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Der Charakter der Musik

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14.03.2012
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Der Charakter der Musik

Er verlässt den Raum. Blickt nach vorn. Sein Ziel ist ungewiss. Er weiß nichts.
Er läuft los. Seine Kopfhörer sind sofort in seinen Ohren und die Musik beginnt.

Seine Gedanken beginnen sofort zu fließen. Seine Emotionen werden vom Takt der Musik bestimmt. Sein Herz schlägt im Beat. Er ist wieder da. Er hat die Realität abgeschalten und ist wieder in seiner Welt. In einer Welt, in der nur seine Gedanken zählen.

Die traurigen Hymnen in seinem Ohr bringen ihn dazu an das zu denken, was er verloren hat. Er hatte es davor noch nie gehabt und hat es nicht vermisst, aber jetzt wo er es verloren hat, fehlt es ihm mehr als alles andere in der Welt. Die Musik treibt ihn weiter. Langsam bahnt sich eine einzelne Träne ihren Weg durch sein Gesicht. Sein Herz beginnt schwer und nicht mehr im Takt zu schlagen. Er spürt wieder die Verzweiflung, als er es verlor. Alles kommt zurück. Er überlegt was wäre wenn und was er hätte tun können und die Töne tragen ihn weiter in sein Leiden. Sein Leben war schön, bis er es fand. Dann war es perfekt und er konnte nicht verstehen wie er ohne es leben konnte. Nun war es wieder weg und er konnte nichts daran ändern. Er schließt die Augen. Gibt sich der Musik hin. Seinen Gefühlen. Bricht fast zusammen. Er blickt wieder auf und wechselt die Musik, um zu vergessen.

Ein aggressiver, schneller Klang umschließt seine Gedanken. Sein Mund formt die aggressiven Wörter und singt sie lautlos mit. Seine Hände ballen sich zu Fäusten und jeder seiner Muskeln spannt sich bis zum Zerreißen an. All die Wut die sich wegen ihm angesammelt hat ist nun in ihm. Er denkt an ihn, denn er hat es ihm genommen. Wegen ihm hat er es nicht mehr und dafür er. Die Musik bringt seinen dunkelsten Wunsch hervor. Er möchte sich rächen. Er möchte es zurückerobern. Er möchte ihm zeigen, was er getan hat. Er weiß nicht wie ihm geschieht, als die Musik ihn in eine ungeahnte Rage bringt, aber er mag das Gefühl. Er möchte es ausleben. Aber er weiß, dass er das nicht kann. Es ist weg und egal was er ihm antut, es wird weiterhin verloren sein. Er versucht sich zu beruhigen. Bleibt stehen. Sieht sich um. Wechselt wieder die Musik.

Eine freudige und lustige Melodie umspielt nun seine Gedanken. Er beginnt in schönen Erinnerungen zu schwimmen. Wie es war als er es hatte und wie fröhlich er war. Wie es ihm immer ein Strahlen ins Gesicht zaubern konnte und was er und es zusammen erlebt haben. Es hat ihm gezeigt, was es bedeutet wichtig zu sein. Er erinnert sich und läuft lächelnd durch die Welt. Er kann nicht anders. Sein Herz pumpt die Endorphine in sein Blut, welche seine Stimmung in ungeahnte Höhen treiben. Die Musik lässt ihn tanzen. Er geht seinen Weg nicht mehr entlang, er tanzt ihn. Die Musik treibt ihn voran. Er weiß nicht wie ihm geschieht.

Plötzlich bemerkt er, dass er an seinem Ziel ist. Er schließt die Augen. Verliert sich noch einmal in seiner Musik, seiner Welt. Sein Herz beruhigt sich wieder, verlässt den Takt der Lieder. Seine Gedanken werden wieder träge. Die Kopfhörer verschwinden wieder in seiner Tasche. Die Realität ist wieder da. Es ist weg. Ihm hat er nichts getan. Sein Herz verkrampft.
Er betritt den Raum. Blickt nach vorne. Sein Ziel ist ungewiss. Er weiß wieder nichts.

 

»Froh, als könnt' ich Schöpfungen beglücken,
Stolz, als huldigten die Sterne mir,
Fleugt, ins Strahlenauge dir zu blicken,
Mit der Liebe Kraft mein Geist zu dir.«
Hölderlin​

Er hat die Realität abgeschalten und ist wieder in seiner Welt. In einer Welt, in der nur seine Gedanken zählen.

Diese zwo Sätze,

lieber Rawne,

scheinen mir charakteristisch für diese Geschichte zu sein –

& damit erst einmal herzlich willkommen hierselbst.

