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Der Dirigent
DER DIRIGENT
Ich schreibe dies, weil ich mit meiner Vergangenheit endgültig abschließen möchte. In den letzten Jahren
habe ich kaum mehr richtig Schlaf gefunden, zu sehr kreisen die Erinnerungen in meinem Kopf, als ob sie
einen Ausweg finden wollen, es jedoch nicht schaffen. Ich werde ihnen hiermit helfen. Dies hätte ich
vielleicht schon viel früher machen sollen, um mir wieder Platz zum Atmen zu schaffen.
Ich habe alle Namen im nachfolgenden Text abgeändert. Es gibt viele Menschen, die den gleichen Vornamen
haben, ich weiß, aber ich fühle mich damit anonymer, sicherer. Akzeptieren sie es. Bitte.
Die Erinnerungen sind klar, als sei es erst gestern gewesen. Es war Sommer, der Sommer von 1996.
Ich war Einsatzleiter bei einer Baugesellschaft. Sie hieß Abitex. Damals war ich noch jung. 26 Jahre war ich alt.
Jetzt bin ich 33. Meine ganze Karriere lag noch vor mir. Mein Chef sagte mir, ich könne die
Gesellschaft übernehmen, wenn ich so weiter machte. Ja, das hätte so sein können. Durchaus. Mein
Ehrgeiz war ungezügelt, meine Erwartungen groß.
Das Bauunternehmen war nicht besonders erfolgreich oder hoch angesehen, deshalb wollte ich während
meiner Karriere zu einer anderen, besser bezahlten Firma umsteigen. Das Klima und die Atmosphäre
unter den Mitarbeiten war meistens gut. Das mochte ich an meiner Arbeitsstelle. Man konnte über sich
selber und über andere lachen, ohne dass man schief angeschaut oder ausgeschlossen wurde. Mike war
mein ganz spezieller Freund. Ich denke, sie wissen, was ich meine. Ein Freund, der immer für ein Bierchen
zu haben ist, mit dem man über fast alles reden kann. Er war etwas kleiner als ich selber und war in der
Gesamterscheinung rundlich. Wenn er anfing zu lachen, lief er rot an und hatte Atembeschwerden, deswegen
erzählten wir ihm nicht oft etwas Lustiges. Das hört sich hart an, aber es war nur zu seinem Besten. Ja, nur zu
seinem Besten. Seine Frau war bei einem Autounfall gestorben. Er hatte es gut verkraftet, ich bewundere ihn heute
dafür. Natürlich ging ich zu ihrer Beerdigung. Erstens, weil ich Mike seelisch durch diese schwere Zeit begleiten
wollte, und zweitens, weil mein Verhältnis auch zu ihr gut war.
Mein Gott, ich weiß noch genau, wie ich vor ihrem Sarg stand, um sie ein letztes Mal zu sehen. Sie war schrecklich
entstellt und hatte ihr weißes Lieblingskleid an, dass ihr Mike zur Hochzeit gekauft hatte. Mir wurde übel. Seine Ehefrau
hatte ihn und zwei Kinder hinterlassen. Sie waren damals 13 und 16 Jahre alt. Das Schicksal ist unerbittlich und gnadenlos.
So jung, und schon ohne Mutter. Schreckliche Zeit. Doch ich denke, auch diesen Job hatte ich gut gemacht, als Betreuer.
Mein Chef Richard trug natürlich besonders zu der guten Atmosphäre am Arbeitsplatz bei. Die Mitarbeiter können
sich noch so gut verstehen, wenn der Chef nicht mitspielt, kann es nicht funktionieren. Er war streng und diszipliniert,
ja, aber er war nicht humorlos oder unfreundlich. Er hatte etwa meinen Körperbau. Mittelgroß und gut gebaut. Zu der
"Erhaltung eines angenehmen Arbeitsplatzes", wie er zu sagen pflegte, gehörte auch das gemeinsame Frühstück, das
immer um Punkt 8 Uhr begann.
Es war bei uns üblich, dass wir gemeinsam beim Frühstück den Tag durchplanen und uns die Arbeitsaufträge
vornahmen. "Schauen sie sich das mal an", sagte Richard und schob mir eine Mappe quer über den Tisch. Ich hatte
ihm oft gesagt, dass er mich gerne duzen könnte, aber er bestand darauf, dass alles seine Ordnung haben müsste.
