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Dem Himmel so nah

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04.11.2003
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Dem Himmel so nah

Haben Sie je in Ihrem Leben Lotto gespielt? Sind Sie je dem Reiz des großen Geldes erlegen und haben einen Schein ausgefüllt? Mit den üblichen Zahlen: Geburtstagsdaten, Schuhgrößen und Lebensalter.
Ich rate Ihnen eines: gehen Sie zu einer Suchtberatungsstelle, lassen Sie sich von der Sucht nach zu viel Geld heilen, arbeiten Sie weiter bis Sie mit 85 das Recht auf eine Pauschalrente von 250 € verdient haben und ziehen Sie in ein Altersheim (praktischerweise eines in der Nähe des Friedhofs … schön ruhig und der Weg ist denn später nicht mehr so weit).
Damals, es ist jetzt 5 Jahre her, habe ich im Lotto gespielt mittel- und arbeitslos wie ich war, war ein Los meine letzte Chance. Ich kratzte mein letztes, sauer erbetteltes Geld zusammen und füllte einen dieser Scheine aus um dann, zufrieden zu Hause angekommen, denselben prompt zu vergessen.
Durch einen jungen Mann, der am Montag vor meiner Tür stand, mit einer Frisur die jeden Pudelwettbewerb gewonnen hätte, wurde mir dieser Schein wieder aus den Nebeln meines im Alkohol ertränkten Gedächtnisses hervorgeholt. Und nachdem ich mir überlegte welche meiner 2 Hosen ich an dem Samstag an hatte, die Pudelfrisur sagte mir das er eine freudige Nachricht bezüglich dieses Glücksloses hätte, fand ich auch den Lottoschein in der entsprechenden Gesäßtasche. Mit einem Grinsen, welches jedem blend-a-med-Breitgrins-Zahnarzttochter-Lachen zur Ehre gereicht hätte, eröffnete er mir, dass eben dieses Los den Jackpot geknackt hat.
Den Lotto-Jackpot.
15 Millionen Euro.
Damals, als ich aus der Feier die selbst die Dieter-Bohlen-Todestag-Gedenkfeier überbieten würde, erwachte, war ich noch guten und frohen Willens. Ich träumte von weißen Stränden und blauen Himmeln, von schnellen Autos und edlen Casinos, von abgeschmetterten Alimenteklagen … ich träumte eben davon, von dem jeder Mann in meiner Situation träumen würde.
Aber alles kam, wie sollte es anders sein, ganz anders.
Es begann mit dem mir nur dunkel in Erinnerung gebliebenen Pastor, der mir meine weltlichen Sünden mit einer Pauschalabsolution und einem Überweisungsträger über einen 5-stelligen Betrag abnehmen wollte. Es folgten alte Freunde der Schulzeit ("Konnte doch niemand ahnen, dass die Jacke so schnell brennt … aber wir waren doch immer gute Kumpels"), ortsansässige Banken ("Vertrauen Sie mir, eine Investition in Nepalesische Rupien steigert ihr Vermögen beträchtlich"), Wirtschaftsspezialisten ("Nachfüllpacks für Marmeladengläser werden der große Renner"), Versicherungsvertreter ("Jeder Mensch braucht eine Todesfallversicherung für den Fall, dass er von herab fallenden Fallschirmspringern erschlagen wird") und Umweltschutzverbände ("Die südaustralische Wanderheuschrecke muss gerettet werden").
Nachdem ich, vollkommen verzweifelt aufgrund frühmorgendlicher Telefonanrufe und Einstellung eines eigenen Postzustellers zur Bewältigung der bei mir eingehenden Post, mehrfach die Telefonnummer, die Strasse, den Ort und das Land gewechselt habe, kam ich zu der Erkenntnis, dass selbst der Wechsel des Planeten keine wirkliche Alternative wäre.
Reumütig in mein Schicksal ergeben habe ich mich von meinem Lieblingsversicherungsvertreter, ich dachte immer Herr Kaiser wäre eine Werbefigur, zum Abschluss einer Lebensversicherung durchringen können. Und genau diese brachte mich in einer von Live-Übertragungen vor dem Haus gestörten Nacht auf eine geniale Idee:
Meinen Tod.
Erlösung.
Der Himmel.
Ich engagierte also einen Killer, der sich durch sauberes Töten, sauberes Rauben, saubere Brandstiftung und eine dreckige Seele auszeichnete. Er sollte mich erschießen, mein Haus ausräumen, ein Feuerchen legen und sich dann aus dem Staube machen. Für den Fall meines gewaltsamen Todes habe ich meine Lebensversicherungsprämie auf eine durch Zufall (ich hatte genug von alten Freunden und Lieblingstanten), aus dem Telefonbuch herausgesuchte Person ausstellen lassen.
Diese Person war zufällig eben dieser Killer.
Der zufällig gerne flog.
Nach Hawaii.
Nur Hinflug.
Mit einem Schrankkoffer im Gepäck.
In meiner Größe.

