verblüfft, fand nun aber seine Sprache wieder und auch sein Verstand begann fieberhaft zu arbeiten. „Ganz offensichtlich hast du mich besiegt. Aber warum das Ganze? Warum diese Morde? Als Wirt verdient man doch nicht schlecht. Da hat man gestohlenes Gold doch gar nicht nötig!“ Der Wirt grinste. Es sah komisch aus, denn das Gesicht verschob sich dabei ein Stück. „Du hast Recht, Magier! Es macht keinen Sinn! Aber um das Gold ging es auch gar nicht. Davon besitze ich mehr als genug! Nein, es geschah einfach aus Spaß!“ Der Magier verstand den offensichtlich verrückten Wirt nicht. „Ich habe dieses wunderbare Talent nicht seit meiner Geburt, musst du wissen! Es passierte vor fast genau einem Monat, da begann ich mich in der Nacht zu verändern und am nächsten Morgen war ich eine fremde Person. Ich erkannte diese göttliche Gabe und lernte schnell mit ihr umzugehen und sie zu beherrschen. Mit ihr hatte ich die Macht Menschen zu täuschen und zu töten!“ Dabei lachte er schrill. Der Magier sagte nichts und hörte nur zu. „Es war kinderleicht zu töten und es machte Spaß. Doch das war mir nach einer Weile nicht mehr genug. Ich brauchte eine echte Herausforderung und so kam ich schließlich auf den großen Kremil Schlangenschaft!“ Bei der Nennung seines Namens zuckte der Magier kaum merklich mit der Wimper. „Es war so simpel. Ich tötete den hiesigen Wirt und nahm dessen Platz ein. So hatte ich zu allen Leuten Kontakt und erfuhr alle Aktivitäten des Dorfes. Nur der Waldläufer da hat mich durchschaut. Dabei zeigte er auf die sitzende Leiche des vermummten Mannes. Er hat rumgeschnüffelt und da musste ich ihn ausschalten. Aber nun genug geredet. Ich denke, du wirst jetzt sterben!“ Das war sein Stichwort. Während der Gestaltwandler ihm seine Beweggründe erzählte, hatte Kremil seine arkanen Kräfte auf den am Boden liegenden Stab konzentriert. Als der falsche Wirt nun abdrücken wollte, ließ er die konzentrierte Magie frei und der Stab verwandelte sich vor den Augen des Gestaltwandlers in eine riesige Kobra. Hektisch schoss der Wirt in Richtung Schlange, verfehlte das schmale Ziel jedoch um einen Meter. Blitzschnell schnellte die Schlange vor und schlug ihre langen mit tödlichem Gift gefüllten Zähne in das rechte Bein des Gestaltwandlers. Dieser schrie vor Schmerz, doch das Gift wurde durch die Magie verstärkt und der Mörder verstummte innerhalb kurzer Zeit. Der Magier trat noch einmal an ihn heran. „Nur damit du es weißt: Ich trage diesen Namen nicht grundlos!“ Dann starb der Wandler. Der Tod enthüllte schließlich seine wahre Gestalt: Es war der angeblich ermordete Händler.
Kremil Schlangenschaft war schon zwei Tage später auf dem Rückweg nach Valmur. Er hatte den jungen Melvin, der an dem Abend einfach nur ein wenig im Wirtshaus üben wollte und durch die Hintertür gekommen war, zu einem mächtigen Priester bringen lassen, der ihn wahrscheinlich wiederbeleben konnte. Für den Waldläufer und den Wirt kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie waren bereits zu lange tot. Ihm war es noch immer ein Rätsel wie sich der Händler so von seiner Macht hatte beherrschen lassen. Aber das lag nun hinter ihm. Er hatte sich nach diesem Abenteuer vorgenommen, seinen Söldnerjob an den Nagel zu hängen und sich endlich zur Ruhe zu setzen.
Doch bevor er sich in Valmur endgültig zur Ruhe setzte, stattete er einem gewissen Ramschhändler noch einen kurzen Besuch ab und „bedankte“ sich für einen „ganz ausgezeichneten“ Kälteschutzumhang.
by cwS