Ordnung muss sein. Sein Motto.
Ich nahm noch einen Schluck aus meinem Kaffee, dann erst schlug ich die Mappe auf. Ich überflog die Angaben und legte
sie wieder beiseite. Mein Chef schaute mich immer wieder an. War er nervös, oder hatte er einfach zu viel Kaffee getrunken?
Ich schaute mich selber an. Vielleicht hatte ich ja einen Fleck auf dem Hemd.
"Und?", fragte er, nachdem ich nichts Ungewöhnliches an mir gefunden hatte. "Wie, und?", fragte ich nach.
"Haben sie den Arbeitsauftrag nicht richtig gelesen?", wollte er wissen.
"Doch, doch. Ein Haus soll abgerissen werden, geht klar. Könnte aber etwas knifflig werden."
Ich wollte nicht zugeben, dass ich ihn nur überflogen hatte.
"Haben sie auf die Adresse und den Namen des Auftraggebers geschaut?", wollte er wissen.
Ein Grinsen ging über mein Gesicht. Bestimmt war es ein besonders großes Haus, von einer reichen Familie.
Das hätte wieder gutes Geld in die Kassen gebracht. Während ich den Umschlag zur Hand nahm, schaute ich Richard an.
Er sah nicht besonders begeistert aus. Er sah mich nur an. Keine Regung. Nichts. Als ich die Papiere erneut ansah
verschwand das Grinsen genauso schnell, wie es gekommen war. "Mike Berger", murmelte ich. Mike? "Mike?!", rief ich.
Ich fröstelte. Schlagartig war ich hellwach. Erst jetzt fiel mir auf, dass er noch gar nicht zur Besprechung erschienen war. Pünktlichkeit war noch nie seine Stärke. Ich schaute auf die Uhr. 8:15 Uhr. Zehn Minuten war er meistens zu spät, aber
15 Minuten hatte ich noch nie erlebt.
"Sie brauchen ihn nicht zu erwarten", sagte Richard "er war heute Morgen schon hier und hat mir die Unterlagen überreicht.
Er sah dabei nicht besonders glücklich aus." "Er hatte sich für heute freigenommen", fügte er hinzu.
Ich stand vor einem mittelgroßen Haus. Es war schon ziemlich alt und hätte in ein paar Jahren wohl mal eine
Renovierung nötig. Der Garten machte einen ungepflegten Eindruck. Der Rasen wurde regelmäßig gemäht, das war zu erkennen,
mehr Mühe gab sich der Besitzer aber nicht.
Ich öffnete die hüfthohe Gartentür und folgte dem gepflasterten Weg bis zu der Eingangstür. Meine Hand berührte schon
die Klingel, als die Tür aufging.
"Hall...", begann ich.
"Ich habe keine andere Wahl, Frank", sagte Mike.
"Darf ich reinkommen?", fragte ich.
"Ja, klar, hierentlang", erwiderte er. Ich kannte das Haus fast auswendig. Wir waren oft zusammen unterwegs oder
haben uns einfach nur getroffen um zu reden. Fühl dich wie zu Hause, das sagte er meistens. Die Anweisung ihm
zu folgen erschien mir aus diesem Grunde völlig absurd. Dennoch tat ich es, ohne etwas zu sagen. Mike machte auf
mich einen abwesenden Eindruck. Ich konnte seine Gedanken in seinem Kopf förmlich kreisen sehen.
"Setz dich", begann Mike. Er verschwand in die Küche, vermutlich, um ein paar Bier zu holen. "Warum bist du hier?"
"Ich will reden", erwiderte ich. Lange ertönte nichts.
"Bitburger oder Krombacher?", ertönte es nach einer Weile.
"Krombacher."
Er kam wieder und ließ sich mir gegenüber in den Sessel fallen. Ein paar Minuten lang schauten wir uns einfach nur
an.
"Ich habe keine andere Wahl, Frank", wiederholte er.
"Wie, keine andere Wahl?"
"Es geht einfach nicht", er nahm einen Schluck von seinem Bier, "ich bin Pleite."
