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Der Himmel über Berlin
Die Sterne stehen schon am Himmel. Der Mann in dem Kornfeld wirft einen Blick nach oben. Die Rangabzeichen auf seinem Mantel schimmern leicht im Mondlicht. Seine Hand streicht sachte über die Ähren des hohen Getreides. Die Luft hat sich abgekühlt. Erneut atmet er tief ein um seine Verzweiflung zu unterdrücken.
Er kann immer noch kaum glauben, was in den letzten Stunden passiert ist. Und was passieren wird.
Vor drei Stunden waren zwei schnelle Kreuzer aus dem Hyperraum gesprungen. Kreuzer der Allianz. Wie sie es geschafft haben die ganzen Sperren zu durchbrechen war ihm schleierhaft. Wahrscheinlich war es ganz einfach Zufall. Das folgende Gefecht war kurz und heftig gewesen. Zwei Millionen Kilometer von der Erdoberfläche entfernt wurden sie gestellt. Einer der feindlichen Kreuzer treibt nun brennend ins All hinaus. Der zweite entkam.
Was auch immer sie wollten: Als sie ihre Chance erkannten, ergriffen sie sie.
Beide Kreuzer gingen auf direkten Kurs zur Erde und feuerten ihr gesamtes Arsenal an Massenvernichtungswaffen ab. Erst ganz zaghaft - gezielt auf Großstädte. Danach blind drauf los. Was die Rohre hergaben.
Als das geschehen war, drehten sie ab. Nur ihre Geschosse flogen und fliegen immer noch weiter. Auf direkten Kurs zur Erdoberfläche.
Der Mann schaut sich um. Betrachtet die umliegenden Felder. Der Mond taucht alles in ein bleiches und sanftes Licht. Einige hundert Meter entfernt, auf einen kleinen Hügel, nah am Rand eines Wäldchens, entdeckt er ein Reh. Friedlich grasend.
Er beginnt etwas zu frieren und zieht seinen Mantel fest um sich. Bald wird es hier ziemlich warm sein, denkt er und zwingt sich zu einen müden Grinsen.
Er dreht sich und blickt Richtung Berlin. Der Himmel dort ist von den Lichtern der Stadt hell erleuchtet. Sind ja nur ungefähr 150km. Die Flugabwehr ist nicht aktiv.
Nur vereinzelt noch starten Flüchtlingsschiffe in den Nachthimmel. Vollgepackt mit Bonzen und Politikern. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.
Sein Kommunikator beginnt zu piepen.
„Ja?“
„Sie müssen endlich in den Bunker kommen. Bis zum ersten Einschlag sind es nur noch wenige Minuten. Wir müssen die Tore schließen.“
„Ja, ich komme.“
Er blickt noch einmal in Richtung des Lichts.
„Warum bist Du nicht bei mir geblieben, Claudia?“ Die Worte sind nicht mehr als ein Flüstern. Der Gedanke sticht wieder in sein Herz. Irgendwo dort drüben ist sie jetzt. Rennt um ihr Leben. Oder hat sie schon aufgegeben?
Als er von der Unabwendbarkeit des Untergangs erfahren hatte, wollte er sofort mit irgendwas los und sie holen. Aber alle Raumgleiter waren unterwegs. Und die Gleitbahnen stehen im Ernstfall still um die Sicherungs- und Notfalltrupps nicht zu behindern.
Absolut unfähig irgendwas für sie zu unternehmen. Unfähig sie zu retten.
Seine ganzer Brustkorb - ja seine ganze Seele - scheint sich bei dem Gedanken vor Schmerz zusammenzuziehen. Erschöpft blickt er noch einmal Richtung Berlin, wendet sich schließlich widerstrebend ab und geht in Richtung der Tore.
Der Alarm ertönt. „Erster Einschlag in 60 Sekunden. Bewegen Sie sich, verdammt.“
Er beginnt zu laufen, lässt das Kornfeld hinter sich und ist innerhalb weniger Sekunden im Seiteneingang. Ein junger Soldat steht dort mit panischen Augen und betätigt einen Schalter. Das Tor beginnt sich langsam zu schließen. Der Mann dreht sich um und beobachtet wie sich die beiden Hälften aufeinander zu bewegen. Dahinter schimmert der Berliner Himmel.
Er beginnt wieder zu flüstern: „Es war deine Entscheidung, Liebes. Du wolltest die Trennung. Du wolltest es so. Hier wärst Du sicher gewesen.“
Er beißt die Zähne zusammen, aber seine Augen füllen sich mit Tränen.
Dann geschieht es.
Der Himmel über Berlin ist plötzlich völlig schwarz und wird im nächsten Augenblick strahlend hell. Das Tor lässt nur noch einen schmalen Streifen des Lichtes hereinfallen.
Er spiegelt sich in seinen Augen.
Ihm kommt der Gedanke, dass sie ihn jetzt vielleicht schon hören kann.
Er glaubt ihre Gegenwart zu spüren. Wie früher. In besseren Zeiten.
Der Streifen auf seinen Augen wird hauchdünn.
Dünn und hell wie seine Stimme, als er die Kontrolle über die Tränen verliert und langsam zu sprechen beginnt: „Ich liebe Dich, Claudia.“ Er lächelt traurig. „Ich werd Dich nicht vergessen, mein Engel. Versprochen!“
Das Tor schließt sich krachend und das letzte bisschen Licht in seinen Augen erlischt.