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Der Ausgezeichnete

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25.10.2004
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Der Ausgezeichnete

Die Frau, die sich als Ann-Marie vorgestellt hatte, machte vor der nächsten Tür halt und straffte ihr Kreuz.
„Und hier sitzt Robert Jahn!“, sagte sie stolz, zeigte auf die Tür, wie ein Dompteur auf den Käfig seines Löwen. An ihren Unterarmen waren schlanke Muskelstränge zu sehen und auf den Handflächen pochten geschwollene Adern. Ein Anblick, den Birgit außerordentlich schön fand.
Ann-Marie beugte sich verschwörerisch vor. „Er ist ein Genie!“, sagte sie. „Aber er hört es nicht gern.“
Birgit nickte und betrachtete die Holztür. Irgendein Putzmittel hatte einen interessanten Geruch im Flur hinterlassen.
„Erinnerst du dich an die Kampagne?“, fragte Ann-Marie und zog sie ein Stück weiter.
Birgit nickte und lächelte.
Nicken und Lächeln. Das machte sie nun schon seit zwanzig Minuten, seit sie das Haus betreten und dem Portier gesagt hatte, dass sie Birgit Maier sei und einen Termin mit Frau Greiner hätte. Ann-Marie Greiner, deren kräftiger Pferdeschwanz hin und her schwang, mit einer Spur Mandel. Maier, Greiner – das eierte mächtig! War nicht leicht in einem Satz zu sagen.
Aber was hatte sie gerade erzählt? Dass er unglaubliches geleistet hatte, Leben verändert, Regeln umgeworfen, den ersten Schritt in eine völlig neue Richtung, der Jahn, das Genie. Alte Schule und so. Schwierig manchmal, aber nicht ohne Humor, haha!
Birgit nickte und lächelte. Herrje!
Der Name war oft erwähnt worden in ihrer Studienzeit. Einige der Professoren bauten eine Pause ein, die man mit Bedeutung füllen konnte, aber das war gar nicht nötig. Dafür gab es die Geschichte mit dem jungen Robert Jahn in der Tiefgarage, in der Hand seine Mappe und überall der Geruch nach Motoröl. Wahrscheinlich wußte er gar nicht, wer der Typ war, der da um seinen Wagen herumlief und nach Kratzern suchte. Vielleicht wollte er bloß ein bisschen quatschen, zum Warmwerden fürs Vorstellungsgespräch, so wie Birgit es heute morgen vor ihrem Spiegel getan hatte.
Die Agentur war damals noch recht unbedeutend, versuchte gerade sich aus dem Niedrigbudget herauszuretten, und auf der Etage minus Eins redete Jahn mit ihrem wichtigsten Kunden, klopfte ihm auf die Schulter, freute sich über sein Auto und offenbarte Ideen, die zwar auch andere hatten, die aber noch nie auf das Ohr eines Kunden getroffen waren.
Und dann war er der Mann der Stunde, hatte den größten Deal abgeschlossen, noch bevor er überhaupt den Job dazu hatte.
Natürlich konnte das auch eine Marketinggeschichte sein, dachte Birgit. Es klang einfach zu aschenbrödelig. Sie klopfte diese Ansicht auf Neid ab. Eine der Todsünden, denen sie nie erliegen wollte. Neid, Geiz und Faulheit.
Also.
War sie neidisch auf die Leichtigkeit von Robert Jahns Erfolg?
Nein, das war es nicht. Nein.
Es war dieses Stirnrunzeln, das sie befiel, wenn von unverdienten Zufällen, eingebrannten Schicksalen, Bestimmungen und schlimmstenfalls Sternenkonstellationen die Rede war. Alles, was Birgit bisher erreicht hatte, beruhte auf Arbeit. Der Rest war Abendlektüre.

Am Mittwoch kam dann der Anruf. Sie schrieb mit: Dienstag, 8 Uhr, 1. Stock, bei Christoph Lange melden! Nachdem sie sich eine Weile die Worte angesehen hatte, legte sie den Zettel in eine Schachtel mit gefundenen Muscheln und Steinchen, in der auch noch die Rechnung aus dem Restaurant lag, in dem Gustav sie das erste Mal geküsst hatte. Adlerhof, vier große Bier, ein paar Schnäpse, mehr brauchten sie damals nicht.
Das Büro hatte eine Fensterfront über die ganze Wandbreite und zeigte in den Innenhof. Darüber hing ein Stück Himmel, an dem man das Wetter einer guten halben Stunde ablesen konnte. Von ihrem Platz aus blickte sie auf ein großformatiges Foto aus einer Kampagne für Parfüm. Film Noir Stimmung. Wissende Augen und absolute Lippen. Es war sehr gut gemacht, aber unglaublich einnehmend. Sie hätte es gern abgenommen, damit es sie nicht mehr einsaugen konnte.
Die anderen Drei, mit denen sie das Büro teilte, machten es ihr leicht, sich einzufügen. Sie fragten, wo sie vorher war, wie sie die Kampagne fand, wo sie ihren Pullover her hatte und ob sie dem Jahn schon begegnet war. Danach sackten sie zufrieden in ihre Stühle zurück und bedachten sie hin und wieder mit einem Lächeln.
Birgit arbeitete an einer Longcopy über die Vorzüge Kanadas als Urlaubsziel. Tausend Worte über ein Land voller Bäume und Bären, in dem sie noch nie gewesen war. Weite, Wolken, Wald, Wandern, Wild. Gustav wollte da immer hin. Oder war es Alaska? Jedenfalls sah er sich gern Filme an, in denen Männer in grünen Schluchten standen und Angeln auswarfen. Die Frauen in diesen Filmen liefen bloß hektisch herum, packten Köder und Sandwiches in Körbe, kicherten einfältig und gaben den Männern großmütterliche Ratschläge. In den guten Momenten waren sie einfach nicht dabei.
Von ihrem Platz aus konnte Birgit ihr Fahrrad sehen. Es machte nicht viel her, hatte aber eine sehr gute Substanz, wie der Verkäufer beteuert hatte. Das war jetzt nicht mal eine Woche her und nun sah sie, wie sich ein Mann daran zu schaffen machte. Er trug ein braungelbes Tweedjacket und grüne Cordhosen. Auf seinem Hinterkopf leuchtete ein heller Kreis Haut. Sowas erinnerte sie immer an Mönche. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen. Er hatte sich zu weit vorgebeugt, damit er an die Gangschaltung rankam. Seine Arme arbeiteten, das konnte man sehen, und seine Schultern spannten den Tweed. Später konnte sie nicht sagen, warum sie nichts getan, warum sie nur zugesehen hatte. Am Fahrrad hatte sich nichts verändert. Es war noch da und es fuhr. Vielleicht sogar ein bisschen besser, aber das konnte auch Einbildung sein.
Die nächsten Tage sah sie ziemlich oft aus dem Fenster, in Erwartung einer Wiederholung, die ihr selbst unsinnig erschien. Aber dann passierten andere Dinge und sie dachte nicht mehr daran.

