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Der Großvater
Als Moritz am hell erleuchteten Bahnhof stand, um ihn herum war die Nacht, und seine Freundin gerade auf nimmer Wiedersehen in den Zug gestiegen war, er nahm gerade einen starken Zug aus seiner Zigarette, da trat ein Mann aus dem Schatten eines Automatens und sprach ihn an. Nein - er ging nur an Moritz vorüber.
Vielleicht hatte sich dieser Mann im letzten Moment entschieden, an Moritz vorbei zu gehen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Vielleicht wäre er ansonsten aus dem Schatten an Moritz herangetreten, hätte ihm freundlich mit dem Kopf zugenickt und noch freundlicher gesagt: "Hallo, ich bin Alexander! Ich habe Sie von dort hinten zufällig gesehen." "Hallo ich heiße Moritz, schön Sie kennen zu lernen!" "Wissen Sie, ich habe von da hinten nur schwach Ihre Augen erkennen können, aber ich wusste gleich, dass Sie mich an etwas erinnern, deswegen bin ich näher gekommen, und jetzt bin ich mir ganz sicher: Sie haben die gleichen Augen, wie mein verstorbener Großvater!" Das hatte Moritz nicht erwartet, wie konnte so etwas sein? Spielte das Leben nun verrückt, oder war es nur seine Fantasie? Jedenfalls redete Alexander weiter: "Warten Sie hier auf jemanden, oder würde es Ihnen sonst etwas ausmachen, etwas mit mir zu laufen?" "Nein, ich bin froh, wenn mich jemand etwas begleitet, ich habe gerade meine Freundin zum Bahnhof gebracht", sagte Moritz und machte zögerlich ein paar Schritte. Als der andere mitzog, ging er etwas schneller, im normalen Lauftempo, und schmiss die Zigarette auf den Boden, um sie mit dem nächsten Schritt auszutreten. "Wo fährt Ihre Freundin denn hin?", wollte der Fremde wissen. "Sie fährt nach München zu ihren Eltern zurück. "Schöne Stadt", erwiderte Alexander etwas trocken, etwas desinteressiert. "Ich weiß auch nicht, was mich so an ihr abstößt, aber schön finde ich diese Stadt ganz und gar nicht!", gab Moritz zu. "Ähm, um noch mal auf meinen Großvater zurückzukommen...", sagte Alexander etwas verunsichert. "Der meine Augen hat?", fragte Moritz. "Ja, ich muss Ihnen etwas über meinen Großvater erzählen! Er lebte übrigens auch in München!" "Ist er denn tot, na ja, das würde mich nicht wundern!" "Wieso?", fragte Alexander etwas verwundert und gleichzeitig vorwurfsvoll. "Weil er in München gelebt hat, war nur ein Spaß!", sagte Moritz und fing so gleich auf seine krächzende Art an zu lachen. "Jedenfalls erinnern Sie mich an meinen Großvater und es tut mir leid, dass ich Sie belästige, aber ich würde Ihnen gerne eine Geschichte erzählen. "Was für eine Geschichte?" "Lassen Sie sich nicht abschrecken, sie ist sehr kurz und hat für Sie wahrscheinlich keinerlei Bedeutung, aber es würde mir doch sehr viel bedeuten, Ihnen diese Geschichte zu erzählen, Sie sind meinem Großvater so ähnlich." "Ich habe sowieso Zeit, fangen Sie an!" "Also, es war einmal, so steht es im alten Buch, dem ersten aller Bücher, geschrieben, eine schöne Prinzessin." "Wollen Sie mich veralbern? Sie erzählen mir ein Märchen?", fragte Moritz und legte den Kopf abschätzend schief. "Hören Sie doch erst mal zu!", kam die Antwort umso empörter. "Die Prinzessin lebte in einem Schloss, das drei Türme hatte. In allen drei Türmen war das Zimmer der Prinzessin eingerichtet, ihr schönes, mit Vorhängen zugezogenes Bett lag in der Mitte des Raums. Doch keiner im Schloss wusste, in welchem Bett die Prinzessin schlief, sie suchte sich jede Nacht ein anderes der drei Bettchen aus. So sollte sichergestellt werden, dass niemand kam und die Prinzessin raubte, denn sobald die Türe eines Zimmers geöffnet wurde und der Ring, den die Prinzessin immer am Finger trug, sich nicht im Raum befand, schnellten scharfe Klingen von der Unterseite der Tür empor und verschlossen den Raum. Ein Dieb, der die Prinzessin rauben wollte, war also eingeschlossen und es dauerte nur Sekunden und die ersten Steine fielen von der Decke herab, um den Dieb zu begraben.
Da dies jedem im Königreich bekannt war und der Turm eben verzaubert war, so dass es keine Möglichkeit gab, die Falle zu umgehen, hat nie jemand versucht, die Prinzessin zu rauben.
