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Der König
Der König
Als Ernst eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, beschloss er, von nun an König zu sein. König ist ein schöner Beruf, solche und ähnliche Gedanken hegte er. Nicht das er auch nur entfernt etwas mit einem richtigen König zu tun hätte, er war nicht adlig, nicht einmal neureich, einfach nur ein Arbeiter. Dennoch wollte er unbedingt König sein. Ein König verhält sich anders als ein normaler Mensch, dachte Ernst. Er begann damit, darüber nachzudenken, was er denn an sich würde zu verändern haben. Erst einmal die Kleidung. Kein König läuft in einem Blaumann herum. Er würde nur noch Gewänder tragen. Vorerst würde das Mönchskostüm vom letzten Karneval herhalten müssen, dazu ein schöner roter Umhand. Eine Krone bräuchte er nicht, er war schließlich modern. Aber Kleidung allein macht noch keinen König. Das Verhalten muss stimmen. Arrogant überheblich, so muss ein König sein. Aber nicht abgehoben, immer ein Auge für den Bettler. Was würde er doch alles für gute Dinge tun können, so als König. Niemals jedoch wollte er sich mehr wie ein Arbeiter verhalten, das geziemte sich seiner nicht. Und so reden schon gar nicht. Er beschloss, nur noch im Plural von sich zu sprechen, damit auch jeder merken würde, dass er der König sei. Und seine Vasallen bekommen natürlich nur noch die dritte Person von ihm zu hören. Als ob er mit dem Pöbel per Du bleiben würde. Jetzt, da er König war, wollte er sich erst einmal richtig verwöhnen. Er machte sich das schönste Frühstuck, das mit den wenigen Essbarkeiten im Kühlschrank zu zaubern war. Das er so nicht mehr pünktlich zur Arbeit würde kommen können, störte ihn nicht weiter, er war ja König. Nachdem er seinen neuen Titel ausgiebig in seiner Wohnung genossen hatte, drängte es ihn hinaus in die weite Welt.
Kaum war er unten angekommen, traff er auf den Hausmeister. Früher waren die Beiden per Du gewesen und hatten ein fast freundschaftliches Verhältnis. Jetzt war daran natürlich nicht mehr zu denken. "Er trete zur Seite" begrüßte Ernst den Hausmeister. Dieser guckte nur verständnislos. "Grüße er seinen König" ordnete Ernst an.
"Wohl zuviel gesoffen?" Der Hausmeister wirkte belustigt.
"Soweit soll es noch kommen? Müssen wir uns jetzt vom Pöbel beleidigen lassen?"
"Wat is hier der Pöbel? Ich bin ne ehrliche Arbeiter, Pöbel bis eher du, in deine komische Mönchsding da."
"Er hüte seine Zunge, oder er wird unsere harte Seite kennenlernen. Sehen wir zum Spassen aus?"
"Sach ma, wat isn heute mit dir los Ernst? Du bis doch sonst auch nich so. Machste jetzt einen auf Klapse?"
"Wir müssen uns das nicht bieten lassen! Verdammt soll er sein. Auf zum Henker!"
Ernst holte seine Axt unter dem Umhang hervor. Ein König muss schliesslich für Ordnung sorgen. Der Hausmeister erbleichte, aber Ernst war kein gnädiger König. Der Kopf rollte in den Keller.
Ernst entschied, dass es kein Tag zum Arbeiten sei. Er setzte sich in das nächste Eis-Café, das für diese Tageszeit schon erstaunlich gut besucht war, und bestellte das teuerste Eis auf der Karte. Geld hatte er zwar keins mehr, aber er war schließlich König. Die Bedienung schien neu, zumindest kannte Ernst sie nicht. Da er Stammkunde war, blieb kein anderer Schluss übrig. Umso besser, dachte Ernst, sie kennt uns noch nicht. Sie wird wohl kaum so kess reagieren wie es der Hausmeister tat. Obwohl ihm dessen Tod nicht viel ausmachte, wollte er doch nicht gleich vom ersten Tage an als Tyrann gelten. "Was kann ich für Sie tun?"-"Bringe sie uns einmal den Eisbecher Copacabana. Und beeile sie sich!" Die Kellnerin wunderte sich zwar sichtlich, aber schließlich war der Kunde König und so machte sie sich daran, seinen Wünschen zu entsprechen. Ernst wartete in der Zwischenzeit einigermaßen geduldig. Als er dann sein Eis bekam, war er rundum zufrieden. Dies hielt jedoch nicht allzu lange. Ein kräftig aussehender, breiter Mann setzte sich ihm in die Sonne. "Er gehe uns aus der Sonne", befahl Ernst. Der Mann drehte sich herum und schüttelte nur den Kopf. "Hört er schlecht? Aus der Sonne soll er uns!" Wieder drehte sich der Mann um, diesmal eindeutig genervt. Er bewegte sich nicht von seinem Platz, und sah trotzdem nicht nach Streit aus. Ernst wurde es langsam zuviel. Das die Leute so wenig Respekt vor dem König haben würden hätte er sich nicht gedacht. "Sofort gehe er mir aus der Sonne!" Jetzt hatte der Mann genug. Er verlies schnellen Schrittes das Café. Ernst war wieder zufrieden. Auch er stand bald darauf auf um zu gehen. Die Kellnerin kam mit der Rechnung. Ernst sagte nur:"Verschwinde sie. Uns ist nicht nach bezahlen. Der König muss nicht zahlen!" Er ging weiter. Die Besitzerin des Cafés sah die Situation, doch da sie Ernst kannte, dachte sie nur, er würde beim nächsten Mal bestimmt auch diese Rechnung mitbezahlen.