Birgit war in den zweiten Stock berufen worden. Jemand sei ausgefallen, hieß es. Keine Ahnung, was das war – ein Ausfall. Ihre Kollegen verstummten, wenn sie den Fahrstuhl betrat und auf die Zwei drückte. Sie grüßten zwar noch, tauschten Floskeln und so, aber das hieß nichts mehr.
Sie dachte daran, die Stimmung aufzulockern, blieb dann aber doch stillschweigend mit ihren frisch formulierten Sätzen im Fahrstuhl zurück. Vielleicht lag ihr auch gar nicht so viel daran, wie sie glaubte.
Dafür traf sie jetzt öfter auf Ann-Marie. Auf dem Flur blieben sie gern beieinander stehen und verfingen sich in diesem und jenem. Anfangs dachte Birgit noch, es wäre bloß ihrem Betreuergemüt geschuldet, aber langsam schien sich eine Freundschaft daraus zu entwickeln. Ann-Marie erzählte von ihrem Sohn Lukas, was er von Mozart hielt und wie er argumentierte, wenn es um ungeliebte Bommelmützen ging und Birgit versuchte sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn sie mit Gustav ein Kind bekommen hätte. Gustav hätte es sicher gut gefunden. Er war mit allem, was sie vorschlug, einverstanden. Das war seine Schwäche. So was musste sich irgendwann lieblos anfühlen.
Als sie in der Kaffeeküche auf den Mann mit dem braungelben Tweedjacket traf, brauchte sie eine Weile, um sich zu erinnern. Er drehte sich nur kurz zu ihr um. Seine Hand steckte in der Packung mit den Espressotabs und kramte wütend darin herum. Robert Jahn, also. Birgit sagte nichts, nahm sich eine Flasche Wasser und ging wieder in ihr Büro.
Einige Tage mit Regen vergingen. Nasse Fußspuren verteilten sich im Haus und aufgespannte Regenschirme wurden im Konferenzzimmer zum Trocknen aufgestellt, die meisten schwarz und glänzend. Birgit machte Fotos davon und schenkte Ann-Marie ein paar Abzüge, die später gerahmt in deren Büro hingen. Sie wußte nicht, was sie davon halten sollte. Es kam ihr übertrieben vor, die Fotos so sichtbar aufgehangen zu sehen. An der Wand wirkten sie plötzlich kitschig. Aber was sollte sie machen? Erst als Lukas krank wurde, fiel ihr die Lösung ein. Sie schaffte es, Ann-Marie zu überreden, die Bilder für Lukas mitzunehmen. Ein Kind, wie er, würde sie zu zerstören wissen.

Es gab eine Regel, die besagte, dass man ein Büro nicht betreten, nicht mal klopfen durfte, wenn das Schild draussen hing. Es waren Schilder, die man aus Hotels kannte, auf denen Bitte nicht stören/ Do not disturb stand. Birgit hatte es selbst noch nie rausgehangen, auch jetzt nicht. Sie hielt ihren Ausdruck in der Hand und suchte den Flur nach jemandem ab, den sie fragen konnte.
Der Teppich schien in einer fremden Sprache zu flüstern. Sie ging bis zum Konferenzzimmer und wieder zurück zum Fahrstuhl, aber entweder hingen Schilder draußen, oder die Büros waren wüst verlassen worden. Vor Robert Jahns Büro wählte sie Ann-Maries Nummer, obwohl sie wußte, dass ihr Handy ausgestellt war, damit Lukas schlafen konnte. Damit waren alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Jetzt konnte sie klopfen.
„Sie haben ihr Schild nicht draußen!“, rief sie. Der Satz hallte in ihrem Kopf wider und klang so dämlich, dass ihr schlecht wurde. Sie wollte sofort umkehren, aber etwas tat sich hinter der Tür. Ein schwerer Gegenstand fiel, dann Schritte und Klappern. Die Tür ging auf und Robert Jahn sah sie verwirrt an. Er roch nach teurem Whiskey und sein Jacket lag hinter ihm quer auf dem Schreibtisch, als wollte es etwas verbergen.
„Was zum Teufel wollen sie!“
Birgit erschrak.
„Nichts! Gar nichts!“, rief sie hastig und starrte ihn an. Sie konnte sehen, wie er darauf wartete, sie aus der Tür verschwinden zu sehen, aber sie konnte nicht. Sie redete einfach. Dass sie nicht weiterkäme und der interne Code nicht funktioniere, sie nun aber an die Vorgaben ran müsse, die sie leider nicht ausgedruckt hatte, weil ihr das Papier zu schade gewesen sei; die änderten sich ja ohnehin dauernd.
Der reinste Blödsinn, aber so war es nunmal. Sie wedelte mit dem Papier in ihrer Hand. Der Lufthauch wirbelte seine dünnen Haare auf.
„Unglaublich“, sagte er und machte die Tür wieder zu.
Birgit schossen die Tränen in die Augen. Wie ein kleines Kind. Am liebsten wollte sie zu den Toiletten laufen und warme Tränen aufs Papier tropfen lassen. Zusehen, wie die Druckerschwärze verschwamm und das als Methaper für ihr Leben nehmen.
Stattdessen riß sie sich zusammen und klopfte sie wieder. War das jetzt erwachsen oder einfach nur dumm? Sie wußte es nicht. Jedenfalls ließ Robert Jahn sie rein.

