Hallo Jingles,
ich bin ein großer Fan von Personifizierungen und metaphorischer Sprache, kreativen Ideen und gekonnter Umsetzung: nun, damit habe ich wohl schon charakterisiert, warum mir deine Geschichte im Großen und Ganzen gefallen hat.
Die Pointe habe ich zwar schon früh geahnt (
In meinem Leben ist mir nicht viel wichtig. Nur eins ist für mich von echter Bedeutung: Beobachten zu können. Ich stehe manchmal mit dem größten Vergnügen am Straßenrand und erfreue mich am hektischen und ereignisreichen Treiben das sich mir bietet. Die Luft ist zwar schlechter als draussen im Wald,dafür gibt`s dort auch nicht so viel zu sehen. Meine beiden Brüder wohnen dort...
), was mich aber nicht störte, sondern eher freute, als sich meine Vermutung zum Schluss bestätigte.
Nachfolgend möchte ich eine kleine Analyse starten:
Abschnitt 1
Im ersten Abschnitt erfährt der Leser etwas über die Vergangenheit (Prämissen) und die gegenwärtige Situation des Baumes. Er wuchs im Wald auf und erlitt in seiner Kindheit eine Entwurzelung, indem er umgesiedelt wurde. So manch einer würde da ein Kindheitstrauma von bekommen, nicht aber dieser Baum: Er wägt die Umweltbedingungen (schlechtere Luft) seines neuen Standortes gegen den Unterhaltungsfaktor ab und kommt zu dem Ergebnis, dass es ihm in der Innenstadt ganz gut gefällt, weil er hier mehr beobachten kann als im Wald - das nenne ich erstmal eine positive Grundeinstellung. Wir haben es also mit einem personifizierten Baum zu tun, der Freude hat, seine Umwelt zu beobachten. Manch einer könnte ihm so voyeuristische Züge bescheinigen, aber mal im Ernst: was soll ein Baum auch anderes gegen die Langeweile machen als "dastehn und zusehn"?
Fehlerliste Abschnitt 1:
Ich stehe manchmal mit dem größten Vergnügen am Straßenrand und erfreue mich am hektischen und ereignisreichen Treiben, das sich mir bietet.
...als draußen...
Meine beiden Brüder wohnen dort, müsste man an dieser Stelle erwähnen.
stilistisch vielleicht besser: Man müsste hier/jetzt erwähnen, dass meine beiden Brüder dort wohnen.
Doch als ich das sechste Lebensjahr erreicht hatte, wurde ich von meinen neuen Stiefeltern mit in die Stadt genommen.
Seitdem habe ich diesen Standort
Klingt schief, besser: Seitdem stehe/wohne/beobachte ich hier...
Abschnitt 2
In diesem Abschnitt reflektiert der Baum über seine Familie (Brüder) und stellt eine Frage, wie sie wohl auch ein Kind stellen würde, wenn es davon erfahren hätte, dass es zwar Geschwister hat, diese aber im heimischen Wald sind. Der Baum hat also Erinnerung und Gefühl, Merkmale der Personifizierung.
Unnötig hingegen ist die Wiederholung:
Wie gesagt, in meinem Leben ist mir nicht viel wichtig. Nur eines ist von Bedeutung: Beobachten zu können.
Sie kann weggelassen werden. Wenn du sie beibehalten willst, versuche sie in andere Worte zu kleiden als diese, welche du ja im ersten Abschnitt schon benutzt hast.
Fehlerliste Abschnitt 2:
Manchmal denke ich nach und frage mich, wie es meinen beiden Brüdern wohl ergangen sein mag.
schön finde ich den Konjunktiv "...ergangen sein mag": trifft man heute nicht mehr oft an, ist aber für mich ein sprachlicher Diamant...
Abschnitt 3
Die hochgepriesene Zivilisation würde mich wahrscheinlich einen "zwanghaften Voyeur mit Wahrnehmungsstörungen" nennen, aber wieso sollten sich die denn schon für mich interessieren, ich gehöre da nicht dazu...
Hier versuchst du, Gesellschaftskritik zu üben. Passt aber nicht ganz in den Verlauf, denn wo bitte schön hast du eine Wahrnehmungsstörung des Beobachters beschrieben? Dass er beobachtet, kann ja nicht die Störung sein. Und dass er das Leben in der Innenstadt interessanter findet als jenes im Wald ist wohl auch nachvollziehbar. Bitte um Aufklärung.
Außerdem passt sein Ton nicht: er kommt selbstmitleidig rüber - "...aber wieso sollten sich die denn schon für mich interessieren, ich gehöre da nicht dazu..."
Die Außenseiter-Position brauchst du hier mMn nicht explizit zu kennzeichnen. Sicherlich sind sensible und beobachtende Bäume keine Massenbäume, wenn du verstehst, was ich meine...
Abschnitt 4
Eine schöne Beschreibung der Empfindungen des Baumes (Personifizierung), wie die Natur auf ihn wirkt, die er durch seine Sinne wahrnimmt, also nicht nur der Beobachtung.
Hier verwendest du die von mir so geliebte metaphorische Sprache sicher und ausdrucksstark! Beispiele, die mir sehr gefallen haben:
Ein heftig wehender Wind ist für mich ein rauschartiges Erlebnis.
Und selbst Blitz und Donner genieße ich, da ich auch die Furcht in mir wertschätzen muss, sie lehrt mich die Vergänglichkeit des Lebens.
Allerdings hätte ich mir an dieser Stelle noch einige Eindrücke aus der zivilisierten Umgebung gewünscht, etwa wie er auf rasende Autos oder Liebespaare reagiert (auch ein Baum sucht nach Liebe, glaube ich

) So hättest du den Sehnsuchtsgedanken nach saubererer Luft und Liebe und/oder Freundschaft einfließen lassen können.
Was mir nicht gefallen hat ist die Verwendung der Metapher "Motor" im ersten Satz. Ein Motor kommt aus dem technischen Wortfeld und hat nichts mit dem Leben eines Baumes zu tun. Treffend würde man hier von einem "Kreislauf" sprechen, da der Baum ja beobachtend wahrnimmt und wahrnehmend beobachtet.
Abschnitt 5
In diesem Abschnitt spricht der Baum von jenen sehnsuchtsvollen Gefühlen, die er verspürt. Der Preis seines durch Beobachtung bereicherten Lebens ist diese Einsamkeit. Manch ein Baum zerbricht daran, wenngleich sie nicht selten ist für diese Lebensart.
Fehlerliste:
Doch manchmal, wenn ich an meinem Stammplatz neben der Parkbank gegenüber vom Supermarkt stehe, dann fühle ich mich allein.
Das "manchmal" muss hinter "...ich mich..." stehen, da du sonst sagst, dass er halt nur manchmal an seinem Platz steht, was für einen verwurzelten Baum durchaus selten zutrifft.
...die sich im Wald in Gesellschaft baden.
Klingt unglücklich formuliert. Besser: sich im Wald der Gesellschaft erfreuen.
Dann will ich für einen kleinen Augenblick wieder zurück zu diesem wunderbaren Ort, der wohl langweilig, aber voller netter Gesprächspartner ist.
Abschnitt 6
Hier bringst du knapp und locker die Pointe ein. Fein: kein Geschwafel, sondern kernig! Gefällt mir.
So, nun bin ich mit meiner kleinen Analyse ferig.
Gute Nacht noch
Gruß Jan
P.s.: Zu Leben und Lernen hat mich meine Abivorbereitung inspiriert... solls geben