Eines Tages aber kam ein junger Prinz mit einem Schiff gefahren. Er hatte sein eigenes Königreich verlassen, weil er kein König sein, sondern als ganz normaler Bürger leben wollte. Er hatte sich unter Deck zwei Monate in ständiger Angst zwischen den Vorräten verstecken müssen, bis das Schiff endlich am Hafen anlegte. Der Prinz hatte Angst, man würde ihn auch hier im Königreich töten, war doch das Königreich seiner Ahnen seit jeher mit diesem Reich im Krieg gewesen. So schlich er sich des Nachts aus dem Schiff und suchte etwas Wertvolles, denn er musste sich einer Karawane anschließen, um das Land, samt seiner zwei Königreiche zu verlassen. Er schlich also zum Schloss und sah die drei Türme. Er betrat einen und wunderte sich, dass er nicht abgeschlossen war, hatte doch der Vater in seinen Türmen die wertvollsten Dinge versteckt. Als er die Hälfte der Treppenstufen des Turms zurückgelegt hatte, wollte er schon wieder umkehren, denn er dachte sich, dass in einem unbewachten und nicht abgeschlossenen Turm gar keine Schätze lagern könnten. Doch dann besann er sich und wollte es wenigstens versuchen, vielleicht fand er ja irgend etwas, dem zwar der König keinen Wert beimaß, das aber der Karawanenführer als Zahlungsmittel annahm. So kam er bald zur letzten Stufe und trat ein, sah das Bett der Prinzessin, schob den Vorhang beiseite und erschrak. Denn so etwas Schönes hatte er noch nie gesehen. Leise guckte er sich im Raum um, doch nirgends fand er irgendetwas herumliegen, denn die Prinzessin hatte zu ihrer persönlichen Sicherheit keine Gegenstände in ihren Schlafgemächern, weil die verraten würden, wo sie sich befindet. Der Prinz war enttäuscht, wollte schon wieder gehen, doch konnte nicht, ohne noch einen Blick auf die Prinzessin zu werfen. Er betrachtete sie von oben bis unten, bis ihm auffiel, dass sie einen Ring am Finger trug. Ganz vorsichtig nahm er ihre Hand und zog ihr den Ring vom Finger. Sie seufzte leise und ihr Gesicht zeigte leichte Grübchen. Da konnte der Prinz nicht anders und küsste sie auf ihren schönen Mund. Sie öffnete langsam die Augen und murmelte: "Mein Prinz!", und guckte ihm in die Augen. Als sie aber sah, dass er ihren Ring in der Hand hatte, schrie sie in Todesangst in einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Natürlich konnte sie oben im Turm niemand hören, aber der Prinz bekam Angst, und rannte, so schnell er konnte, die Treppen des Turmes herunter durch die offene Tür in die Freiheit. Die Prinzessin aber kauerte ängstlich in ihrem Zimmer und beherrschte sich, nicht unter das Bett zu kriechen, da sie lieber von den Steinen erschlagen werden wollte, falls jemand die Tür aufmachte, als unter dem Bett, eventuell verletzt, langsam zu verdursten. Als der König aber merkte, dass seine Tochter nicht da war und einen ganzen Tag gewartet hatte, bekam er Angst um sie, vielleicht hatte sie sich ja in ihrem Zimmer verletzt und konnte nicht kommen. So schickte der König jeweils einen Diener, zuerst in den ersten Turm, als der nicht wieder herauskam, in den zweiten, und weil auch dieser nicht wiederkehrte, machte er sich selbst auf und ging in den dritten.
Der Prinz aber hatte sich schon einer Karawane angeschlossen und dachte auch später noch oft an die Prinzessin zurück, die er so liebte, sagte sich aber immer, dass solch eine geizige Person sowieso nichts für ihn gewesen wäre und war froh, dass er ihr den Ring genommen hatte, weil man nicht alles haben kann und auch mal loslassen können muss, wie er dachte. Er fand eine andere Frau in einem Land, wo er sich eine neue Existenz aufbaute, viele Kinder hatte und er lebte glücklich und zufrieden, bis an sein Lebensende."
In der Stille, die folgte, hörte man einen Zug einfahren. Als die Bremsen noch quietschten, fragte Moritz: "Warum haben sie mir die Geschichte jetzt erzählt?" "Um dir zu zeigen, dass Täuschungen keinen Sinn haben, Opa! Wir haben gedacht, du wärst tot, ich habe ja auch deine Leiche gesehen, und jetzt treffe ich dich hier auf dem Bahnhof! Doch das ist mein Zug, komm' uns doch mal wieder besuchen Opa! Du weißt ja, wo wir wohnen! Wir sind dir nicht böse wegen allem, was du angestellt hast! Hauptsache, es geht dir gut!", sagte Alexander, gab Moritz einen flüchtigen Kuss auf die Wange, rannte wieder auf den Bahnsteig und verschwand in seinem Zugabteil. Als der Zug losfuhr sah Moritz Alexander in seinem Abteil heftig winken, er ertappte sich dabei, wie er zurückwinkte. Moritz hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen.