So, hier dann die Neufassung. Mit kleinen Änderungen, aber keinen gravierenden:
Die Türme der alten Kathedrale von St. Milo ragten wie zwei riesige, in den Boden gerammte Bleistifte in den Nachthimmel. Die Kirche nahe der Welt-stadt Rom sah in der Dunkelheit aus, als sei sie für die Ewigkeit gebaut wor-den, sollte aber bald abgerissen werden, um einem neuen Gebäude zu wei-chen. Der weiche Sandstein hielt der langjährigen Belastung durch Autoabgase nicht stand und moderne Meßinstrumene hatten gravierende Probleme mit der Statik nachgewiesen. Es bestand Einsturzgefahr, Schon jetzt wurden keine Messen mehr abgehalten, und die Portale waren mit dicken Brettern vernagelt.
Jeremiah Berger ließ sich davon nicht abhalten. Er hatte seinen weiten Weg von New York nach Rom nicht gemacht, um hier umzukehren. Dazu war er schon zu weit gegangen. Es blieb ihm nicht mehr viel Zeit, um sein Werk zu vollenden.
Einem nächtlichen Spaziergänger wäre Berger kaum aufgefallen. Alles an dem sechzigjährigen Mann war durchschnittlich: Sein Gesicht, seine Klei-dung, seine Bewegungen. Merkwürdig und nicht zum Bild passend war nur das Brecheisen in seiner Hand, mit dem er sich nun Eintritt in eines der Ne-benportale der Kirche verschaffte.
Es gab ein kurzes Knirschen, dann gaben die Bretter nach. Berger drückte die alte eisenbeschlagene Holztüre nach innen und trat ein.
Im Inneren von St. Milo herrschte Stille, pech-schwarze Finsternis und eine schwüle Wärme, die eher an ein Treibhaus erinnerte, als an eine Kirche. Es roch intensiv nach Nagetierexkrementen. Jeremiah Berger nahm eine kleine Taschenlampe zur Hand. Der Lichtstrahl riß ein Loch in die Dunkelheit, mehr aber auch nicht. Fast schien es, als sei die Dunkelheit hier mehr als nur die Abwesenheit von Licht. Sie war wie eine dickflüssige, klebrige Substanz. Berger tastete sich mehr vorwärts, als daß er ging.
Schließlich erschien im Lichtkegel ein grauer, verstaubter Marmorblock: Der Altar.
Berger war fast am Ziel. Er griff in seine Brusttasche, nahm ein kleines Gipsfigürchen hervor uns stellte es auf den Marmorblock. Der Anblick dieser Figur verursachte ihm beinahe Übelkeit, und so vermied er es, sie direkt anzusehen.
Wer nicht wußte, was es mit dieser nur acht Zentimeter kleinen Figur auf sich hatte, hätte sie für die Bastelarbeit eines Kindergartenkindes halten können: Sie stellte eine deformierte menschliche Gestalt dar, mit ungleichmäßig langen Armen und Beinen und einem kugeligen Körper. Im Kopf steckten zwei rote Glasperlen, welche wohl die Augen darstellen sollten, aber viel zu hoch angesetzt waren und so der Figur ein froschartiges Aussehen verliehen.
Jeremiah sah auf die Uhr. Fünf Minuten vor Zwölf. Ihn fröstelte. Kaum fünf Minuten blieben ihm noch in seinem Wettlauf mit der Zeit. Es war fast so, als wolle das Schicksal es unbedingt spannend machen. Er hatte das furchtbare Geheimnis, das seit Jahrzehnten auf seine Entdeckung gewartet hatte, erst dann entschlüsselt, als bis zum vorausgesagten Ereignis nur noch 24 Stunden blieben. Und danach hatte es gerade so viele kleine Behinderungen gegeben, daß die Zeit knapp wurde. Der Taxifahrerstreik in New York, die Warteschleifen über dem Flughafen, die Reifenpanne... - aber da war auch der Mann gewesen, der ihn bereitwillig zum Flughafen gefahren hatte; die Frau, die einen Schlaganfall erlitten hatte, so daß ein Platz im Flieger für ihn freiwurde. Es lag schon fast nahe, höhere Mächte dahinter zu vermuten.
Aber jetzt war für Spekulationen keine Zeit. Jede Sekunde war kostbarer als Gold.
Fünf Minuten. - Die Zeit reichte völlig, um alles gut werden zu lassen. Nur durfte Berger nicht nervös werden. Behutsam förderte er zwei weitere Gegen-stände aus seiner Tasche: Einen Kelch aus massivem Gold und eine kleine Flasche Mineralwasser.