Sehn wir mal davon ab, dass der Protagonist sich von (oder gar mit) der Welt abgeschlossen hat -

wie so viele andere „moderne“ und modisch sich gebenden Menschen auch, die mit Stöpseln in den Ohren durch die Welt wandeln, nix mehr sdo richtig mitkriegen, weil sie ohne Geräuschkulisse gar nicht mehr können, Stille ihnen unerträglich wird -

so hat er – der Protagonist - doch eher grammatikalisch die Realität „abgeschaltet“ und schafft sich so seine eigene Realität, vielleicht sogar seine eigene Grammatik.

Auffällig ist die Inflation der Pronomen im 3. Fall.

Bleibt der Protagonist namenlos, so wird er mit dem (immerhin geschlechtlichen) Personalpronomen „er“ benannt. Zumindest wissen wir, dass es männlichen Geschlechts und kein Tisch ist, der da Ohren hätte.

Was um ihn herum ist, ist „sein“, das ja nicht nur das Possessivpronomen zu „ihm“ abgibt, sondern als Hilfsverb -

dass der Protagonist da „sei“, wird von uns nicht bestritten, wissen wir doch um die o. g. Erscheinung der Stöpselträger -

zum substantivierten Sein sich aufbläht, obwohl in fast jedem Satz, der mehr als drei Worte enthält, die Zeichensetzung kritikwürdig erscheint. Wie nebenbei seien Beispiele angeführt:

Die traurigen Hymnen in seinem Ohr bringen ihn dazuKOMMA an das zu denken, was er verloren hat –
was hört er da, etwa ein Requiem – aber nein, Hymnen waren von ihrem Ursprung her LOBLIEDER an die Gottheit, also doch eher die Hymni ecclesiastici oder doch der oben zitierten Hymne an die Unsterblichkeit des göttlichen Hölderlin? Die Ode an die Freude schließen wir nicht aus, aber dann doch eher als den eher einfach gestrickten Song Of Joy (sag ich mal so, weil ich den selbst mit langsamer und darum unbeweglicher gewordenen Fingern im Stil eines Jimi Hendrix auf jeder beliebigen e-Gitarre hinbekäme, halbblind & taub …)

Er überlegtKOMMA was wäreKOMMA wenn und was er hätte tun könnenKOMMA und die Töne tragen ihn weiter in sein Leiden
also leiden wir langsam mit, ohne recht um den Grund zu wissen …

Dann war es perfekt und er konnte nicht verstehenKOMMA wie er ohne es leben konnte –
gerade noch von nix gewusst und folglich auch nicht vermisst … erstaunliche Karriere …

All die WutKOMMA die sich wegen ihm angesammelt hatKOMMA ist nun in ihm.
Halte ich für einen völlig missglückten Satz:
Welche Wut von wem sammelt sich wegen wem oder was ihn ihm? Anders und direkter gefragt: Sollte er auf sich selbst wütend sein?

Er möchte ihm zeigen, was er getan hat
Er (3. Person) möchte ihm (einer dritten, aber anderen Person) zeigen, was er (diese andere dritte Person) getan hat. Aber warum tut er’s denn nicht und möchte halt nur? Weil er's selber so recht nicht weiß?

Das Ende zeichnet sich ab:

Es ist weg. Ihm hat er nichts getan,
aber uns Zeit gekostet, wenn auch um ein Geringes.

Es gibt nur eins:

Korrekte und präzise Pronomen- und Zeichensetzung bei gleichzeitiger Straffung des Textes, um klar zu sehen, dass da einer auf sich selbst wütend ist.
Aber warum?
Doch nicht, weil es hier steht?

Gruß & nicht den Kopf hängen lassen, 's ist noch kein Meister ...

Friedel

 

Hallo Friedel,

Danke erst einmal, dass du es gelesen hast. Es ist meine erste Geschichte die ich veröffentlicht habe und von daher freue ich mich über jede Kritik oder Anmerkung.
Das meine Rechtschreibung bzw. ins besonderem meine Kommasetzung nicht gut ist weiß ich, damit hatte ich schon immer Probleme.

Ja, Hymnen sind Loblieder an Götter oder ähnliches, jedoch fand ich hier den Ausdruck sehr passend, denn es gibt durchaus Lieder die in ihrem traurigen Klang etwas anhimmeln. Ob diese zwar dann noch als Hymnen im Sinne der klassischen Definition durchgehen ist zwar fraglich, aber für mich ist dies hier passend.

Das zu Beginn der Geschichte nicht erklärt wird, weshalb "er" leidet ist Absicht und soll erst im Laufe der Geschichte klarer, aber nicht klar werden.

Ja, eine erstaunliche Karriere, aber bereits solche Kleinigkeiten können zum Wechsel des Lebensgefühls führen, sowie es hier der Fall ist.