Das Zimmer war dunkler als die anderen, mit Jalousien, die bis auf einen kleinen Spalt runtergelassen waren. Er zog Birgit zu einem Paar Ledersesseln hin, die in der Ecke neben dem Bücherregal standen.
„Hier“, sagte er und deutete auf die Sitzfläche. Sie wischte sich die Augen und taumelte in das Braun.
„Wie alt sind Sie?“, wollte Jahn wissen. Das war fies. Wo sie sich doch gerade eben wie Vier gefühlt hatte und fast damit herausplatzen wollte.
„Dreißig“, antwortete sie verletzt und rieb die Tropfen, die auf ihr Revers gefallen waren, tief in den Stoff hinein.
Jahn nickte ernst. „Und dann den Code vergessen.“
„Ich weiß nicht. Ich hatte ihn ja, aber vielleicht ist er geändert worden … .“
„Und ich soll ihn haben, nicht wahr?“, unterbrach er sie.
Birgit sah auf seine großen Hände, die ausgebreitet auf den Oberschenkeln lagen. Was sollte das? Wollte er sie irgendwie reizen?
„Jaaa“, sagte er gedehnt. Sie sah ihn skeptisch an.
Dann stand er auf und ging zum Regal. „Erstmal trinken wir einen auf den Schreck.“
Der Whiskey brannte und trieb ihr noch mehr Röte ins Gesicht. Jahn füllte die Gläser wieder auf und sah sie schweigend an. Birgit fing einfach an, in die Stille hineinzureden, hinter der ihr zu viele Unbekannte hausten.
Sie sagte, dass es ihr leid tat, die Tränen, und dass sie einfach so herausgeplatzt waren und ihr sowas noch nie passiert sei. Naja, als Kind schon, korrigierte sie. Im Empfangzimmer ihres Vaters, zwischen den Patienten. Weil sie unbedingt pullern musste und sich nicht traute, was zu sagen. Da hatten alle gelächelt und sie getröstet, bis sie merkten, dass ihr Rock naß war. Tante Renate - also keine echte Tante, sondern die strenge Empfangsdame, die sie nur so nennen sollte - griff sich ihr Handgelenk und zog sie in den Waschraum, wo es so eng war, dass sie sich zu zweit kaum drehen konnten. Die Tante zerrte so heftig am Reißverschluss ihres Rockes, dass ihre Lieblingstrumpfhose hinten aufriss und als Birgit wieder rausdurfte, fühlte sie die kratzenden Papierhandtücher in ihrem Schlüpfer hin und herwackeln, wie einen Fremdkörper, und sie hatte die Vorstellung, dass alle es sehen konnten.
Aber da war sie ja noch ein Kind.
„Verstehe“, sagte Jahn und trank sein Glas aus.

Schweigen wäre gut gewesen. Aber diese bescheuerte Pullergeschichte! Wenn sich die Peinlichkeit erstmal Einlass verschafft hatte, ließ sie sich schwer wieder stoppen. Damals wurde es auch noch schlimmer. Als der Hund - angezogen von Duft ihres Urins - seinen Kopf unter ihren Rock wühlte, bis er mit der Schnauze in den Riss der Strumpfhose gelangte, und das nasse Papier herauszerrte und auffraß. Das nicht erzählen! Sie biss sich vorsichtshalber auf die Unterlippe, knabberte ein Stück Haut ab. Jahn sah sie fragend an. Ja, wie weiter, jetzt! Der Code, natürlich. Mehr wollte sie ja nicht.
„Können Sie mir helfen?“, fragte sie schüchtern.
„Kommt drauf an, wobei!“
Sie glaubte ein freches Grinsen zu sehen, ganz kurz nur, dann war das Gesicht wieder glatt, aber es reichte, um sie noch weiter zu verunsichern.
„Der Code“, flüsterte sie.
„Nein“, rief Jahn hart und sprang auf.
Sie starrte verwundert auf seinen leeren Platz.
„Aber bevor Sie wieder losheulen … .“ Er leerte zügig sein Glas. „Ich habe ihn nicht.“
„Aber … „, stammelte sie und folgte seinem nervösen Auf und Ab.
„Nein. Noch nie gehabt“, unterbrach er sie.
„Aber wie kann das sein?“
„War noch nie nötig.“
„Alles läuft über dieses Netzwerk!“, rief sie erstaunt. Jahn schwieg und setzte sich, setzte sich ihrem Blick mit einer Strenge aus, die keine weiteren Fragen duldete.
„Ich weiß“, sagte er. Sein Lächeln kräuselte sich bitter. „Ich glaube, Sie sind die Einzige, der das überhaupt auffällt.“
Als das gesagt war, wich er ihrem Blick aus und stand auf. „Und jetzt muss ich gehen. Sie werden schon jemanden finden, der Ihnen helfen kann. Sonst … “, er zeigte auf die Flasche Whiskey, „ ... trinken Sie ruhig noch einen.“ Er nahm sein Jacket und wartete an der Tür auf sie. Sie stand langsam auf und versuchte, ihre Bewegungen dem Alkohol anzupassen. Sehr langsam. Abstützen. Es war keine Absicht, dass sie die Zeichnungen auf dem Tisch sah. Sie waren ja groß genug. Es waren Konstruktionen von Fahrrädern; Rennräder, Damenräder, Kinderräder.
Brigit saß noch eine Weile an ihrem Rechner und dachte über die Begegnung nach. Dann beschloss sie, dass es keinen Sinn machte und fuhr nach Hause.

Ann-Marie war durch das Fieber ihres Sohnes und die Schlaflosigkeit weich und müde geworden. Als sie Birgit begrüßte, ließ sie sich fast in die Umarmung fallen.
„Lukas hat deine Fotos in die Badewanne getaucht“, hauchte sie. „Es tut mir leid!“
Birgit musste schmunzeln. Sie erzählte von ihrer Begegnung mit Jahn, natürlich ließ sie ihren Redefluss und den Whiskey aus, somit blieb nur, dass Jahn den Code nicht hatte.
Ann-Marie schüttelte lachend den Kopf. „Quatsch! Der hat dich bloß ein bisschen verarscht. Ist nicht nett, aber ich hab dich ja gewarnt: ein schwieriger Geist.“ Birgit bestand eine Weile auf ihrer Ansicht und zog sich schließlich beleidigt auf ein anderes Thema zurück.
Sie kam erst spät raus. Die Ecke, in der ihr Fahrrad stand, war schwarz vom Schatten. Erstaunlicherweise brannte im ersten Stock noch Licht. Irgendwo stieg Zigarettenrauch auf, jemand knurrte unwillig. Sie sah zwei Köpfe am Fenster, zu wenig Kontur, um auszumachen, wer es war. Die Zigaretten wurde rausgeschnippt und eine landete knapp vor ihrem Fahrrad. Dann schloss sich das Fenster. Birgit zog leise ihr Rad aus dem Ständer und fuhr nach Hause.
In der Nacht träumte sie von dem Jungen aus ihrer Klasse, an den sie sehr lange nicht gedacht hatte. Markus, hatte eine ganze Bank für sich allein. Blass, drahtig, ziemlich komisch. Sein Vater war ein hohes Tier, so hieß das damals. Keine Ahnung, was das war, aber es brachte die Lehrer dazu, ihm übertrieben gute Zensuren zu geben. Obwohl Markus das wußte, legte er das passende Lehrbuch immer aufgeklappt auf seinen Tisch und gab sich den Anschein, als lerne er fleißig. Dahinter versteckten sich seine Buntstifte und Zeichenblätter mit Gnomen, Drachen und Rittern. Die Lehrer konnten sie ziemlich gut sehen, wenn sie ihre Runden durchs Klassenzimmer drehten. Manche beugten sich sogar ein wenig zu ihm hinunter und taten so, als würden sie seine Aufgaben kontrollieren.