Ernst lief ziellos durch die Strassen. Das es einem König langweilig sein könnte vor lauter Nichtszutunmüssen war neu für ihn. Spannend schien sein Reich ja nicht gerade zu sein. Doch da kam ihm schon die nächste Idee. Als König brauch man schließlich Vasallen, dass ihm dieses nicht schon vorher aufgefallen war. Sofort sprach er den nächsten Passanten an. "Er da, er sei in die Dienste des Königs gerufen. Uns dünkt er kann uns gut dienen." Der Passant, ein älterer Herr, der offensichtlich nicht in Eile war, reagierte erfreut. Es passierte nicht allzu viel bei den täglichen Spaziergängen, zumindest normaler Weise. "Ich soll dem König dienen? Welcher König ist das denn? Kenne ich ihn?" - "Wir stehen vor ihm. König Ernst der Erste. König seit des Morgengrauens. So soll er denn mein Vasall sein." - "Hmm, ich habe ja nichts zu tun heute und so viel Spass hat man sicher nicht alle Tage. Nun gut, auf, auf." - "So gefallen uns die Untertanen. Doch jetzt genug des Geplausches. Uns begehrt nach neuer Kleidung. Kann er solche auftreiben?" - "Er kann, er kann. Wie solls denn sein?" - "Er entscheide selbst, aber wehe es geziemt sich des Königs nicht. Treffe er uns im Park sobald er seine Dienste getan." Darauf hin ging der ältere Herr, um zu tun, was Ernst befohlen hatte. Dem hingegen war wieder ganz wohlig im Bauch. Das Königsein schien doch sehr angenehm. Wenn es nicht nur einen König geben könnte, sollte es wohl jeder sein.
Den Park zählte Ernst noch nicht zu seinem Reich, da er sich dort aber mit seinem Knecht treffen wollte, musste dieser schnellstens erobert werden. Im Park angekommen, stellte der König fest, dass dieser leer war. Es würde ein einfacher Feldzug. Ernst zog seine Axt aus der Kutte und rannte axtschwingend durch den Park. Seiner Meinung nach war ein Krieg nicht ohne Opfer zu gewinnen, weshalb er einen dünen Baum umschlug. Die Mutter mit ihrem Kind, die gerade den Park betreten wollte, kehrte beim Anblick des Schauspiels um. Das es schon soweit gekommen war, überraschte sie. Ernst setzte sich nach der gewonnenen Schlacht erst einmal gemütlich auf einen Baumstumpf. Schnell und präzise hatte er den fremden König enthauptet, ohne auch nur einen Einzigen seiner Männer zu verlieren. Sie mussten ihn jetzt ja geradezu lieben. Solch ein guter und starker König er war. Wenn doch jetzt seine neuen Gewänder kämen, die jetztigen waren nach dem Krieg ja komplett verschwitzt, so anstrengend kann so ein Kampf sein.
Doch da kam der ältere Herr auch schon wieder. Zuhause hatte er noch einen alten roten Bademantel gefunden, der aufgrund seines weißen Kragens sehr vornehm aussah. Das blau-grüne Kleid hatte seiner Frau gehört, doch diese war seit Jahren verstorben. Ernst freute sich sichtlich über diese neuen Stücke. "Er ist ein grandioser Vasall, weiß er das? Einen besseren hätten wir wohl kaum finden können." - "Danke, Majestät, so soll ich sie doch nennen, oder? Ich habe mir alle Mühe gegeben, etwas Passendes für Euch zu finden." - "Nun, warte er hier, wir werden uns umkleiden." Kaum gesagt, lief Ernst auch schon in das nächste Gebüsch und zog sich rasch um. Wieder zurück, fragt er den alten Herrn sofort nach seiner Meinung, und, obwohl es eher belustigend aussah, bestätigte dieser ihm, wie großartig und vornehm er aussähe. "Nun, uns verlangt es nach einer Prozession, er möge hinter mir schreiten." Mit diesen Worten ging Ernst voraus. Er verlies den Park und schritt geradewegs zur Haupstraße, auf welcher er mitten auf der Fahrbahn, den älteren Herrn im Schlepptau, herzog. Die Autos, die jetzt kaum noch fahren konnten, begannen zu hupen. "Höre er die Fannfahren, die uns ankündigen!" Ernst war entzückt. Dies war eindeutig der schönste Moment seiner bisherigen Laufbahn als König.
Just in diesem Moment traf ihn der Schlag. Herzstillstand, seine Krankheit, die er schon seit der Kindheit hatte, raffte ihn dahin, mitten auf der Straße, während seiner Prozession. Er fiel und landete direkt vor den Füßen des alten Herren, tot. Le roi est mort, vive le roi!