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Der Krebs

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31.08.2011
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Der Krebs

Weil du eine Antwort geben willst, die jedem weiterhilft, hilfst du niemandem weiter. Ich liebe es, wie du jedes Wort bedächtig wiegst und prüfst, bevor du es aussprichst, wie du mit andächtig-nachdenklichem Gesicht dastehst, deine hohe Stirn in Falten wirfst, und eine Wahrheit nach der anderen gebierst, ohne Schmerzen, ohne Kaiserschnitt, in geschliffener, klarer Sprache. Du provozierst nicht, sondern sprichst Gedanken aus, die so banal sind, dass man ihnen gar nicht widersprechen kann, auch nicht als Ungläubiger. Doch ich muss gestehen, dass auch ich mich manchmal danach sehne, einem gütigen weisen Herrn wie dir zuzuhören, mich im Strom seiner Worte zu baden und unter der Sonne seiner Rhetorik zu bräunen. Sich einfach mal gehen lassen, seinen Schädel aufknacken und sagen: Komm rein, hier ist Platz für zwei. Sich einfach mal als moralisch empfindenden Menschen erleben, der das Unglück in der Welt beklagt und ein paar kupferne Münzen spendet. Sein Bewusstsein einfach mal durchfegen und durchlüften lassen, mal nicht dem nachfragen, nachdenken, nachlaufen und nachhinken, was das Geschrei sonst auf sich vereint. Dicke, warmherzig-pausbackige Wahrheiten streicheln und knuddeln, ihnen ein frommes Liedchen vorsingen und sich freuen, dass es sie noch gibt. Dass es noch jemanden gibt, der sie verkündet, eben dich.

Wenn ich deine Predigten verlasse, fühle ich mich erhaben. Der Gedanke, auf der Seite Gottes zu streiten, richtet mich immer wieder auf; er ist zu schön, als dass er nicht wahr sein könnte. Am Abend fühle ich mich meist niedergeschlagen. Wäre es nicht so unendlich viel wärmer, menschlicher und damit göttlicher gewesen, denke ich dann, wenn du mir ins Gesicht gesagt hättest, dass Gott mich liebt? Oder gar, dass du mich liebst? Was könnten wir einander sein! Aber ich kenne nur den Prediger mit dem sanften Blick. Vielleicht bin ich eifersüchtig auf Gott, weil du ihm mehr Aufmerksamkeit entgegenbringst als mir, vielleicht tue ich mich deswegen so schwer, an ihn zu glauben. Wenn ich einen Betenden beobachte, fühle ich mich, als sähe ich einem Krebs beim Eierlegen zu. Wie kommt ein Mensch darauf, so etwas zu tun? Sich in so etwas - entschuldige die Worte! - zu verwandeln? Was begreift, fühlt, sieht er, wofür mir jedes Organ zu fehlen scheint?

 

Hallo Rindersheim

Ich frage mich, was deine Absicht bei der Abfassung dieses amorphen Textes war? Etwas schreiben, das dir nicht fassbar ist? Deine Vision wirkt mir zumindest ziemlich verschroben. Der Ansatz einer möglichen Geschichte verliert sich in gekünstelt zusammengesetzten Sätzen, die sinnbesetzte Sprache weitgehend ad absurdum führen. Wenn es eine Anlehnung an Surrealismus werden sollte, überzeugt es mich nicht. Wenn ich es zerlege, bleiben lediglich krude Worthaufen.

Du provozierst nicht, sondern sprichst Gedanken aus, die so banal sind, dass man ihnen gar nicht widersprechen kann, auch nicht als Ungläubiger.

Das trifft auf deinen Text nicht zu, wenn ich es am Satz vom Widerspruch messe. Aber vielleicht bereitet mir als areligiösem Leser kontemplative Wort-Kunst einfach Konfusion, dann wäre es zumindest in sich eine Logik.

Schöne Grüsse

Anakreon

 

Hallo Rindersheim,

also ich hatte weniger Probleme mit dem Text. Es geht um eine mit ihrem Glauben hadernde atheistische Person, die einen Priester liebt. Das finde ich persönlich ein sehr spannendes Thema. Allerdings fand ich auch den Zugang etwas schwer. Man wird als erstes erschlagen und weiß nicht so wirklich, worum es geht. Erst beim zweiten Lesen bin ich in den Text wirklich reingekommen. Durch die Kürze ist das aber annehmbar, denn zumindest bei mir war genug Interesse geweckt, dass ich ihn sofort ein zweites Mal gelesen habe, da ich ihn verstehen wollte. Außerdem liest es sich gut, denn der Textfluss hakt bis auf die letzten Sätze (ab dem Krebsvergleich) nicht.

So, nun aber zum Inhaltlichen. Wir haben hier als erstes die Hasstirade gegen die ach so fromme Sprache des Priesters, die in Formeln erstarrt ist, die so allgemein gehalten sind, dass es eigentlich egal ist was er sagt. Dann aber gibt die Atheisten-Seele zu, dass es manchmal durchaus seinen Reiz hätte, einfach die Seele baumeln zu lassen und zu allem Ja und Amen zu sagen, statt immerzu Zweifeln zu müssen. Das ist mir persönlich allerdings zu platt. Als Atheist kann ich nämlich sagen, dass mir diese Gefühle sehr wohl bekannt sind. Aber es liegt ja nicht an den Plattitüden, dass ich mich manchmal nach einem Gott sehne, sondern an der Heilsbotschaft. Diese Heilsbotschaft, die bedingungslose Nächstenliebe als Grundlage allen menschlichen Handelns, die von der Kirche immer wieder irgendwelchem Quatsch verwässert wird, den man einfach nicht ernst nehmen kann, wenn man nicht über einen ganz tiefen, reinen Glauben verfügt. Aber das kommt hier nicht gut genug raus. Die Ansätze sind da, nur geht es mir nicht tief genug. Ich will ja nicht die Kupfermünzen ins Säckelchen werfen, um mich selbst zu belügen, sondern weil ich wirklich daran glauben möchte, dass mit diesen Kupfermünzen das Gottes Himmelreich auf Erden geschaffen wird. Allein, ich kann es nicht. Da sehe ich hier viel verschenktes Potenzial. Ich hoffe, dass dir klar geworden ist, worin mein Problem liegt, ansonsten kann ich das gerne noch einmal vertiefen.

Kommen wir nun zum zweiten Teil, wo es um die unerwiderte Liebe geht. Da fehlt mir wiederum ein wenig die Verbindung zum ersten Teil. Wurde dort noch mit sich gerungen über den eigenen Glauben, ist dieser hier plötzlich, wenn auch vielleicht nur für den kurzen Augenblick nach der Predigt, kein Thema mehr. Ist am Ende die Ablehnung des Glaubens doch nur Fassade eines religiösen Menschen? Dann muss das deutlicher werden - die Zweifel im ersten Abschnitt dürfen sich dann nicht auf den Glauben beziehen, sondern auf den Nichtglauben.

Danach führst du geschickt auf die heimliche Liebe hin. Und besonders ein Satz hat es mir angetan:

Vielleicht bin ich eifersüchtig auf Gott, weil du ihm mehr Aufmerksamkeit entgegenbringst als mir, vielleicht tue ich mich deswegen so schwer, an ihn zu glauben.

Das ist für mich eine Art Kernsatz deiner Geschichte. Aber er verplätschert leider, denn danach kommt noch die Krebs-Metapher, die mir persönlich dazu auch noch überhaupt nicht gefällt. Natürlich ist sie nicht schlecht, weil sie deiner Geschichte einen mehrdeutigen Namen gibt. Aber sie zündet bei mir nicht und löst eher Stirnrunzeln aus. Zumal die Geschichte dadurch wieder mit einem Rückgriff auf den Unterschied zwischen Atheisten und Christen endet. Aber jetzt hast du doch gerade herausgearbeitet, dass es da noch eine andere Ebene gibt und es eigentlich um die Ambivalenz zwischen "glauben wollen" und "nicht glauben können" geht statt um stumpfen Atheismus. Darum wirkt das ganze Haus am Ende ein wenig schief und instabil, als ob die Balken nicht ineinander greifen würden.

Fazit: Anders als Anakreon finde ich deine Sprachkomposition weder gekünstelt, noch denke ich, dass sie sinnbesetzte Sprache ad absurdum führt. Man muss eben ein wenig buddeln, um den Zusammenhang zu sehen. Dazu kommt, dass ich das Thema sehr spannend finde, da ich selber meine inneren Glaubenskriege führe. Da steckt also schon sehr viel Gutes in der Geschichte.

Aber ich denke, dass du dir klarer werden musst, worum es dir in der Geschichte eigentlich gehen soll. Geht es um die heimliche Liebe? Dann musst du die Geschichte anders aufziehen, damit klar wird, dass aller Zweifel am Ende nur ein Produkt der - verbotenen - Liebe ist, mit der sich der/die Protagonist/in von Gott geschlagen sieht. Geht es dir dagegen um den ewigen Kampf zwischen "glauben wollen" und "nicht glauben können", dann solltest du das Liebesmotiv kicken, da es zu dem Komplex nicht erhellendes beiträgt. Wenn dir beides wichtig ist, dann solltest du überlegen, ob du die Geschichte nicht ausbauen solltest. Denn für zwei Themen, die so viel hergeben, sind zwei Absätze schlicht zu kurz.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich hoffe, dass du die Geschichte noch einmal überarbeitest. Ich würde mich freuen, sie dann noch einmal lesen zu dürfen!

 

Hallo MuGo,

dass du diesen Text, den ich schon lange aufgegeben hatte, keiner wiederum vernichtenden Kritik (er ist ja bereits vernichtet geschrieben worden) unterziehst - was wohl ein Leichtes gewesen wäre -, sondern doch irgendetwas Gutes in ihm zu erkennen meist, motiviert mich, die Arbeit an ihm wieder aufzunehmen. Gerade weil du selbst einen "inneren Glaubenskrieg" auskämpfst, wie du schreibst, würde mich interessieren, ob ich den Themen, die dir vorschweben, einigermaßen gewachsen bin; wiewohl ich natürlich bemerken muss, dass unter Umständen etwas ganz anderes dabei herauskommen kann, als uns beiden jetzt vorschwebt, etwas, das sich erst mit dem Schreiben ergeben könnte.

Betrachte obige zwei Absätze als Schmierzettel der eigentlichen Geschichte, die ich, sollten mich Geduld und mein eng bemessenes Talent nicht vollends im Stich lassen, ganz neu aus diesen Trümmern erstehen lassen werde. Im Kopf sieht das alles schon einigermaßen phantastisch aus, nur - na, du weißt schon. Die Gefahr, entweder Kitsch oder langweilige Gedankenprosa zu schreiben, ist bei diesem Thema riesengroß, was die Aufgabe andererseits ziemlich spannend machen könnte.

Besten Gruß

 

Hallo Rindersheim,

ich bin ja schon froh, dass du mit meinem Kommentar scheinbar überhaupt etwas anfangen konntest. Liest sich ja grausam! Ich muss wirklich müde gewesen sein...

Gerade weil du selbst einen "inneren Glaubenskrieg" auskämpfst, wie du schreibst, würde mich interessieren, ob ich den Themen, die dir vorschweben, einigermaßen gewachsen bin; wiewohl ich natürlich bemerken muss, dass unter Umständen etwas ganz anderes dabei herauskommen kann, als uns beiden jetzt vorschwebt, etwas, das sich erst mit dem Schreiben ergeben könnte.

Och, ist doch nicht schlimm - es ist ja schließlich DEINE Geschichte. Wenn da was anderes rauskommt, als ich erwarte, würde ich das nur als Anreiz sehen, mir die Idee "auszuborgen" und selber in die Richtung zu arbeiten, die mir vorschwebt. Mit anderen Worten: Beflügele meine Gedanken!

Die Gefahr, entweder Kitsch oder langweilige Gedankenprosa zu schreiben, ist bei diesem Thema riesengroß, was die Aufgabe andererseits ziemlich spannend machen könnte.

Ich stehe gerne bereit, die überarbeitete Geschichte kritisch unter die Lupe zu nehmen, damit weder Kitsch noch langweilige Gedankenprosa dabei herauskommt! Naja, oder zumindest hoffe ich, dass ich dabei helfen kann...

 

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