Ricardo Marri war mit dem Abend bislang äußerst unzufrieden. Normalerweise wimmelte es um diese Zeit an diesem Ort von Betrunkenen, die kaum Widerstand leisteten, wenn man ihnen die Geldbörse abnahm, aber heute war die Kneipe wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.
Ausgerechnet heute, wo er darauf angewiesen wäre...
Massimiliano, genannt Massi, würde ihm den Arm brechen, wenn er bis morgen nicht das Geld beisammen hatte, das er ihm schuldete.
Ältere Passanten waren die zweitbeste Lösung, aber sie schrien um Hilfe und wehrten sich. Die Polizei war das letzte, was Ricardo im Augenblick gebrauchen konnte.
Doch jetzt war dieser komische Alte aufgetaucht, und er war zu Ricardos Überraschung tatsächlich in die einsturzgefährdete alte Kirche gegangen.
Ricardo mußte grinsen, als er daran dachte, wie er noch vor wenigen Jahren selbst in dieses nach Rattenscheiße stinkende Loch eingestiegen war. Als Kind war er immer gerne hierhergekommen; hier war es immer ruhig, man hatte einen riesigen Raum für sich alleine, und es gab niemanden, der einen verspottete oder verprügelte. Inzwischen war Ricardo volljährig, und seit drei Jahren verprügelte ihn niemand mehr. Der letzte, der es versucht hatte, sah heute nicht gut aus.
Allerdings war da noch Massi. Seit Ricardos Vater gestorben war, gab es nur noch Massi, der ihm Angst einjagen konnte. Allerdings hatte es bisher auch noch nie einen Grund für Massi gegeben, Ricardo in die Mangel zu nehmen.
Und es sollte auch in Zukunft keinen Grund geben...
Berger goß den Inhalt der Mineralwasserflasche in den Kelch. Das Wasser sprudelte noch. War das gut oder schlecht? Wahrscheinlich egal.
Ein scharrendes Geräusch ließ Berger herumfahren. Doch es war nichts zu sehen. Allerdings - etwas war anders: Die Dunkelheit... sie war deutlich intensiver geworden.
Dicker...?
Nein, das war Unsinn, wahrscheinlich gab nur die Taschenlampe ihren Geist auf.
Schon wieder so ein merkwürdiger Zufall, nicht wahr...?
Berger schüttelte energisch den Kopf und wandte sich wieder dem Altar zu. Pedantisch schraubte er den Deckel wieder auf die Flasche, bevor er sie abstellte. Dann nahm er die Figur mit den Froschaugen in die Hand und zwang sich, sie anzusehen. Die roten Glaskugeln schienen ein wenig zu glimmen. Berger war sich sicher, daß sie das noch nie getan hatten, und ein namenloses Grauen befiel ihn. Wieder sah er auf die Uhr.
Noch zwei Minuten.
Er fragte sich für einen Augenblick, warum sich das personifizierte Böse eigentlich an von Menschen erdachte Uhrzeiten halten sollte. Was war Mitternacht anderes, als eine willkürliche Grenzziehung?
Das Glimmen schien stärker zu werden. Berger begann am ganzen Leib zu zittern - war dies eine Antwort, oder trieb nur die Angst ihr Spielchen mit einem alten Mann?
Egal, es war soweit. Der Kelch, das Wasser, die Figur...
„He, was wird das, Alter?"
Berger zuckte zusammen, als hätte man auf ihn eingeschlagen. Die Figur glitt ihm aus der Hand und fiel mit einem dumpfen Laut zu Boden. Über eine Sekunde lang stand er erstarrt da, dann drehte er sich um.
Sein Lichtstrahl erhellte ein fahles Gesicht, das in der Schwärze schwebte, und Berger zuckte ein zweites Mal zusammen. Doch im nächsten Augenblick sah er, daß er einen ganz normalen Menschen vor sich hatte: Ein junger Kerl, Anfang Zwanzig, mit langen, schwarzen Haaren, die ihm teilweise vor das Gesicht hingen. Er trug eine zerschlissene Jeansjacke.
„Sie... Sie haben Sie mich erschreckt", sagte Berger. Sein Italienisch war gebrochen, doch der Vorwurf deutlich herauszuhören.
„Hör auf, mir in die Fresse zu leuchten", sagte Ricardo und schob Bergers Hand mit der Lampe beiseite. „Gib mir, was du hast, und dann gehe ich wieder."
