Deeskalierend wirken
„Und Sie sind sich wirklich ganz sicher, dass Sie das tun wollen?“
Der Polizist guckt Peters aufmerksam von der Seite an. Peters drückt das Kreuz durch und schiebt das Kinn selbstbewusst nach vorne.
„Selbstverständlich! Hier geht es schließlich um die Kinder, da kann ich doch nicht einfach nur tatenlos zusehen!“ In Gedanken hängt Peters an: „Und die Chancen für meine Wiederwahl steigen natürlich auch...“
Er schaut sich um. Überall stehen die Leute vom SEK, Kamerateams und Schaulustige und versuchen, sich ein Bild von der Lage zu machen. Die lokalen Polizisten, die sonst gemächlich im Streifenwagen durch den Kurort Streife fahren, versuchen mit hochroten Köpfen, die Zuschauer hinter den Absperrungen zu halten. Währenddessen diktiert ein Pressesprecher der Polizeibehörde den Reportern in den Block, dass man die Situation unter Kontrolle habe. Unter Kontrolle. Das ist für Peters entscheidend. Denn das bedeutet: Keine Gefahr. Nur eine grandiose Möglichkeit für Werbung in eigener Sache.
Der Polizist an seiner Seite hat inzwischen den Einsatzleiter und einen Mann in Zivil heran gewunken. Der Einsatzleiter wirkt mit seinem Schnauzbart und der doch etwas fülligen Figur wie ein Wachtmeister aus dem Bilderbuch. Allerdings ist er weder gemütlich noch freundlich, sondern mustert Peters konzentriert und kühl. Peters gibt sich ganz entspannt und begrüßt den Einsatzleiter mit einem festen Händedruck.
„Guten Tag, Herr Oberkommissar!“
Der Einsatzleiter lächelt säuerlich und erwidert spitz: „Wenn schon, dann bitte Herr Polizeirat. Sie sind sich also ganz sicher, dass Sie den Austausch vollziehen möchten?“
„Aber ja, immer doch! Die armen Kinder müssen doch so schnell wie möglich da raus geholt werden.“
Der Einsatzleiter nickt und zeigt zum Mann in Zivil.
„In Ordnung, unser Psychologe Dr. Müller wird Sie vorbereiten. Schließlich wollen wir kein Risiko eingehen, nicht wahr?“
Peters wendet sich Müller zu, einem kleinen dürren Mann undefinierbaren Alters, der in einem gelb-braun karierten Tweed-Anzug mit etwas zu kurzen Hosen, der nicht zur roten Fliege passen will, vor ihm steht. Müller streckt ihm die Hand entgegen und verbeugt sich dabei leicht.
„Sehr, hm, angenehm, Herr, äh, Peters. Ich gehe davon aus, dass wir heute aller Wahrscheinlichkeit, ähem, ja, noch öfter mit, hm, mit einander zu tun haben werden. Ich, äh, ich bin nämlich auch der, nun ja, Erstsprecher bei diesem, ähem, Einsatz.“
Nach einer kurzen, aber unangenehmen Pause sieht sich Peters zu einer Antwort gezwungen: „Aha.“
Müller räuspert sich und fährt in seiner monotonen und tonlosen Stimme fort: „Oh, vielleicht sollte ich, äh, mich da erklären. Als, hm, sozusagen Zivilist sind Sie mit den, ähem, Fachbegriffen ja nicht zwangsläufig vertraut, nicht wahr? Erstsprecher bedeutet, dass ich, äh, nun ja, wie sagt man, also die Verhandlungen sozusagen mit dem, ähem, Geiselnehmer führe. Ein zäher Bursche, aber ich denke, dass wir, hm, gute Chancen haben, ihn in die, äh, Knie zu, tja, zwingen.“
Er keckert trocken und ein wenig unsicher.
Peters lacht sein kurzes Höflichkeits-Lachen, das er sich während einer Vielzahl von Bürgergesprächen auf Vereinsfeierlichkeiten und Grillfesten angewöhnt hat.
„Unglaublich! Da läuft eine Geiselnahme im Kindergarten und dieser Müller macht noch schlechte Witze,“ denkt er, während Müller ihn umständlich auffordert, ihm zu folgen.
Kurze Zeit später steht Peters wieder auf der Straße und atmet tief durch. Jetzt zittern seine Beine doch ein wenig. Vielleicht sollte er sich das Ganze noch einmal überlegen? Unsicher schielt er zu den Reportern, die die Kameras auf ihn richten. Nein, da muss er jetzt durch. Wenn er jetzt kneift, weiß es morgen der ganze Ort. Dann braucht er gar nicht mehr zur Wahl antreten. Erst große Töne spucken und dann klein beigeben, das kommt bei dem konservativen Klientel hier im beschaulichen Kurbad nicht an. Er schließt kurz die Augen und geht in Gedanken noch einmal durch, was gleich passieren soll. Als Müller ihm die Hand auf die Schulter legt, öffnet Peters seine Augen wieder.