 

Hallo Lemmi,

deine Geschichte fand ich recht witzig. Ok, der Lottogewinn und die nachfolgenden Unbillen werden die Humorrubrik nicht revolutionieren, aber es war dennoch flüssig zu lesen.
Was mir sehr positiv aufgefallen ist: du kannst formulieren, und zwar auf eine Art und Weise, bei der ich mir sicher bin, daß du mich bei einem anderen Plot ganz sicher zum Lachen bringen könntest – und das will bei mir schon was heißen :D

Detailanmerkungen:

und ziehen Sie in ein Altersheim (praktischerweise eines in der Nähe des Friedhofs … schön ruhig und der Weg ist denn später nicht mehr so weit).
Eleganter im Sinne eines gepflegten Sarkasmus fände ich:
„... schön ruhig, und der Weg ist dann später auch nicht mehr so weit.“
Das klingt irgendwie runder.

Und nachdem ich mir überlegte welche meiner 2 Hosen ich an dem Samstag an hatte, die Pudelfrisur sagte mir das er eine freudige Nachricht bezüglich dieses Glücksloses hätte, fand ich auch den Lottoschein in der entsprechenden Gesäßtasche.
Ziffern/Zahlen zur besser Lesbarkeit ausschreiben, jedenfalls immer dann, wenn es kurz und prägnant lesbar ist (Grundregel: Ziffern/Zahlen bis 12 werden immer ausgeschrieben)
„an hatte“ = „getragen hatte“ -> ist geschmeidiger
Die Pudelfrisurbemerkung würde ich nicht zwischen Kommata setzen – Spiegelstriche scheinen mir wesentlich treffender zu sein.
Vorschlag für den ganzen Satz:
„Und nachdem ich mir überlegte, welche meiner zwei Hosen ich an dem Samstag getragen hatte – die Pudelfrisur sagte mir, dass er eine freudige Nachricht bezüglich dieses Glücksloses hätte –, fand ich auch den Lottoschein in der entsprechenden Gesäßtasche.“

eröffnete er mir, dass eben dieses Los den Jackpot geknackt hat.
Tempus-Fehler: hatte

Aber alles kam, wie sollte es anders sein, ganz anders.
Auch hier plädiere ich wieder für Spiegelstriche:
„Aber alles kam – wie sollte es anders sein? – ganz anders.“
Evtl. ohne Fragezeichen.

("Nachfüllpacks für Marmeladengläser werden der große Renner")
:lol:

den Ort und das Land gewechselt habe, kam ich zu der Erkenntnis,
hatte

Reumütig in mein Schicksal ergeben habe ich mich von meinem Lieblingsversicherungsvertreter, ich dachte immer Herr Kaiser wäre eine Werbefigur, zum Abschluss einer Lebensversicherung durchringen können.
Hm, das wäre mir neu: „Ich habe mich von jemandem durchringen können“
Vorschlag:
„Reumütig in mein Schicksal ergeben hatte ich mich von meinem Lieblingsversicherungsvertreter – ich dachte immer, Herr Kaiser wäre eine Werbefigur – zum Abschluß einer Lebensversicherung bringen lassen.“
Allerdings ist „bringen lassen“ aus der Hüfte geschossen, klingt auch deppert. Vielleicht fällt dir ja eine bessere Formulierung ein.

Gut, soviel von mir.
Ich hoffe, du kannst mit dem einen oder anderen Vorschlag etwas anfangen.


Gruß,
Somebody

 

Hallo somebody

erst einmal Danke für deine konstruktive Kritik und dafür, dass dir meine Geschichte trotz allem gefallen hat.
Ich hatte, nachdem ich sie reingestellt hatte, auch selbst das Gefühl, dass sie ziemlich verworren klingt und nicht sooo witzig ist. Für mich war und ist eigentlich wichtig in wie weit ihr meinen Schreibstil mögt, eben ob sie flüssig zu lesen ist (und das war sie deiner Meinung nach ja auch). Ich weiß selbst, dass ich entweder mal was nicht-witziges schreiben sollte, auf jeden Fall aber meine Geschichten vorher ein wenig mehr plane und mich denn auch an einen solchen Plan halte.

Danke also noch einmal und ich mache weiter *droh* :D

 

Hallo Lemmi,

besonders witzig fand ich die Geschichte nicht, aber das scheint Dir ja auch nicht das Hauptanliegen gewesen zu sein. Wie Du selbst schreibst:

Für mich war und ist eigentlich wichtig in wie weit ihr meinen Schreibstil mögt, eben ob sie flüssig zu lesen ist
Also, mir hat der Schreibstil gefallen. Ich hoffe, noch mehr von Dir zu lesen. Deine Drohung, weiter zu machen, verpufft also ungelesen im Wind :D

Ach ja, den Einzelanmerkungen somebodys kann ich mich nur anschließen, vor allen Dingen, was den gepflegten Sarkasmus betrifft :cool:

Viele Grüße
George

 

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