Ich zuckte zusammen. Eine zeitlang brachte ich kein Wort mehr heraus. Pleite. Ich hatte die ganze Zeit lang nichts
gemerkt? Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der nichts davon gewusst hatte. Er gab sich meistens spendabel und nicht geizig,
wenn es um Geld ging.
"Das Haus, die Kinder...", riss er mich aus meinen Gedanken, "sie fressen mir die Haare vom Kopf. Ich kann den
Unterhalt nicht mehr bezahlen. Die Kinder können auch nicht einfach so leben. Sie sind nicht billig."
Ich schaute das Bier an, das immer noch unangerührt vor mir stand. Das hatte er ebenfalls von seinem Geld
bezahlt. Ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, hätte ich es getrunken.
"Das Gehalt..."
"Reicht nicht", unterbrach er mich. "Es reicht gerade so, um mich und meine Kinder mit Essen und Trinken zu
versorgen. Ich habe es gedreht und gewendet, es geht nicht, Frank."
"Also wenn du Geld oder..."
"Nein. Ich habe schon Käufer gefunden. Mehr hätte ich für dieses Haus nie bekommen. Sie lassen
es gleich abreißen, um ein neues auf diesem Grundstück bauen zu lassen."
Ich sah ein, dass es keinen Sinn mehr hatte mit ihm zu diskutieren. Es war beschlossene Sache. Mike geht.
In den darauffolgenden Tagen ging es mir schlecht. Ich hatte oft das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Ich war schlecht
gelaunt, ohne zu wissen woran es lag. Vielleicht kennen sie das. Man fühlt eine innere Leere, aber man weiß nicht,
warum. Es konnte damals nur an Mikes Entscheidung gelegen haben.
Ich besaß kein so großes Haus wie Mike. Mein Anspruch beschränkte sich auf eine neunzig quadratmeter Wohnung.
Meine Frau hatte mich schon vor Jahren verlassen. Wieviele Jahre waren es? Sieben? Acht? Nein, es waren sogar neun
Jahre gewesen. Verdammt. Sie sagte, sie wäre mir egal gewesen. Das war sie ganz bestimmt nicht. Sie war die
wichtigste Person in meinem Leben gewesen, doch es hielt sie nicht bei mir. Gott allein wusste warum. Heute weiß
ich, dass es ein anderer war.
Mein Wecker schaltete sich an:"Schönen guten Morgen!" erklang die blecherne Stimme. Es war einer dieser billigen Wecker,
die auf Wunsch immer ein Satz wiederholen. Ich schaute auf die Uhr. 6.30 Uhr.
An diesem Tag hatten wir eine Renovierung eines alten Hauses vor uns. Ich hasste Renovierungen. Ein Abriss war gut. Wenn
ein Gebäude zu alt war musste es weg, aber eine Renovierung...
"Schönen guten Morgen!"
"Ist ja schon gut", murmelte ich und schlug mit der Faust auf den Wecker. Ein Wunder,dass er das fast jeden Morgen
überstand. Was billig ist, ist nicht gleich schlecht.
Mit Schwung stellte ich meine Füße auf den Boden und blieb einige Sekunden sitzen, damit mein Kreislauf hochkam.
Trotzdem noch wankend bewegte ich mich Richtung Küche. Meine Umwelt nahm ich noch nicht ganz klar wahr. Das kennen
sie bestimmt morgens auch.
Plötzlich rutschte ich aus und schlug hart mit den Kopf auf dem gekachelten Boden auf. Ich war immer gegen glatte Flächen,
aber meine Frau wollte es so. Auf meinem Hinterkopf konnte ich eine dicke Beule erfühlen. Als ich meine Hand danach
ansah, sah ich auch noch Blut. Ok, es war Morgen, aber das Leben hat mir gelehrt, dass Beulen in der Regel nicht bluten.
Beinahe wäre ich noch mal auf der Blutspur ausgerutscht, die bis in mein Badezimmer führte.
Sauerei sowas. Haben mir die Kinder aus der unteren Wohnung mir wieder einen Streich gespielt? Im gleichen Augenblick
fiel mir ein, dass die Idee völlig absurd war, da sie keinen Schlüssel zu meiner Wohnung besitzen. Ich gebe meinen Schlüssel
nie weg, da meine Wohnung Privatsphäre ist.