Das das erste Auftreten von "ihm" verwirrend ist, ist ebenfalls Absicht, denn so muss man sich fragen, ob der Protagonist sich selbst meint. Jedoch wird dies ja in den folgenden Sätzen etwas genauer distanziert und aufgeklärt.

Er tut es nicht, weil er nicht kann, weil ihn gewisse Tatsachen zurück halten. Dies hätte ich wahrscheinlich besser herausarbeiten sollen.

Ich finde es schade, dass du es als nloße Zeitverschwendung siehst und so stark auf meine grammatikalischen Probleme eingehst, aber ich danke dir nocheinmal für deine Kritik und werde sie mir zu Herzen nehmen.

Achja und nein, er hasst sich nicht dafür das es hier steht. Irgendwo fängt jeder an.

Gruß Rawne

 
Zuletzt bearbeitet:

Die Stelle,

Zitat:
Es ist weg. Ihm hat er nichts getan,
aber uns Zeit gekostet, wenn auch um ein Geringes,
soll nicht bedeuten, dass ich die Zeit mit dem Text als Zeitverschwendung ansehe,

lieber Rawne,

wäre auch kaum möglich bei der Stunde am Tag, die ich durchschnittlich hierorts verbringe. Ich denk schon, dass Du talentiert bist, selbst wenn Du's mit dem Erstling verbergen kannst ... Ich lass mich beim und vom nächsten Mal überraschen!

Nachtrag - ohne dass ich nachtragend (was viel zu anstrengend für mich gebrechlich Männchen wäre, und warum auch?) bin:

Da bin ich denn doch noch mal, bevor ich mich auf alle Bolzplätze dieser Republik – wenn auch nur virtuell – begebe,

lieber Rawne,

und ich versichere Dir noch einmal: ich verschwende keine Zeit – jedenfalls hier und jetzt nicht, seh ich doch selbst die sinnlosen Kaninchenjagden nicht als Zeitverschwendung an!

Deine Geschichte ist mit

[dem] Charakter der Musik
betitelt worden, ohne dass mir bei ihrem Studium der „Charakter“ aufgegangen wäre – denn was ist der Charakter anderes als ein/e „Gepräge / (Gesamtheit von) Merkmale(n)“ und bezeichnete ursprünglich bei den Hellenen ein Werkzeug (!) zum Gravieren.

Selbst noch im Mittelalter besitzt es seine lateinische Bedeutung im „karacter“ als eingebranntes Zeichen oder Zauberzeichen (wie die ursprüngliche in Buche geritzte Rune, weshalb die kleinste Einheit der Schriftzeichen bei uns noch immer Buchstabe genannt wird, obwohl an eine magische Wirkung keiner mehr so recht glauben will, es sei denn, man wäre esoterisch angehaucht). Erst unter französischem Einfluss wird die menschl. Seele von dem begriff heimgesucht als Summe der „eingeprägten“ Eigenschaften eines Menschen, die freilich sich für den Biologen anders darstellt als für den Philosophen, dem Individualpsychologen anders als dem Soziologen, dass es da einfacher ist, von „Persönlichkeit“ zu sprechen, die man ja nicht ist, sondern hat -

woraus sich bei mir die Frage ergibt, was denn nun eine Charakterschwäche in der Musik äußert.

Es ist mir fast so wie beim besten Freund des Menschen – und der Vergleich hinkt ausgesprochen wenig, ist doch Musik wie der Hund eine Erscheinung menschlicher Zucht: das eigentliche Problem findet sich i. d. R. immer im Hundehalter wie in der Musik beim Komponisten (dessen „Charakter“ in die Notation einfließt) und dem Interpreten (der die Notation auf seine Weise deutet und dann ausdrückt).

Aber da bleibt es nicht bei der Zweisamkeit, es wird mit dem Publikum zumindest zum Trio: Welche Wirkung erzielt das Werk des Komponisten durch eine besondere Darstellung beim Hörer, deren verblödendster, aber wohl gewinnträchtigster Ausdruck derzeit der Klingelton ist neben anderem elektronischem Gequieke.

So, genug für dieses Wochenende & schau'n mer ma', wie't wird. Ich bin da guter Dinge!

Gruß & schönes Wochenende vom

Friedel

 

uiuiui,

schon ein bisschen sehr vage. alles oder nichts. oben oder unten. hell oder dunkel. aber definitiv keine story.

Fakt ist, dass es etwas gibt, was du uns nicht zeigen willst - gemein!
Nicht mal welche Musik, nicht mal, was er mitsingt. Und bei ES denke ich natürlich sofort an eine Frau und will wissen, was mit ihr ist und was mit ihm und dem Erzähler. Ich will nicht bloss die Aussenansicht von Gefühlen mit den Fakten von musikalischen Wirkungskreisen.

