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Der Kuchen - Eine Familiengeschichte
Diese kurze Geschichte, deren Niederschreibung ein Versuch ist, den ich unternehme, während in dem beinahe dunklen Zimmer, in dem ich sitze, in einer angemessenen Lautstärke halb-klassische, halb-rockige Epen ihren Weg in mein Ohr suchen. Diese kurze Geschichte ist an und für sich eine wertlose Geschichte. Sie lebt und atmet nur dadurch, dass sie eine tiefere Bedeutung hat. Diese Geschichte ist ein Bild. Ein Bild, dessen Leinwand zwar für jeden sichtbar ist, dessen Farben für jeden leuchten, doch nur für wenige Personen ergibt diese Mischung der Farben ein Bild, in dem sie sich wiederfinden, in dem sie einen Sinn erkennen können. Für den Rest wird es eine Leinwand mit einer undefinierbaren, zwar hübschen, aber eben doch sinnlosen Farb- und Formmischung bleiben. Das Bild wird sich ihnen nicht öffnen.
Die Geschichte handelt von einem kleinen Jungen, der Name spielt hierbei keine Rolle, daher nennen wir ihn einfach „Junge“, der sein neuntes Lebensjahr durchlebt und nun kurz vor seinem Geburtstag steht. Genaugenommen sind es noch zwei Tage bis dahin, oder wie er es nennt: „Noch zweimal schlafen, dann bin ich viel älter." Seine Eltern waren außer Haus an diesem Nachmittag des Donnerstags vor seinem Geburtstag. Es war ein großes Haus, in dem sie lebten. Ein schönes Haus. Er fühlte sich wohl dort, hatte zwei Zimmer. Eines zum Schlafen, und das andere zum Spielen und lesen. Er las sehr gerne. Er war so stolz, dass er für sein gutes Schuljahreszeugnis eine Sammlung von Karl-May-Bänden bekommen hatte. Er las jeden Abend. Heute aber, heute war ihm nicht nach lesen. Er hatte etwas Wichtigeres geplant.
Der Junge hatte in einem seiner Bücher gelesen (kindliche Naivität kämpfte in ihm mit einem gewissen, sich heranbildenden Intellekt), dass man zum Geburtstag Kuchen bekommt. Seine Mutter hatte eine Aversion gegen das Backen. Keiner konnte sich erklären, woran es lag. So hatte es zum Geburtstag immer nur Plätzchen gegeben, die man im Supermarkt kaufen konnte und Torten einer bekannten deutschen Massenkonditorei. Nun, endlich, wollte er einen „echten“ Kuchen haben. Und da seine Mutter, keinen Kuchen backen würde, dessen war er sich sicher, musste er es wohl selber tun. Er vermutete, dass es ein „Kindheitstrauma“ war, von so etwas hatte er in einem Krimi mal gelesen.
In der Bibliothek seiner Stadt, es war für ihn kein weiter Weg dorthin, hatte er sich ein Back-Buch ausgeliehen. Er suchte den Kuchen nach dem Foto aus, schließlich kannte er kaum welche, so dass er nicht hätte sagen können, welcher nun gut schmeckt und welcher nicht. Leider war genau der Kuchen, den er backen wollte von einem der Ausleihenden vor ihm gebacken worden und ein großer Fleck zog sich quer über die Zutatenliste und die Backanleitung. Er aber wusste, dass er nur diesen Kuchen backen wollte. So ging er in den Supermarkt und kaufte Zutaten, von denen er annahm, dass er sie dort unter dem Fleck erwähnt waren.
Als er wieder zu Hause war und die Zutaten in einer für ihn sinnvoll klingenden Zusammenstellung in die Küchenmaschine füllte und diese erst einmal im ersten, sehr langsamen Modus anstellte, da überlegte er, ob der Kuchen wohl schmecken würde und ob, und wenn ja was, seine Eltern und die zu Besuch kommenden Verwandten wohl dazu sagten. Vor allem wegen Onkel Richard machte der Junge sich Sorgen. Er war so direkt in seinen Äußerungen, dass er immer wieder von seiner Ehefrau einen Klaps auf den Schenkel bekam, wenn Richard bei einem familiären Treffen seine Meinung einmal mehr ungefragt verbreitete.
Gut zu erkennen war die Backzeit, das stimme ihn froh. Als er nun den Teig in eine Form füllte, die mit der Kuchenform auf dem Foto, welches übrigens fleckenfrei geblieben war, übereinstimmte und den Ofen aufs Geratewohl vorheizte, da dachte er, dass ihm eigentlich keiner etwas könne. Er sei schließlich noch ein Kind, welches sich für sein Alter, ziemlich tapfer geschlagen habe.
Nach der von ihm geschätzten Dauer der Backzeit des Kuchens, auch diese war auf dem Blatt beim besten Willen nicht mehr zu erkennen, holte er den Kuchen raus und versuchte ihn aus der Form auf ein Rost zu bringen. Es gelang ihm gut, wie er fand. Dieses Rost stellte er in sein Zimmer, in eine Ecke, die von niemandem einzusehen war, der nur flüchtig in dieses Reich kam. Und das taten die meisten. Er deckte es mit einem Handtuch ab und räumte die Küche auf. Sie war sauberer als vor dem Backen, grinste er. Er versuchte mit allerlei Tricks den Normalzustand herzustellen. Seiner Meinung nach, sah alles sehr gestellt aus. Wie in diesen Soap-Operas, die seine große Schwester immer sah.