Ich ging zur Tür, um das Schloss zu untersuchen. Nichts. Mein Schlüssel steckte noch vom vorigen Abend und das Schloss
selber hatte keinen einzigen Kratzer. Schlafwandler war ich ebenfalls nicht. Ich untersuchte meinen Körper nach Verletzungen,
aber auch das erschien mir völlig absurd, da ich nach so einem Blutverlust keine Kraft zum Gehen mehr gehabt hätte.
Könnte durch die Fensterscheibe jemand eingebrochen sein? Nein, das hätte ich gehört. Mein Schlaf war nicht besonders fest.
Erst jetzt kam ich auf die Idee der Blutspur zu folgen, die ins Badezimmer führte.
Der Kran.
Dies stand an der Wand, die sich gegenüber der Tür befand. Wer auch immer dies geschrieben hatte, konnte nicht
weit sein, denn einige Bluttropfen glitten noch die Wand hinunter. Nebenbei realisierte ich auch, dass ich nach dem Aufstehen
ausgerutscht war. Falls diese Person es mit ihrem eigenen Blut geschrieben haben sollte, trifft das obere ebenfalls zu. Als ich
zur Sicherheit doch nochmal die Fenster überprüfen wollte bemerkte ich auch, dass die Blutspur nicht durch die gesamte
Wohnung verlief, sondern ab einem Punkt abrupt begann.
Die Fenster waren in Ordnung. Alle befanden sich in der Stellung, in der ich sie am Vorabend eingestellt hatte.
Komischerweise überraschte mich es gar nicht, nichts Auffälliges zu finden.
Ich beschloss, dass ich erst einmal frühstücken sollte. Ich kam mir ziemlich blöd vor. Um es genauer zu sagen, ich kam
mir verarscht vor. Es passiert nicht alle Tage, dass man nach dem Aufstehen auf einer Blutspur ausrutscht. Apropo
Blutspur. Was hatte auf der Wand gestanden? Der Kran? Was für ein Kran? Die Zeit reichte nicht aus, um mir darüber den
Kopf zu zerbrechen.
"Schönen guten Morgen!" Ich schrak auf.
Dieser beschissene Wecker. Billig und zuverlässig. Ich schaute auf die Uhr. 7.30 Uhr. Um acht Uhr begann das gemeinsame
Frühstück. Das Blut musste ich Wohl oder Übel später beseitigen.
Ich kam gerade noch rechtzeitig zum Frühstück und handelte mir dafür einen strengen Blick von Richard ein.
"Wie ihr wisst, haben wir heute den Auftrag mit dem Anfang einer Renovierung eines Hauses vor uns.", begann er.
Ich schaute mich nach meinen Leuten um. Alle anwesend. Körperlich auf jeden Fall. Mike erschien mir geistig abwesend.
Ich verspürte ein Gefühl der Abneigung gegen ihn. Er konnte das Haus nicht bezahlen. Lächerlich. Deswegen musste er also
uns alle einfach so im Stich lassen? Hatte er wirklich alles versucht, um es nicht so weit kommen zu lassen? Ein Zorn baute
sich innerlich auf. Ich starrte Mike an. Er wirkte immer noch abwesend, aber er schaute mich ebenfalls an. Nein, ich schaute mich
nicht direkt an, sondern eher durch mich hindurch? Ignorierte er mich etwa?
Plötzlich traten hinter Mike Buchstaben aus der Wand. Es war wieder so wie bei mir im Bad. Das Blut lief von den Buchstaben
langsam die weiße Wand herunter.
Die Seile, Frank.
"Frank, ich hoffe, du hast dich zu Hause etwas damit beschäftigt", riss Richard mich aus meinen Gedanken.
"Äh, was?", fragte ich verwirrt, "achso, ja, die Renovierung, ich habe mich damit beschäftigt.", log ich. Ich schaute wieder zu
der Wand hinüber. Es war weg. Alles. Eine schöne weiße Wand wie vorher.
Erschöpft kehrte ich von meiner Arbeit zurück und schloss die Tür auf. Die Renovierung war ohne Vorfälle verlaufen. Alles nach
Plan.
Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, wenn ich die Tür öffnen würde. Entweder mein Badezimmer und mein Wohnzimmer
sind wieder sauber, wie die Wand in der Firma auch, oder ich finde alles so vor, wie als ich zur Arbeit gegangen bin. Langsam öffnete ich sie.
In meinem Magen breitete sich ein mulmiges Gefühl aus. Ein kleiner Spalt ermöglichte es mir, einen Blick in die Wohnung zu
werfen. Noch konnte ich nichts Ungewöhnliches erkennen. Kein Blut zu sehen. Das überraschte mich nicht.
Warum hatte ich eigentlich eine solche Angst? Das ist meine Wohnung! In dieser Wohnung bin ich der Mann! Mit einem
Ruck öffnete ich sie und stellte mich möglichst massiv in den Türrahmen. Egal, was gekommen wäre, ich hätte standgehalten!
Nun stand ich da mit eingezogenem Bauch und rausgestrecker Brust. Meine Augen tasteten die gesamte Wohnung sorgfältig ab.
Nach einer Minute bekam ich Probleme mit der Atmung und musste mir eingestehen, dass ich mich wie ein Trottel aufgeführt
hatte. Ein Erwachsener Mann hatte Angst seine Wohnungstür zu öffnen, ts, das erinnerte mich an meine Kindheit. In meiner
Kindheit hatte ich immer Todesangst meine Schranktür zu öffnen, weil ich der festen Überzeugung war, dass sie verschlossen war
und ich nackt in die Schule gehen musste. Jetzt führte ich mich immer noch so auf. Ein Glück hatte mich niemand beobachtet.
Ich ließ mich in meinen Sessel fallen und schlief auf der Stelle ein. Der Tag hatte mir wohl mehr Kraft geraubt, als ich gedacht
hatte. Mein Schlaf war sehr tief gewesen. Ich wusste nicht, was mich aufgeweckt hatte, aber irgendetwas war geschehen. Mir,
war, als hätte mich etwas gestriffen. Als hätte mich etwas in meinem Gesicht berührt. Ein kleiner Windhauch kam mir entgegen.
Mein Blick wanderte zum Fenster mit den weißen Gardinen und weiter Richtung Wohnungstür. Mir lief es kalt den Rücken runter,
als ich realisierte, dass ich gar keine Gardinen besaß. Ich schaute wieder zu dem Fenster, vor dem keine Gardinen hangen.
Mein Verstand war immer sehr rational eingestellt, aber dieses Verhalten musste ich wegen den Vorfällen in letzter Zeit wohl
noch einmal überdenken. Ich schaute mich noch einmal im Zimmer um. Nachdem ich nichts gefunden hatte, ließ ich mich
wieder in den Sessel fallen und rieb mir mein Gesicht. Was war bloß los mit mir? Vielleicht war die Arbeit doch anstrengender
als ich dachte? Vielleicht machte mich der Stress kaputt und ich bildete mir all die Sachen nur ein? Andererseits kamen
mir die... waren es Hinweise? Erst jetzt begann ich mir Gedanken darüber zu machen. Ja, vielleicht waren es tatsächlich
Hinweise. Andererseits kamen mir die Hinweise zu real vor. Ich fasste mir an den Hinterkopf. Ziemlich real sogar.
Der Kran, die Seile, tu es nicht, Frank.
Waren das nicht die Worte, die an der Wand standen? Ich war mir nicht mehr ganz sicher. Ich hatte oft mit einem Kran zu
tun. Manchmal auch mit mehreren. Seile... hatte ich mit Seilen zu tun? Ich dachte an den Abschleppdienst. Mehr viel mir
dazu nicht ein. Besonders oft kam ich mit dem Abschleppdienst sowieso nicht in Berührung. Genaugenommen noch gar nicht.
Was nicht ist, kann noch werden, dachte ich mir. Was war mit der Aufforderung Tu es nicht, Frank?
Wieder bekam ich eine Gänsehaut. Frank? Woher wusste... wer oder was auch immer, wie ich hieß? Jetzt, wo ich begann
über die Dinge nachzudenken, kamen viele Fragen auf, auf die ich keine Antwort wusste. Was sollte ich nicht tun?