 

Liebe Simone,

Eine Geschichte aus der Werbebranche. Eine junge Frau wird an ihrem ersten Arbeitstag durch die Abteilungen geführt und als neue Kollegin vorgestellt. Da ist auch einer, offensichtlich derjenige dem der Titel seinen Namen verdankt – der Ausgezeichnete. Damit wird bei mir auch eine gewisse Erwartungshaltung geweckt – das ist jetzt eine Geschichte über einen Überflieger. Der kommt auch an zentraler Stelle vor, aber eigentlich ist es dann doch eine Story über Birgit Maier. Das liest sich teils ganz flüssig, der Sprachstil ist gut, wenn auch etwas unterkühlt, zum Teil wirkt er etwas BWL-studentenhaft, so - ja cool halt. Wobei es wirklich keine schlechte, sogar eine relativ gute Geschichte ist. Aber irgendwie fehlt mir da doch der emotionale Unterbau. Das plätschert lange so dahin, ist gut geschrieben, keine Frage, aber ich kriege sehr lange einfach keine richtige Empfindung für eine der Figuren hin. Richtig gut wird es für mich ab da, als Birgit in Jahns Büro kommt, vor allem der folgende Absatz gefällt mir.

Sie sagte, dass es ihr leid tat, die Tränen, und dass sie einfach so herausgeplatzt waren und ihr sowas noch nie passiert sei. Naja, als Kind schon, korrigierte sie. Im Empfangzimmer ihres Vaters, zwischen den Patienten. Weil sie unbedingt pullern musste und sich nicht traute, was zu sagen. Da hatten alle gelächelt und sie getröstet, bis sie merkten, dass ihr Rock naß war. Tante Renate - also keine echte Tante, sondern die strenge Empfangsdame, die sie nur so nennen sollte - griff sich ihr Handgelenk und zog sie in den Waschraum, wo es so eng war, dass sie sich zu zweit kaum drehen konnten. Die Tante zerrte so heftig am Reißverschluss ihres Rockes, dass ihre Lieblingstrumpfhose hinten aufriss und als Birgit wieder rausdurfte, fühlte sie die kratzenden Papierhandtücher in ihrem Schlüpfer hin und herwackeln, wie einen Fremdkörper, und sie hatte die Vorstellung, dass alle es sehen konnten.
Aber da war sie ja noch ein Kind.
„Verstehe“, sagte Jahn und trank sein Glas aus.

Zuerst dachte ich – was soll der Schwachsinn, dieses endlose Geschwafel über eine peinliche Situation aus ihrer Kindheit, wer erzählt so was? Erst die Antwort von Jahn macht ihn eigentlich genial. Ich kann mir das dämliche Gesicht von Birgit wirklich bildhaft vorstellen, als sie realisiert, was sie da für einen Schwachsinn von sich gegeben hat. Das war eigentlich dieser eine Satz, an dem ich wirklich emotional reagieren und lachen musste. Da wird sie mir das erste Mal auch sympathisch in ihrer ganzen Tollpatschigkeit, die so gar nicht zu ihrer sonstigen Souveränität passt. Nur, die Geschichte wirkt halt trotz der sprachlichen, wie soll ich sagen, ja Eleganz, oder vielleicht gerade deswegen, so unterkühlt, so distanziert. Fast so, wie die Hochglanzwerbebroschüren aus dieser Branche. Aber vielleicht ist das deine Absicht. Vielleicht willst du uns diese oftmals so künstliche, von der Wirklichkeit so weit entfernte Welt so zeigen, wie sie ist. Da sind Typen, die glauben der Menschheit mit ihren Kampagnen und ihrem Werbeschrott etwas Gutes zu tun und sich unendlich wichtig nehmen. Und diese Selbstgefälligkeit kommt so auch in der Person der Birgit gut rüber. Zum Beispiel auch der Satz

Eine der Todsünden, denen sie nie erliegen wollte. Neid, Geiz und Faulheit.

Sind übrigens drei Todsünden - das hört sich so selbstgefällig an, so – ich bin ja so cool, so positiv, und ich kann alles erreichen, mit eigenen Mitteln und aus eigener Kraft. Und ich würde mich nie gehen lassen. Und dann verliert sie das Password für den Zugriff aufs Firmennetzwerk und ihre Fassade bricht auf einmal zusammen und sie benimmt sich wie eine 13-jährige Schülerin bei ihrem ersten Date. Das ist sicher nicht dem Whisky zuzuschreiben, nein da steht halt plötzlich dieser ausgezeichnete Werbefuzzi vor ihr und mit seiner Lässigkeit nimmt er ihr den Wind aus den Segeln. Naja, das ist dann doch auch wieder irgendwo gut, diese Gegensätze so herauszuarbeiten. Sie hat trotzdem ein echtes Problem mit sich selbst, mit ihrem Selbstwertgefühl. Sie will unbedingt gut sein, besser als alle anderen. Ihre Karriere geht ihr über alles, sogar ihr Verhältnis zu Gustav ist dadurch in Probleme geraten, sie hat zugunsten des Jobs auf Kinder und Ehe verzichtet. Falls sie mit Gustav noch zusammen ist, das wird nicht so deutlich, erträgt sie ihn wohl nur noch mit mehr als vier Bier und zwei Schnäpsen. Das wird aus folgendem Absatz klar:

Schachtel mit gefundenen Muscheln und Steinchen, in der auch noch die Rechnung aus dem Restaurant lag, in dem Gustav sie das erste Mal geküsst hatte. Adlerhof, vier große Bier, ein paar Schnäpse, mehr brauchten sie damals nicht.

Aber da sie diese Rechnung noch aufhebt als Reminiszenz an ihr erstes Rendezvous mit ihrem damaligen geliebten Gustav, und die Muscheln und Steine erinnern wohl auch irgendwie an ihn, hat sie vielleicht doch noch Gefühle für ihn, gesteht sie sich aber nicht ein, aus lauter Coolness.

Sie ist irgendwie diese typische Karrierefrau. Stolz, ehrgeizig, sich ja keine Blöße gebend und keine Schwäche zeigend. Sie bestreitet natürlich jegliche Eifersucht auf Jahns Erfolg, aber in Wirklichkeit springt aus jedem ihrer Worte der Neid, dass er offensichtlich ohne größeren Aufwand, allein aufgrund einer guten Idee solchen Erfolg hat. Dann muss sie sich natürlich über sein Äußeres auslassen – er ist bereits mittleren Alters, neigt zur Glatzenbildung, trägt altmodische Kleidung (braungelbes Tweedjacket und grüne Cordhosen - ich stelle mir mal allein die Farbkombination vor braun, gelb grün - Igitt).