„Ähem, ja, es ist nun alles sozusagen für den, hm, Geisel-Austausch bereit und auch, äh, vorbereitet. Sie können also zum Kindergarten, hm, herüber gehen, sobald ich Sie, also sobald ich Sie, hm, drüben, äh, angekündigt habe.“
Müller nestelt sein Handy aus der Anzugtasche und begibt sich nach vorne, um das vereinbarte Signal durchzugeben. Peters atmet langsam aus, sammelt sowohl Kraft als auch Mut und stellt sich neben Müller an das Polizeiauto, das direkt vor der kleinen Pforte zum Kindergarten parkt. Müller raunt ihm zu: „Und vergessen sie nicht, was ich Ihnen, äh, gesagt habe: Einfach die, äh, Ruhe bewahren und deeskalierend wirken. Dann kann auch nichts, ähem, passieren!“
Peters setzt sich entschlossen in Bewegung und hofft, dass er damit seine Beine überlisten kann, die am liebsten unter ihm nachgeben würden. “Jetzt gilt es!“, murmelt er vor sich hin.
Mit einem mulmigen Gefühl öffnet er die Pforte und beginnt, den Kiesweg zum Glaskasten mit dem Eingang entlang zu schreiten. Er kann die verängstigte Kindergärtnerin sehen, die wie vereinbart mit den fünf Kindern am Eingang auf ihn wartet. Ruhe bewahren und deeskalierend wirken. Ein wirklich toller Ratschlag, wenn man sich in die Hände von einem potenziell Verrückten mit einer Waffe begibt! Peters versucht bewusst zu Atmen, um seinen Puls zu beruhigen.
„Ruhig, ruhig, denk daran, wie du morgen als ein Held im Lokalteil gefeiert wirst!“
Ach was, Lokalteil. Mit dieser Aktion wird er es wahrscheinlich sogar in die überregionalen Blätter schaffen. ‚Der mutigste Bürgermeister Deutschlands!‘, so etwas in die Richtung, da ist Peters sich sicher.
Inzwischen steht er an der Tür zum Glaskasten und versucht sie zu öffnen. Seine Hände zittern noch ein wenig, aber jetzt ist er wieder entschlossen, die Sache durchzuziehen. Trotzdem passiert nichts, als er an der Tür rüttelt. Scheinbar ist sie noch abgeschlossen. Er sieht, wie der Geiselnehmer im Hintergrund nervös hin und her zuckt und mit fahrigen Bewegungen mit der Waffe in seiner Hand die junge Kindergärtnerin auffordert, die Tür aufzuschließen. Diese ist ebenfalls mit den Nerven am Ende, sodass es eine Weile dauert, bis sie es endlich geschafft hat. Dabei wird der Geiselnehmer immer hektischer. Auf eine seltsame Art wird Peters dadurch wieder ganz ruhig.
„Mein Gott, wer so durch den Wind ist, der kann doch gar nicht mehr lange durchhalten. Wahrscheinlich sitze ich in einer Stunde schon vor der Presse und gebe Interviews...“
Endlich hat die Kindergärtnerin die Tür aufgeschlossen und Peters geht hinein.
„Kommen Sie hierher, aber dalli!“, krächzt das Nervenbündel, das einen Geiselnehmer simuliert. Peters, der inzwischen Oberwasser fühlt, geht ruhig und entschlossen nach hinten. Im Vorbeigehen zwinkert er den Kindern zu, die verschüchtert hinter der Kindergärtnerin stehen, und tätschelt dieser den Arm.
„Keine Sorge, gleich haben Sie es überstanden!“
Als er beim Geiselnehmer angekommen ist, fordert dieser seine bisherigen Geiseln auf, den Kindergarten zu verlassen. Zitternd treten die sechs ins Freie. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, sind die beiden Männer alleine. Der Geiselnehmer schaut Peters kurz misstrauisch in die Augen, bevor er mit der Waffe auf einen viel zu kleinen Stuhl zeigt.
„Setzen Sie sich so hin, dass ich Sie im Blick behalten kann. Und keine Mätzchen!“
Dann stiert er durch die Glasfassade des Eingangs auf die Straße, bis das Telefon zu klingeln beginnt.
Peters sitzt auf dem kleinen Stuhl, der noch viel ungemütlicher ist, als er es sich vorgestellt hat und starrt auf die Uhr an der Wand. Schon vier Stunden! Gelangweilt lässt er Luft aus seinen Backen entweichen, während er zum wahrscheinlich tausendsten Mal mit dem Blick dem Linienmuster an der Wand folgt. Währenddessen redet der Geiselnehmer, der Blaszcyk heißt, zum x-ten Mal mit Müller.
„Hören Sie, da muss es doch eine Lösung geben. Meine Frau...“
Er hört sich nickend an, was Müller am anderen Ende der Leitung erwidert. Dann schüttelt er energisch den Kopf.