Ich bekam langsam Kopfschmerzen. Die Uhr über meinem Fernseher zeigte 2.23 Uhr an. Mein Schlaf war nicht lang, aber
mein Körper hatte sich gut erholt.
Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. In den letzten Stunden hatte ich nicht viel gertrunken. Ich beschloss
den Geschmack durch Zähneputzen zu vertreiben. Auf dem Weg zum Badezimmer blieb ich stehen. Ich hatte immer noch das
Gefühl, dass sich im meiner Wohnung etwas verändert hat. Ich betrat das Badezimmer und schaute an die gegenüberliegende
Wand, wo sich die letzten Worte befanden. Nichts. Mir viel eine Last von den Schultern. Ok, es war wohl doch noch alles in
Ordnung. Ich ging zum Waschbecken, nahm meine Zahnbürste und bestrich sie mit Zahnpasta. "Extra Kräuterzusatz" war auf
der Tube zu lesen. Bis heute ist mir unklar, was das mit der Bakterienbekämpfung im Mund zu tun hat. Vermutlich nur ein
Geschmacksverstärker. Ich schaute in den Spiegel und mein Herz begann zu rasen. Eine hässliche Fratze schaute mich an.
Sie begann zu schreien. Ich konnte die fauligen Zähne erkennen, die Zunge war kaum mehr als ein Lappen. Schwarzes Haar
kräuselte sich nass den Schädel herunter. Der schwarze Gaumen vibrierte im weit aufgerissenen Rachen.
Ich hielt mir die Ohren zu und begann ebenfalls zu schreien. Der Schock ließ mich rückwärtstaumeln. An der hinteren Wand
niedersinkend verlor ich das Bewusstsein.
"Heute... ist der Abriss von Mikes Haus dran", eröffnete Richard das Frühstück. Er vermied dabei den Blickkontakt mit Mike.
Es war unserem Chef sichtlich unangenehm. Nicht nur ihm. Die Stimmung war bedrückend. Das Geld spielte zu diesem
Zeitpunkt eine eher untergeordnete Rolle.
"Abrissmaschinen sowie sonstige Utensilien befinden sich bereits an Mikes Haus.", fuhr er fort "es sieht so aus, als hättest du
nicht gut geschlafen, Frank. Ich hoffe du fühlst dich dieser Aufgabe gewachsen." Traditionell schob er mir die Mappe mit dem
Auftrag über den Tisch.
"Ja, klar, Abriss ist meine Spezialität." Ich wollte nicht näher auf die vergangene Nacht eingehen. Das Gesicht, dass ich im
Spiegel sah, geisterte immer noch im meinem Kopf umher. Keinen Ausweg fanden die Bilder.
Als ich aus meiner Bewusstlosigkeit aufwachte war es 6.30 Uhr. Noch einmal ins Bett zu gehen hatte keinen Zweck mehr gehabt,
die restliche Zeit verbrachte ich bei meinem spärlichen Frühstück. In dem ganzen Stress hatte ich vergessen einzukaufen.
Mein Spiegel wurde zu einem gemiedenen Gegenstand. Ich hatte regelrecht Angst davor mich im Spiegel zu betrachten.
Niewieder wollte ich den Anblick ertragen.
Inzwischen hatte sich eine gewisse Distanz zwischen mir und Mike entwickelt. Allein bei seinem Anblick wurde mir schon übel.
Vielleicht hätte ich eher Mitleid empfinden müssen, statt Hass. Doch die Grenze zwischen diesen beiden Emotionen ist oft sehr
gering. Manchmal erkennt man die Trennlinie nicht, oder will sie einfach nicht erkennen.
Der Anblick von Mike an diesem Morgen war für mich schon unerträglich. In seiner dicken rundlichen Art stand er einfach nur da
und starrte gegen die Wand. Schon wieder hatte ich das Gefühl von ihm ignoriert zu werden. Ich knirschte mit den Zähnen.