„Können Sie mir helfen?“, fragte sie schüchtern.
„Kommt drauf an, wobei!“
Sie glaubte ein freches Grinsen zu sehen, ganz kurz nur, dann war das Gesicht wieder glatt, aber es reichte, um sie noch weiter zu verunsichern.

Da bricht ihre Souveränität vollends zusammen, ab da entwickelte ich wirklich sowas wie Sympathie für sie. Am Schluss wird ihr Dilemma nochmal deutlich, als sie von dem Jungen aus ihrer Klasse träumt, der offensichtlich auch nur über Beziehungen (reicher Vater) zum Erfolg kommt. Allerdings scheint auch diese Junge, ähnlich wie Jahn, vielleicht gar kein Interesse zu haben von irgendwem protegiert zu werden. Darauf deuten die Zeichnungen, Gnome, Drachen, Ritter – gewissermaßen eine Flucht aus der realen Welt in die Fantasy – an. Bei Jahn im Büro sieht sie ja auch diese Zeichnungen von Fahrrädern, was – ebenso wie die Szene, als er offensichtlich irgendwas an ihrem Fahrrad herumbastelt – auch darauf hindeutet, dass er vielleicht, obwohl so erfolgreich als Werber, gar kein wirkliches Interesse an diesem Werbescheiss hat und viel lieber Fahrräder entwerfen und bauen würde.

Ihr Dilemma ist dabei, dass sie wohl doch eifersüchtig auf diese Jungs und Männer ist, denen alles so zufliegt, was sie sich hart erarbeiten muss, durch Fleiß und Ehrgeiz. Doch insgeheim wäre sie wohl auch lieber so locker drauf.

Ein paar störende Kleinigkeiten

Birgit arbeitete an einer Longcopy über die Vorzüge Kanadas als Urlaubsziel.

Den Begriff Longcopy verstehe ich nicht, bzw. weiß jetzt dank Google, dass das wohl aus der Werbebranche kommt. Vielleicht für den „normalen“ Leser keine solchen Fachbegriffe verwenden.

Vor Robert Jahns Büro und wählte sie Ann-Maries Nummer

das und gehört da wohl nicht rein

Sowas musste sich irgendwann lieblos anfühlen

So was getrennt, als Kurzform von so etwas

„Was zum Teufel wollten sie!“

„Was zum Teufel wollen sie!“ Da die Szene in der Gegenwart spielt.

Erstmal

erst mal, getrennt, glaub ich.

Ja, eigentlich gerne gelesen. Ein bisserl mehr Emotionen vielleicht.

Resi26

 

Hallo Resi26,

Wow, danke für deine ausführliche Kritik. Leider fühle ich mich sehr angesprochen. Jawohl, ich gestehe, ich hatte auch schon den Verdacht, dass es nicht so ganz richtig gelaufen ist. Aber ich habe gehofft, dass es bloß meine Perspektive ist. Schließlich habe ich Dinge in die Geschichte einfließen lassen, bei denen ich gedacht habe: die kann man nicht übersehen. Aber ja, man sieht sie nicht. Sie sind nicht ausformuliert, dafür aber der ganze andere Kram. Hm. Das heißt also überarbeiten!
Trotzdem schön zu hören, was du der Geschichte abgetrotzt hast. Ist immer spannend. Dank dir dafür!

Liebe Grüße, Simone.

 

Liebe Simone,

deine Geschichte habe ich erst verstanden, als ich Resi26’s Kritik darauf las. Das spricht für Resi26 und durchaus auch für den Überarbeitungsbedarf des Textes, oder dafür, auch das ist möglich, dass ich mehr lesen sollte von dem Zeug, bei dem die Satzpunkte nicht nur Sätze beenden, sondern auch viel verbergen. Bei Hoek’s Fräulein Smillas Gespür für Schnee war mein Urteil ähnlich, da hatte ich auch das Gefühl, der Lektor hätte willkürlich Sätze gestrichen, um den Zusammenhang zwischen den übrigen vor mir zu verbergen.

Nehmen wir beispielhaft dieses Stück des Textes, alles, was mir das Verständnis nicht erleichtert, sondern mich eher sogar irritiert, habe ich fett gesetzt:

Der Name war oft erwähnt worden in ihrer Studienzeit. Einige der Professoren bauten eine Pause ein, die man mit Bedeutung füllen konnte, aber das war gar nicht nötig. Dafür gab es die Geschichte mit dem jungen Robert Jahn in der Tiefgarage, in der Hand seine Mappe und überall der Geruch nach Motoröl. Wahrscheinlich wußte er gar nicht, wer der Typ war, der da um seinen Wagen herumlief und nach Kratzern suchte. Vielleicht wollte er bloß ein bisschen quatschen, zum Warmwerden fürs Vorstellungsgespräch, so wie Birgit es heute morgen vor ihrem Spiegel getan hatte.
Die Agentur war damals noch recht unbedeutend, versuchte gerade sich aus dem Niedrigbudget herauszuretten, und auf der Etage minus Eins redete Jahn mit ihrem wichtigsten Kunden, klopfte ihm auf die Schulter, freute sich über sein Auto und offenbarte Ideen, die zwar auch andere hatten, die aber noch nie auf das Ohr eines Kunden getroffen waren.

Ich habe überlegt, wie ich das möglichst im stilistischem Einklang mit der übrigen Geschichte umformulieren würde >> Der Name „Jahn“ fiel oft in ihrer Studienzeit. Professoren ließen gern eine bedeutungsschwangere Pause und erzählten, wie er in einer Tiefgarage einen Typen sah, der um seine anscheinend niegelnagelneue Limosine herumstolzierte, sichtlich froh, dass er keinen Kratzer fand. Jahn sprach ihn einfach an, bloß so, um fürs Vorstellungsgespräch warm zu werden. Die Agentur, bei der er sich da beworben hatte, versuchte gerade, sich aus dem Niedrigbudget herauszuretten, und auf der Etage minus Eins redete Jahn mit ihrem wichtigsten Kunden, klopfte ihm auf die Schulter, freute sich mit ihm über den Wagen, der da funkelt im Schein des Neonlichts, und offenbarte Ideen, die zwar andere auch mal gedacht, dann aber als zu kühn verworfen hatten.

Oder so. Jedenfalls empfehle ich dir, bei der Überarbeitung die Bezüge zwischen den Sätzen und Satzteilen näher in Augenschein zu nehmen und sie teils zu explizieren, teils etwas mehr an der gemeinen Konvention auszurichten.


Viele Grüße und frohe Ostern,
-- floritiv

 

Lieber Foritiv,

danke für deine Kritik. Ja, es ist alles ein bisschen arg konstruiert geworden. Hab solange daran herumgebastelt, dass wichtige Punkte fehlen, die ich mir schon so eingeprägt hatte, dass ich sie nicht vermisste.