Bergers Augen weiteten sich vor ungläubigem Entsetzen. „Was... ich bei mir habe...?"
„Geld!" Ricardo hatte eine eigene Lampe, und mit der leuchtete er nun Berger ins Gesicht. „Sag bloß nicht, du hast keins, von solchen Sprüchen werd ich immer leicht nervös." Er ließ ein kleines Klappmesser aufschnappen, was Berger jedoch, geblendet, nicht sehen konnte.
„Ach so, Geld", murmelte Berger und sah wieder auf die Uhr.
Eine Minute.
Das Schicksal wollte es tatsächlich spannend machen...
Die Figur! Oh Gott, wo war die Figur?
Berger begriff, daß er wohl beraubt werden sollte, aber dafür hatte er jetzt keine Zeit. Wie verrückt das doch klang!
Er fiel auf die Knie und begann den Boden abzusuchen.
„He, Mann, laß den Scheiß!" maulte Ricardo, die Absicht mißverstehend. „Es kotzt mich an, wenn du sowas machst."
Berger kam wieder auf die Beine, in der Hand hielt er die Figur. „Gottseidank, da ist es...", brabbelte er in Englisch.
Ricardo verstand nun gar nichts mehr. „Was´n das für ein Scheiß?"
„Uno momento - was ich hier tue, ist very importanto - momento, please!"
Berger bewegte sich wie im Zeitraffer - und stieß den Kelch um! Verflucht! Nein! Er stellte die Figur auf den Altar, öffnete die Fasche und goß den Rest des Wassers ein.
Ricardos Augen weiteten sich, als er den edelsteinbesetzten Goldpokal sah. Der mußte ein Vermögen wert sein! Dreist streckte er seine Hand danach aus und nahm ihn an sich.
„Nein!" rief Berger, „du... du mußt mich mein Werk machen lassen, ich habe keine Zeit mehr!" Er versuchte, Ricardo den Kelch wieder aus der Hand zu nehmen, doch der junge Mann, der Berger um fast zwei Köpfe überragte, lachte nur und hielt das Gefäß in unerreichbare Höhe.
„Ich muß die Figur im Wasser auflösen", stammelte Berger hastig, „nur hier und jetzt kann ich es tun - laß mich doch um Gottes Willen!"
„Du bist ja verrückt, Mann."
„Nein, der Gom! Der Gom! Ich muß ihn vernichten, nur hier am Ort seines Ursprungs kann ich das, verdammt noch mal! Wenn die Figur nicht bis Mit-ternacht im Wasser liegt, werden wir beide sterben!!"
„Na, das will ich sehen!" Ricardo drehte die Hand, und das Wasser schwappte zu Boden. Wie in Zeitlupe verfolgte Berger den Fall der Flüssigkeit, bis diese mit einem klatschenden Geräusch auf den verstaubten Steinplatten auseinanderstob.
Berger war fassunglos. Er drehte sich noch einmal um. Die Flasche war leer. Er sah auf die Uhr: Zehn Sekunden nach Zwölf...
„Aaaaaaaah!"
„Du Mistkerl, was hast du getan!" Berger ging auf Ricardo los wie ein Arenabulle und stieß ihn zu Boden. Ricardo war überrascht, wieviel Kraft in diesem kleinen grauhaarigen Männlein steckte. Seine Boxhiebe taten richtig weh.
Dann stieß Ricardo mit dem Messer zu. Er traf Berger genau zwischen zwei Rippen. Röchelnd sank der Mann zu Boden.
„Das bist du selbst schuld", sagte Ricardo wütend. „Wieso machst du auch so einen Scheiß, he?"
Berger blickte ihn stumm an, dann fing er an zu lachen. Völlig verrückt, dachte Ricardo. Bergers Lachen ging über in Husten, dann regte er sich nicht mehr. Ricardo nahm den Kelch und auch die Figur. „Bist ja ganz schön häßlich", sprach er zu ihr, und steckte sie in die Hosentasche. Es würde ihm nur ein Vormittag bleiben, die beiden Gegenstände zu Geld zu machen, doch wenn sein Freund, der Pfandleiher, ihn nicht über´s Ohr haute, würde nicht nur Massi zufrieden sein, es würde sogar noch was übrigbleiben.
Ricardo leuchtete nach dem Ausgang.
Er fand ihn nicht. Der Lichtfinger streifte durch einen Wald von Säulen, die alle gleich aussahen.