Und wieder stand ich vor Mikes Haus. Diesmal würde es das letzte Mal gewesen sein. Das letzte Mal, dass ich den ungepflegten
Garten sehen würde. Das letzte Mal, dass ich das Haus noch unversehrt sehen würde. Viele Erinnerungen hingen an dem
Haus. Gute, aber auch Schlechte. Es würde nicht leicht werden es abzureißen, das hatte ich gleich gewusst. Ich stellte mir vor,
wieviele schöne Tage ich mit Mike dort verbracht hatte. In den schönen Sommern, als Mikes Frau noch gelebt hatte, in den
Wintern, als wir mit den Kindern Schneeballschlachten machten und Schneemänner gebaut hatten. Ich schaute in den Garten.
Ja, dort war es gewesen. Kaum mehr wiederzuerkennen. Alles verändert sich im Laufe der Zeit. Ob zum Guten oder zum Schlechten. Kettengequietsche und Motorengeräusche rissen mich aus meinen Gedanken. Die ersten Baumaschinen rollten auf
das Grundstück.
"Ok, Christoph, lass die dicke Berta kreisen!", rief Dominic in sein Funkgerät, um die Motorengeräusche zu übertönen.
Dicke Berta, so nannten wir damals die große Abrisskugel.
"Gleich kommt der Urknall", sagte ein Mitarbeiter zu mir und grinste. Ich schaute mich nach Mike um. Er stand wie immer da,
nur, dass er diesmal nicht durch mich hindurchsah, sondern durch das Haus. Durch sein Haus. Auch diesmal empfand ich eher
Hass als Mitleid. Es war auch für mich nicht leicht zu sehen, wie die Abrisskugel das erste Mal in die Seitenwand einschlug.
Und wieder, und wieder. Dann gingen sie zu Bruch, die Erinnerungen an die Vergangenheit. Mein Blick wanderte wieder zu Mike,
doch dieser war nicht mehr da, wo er vorher gestanden hatte. Mein Blick wanderte weiter. Er saß auf dem Bordstein, den Blick von
seinem, inzwischen nicht mehr stehendem, Heim. Als ich ihn mit hängendem Kopf dort sitzen sah, fragte ich mich, wo er eigentlich
seine Kinder untergebracht hatte. Im Haus werden sie wohl nicht mehr sein. Ein Grinsen huschte bei diesem Gedanken über
mein Gesicht. Mike war vieles, aber er war kein Mörder.
Wie konnte ich nur auf solche Gedanken kommen? Wir waren die besten Freunde gewesen, und jetzt solche Gedanken. Ich schaute zu dem zerstörten Haus rüber. Es war zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch eine Staubwolke.
Dominic und ein paar andere Arbeiter hatten Schläuche genommen und hielten nun den Strahl auf diese. Keine Angst, dieses
Haus wird nie wieder brennen, dachte ich unwillkürlich.
Der Schutt konnte nun verfrachtet werden, die Staubwolke hatte sich gelegt, alle waren bereit. Wie Ameisen liefen alle geschäftig
in ihren Blaumännern um die Grundmauern herum, nur ich, der Leiter, stand dort herum, in Gedanken vertieft. Nur ich und Mike. Nur wir beide, zwischen denen eine gewisse Spannung herrschte. Ob das Mike damals auch so empfand? Ob er wusste, was ich damals dachte, ob er auch so dachte?
"Die Container, Frank, könnt ihr sie jetzt einhaken?", schaltete sich eine blecherne Stimme ein. Ich tastete abwesend nach
meinem Funkgerät, drückte die Freigabetaste und hob es an meinem Mund:"Ja, klar."
Meine Mannschaft und ich waren ein eingespieltes Team, aber wir waren nicht so eingespielt, dass wir auskamen ohne miteinander
zu sprechen. Und ich hatte zu diesem Zeitpunkt mit niemandem gesprochen.
"Frank, hier läuft alles schief", meldete sich die Stimme wieder. Jetzt musste auch ich aktiv werden. Mit mir wurde auch Mike
aktiv. Er wollte wohl nicht danebenstehen, wenn sein eigenenes Haus abgerissen wird.
Die massigen Blechcontainer hatte wir schnell bereitgestellt. "Hat ja lange genug gedauert", kam es aus meinem Funkgerät, als
sie eingehakt waren und wie Särge rüber zur Schutthalde schwebten.. "Nur nicht so ungeduldig", antwortete ich.