Nun, überarbeitet wird sie, aber höchstwahrscheinlich so stark, dass es von einer anderen Seite aufgerollt wird und die Sätze eh andere werden. Danke für deinen Vorschlag, aber das ist dann doch auch wieder zu sehr erklärend und auch noch durcheinandergeraten, was den Sound angeht. Ich denke eher an Beschreibungen, die aus der Phantasie des Pro kommen und eben auch etwas über sie verraten, ohne sich stringent an den Plot zu halten. Darum geht es da ja weniger.

Viele Grüße und auf ein Neues!
S.

 

Hallo Simone!

Mir hat das Lesen hier großen Spaß gemacht, ich mochte die Dichte des Textes, auch wenn die bei meinen Vorkritikern nicht so gut anzukommen scheint.
Nur ein paar Mal, zB bei dem Teppich, der in einer fremden Sprache zu flüstern scheint, bin ich zusammengezuckt. Das war mir dann auch zu dick aufgetragen.

Ansonsten fand ich das Motiv toll, wie da jemand unverdient oder zumindest zufällig zur Legende wurde, eine ganze Karriere lang Ehrfurcht genießt, und alles ist auf Schaum gebaut, das "Genie" arbeitet eigentlich gar nicht ...
Und dagegen die Ich-Erzählerin, natürlich nicht neidisch, naaain ;) aber skeptisch doch von Anfang an, und tatsächlich hat sie Recht. Unfair, wie sie sich alles erarbeiten und Opfer bringen muss, die Starke geben und dann in Tränen ausbrechen vor "der Legende" ...
Doch, fand ich gut gemacht.

Also ohne meine Vorkritiker zu lesen hätte ich nicht gesagt, dass da mehr Erklärungen reingehören. Aber ich hatte an paar Stellen das Bedürfnis zu sagen "nanana, nich auf Deuwel komm raus über-poetisch werden". Siehe den Satz mit dem Teppich, der sich richtig eingebrannt hat bei mir.

Trotzdem hat mir die Geschichte echt Spaß gemacht :)

 

Hallo Möchtegern,

erstmal dank fürs Kritisieren.
Tatsächlich bist du der erste, der die Geschichte überhaupt so zusammengefasst hat, wie ich sie angelegt hatte.
Das gibt immerhin ein kleines bisschen Hoffnung, dass mein
Ploten nicht völlig im Sande verläuft.
Aber nichts desto trotz, wird sie eine neue Fassung kriegen, ohne Teppich!!!
Vielleicht Laminat, Parkett, Dielen oder schwindelerregenden Terrazzo.
Jaja, die literarischen Stellen, da muss man aufpassen, sonst hat man ein Loch.

Viele Grüße!

 
Zuletzt bearbeitet:

Mmmmhhh, ich weiß nicht, ob du die Geschichte wirklich so doll überarbeiten musst! Also bis auf den Teppich, der Möchtegern missfiel. Für mich persönlich war er erst mal so auffällig, dass er sich zusammengerollt hat. Sprich ich bin nicht direkt über ihn gestolpert, hehehe, ich musste ihn erstmal suchen, also hat mich auch nicht so gestört. Aber du und Möchtegern, ihr werdet schon Recht haben.

Klar, wenn man etwas sprachlich neu und ungewöhnlich ausdrücken will, dann greift man halt manchmal in die falsche Kiste.

Ich fand die Frau auch nicht so werbeweltmäßig charakterisiert, dass es mich gestört hätte, sondern eher ambivalent. Als jemand, der die Maßstäbe, in denen sie arbeiten und leben muss volle Pulle teilt, obwohl sie gleichzeitig darunter leidet. Eine, die sich leider nicht traut, so dass sie sich sogar lieber ins Röckchen macht, statt nach dem Klo zu fragen. Als jemanden, der sich immer hat anstrengen müssen, während den Kerlen immer alles zufiel. Ob das nun der Junge in der Klasse ist oder der Ausgezeichnete oder die Männer in den Filmen, die der Gustav so liebte. Die Frauen sind in den Momenten, die richtig gut sind, nie dabei.
Ich fand die Frau gut charakterisiert, und die Stelle, als sie ins Weinen ausbricht vor einem der Typen, denen gegenüber sie misstrauisch ist, die fand ich sehr stark. Diese ganze Szene mit dem Sich-nicht-trauen zu sagen, dass man pinkeln muss, und sie erzählt das dann alles und es ist superpeinlich und der Jahn sagt einfach nur "Verstehe". Das fand ich schon bemerkenswert. Auch die nachfolgende Beschreibung, wie der Hund das Pinkelpäckchen gefressen hat, das ist alles was, wo es riecht und sinnlich greifbar ist. Find ich gut.
Die Frau glaubt, dass die Kerle sich insgeheim was rausnehmen und dann auch noch so beneidenswert cool sind und so gar nichts darauf geben, wie sie angesehen sind.
Da kann man schon mal die Fassung verlieren.
Und dann stellt sich raus, dass der Ausgezeichnete ziemlich whiskyumflort noch nicht mal den Code kennt und keine Sau das bemerkt. Schon irgendwie auch tragisch, so ein cooler Manager, der lieber Fahrräder basteln würde und sich das nicht traut.

Vielleicht gibt es als Manko des Textes ein paar Stellen, die ein wenig kryptisch wirken, weil du zuviel unterstellst. Floritiv hat schon darauf hingewiesen. Die von ihm zitierten Stellen haben mich jetzt weniger gestört. Ich hätte zwei andere. Aber insgesamt empfinde ich das alles nicht als etwas, weshalb man die gsamte Geschichte umbauen müsste, sondern eher als Klein- und Feinarbeit. Für meinen Geschmack ist dir das alles ganz schön gut gelungen.

Diese beiden Stellen erscheinen mir ein bisschen zu knapp, zu kryptisch:

Birgit war in den zweiten Stock berufen worden. Jemand sei ausgefallen, hieß es. Keine Ahnung, was das war – ein Ausfall. Ihre Kollegen verstummten, wenn sie den Fahrstuhl betrat und auf die Zwei drückte. Sie grüßten zwar noch, tauschten Floskeln und so, aber das hieß nichts mehr.

Falls du es vorher geschreiben hast, habe ich es übersehen. Es klingt, wie wenn sie auf der Karriereleiter raufgeklettert wäre, und so meinst du es höchstwahrscheinlich auch, und dass das auch soziale Folgen nach sich zieht, doch es kommt ein wenig rätselhaft daher.