Naja, vielleicht zeigst du es uns ja noch!

Lieben Gruß bis dahin!

 

Hallo Simone,

Ja, das Vage und das ich eigentlich nichts aufdecke war meine Absicht. Ich wollte die Geschichte nicht zu spezifisch machen, sodass jeder sein eigenes ES darin sehen kann. Das Feedback, welches ich im Privaten erhalten habe, findet dies gut, allerdings war ich mir auch nicht sicher, ob Kurzgeschichten.de dann der richtige Ort dafür ist.

Aber ich arbeite bereits am "großen Bruder", der dann tatsächlich eine Geschichte erzählen und nicht nur Gefühle wiederspiegeln soll.

Grüße :)

PS: Das ganze orientiert sich eher an Prosatexten, wie man sie in der Schule interpretieren muss.

 

Hallo Rawne,

also deine Absicht ist dir gelungen, aber das allzu Unspezifische weckt leider keine Neugier und auf deinen Nachsatz, dass alle sich bitte identifizieren mögen: 1. Everybodys Darling is nobodys friend. 2. Man kann sich so ziemlich mit jedem identifizieren, wenn interesse geweckt ist. Da musst du nicht alle Details für unter den Teppich kehren, ganz im Gegenteil.
Ja, sowas ist auch gut für KG.de, klar, wir lernen nur von anderen Ansichten.

Na, dann sind wir mal gespannt auf den großen Bruder. Ich hoffe, sie sind keine eineiigen Zwillinge.

Gruß, S.

 

Vielen dank ich nehm mir deine Anmerkungen und Hinweise zur Brust und versuche sie umzusetzen :)

Grüße

 

Ja, der Charakter der Musik, weiß nicht, vielleicht eher die Macht der Musik? Du charakterisierst hier ja nicht/kaum.
Eine 'bloße Tonreihenfolge' kann einen innerhalb von Sekunden in unterschiedliche emotionale Zustände versetzen. Sei es weil man mit dieser Musik an sich eine bestimmte Situation verbindet oder weil sie etwas in einem berührt und dadurch etwas auslöst.
Deine Geschichte würde eigentlich auch gut in Philosophisches passen, das sind ja auch immer so Fragen, also haben wir Gedanken oder haben Gedanken uns? Oder auch Gefühle, in dem Fall hier. Woran liegt das denn, dass zehn Sekunden Musik uns teilweise in eine vollkommen andere Stimmung versetzen können? Das könnte man jetzt natürlich noch ausführen, es geht aber eventuell an deiner Geschichte vorbei.

Auch dieses Raum verlassen am Anfang, Raum betreten am Ende ... ist das ein Schüler oder Student, der sich den Weg von einem Klassenraum zum anderen mit Musik verkürzt? Welche Rolle spielt das, spielt es überhaupt eine?

Textkram:

Er hat die Realität abgeschalten und ist wieder in seiner Welt.
abgeschaltet
Wegen ihm hat er es nicht mehr und dafür er.
Seinetwegen

 

Mit dem Titel sprichst du genau den Punkt an, der mir bei der Geschichte am schwersten viel. Ich musste einige Zeit darüber nachdenken und ich finde, dass man das dem Titel leider anmerkt. Zwar finde ich ihn nicht unpassend, aber "Die Macht der Musik" erscheint doch zutreffender. Danke.

In welche Kategorie man die Geschichte einordnet, war mir nicht wirklich klar und ich wollte nicht so anmaßend sein und behaupten, dass mein Erstling bereits auf einer philosphischen Ebene ist :P

Um ehrlich zu sein kommst du mit deinen Überlegungen sehr nahe an das heran, was mich inspiriert hat und woran ich mich auch ein wenig orientiert habe.
Der Gang von Raum zu Raum im Studium bzw. der Gang nach Hause (von einem Gebäude zum anderen) und was die Musik, die gerade meine jüngere Generation dabei hört, auswirkt ist genau das, was ich zeigen wollte.
Ob es mir geglückt ist oder nicht sei dahingestellt, aber das war die Intention dahinter.

 

Mit dem Titel sprichst du genau den Punkt an, der mir bei der Geschichte am schwersten viel. Ich musste einige Zeit darüber nachdenken und ich finde, dass man das dem Titel leider anmerkt. Zwar finde ich ihn nicht unpassend, aber "Die Macht der Musik" erscheint doch zutreffender. Danke.
Hallo Rawne,
wenn du den Titel entsprechend geändert haben möchtest, schreib mir einfach eine kurze private Mitteilung, dann mache ich das.

 

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