Ricardo kannte aus seinen Kindertagen die Kirche so gut wie kaum ein anderer, und dennoch kam ihm plötzlich alles fremdartig und unbekannt vor. Er erinnerte sich nicht daran, daß es im Altarraum nur zwei Säulenreihen gab. Aber jetzt zählte er vier!
Er war wohl doch schon zu lange nicht mehr hiergewesen.
Zu allem Überfluß wurde das Licht seiner Taschenlampe immer schwächer. - Verdammter Dreck!
Aber der Alte hatte ja auch noch eine gehabt. Ricardo blickte sich um und entdeckte sie als Lichtpunkt in der Ferne. - Viel zu weit, so weit war er doch gar nicht vom Altar weggegangen?
So groß war die ganze Kirche gar nicht!
Genug jetzt! Schwachsinn! Der Verrückte hatte ihn mit seinem Irrsinn angesteckt, was?
Als Ricardo in Richtung des Lichtes ging, hatte er für einen ganz kurzen Moment den Eindruck, als würde es nicht näherkommen wollen. Das war natürlich Blödsinn.
Kein Blödsinn war jedoch, daß Berger nicht mehr da war. Er hatte direkt neben seiner Lampe gelegen.
Ricardo hätte nicht gedacht, daß der Kerl noch einmal aufstehen würde. Aber nun, da es passiert war, war es wirklich Zeit, hier zu verschwinden, bevor die Polizei aufkreuzte.
Leider leuchtete die andere Lampe auch nicht viel heller.
Aber eigentlich stimmte das gar nicht, mit der Lampe war alles in Ordnung. Es war die Luft, die das Licht verschluckte! Es war nebelig! Schwarzer Nebel, wie Rauch!
Ricardo spürte, wie sich in seiner Tasche etwas bewegte. Überrascht schrie er auf und griff sich an die Hose. Doch da war nichts. Seine Finger tasteten nach der Figur. Doch zutage förderte er nur noch Sand.
Diese blöde Figur war zu Sand zerbröselt!
„Scheiß drauf", sagte Ricardo laut zu sich. Diese Worten hallten als Echo durch den Raum. Und außer dem Echo antwortete ihm noch etwas anderes: Ein dumpfes Stöhnen.
Berger war noch hier.
„Ich mach dich alle!" rief Ricardo. „Komm her!"
Berger trat in seinen Lichtkegel. Er hatte sich verändert.
Vor allem war er größer geworden. Viel größer. Jetzt überragte er Ricardo.
Blödsinn, das war nicht Berger!
Aber er trug noch denselben blöden braunen Mantel! Der Mantel war aufgeplatzt, etwas Weißes quoll mit hoher Geschwindigkeit heraus...
Das war ja grauenhaft! Was auch immer hier vor sich ging, Ricardo wollte nichts damit zu tun haben! Er drehte sich um und lief, so schnell ihn seine Beine trugen. Im Laufen schaltete er sein Licht aus, um nicht gesehen zu werden. Er erwartete, irgendwann die Wand zu erreichen, und dann würde er sich an der Wand entlangtasten.
Doch das passierte nicht. Es gab keine Wände mehr. Stattdessen fühlte sich der Boden plötzlich eigentümlich weich an, und jeder Schritt schmatzte unter Ricardos Lederstiefeln, so als liefe er auf regenaufgeweichter Erde.
Ricardo blieb stehen. Irgendwo sechs Meter über ihm erschien ein Paar rot-leuchtender Augen, jedes davon so groß wie ein Autoreifen.
Ricardo schrie.
Am nächsten Morgen fand man das Mittelschiff von St. Milo eingestürzt. Das erschien merkwürdig, denn niemand wollte in der Nacht etwas gehört haben. Nur ein Schrei war von irgendwoher erklungen, niemand dachte aber daran, ihn mit dem Zustand der Kirche in Verbindung zu bringen. Die Stadtverwal-tung erteilte die Abrißverfügung.
Zwei Wochen später fanden Arbeiter in den Trümmern der einstigen Kirche einen goldenen Kelch, eine häßliche Gipsfigur mit Glasaugen und ein gut erhaltenes ausgebleichtes menschliches Skelett. Der Arbeiter, der die Figur gefunden hatte, nahm sie mit nach Hause. Er begann ab diesem Zeitpunkt eine Weile für New York zu schwärmen, später wurde er immer verschlossener, und nach zwei Monaten kündigte er. Niemand sah ihn je wieder.