Es gab eine Regel, die besagte, dass man ein Büro nicht betreten, nicht mal klopfen durfte, wenn das Schild draussen hing. Es waren Schilder, die man aus Hotels kannte, auf denen Bitte nicht stören/ Do not disturb stand. Birgit hatte es selbst noch nie rausgehangen, auch jetzt nicht. Sie hielt ihren Ausdruck in der Hand und suchte den Flur nach jemandem ab, den sie fragen konnte.
(...) wählte sie Ann-Maries Nummer, obwohl sie wußte, dass ihr Handy ausgestellt war, damit Lukas schlafen konnte. Damit waren alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Jetzt konnte sie klopfen.

Unterstellt ist hier, dass sie in eine Notsituation geraten ist, jedenfalls aus ihrer Sicht sie braucht dringend Hilfe, kann aber niemanden fragen.
Auch das ist aber so ein bisschen sehr hintergründig ausgedrückt.
Interessant fand ich in diesem Zus., dass auch an dieser Stelle Sichtrauen Thema ist, sie muss erst vor sich selbst klar machen, dass es keine andere Möglichkeit mehr gibt als das Klopfen, dann erst kann sies auch.

Also ... hat Spaß gemacht
Grüße von Novak

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo,

also die Geschichte ist sehr gut.
Allerdings lese ich sie auf eine Weise, die ziemlich kritisch zu der Hauptfigur ist. Das ist für mich eine Frau, die irgendwann hochschaut von ihrem Leben und merkt: Mann … ist es das jetzt echt?
Es ist vielleicht die Konfrontation mit dieser viel lauteren Ann-Marie am Anfang, die ihr ganzes Leben so ein bisschen durchschnittlich erscheinen lässt. Ich glaube, das ist das Problem der Hauptfigur, es ist so … normal alles. Sie hat einen Mann – und es ist alles fade.
Die Stellen dafür sind die Kanada-Werbung, die sie plant. Da malt sie sich ein Szenario aus, in dem Gustav so richtig glücklich wäre – und dann ist da: Ja, Frauen kommen da nicht vor.
Und auch: Wenn ich was will – und ich will nicht viel, weil ich vernünftig bin -, dann krieg ich das ja gleich. Hm, Leidenschaft ist das auch nicht.
Sie versagt sich 3 der Todsünden, behauptet sie – Wollust, Völlerei – die spaßigen, hedonistischen Todsünden will sie, kriegt sie aber nicht. Das ist die Szene mit dem Jahn. Sie denkt, sie muss da nur ein bisschen den Finger ausstrecken und der Rest passiert schon von allein, es tut sich aber gar nichts. Das ist die Szene, wenn er mit den Händen auf den Knien dasitzt, und sie sagt: Will der mich provozieren?
Das ist schon wirklich gut gemacht. Es gibt in der ersten Staffel der Sopranos eine Szene, da will Camilla Soprano(Mutter mit zwei Kindern) den knackigen Priester verführen, aber ohne es zu tun. Sie bringt ihn ständig in die Lage, nur zugreifen zu müssen, aber er tut es nicht. Und damit kann sie auch leben, denn: Er ist ja Priester; bis sie ihn dann dabei erwischt mit einer etwas jüngeren, etwas hübscheren Frau anzubandeln. Da geht sie dann fast tilt.
Und hier in der Geschichte ist das auch so, find ich. Da ist die Frau, die sich wegtragen lassen will vom Sturm, und dann sauer wird, dass da gar nichts passiert. Auch die Geschichte mit dem Pinkeln – wie peinlich ist das denn bitte? Statt dass sie den Rock auszieht oder sich körperlich entblößt, kommt der Seelen-Striptease hier.
Und ich denke der Mann hier – da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er sieht sie wirklich nicht als sexuelles Objekt – oder er will, dass sie es ihm direkt sagt: Ich bin eine Ehefrau, ich bin unglücklich, ich will dich. Ich denke es ist das zweite. Warum sollen eigentlich die Männer immer die bösen sein? Warum soll man den Frauen diese Schuld abnehmen? Sie will ihre Ehe brechen, sie ist unglücklich mit ihrem Leben, sie fragt sich, wie ein anderes Leben so wäre, wie andere Erfahrungen so wäre – und warum soll es dann am Mann liegen, diese moralische Schuld auf sich zu nehmen?
Was ich seltsam finde ist das Ende vielleicht. Das läuft dann tatsächlich so, dass sie sagt: Da sind die Privelegierten und da bin ich. Und die kommen mit allem durch. Vielleicht ist die Geschichte wirklich so gedacht Dass die armen, leisen Frauen, die Arbeit machen und die bösen Männer mit Arsch voran in den Goldtopf fallen. :) Man kann's auch so lesen, ja, ich fände es so aber öder.
Vielleicht ist sie eine super professionelle Frau, die sich nichts gönnt und immer fokussiert ist. Aber bei so einer Stelle:

Gustav hätte es sicher gut gefunden. Er war mit allem, was sie vorschlug, einverstanden. Das war seine Schwäche. So was musste sich irgendwann lieblos anfühlen.
Liegt es da nicht nahe, bei der Hauptdarstellerin eine Sehnsucht zu vermuten?

Und bei anderen:

An ihren Unterarmen waren schlanke Muskelstränge zu sehen und auf den Handflächen pochten geschwollene Adern. Ein Anblick, den Birgit außerordentlich schön fand.

Er zog Birgit zu einem Paar Ledersesseln hin, die in der Ecke neben dem Bücherregal standen.
„Hier“, sagte er und deutete auf die Sitzfläche. Sie wischte sich die Augen und taumelte in das Braun.
Also ich finde meine Lesart schon im Text verankert, und war bisschen enttäuscht, als ich dann gesehen hab, dass du es so gemeint hast wie Möchtegern es gelesen hat.

Zum Stil: Ich fand die ersten 2 Absätzen unheimlich anstrengend, ich hätte die Geschichte normal nicht gelesen, wenn sie mir nicht jemand empfohlen hätte. Es ist – innerhalb der Logik der Geschichte – gut, dass die Absätze so sind. Mit dieser lauten Ann-Marie und dieser Hektik dieses Lebens, aber ich frage mich, ob man da nicht viele Leser sofort abschreckt?
Also die ersten zwei Absätze sind keine gute Visitenkarte für die Geschichte, weil ich denke, dass es da um ganz andere Töne geht.
Insgesamt ist der Text an der Oberfläche, finde ich, erstaunlich hässlich, die Sätze und so, es klappert oft, und erst wenn man genauer hinsieht, erkennt man die hohe Qualität der Geschichte, dass in den Handlungen, die stattfinden, sich das Innenleben der Figur spiegelt (diese Kanada-Werbung, das ist wirklich groß, wie man über ihre Sicht der Werbung, Zugang zu ihrem Innenleben bekommt).

Ciao
Quinn

 

Hallo Simone,

insgesamt hatte ich beim gestrigen Lesen das Gefühl, dass sich mir der springende Punkt der Geschichte nicht erschließt. Ich konnte etwas nicht sehen, wovon ich das Gefühl hatte, dass du es zeigen willst. Das kann ja an vielem liegen, ich habe auch nur einen Durchgang gemacht, dazu der Sonntagstran. jedenfalls hat mir der Ausgezeichnete auch so gefallen, als Relikt und Legende der eigenen Leistung, in ein kafkaeskes Büro abgeschoben, wo er das Kommen und Gehen der Tage durch einen hübschen Whiskeyschleier betrachtet. sind ein paar sehr schöne Beobachtungen darin, interessante Figuren, das alles auf der idealen Länge für kurzweiliges Erzählen. einige Untsimmigkeiten sind da für mich noch vorhanden, dazu gleich im Einzelnen.

hab mir da nämlich ein paar Punkte notiert.

Irgendein Putzmittel hatte einen interessanten Geruch im Flur hinterlassen.

so Beobachtungen machen mich neugierig auf die Figur. wenn sie eine besondere Empfindlichkeit hat für sinnliche Wahrnehmung, Geruch ist da auf jeden Fall interessant, aber auch sehr herausfordernd. hier passt es für mich nicht. ich kann mir keinen Fall von interessant riechendem Putzmittel vorstellen. und als ironischer Kommentar wäre es zu brav.

deren kräftiger Pferdeschwanz hin und her schwang, mit einer Spur Mandel.

ist die Farbe des Haars gemeint, der Duft ihres Shampoos - ah, okay. das wird der Duft sein, okay, gut. wir haben hier eine Figur, die auf so was geeicht ist, das heißt so Fragmente werden damit zu tun haben, dann ist es gut. erst dachte ich, man sollte das deutlicher machen, aber nein, gerade nicht!

Maier, Greiner – das eierte mächtig!

mag ich

Die Agentur war damals noch recht unbedeutend, versuchte gerade sich aus dem Niedrigbudget herauszuretten, und auf der Etage minus Eins redete Jahn mit ihrem wichtigsten Kunden, klopfte ihm auf die Schulter, freute sich über sein Auto und offenbarte Ideen, die zwar auch andere hatten, die aber noch nie auf das Ohr eines Kunden getroffen waren.

Tiefgarage, Auftrag an Land gezogen? Wahrscheinlich. ist mir etwas zu verrätselt der letzte Nebensatz. und 'offenbarte Ideen' ... 'auf das Ohr getroffen waren' - dieser Ton. muss das so, soll das so? nur mal so gefragt.

Es war dieses Stirnrunzeln, das sie befiel, wenn von unverdienten Zufällen, eingebrannten Schicksalen, Bestimmungen und schlimmstenfalls Sternenkonstellationen die Rede war. Alles, was Birgit bisher erreicht hatte, beruhte auf Arbeit.

stark und gut auf den Punkt

Sie hätte es gern abgenommen, damit es sie nicht mehr einsaugen konnte.

damit sie nicht mehr davon eingesaugt werden konnte? ist etwas länger, aber dafür muss man die Perspektive nicht wechseln. weiterhin die Figur, der im Passiv etwas geschieht. ich würde auch hier etwas einbauen von wegen des Gefühls, eingesaugt zu werden, um eventuellen Stirnrunzeln und Lachfältchen vorzubeugen, aber das muss natürlich nciht.

Weite, Wolken, Wald, Wandern, Wild

Hahaha, das sind so Werbungs-W's, eine fünfer-Alliteration, bravo! Wunder passte noch, aber dann wirds schon zu lang, strapazierend. aber von der Sache her, Wunder gehen immer in der hohlen Schlagwortparade.

Die nächsten Tage sah sie ziemlich oft aus dem Fenster, in Erwartung einer Wiederholung, die ihr selbst unsinnig erschien. Aber dann passierten andere Dinge und sie dachte nicht mehr daran.

ja, gut gesetzt. wirkt so lehrbuchmäßig - so, und jetzt nach dem Drittel machen wir mal eine Vorausschau, das macht den Leser neugierig. ;-) Hätte ja geklappt bei mir.

Sie dachte daran, die Stimmung aufzulockern, blieb dann aber doch stillschweigend mit ihren frisch formulierten Sätzen im Fahrstuhl zurück

gefällt mir

So was musste sich irgendwann lieblos anfühlen.

man darf natürlich nicht vergessen, "Schatz" zu sagen. optional ist auch ein "Hase" möglich, oder "Hasi". wieso nennt eigentlich keine Frau ihren Schatz Muschi, wenn er wie in "Hase" schon nach dem Vorbild von irgendwie niedlichen Schmusetierchen benannt wird, warum nicht nach dem Vorbild der verniedlichten Katze "Muschi"? Das gäbe schöne Dialogmöglichkeiten.

Kaffeeküche

warum nicht einfach Küche?

An der Wand wirkten sie plötzlich kitschig. Aber was sollte sie machen? Erst als Lukas krank wurde, fiel ihr die Lösung ein. Sie schaffte es, Ann-Marie zu überreden, die Bilder für Lukas mitzunehmen. Ein Kind, wie er, würde sie zu zerstören wissen.

leicht böse Cleverness, so was kann richtig Spaß machen. :thumbsup:

sein Jacket lag hinter ihm quer auf dem Schreibtisch, als wollte es etwas verbergen.

muss das Textil hier belebt werden? warum nicht sollte. okay, ist ne Korinthe

Die Tante zerrte so heftig am Reißverschluss ihres Rockes, dass ihre Lieblingstrumpfhose hinten aufriss und als Birgit wieder rausdurfte, fühlte sie die kratzenden Papierhandtücher in ihrem Schlüpfer hin und herwackeln, wie einen Fremdkörper, und sie hatte die Vorstellung, dass alle es sehen konnten.

feine Matroschka-Geschichte. auch der innere Erzählfluss, so zwingend

also ich sag mal ganz bescheiden und zurückhaltend, dass das Vorschläge sind, die natürlich meistens nicht umgesetzt werden müssen, weil es so, wie es da steht, durchaus funktioniert. nur um das klarzustellen. ist ja schon sehr gut geschrieben, hat Spaß gemacht zu lesen und zu kommentieren.

Kubus

 

Hallo und vielen Dank für die Kritiken,

kann ich gut gebrauchen. Es sind schon ziemlich stark unterschiedliche Stimmen dabei. Das ist toll, bringt mich aber jetzt selbst ein wenig durcheinander. Ich laß das erstmal sacken und schaue, was, wie dabei herauskommt. Ein paar Punkte haben aber schon Boden gefunden:

Der spingende Punkt (danke kubus!)

Das Ende (danke Quinn!)

Grüße!

 

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