Hallo Rindersheim,
also ich hatte weniger Probleme mit dem Text. Es geht um eine mit ihrem Glauben hadernde atheistische Person, die einen Priester liebt. Das finde ich persönlich ein sehr spannendes Thema. Allerdings fand ich auch den Zugang etwas schwer. Man wird als erstes erschlagen und weiß nicht so wirklich, worum es geht. Erst beim zweiten Lesen bin ich in den Text wirklich reingekommen. Durch die Kürze ist das aber annehmbar, denn zumindest bei mir war genug Interesse geweckt, dass ich ihn sofort ein zweites Mal gelesen habe, da ich ihn verstehen wollte. Außerdem liest es sich gut, denn der Textfluss hakt bis auf die letzten Sätze (ab dem Krebsvergleich) nicht.
So, nun aber zum Inhaltlichen. Wir haben hier als erstes die Hasstirade gegen die ach so fromme Sprache des Priesters, die in Formeln erstarrt ist, die so allgemein gehalten sind, dass es eigentlich egal ist was er sagt. Dann aber gibt die Atheisten-Seele zu, dass es manchmal durchaus seinen Reiz hätte, einfach die Seele baumeln zu lassen und zu allem Ja und Amen zu sagen, statt immerzu Zweifeln zu müssen. Das ist mir persönlich allerdings zu platt. Als Atheist kann ich nämlich sagen, dass mir diese Gefühle sehr wohl bekannt sind. Aber es liegt ja nicht an den Plattitüden, dass ich mich manchmal nach einem Gott sehne, sondern an der Heilsbotschaft. Diese Heilsbotschaft, die bedingungslose Nächstenliebe als Grundlage allen menschlichen Handelns, die von der Kirche immer wieder irgendwelchem Quatsch verwässert wird, den man einfach nicht ernst nehmen kann, wenn man nicht über einen ganz tiefen, reinen Glauben verfügt. Aber das kommt hier nicht gut genug raus. Die Ansätze sind da, nur geht es mir nicht tief genug. Ich will ja nicht die Kupfermünzen ins Säckelchen werfen, um mich selbst zu belügen, sondern weil ich wirklich daran glauben möchte, dass mit diesen Kupfermünzen das Gottes Himmelreich auf Erden geschaffen wird. Allein, ich kann es nicht. Da sehe ich hier viel verschenktes Potenzial. Ich hoffe, dass dir klar geworden ist, worin mein Problem liegt, ansonsten kann ich das gerne noch einmal vertiefen.
Kommen wir nun zum zweiten Teil, wo es um die unerwiderte Liebe geht. Da fehlt mir wiederum ein wenig die Verbindung zum ersten Teil. Wurde dort noch mit sich gerungen über den eigenen Glauben, ist dieser hier plötzlich, wenn auch vielleicht nur für den kurzen Augenblick nach der Predigt, kein Thema mehr. Ist am Ende die Ablehnung des Glaubens doch nur Fassade eines religiösen Menschen? Dann muss das deutlicher werden - die Zweifel im ersten Abschnitt dürfen sich dann nicht auf den Glauben beziehen, sondern auf den Nichtglauben.
Danach führst du geschickt auf die heimliche Liebe hin. Und besonders ein Satz hat es mir angetan:
Vielleicht bin ich eifersüchtig auf Gott, weil du ihm mehr Aufmerksamkeit entgegenbringst als mir, vielleicht tue ich mich deswegen so schwer, an ihn zu glauben.
Das ist für mich eine Art Kernsatz deiner Geschichte. Aber er verplätschert leider, denn danach kommt noch die Krebs-Metapher, die mir persönlich dazu auch noch überhaupt nicht gefällt. Natürlich ist sie nicht schlecht, weil sie deiner Geschichte einen mehrdeutigen Namen gibt. Aber sie zündet bei mir nicht und löst eher Stirnrunzeln aus. Zumal die Geschichte dadurch wieder mit einem Rückgriff auf den Unterschied zwischen Atheisten und Christen endet. Aber jetzt hast du doch gerade herausgearbeitet, dass es da noch eine andere Ebene gibt und es eigentlich um die Ambivalenz zwischen "glauben wollen" und "nicht glauben können" geht statt um stumpfen Atheismus. Darum wirkt das ganze Haus am Ende ein wenig schief und instabil, als ob die Balken nicht ineinander greifen würden.
Fazit: Anders als Anakreon finde ich deine Sprachkomposition weder gekünstelt, noch denke ich, dass sie sinnbesetzte Sprache ad absurdum führt. Man muss eben ein wenig buddeln, um den Zusammenhang zu sehen. Dazu kommt, dass ich das Thema sehr spannend finde, da ich selber meine inneren Glaubenskriege führe. Da steckt also schon sehr viel Gutes in der Geschichte.
Aber ich denke, dass du dir klarer werden musst, worum es dir in der Geschichte eigentlich gehen soll. Geht es um die heimliche Liebe? Dann musst du die Geschichte anders aufziehen, damit klar wird, dass aller Zweifel am Ende nur ein Produkt der - verbotenen - Liebe ist, mit der sich der/die Protagonist/in von Gott geschlagen sieht. Geht es dir dagegen um den ewigen Kampf zwischen "glauben wollen" und "nicht glauben können", dann solltest du das Liebesmotiv kicken, da es zu dem Komplex nicht erhellendes beiträgt. Wenn dir beides wichtig ist, dann solltest du überlegen, ob du die Geschichte nicht ausbauen solltest. Denn für zwei Themen, die so viel hergeben, sind zwei Absätze schlicht zu kurz.
Langer Rede kurzer Sinn: Ich hoffe, dass du die Geschichte noch einmal überarbeitest. Ich würde mich freuen, sie dann noch einmal lesen zu dürfen!