Die Radlader beluden sie mit den Hausresten. Mike derigierte den Kranfahrer zu den Lastwagen, die schon gegenüber auf der Straße warteten. Vermutlich waren die Fahrer wieder in ihre Pornomagazinen vertieft, wie sie es immer machten, wenn sie warten mussten. Mike übernahm oft die Rolle des Dirigenten. Diesmal dirigierte er die Container. Er nahm die Gefahr wohl nicht ganz wahr, die von den tonnenschweren Behältern ausging, oder er nahm sie war und unterschätzte sie.
Zwei Drahtseile rissen. Die eine Hälfte kippte herunter und begrub Mike unter sich. So dachte ich jedenfalls. Als ich zur Hilfe eilen
wollte sah ich, dass er nur eingeklemmt. "Nur" ist hier wohl nicht das passende Wort.
Er hatte Glück im Unglück gehabt.
Er streckte eine Hand nach mir aus und keuchte, ich solle ihm doch helfen. Der Schlag des Aufpralls hatte ihm die Luft aus der Lunge getrieben. Gerade erhob sich meine Stimme, um Hilfe zu rufen, da erkannte ich einen Ring an seinem Finger. An seinem Ringfinger. Hatte er ihn weiter getragen, obwohl seine Frau tot war?
Nein, es war der Ring, den ich meiner Frau zu unserem Hochzeitstag geschenkt hatte. Ich kniete mich neben ihn. Es war eindeutig der Ring, den ich meiner Traumfrau geschenkt hatte.
"Warum hast du das getan, Mike?", fragte ich ihn niedergeschlagen.
"Frank...", keuchte er. Die ganze Zeit hatte ich nichts bemerkt. Ich hatte nicht bemerkt, dass mich mein bester Freund belogen hat.
Ich konnte es nicht fassen. War ich so naiv gewesen, dass ich es bemerkt hatte, aber es nicht glauben konnte? Hatte ich es nicht realisiert? Mir fiel der Ring wirklich zum ersten Mal auf.
"Was ist, Mike? Du bist jetzt wirklich nicht derjenige, der hier Forderungen stellen kann.", antwortete ich ruhig und schaute dabei
fest in seine Augen.
"Oh mein Gott! Ist etwas passiert? Wie geht es Mike?", erklang die Stimme des Kranfahrers.
Ich nahm das Funkgerät von meinem Anzug. "Alles Ok. Das war echt knapp", antwortete ich.
Blut tropfte auf Mikes Stirn, als ich das Funkgerät wieder weggelegt hatte. Mein Blick richtete sich auf die schräghengende
Containerwand.
NEIN!
Es schockte mich nicht. Ich war in einer Stimmung, in der niemand an mich herankam. Ich nahm dieses Wort eher als
Nebensächlichkeikeit war. Mike blinzelte, als das Blut in seine Augen lief. Nicht nur ich sah und fühlte das Blut.
Das überladen des Schutts auf die Lastwagen war eine Zeitaufwendige Arbeit. Die Arbeiter, die nicht dableiben mussten, gingen.
Das waren alle, bis auf mich, Mike, den Kranfahrer und den Radladerfahrer. Der am letzen genannte hatte wohl meine Meldung
über sein Funkgerät mitbekommen, ansonsten wäre er gekommen. Anders konnte ich mir nicht erklären, warum er nicht kam.
Die Lastwagenfahrer hatten von dem ganzen Vorfall wohl nichts mitbekommen, oder sie kamen nicht, weil niemand um Hilfe rief.
So waren sie eben.
"Hilf mir, Frank", keuchte Mike.
Die Frau meiner Träume hat er mir weggenommen, keinen Skrupel hatte er gehabt. Diesen sollte ich zu jenem Zeitpunkt auch nicht haben.
"Lass den Container erst einmal runter", sprach ich in mein Funkgerät.
"Oh, oh mein Gott, Frank!", waren die letzten Worte, die ich von meinem besten Freund hörte.
Das Knacken der Knochen hängt heute noch in meinen Ohren, als er von der Brust abwärts zerquetscht wurde. Die Augen traten
aus ihren Höhlen, als sein Blut in seinen Kopf gepresst wurde. Ich hielt diesem Blick stand.
Routine war das Schlimmste, was es in meinem Beruf gab und was es immer geben wird.
Es tut mir Leid, Mike.