Er war zufrieden und legte sich in sein Bett. Es war schon dunkel draußen und es wartete ein Abenteuer von Winnetou und seinem Blutsbruder auf ihn. Er nahm sich vor am nächsten Tage im Wald das Anschleichen zu üben und genau zu horchen, ob es ihm gelänge, lautlos über den Waldboden zu laufen. Er freute sich darauf. Bevor er aber das Buch lesen konnte, übermannte ihn der Schlaf und nahm ihn mit in das Reich des Traumes. Was er träumte, das wusste er am nächsten Tag nicht mehr. So kam er – wie erwartet – doch nicht mehr zum Lesen.
Niemand sprach ihn darauf an, wie es in der Küche aussah. Für seine Eltern war es wohl der Status Quo und seine Schwester betrat nur in Notfällen die Küche und dann auch nur den Bereich der Mikrowelle. Hatte sie wohl etwas von ihrer Mutter geerbt und weiter ausgebildet, dachte er manchmal, wenn er sich darüber aufregte, dass sie sich weigerte mitzuhelfen beim Aufräumen.
Der Tag vor seinem Geburtstag verging wie im Flug. Er ging zur Schule und verlebte einen normalen Schultag, er kam nach Hause, aß zu Mittag, sagte seiner Mutter, dass er keine Hausaufgaben zu erledigen hätte und rannte ihn den Wald. Er übte bis zum späten Nachmittag das Anschleichen. Es klappte sehr gut und er ging zufrieden wieder nach Hause. Der Abend verlief wie gewohnt. Seine Eltern schauten fern im Wohnzimmer, seine Schwester tat selbiges in ihrem Zimmer. Er schaute nur nach dem Kuchen, welcher gut aussah. „Fast wie auf dem Foto!“, dachte der Junge.
Dann endlich, nach einer weiteren Nacht im Reich der Träume, nach einem weiteren Schultag war der große Tag endlich da. Seine Verwandten beschenkten ihn, seine Eltern waren so stolz und alle tratschten und tranken. Als nun endlich das Kuchentischlein gedeckt war und sich langsam alle um dieses Tischlein herum einfanden, um ihren Teller mit Plätzchen und Fertig-Torte zu füllen und sich anschließend auf ihre Plätze zu setzen und die Torte zu loben, da sprang er auf von seinem Platz, erkämpfte sich seinen Weg durch die Menschenmenge und raste die Treppe hinauf in sein Zimmer. Er holte den Kuchen und stellte ihn, nachdem er ein wenig Platz freigeräumt hatte unter etwas verwunderten Blicken der anwesenden Gäste in die Mitte des Buffets. Er holte noch ein Messer, damit er diesen Kuchen in Stücke schneiden konnte. Er teilte den Kuchen, seine Verwandten standen immer noch etwas verwirrt umher, und brachte das Messer wieder in die Küche. Dann nahm er sich ein Stück seines (in Gedanken betonte er dieses Wort immer und immer wieder) Kuchens, packte etwas Sahne darauf und setzte sich auf die Couch. Er aß. Es schmeckte ihm. Nach und nach nahmen auch seine Verwandten diesen Kuchen. Zuerst sein Cousin, der vier Jahre älter war als er, danach seine Oma und ganz zum Schluss sogar Onkel Richard. Ob seine Mutter ein Stück genommen hatte, das bekam er nicht mit. Es war ein tolles Gefühl Kuchen zu essen und er erinnerte sich daran, wie er einmal, vor längerer Zeit bei einem Freund einen Marmorkuchen aß und wie sehr er sich in einem solchen Moment ärgerte, dass seine Mutter niemals einen solchen Kuchen backen würde. Er schmeckte den Kuchen und fühlte sich gut.
Das ganz besondere an diesen Moment war, dass alle, wirklich alle anwesenden Personen in diesem Raum für einen Moment die Sprache vergaßen. Sie konnten oder wollten nichts sagen. Alle saßen in einem Kreis um den Wohnzimmertisch und bissen in den Kuchen, den der Junge, das vermuteten die Verwandten, wohl allein gebacken hatte und sie genossen den Geschmack dieses Kuchens. Für einen Moment war es wirklich ruhig und eine Familie wuchs zusammen. Der Junge bemerkte dieses Gefühl, diesen Moment. Er sah in die Gesichter seiner Verwandten, er sah auf ihre Teller, in ihre Augen und auf den Tisch, auf dem seine Geschenke lagen. Er sah das alles und er musste grinsen, oder vielmehr lächeln. Grinsend, oder vielmehr lächelnd biss er in seinen Kuchen und wischte sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand ein paar Krümel von der Oberlippe ... Seine Gedanken drehten sich um das, was er mit diesem Kuchen geschafft hatte. Vielleicht, so hoffte er, hielt dieses Band, was in gerade diesem Moment seine Familie zusammenhielt, länger, als der Kuchen es tun würde. Dieser Gedanke an den Kuchen und die Hoffnung, die in ihm aufkeimte, ließen ihn immer stärker lächeln.