„Nein, nein, nein! Sie verstehen das immer noch falsch. Lassen Sie mich doch einfach...“
Er beginnt wieder zuzuhören, wiederum vom Nicken begleitet.
„Aha... aha... aber dann kann ich mit meiner Frau reden, oder?“
Blaszcyk klopft nervös mit den Fingern auf dem Tisch herum.
„Wie oft soll ich es denn noch sagen? Ich muss erst mit meiner Frau reden! Was ist das hier? Ein Ablenkungsmanöver? So geht das doch nicht! Wieso nehmen Sie mich denn nicht ernst? Ich rede erst wieder mit Ihnen, wenn Sie vernünftig werden!“
Seine Stimme überschlägt sich fast vor Aufregung. Wütend legt er auf und schnaubt vor sich hin. Peters rollt die Augen nach oben und schaut an die Decke. Seit Stunden das gleiche Spiel: Müller ruft an, Blaszcyk stellt die Forderung, mit seiner Ex-Frau reden zu wollen, Müller macht auf seine umständliche Art Gegenvorschläge, Blaszcyk lehnt ab und legt wütend auf.
Blaszcyk fummelt eine Zigarette aus der Schachtel, die auf dem Maltisch liegt, und zündet sie sich an. Missmutig brummelt er vor sich hin und lugt dabei aufmerksam aus einem Fenster, das auf den Spielplatz zeigt. Aber außer einer Amsel ist dort nichts zu sehen. Peters betrachtet den Mann, der so gar nicht wie ein Geiselnehmer wirken will. Blaszcyk muss wohl etwa so alt sein wie er selbst. Aber wo Peters ein hochgewachsener, gesunder und kräftiger Mann in den besten Jahren ist, ist Blaszcyk ein etwas zu kurz geratener Hänfling, der von chronischer Krankheit und Alkohol gezeichnet wurde und einen ungepflegten Vollbart trägt.
„Wie eine antibürgerliche Kopie von Müller,“ denkt Peters.
Sein Blick wandert von Blaszcyk zu der Waffe, die von diesem unbeachtet auf dem Maltisch liegt. Mit einer schnellen Bewegung könnte Peters sie an sich reißen. ‚Bürgermeister überwältigt Geiselnehmer im Kindergarten!‘ Aber wie? Er hat keine Erfahrung mit Waffen und weiß nicht so wirklich, wie er Blaszcyk im Schach halten soll, Waffe hin, Waffe her. Was, wenn Blaszcyk auf ihn zu stürmt? Soll er dann schießen? Kann er überhaupt schießen? Vielleicht ist die Waffe gar nicht entsichert, woher soll er das schon wissen?
Blaszcyk bemerkt, wie Peters in Richtung der Waffe guckt und zieht sie misstrauisch näher an sich heran. Dann raucht er weiter, während sein Fuß nervös hin und her wippt.
Peters seufzt. „Hoffentlich redet Blaszcyks Ex-Frau bald mit ihm, damit alle nach Hause gehen können!“
Peters schreckt hoch. Er muss wohl eingenickt sein. Draußen dämmert es bereits. Blaszcyk sieht einmal mehr aus dem Fenster und raucht schon wieder. Er wirkt sogar noch nervöser als vorher.
„Drei Stunden,“ murmelt er vor sich hin, „drei Stunden; da stimmt doch was nicht...“
Peters reibt sich die Augen und streckt sich.
„Ich müsste mal auf die Toilette gehen...“
Blaszcyk scheint ihn nicht wahrzunehmen. Peters räuspert sich, woraufhin Blaszcyk abrupt herum fährt. Die Anspannung ist in seinem Gesicht deutlich zu sehen.
„Was ist?“
„Äh, ich muss mal,“ wiederholt Peters. Blaszcyk schaut ihn misstrauisch an.
„Warum wollen Sie denn gerade jetzt aufs Klo?“
Peters verdreht innerlich die Augen.
„Weil es mich eben gerade jetzt pressiert. Wenn Sie mich also bitte gehen...“
Blaszcyk macht mit einer Geste unmissverständlich klar, dass Peters den Mund zu halten habe.
„Pst, seien Sie still! Was war das gerade für ein Geräusch?“, flüstert er.
Peters hört angestrengt hin, kann aber kein Geräusch außer dem Ticken der Uhr ausmachen. Blaszcyk greift nervös nach seiner Waffe.
„Jetzt kommen sie“, murmelt er leise, „aber mich kriegt ihr nicht!“
Langsam beginnt er, sich in Richtung des Ausgangs zum Spielplatz zu schieben. In diesem Moment kracht es und gleißend helles Licht erfüllt den Raum.
„Halt, Polizei, bleiben Sie stehen und ergeben Sie sich!“
Während er seinen Blick vom Licht abwendet, kann Peters erkennen, wie Blaszcyk panisch in Richtung Tür zum Spielplatz läuft, nur um festzustellen, dass sich auch vor dieser Polizisten positioniert haben. Hektisch wechselt er die Richtung und läuft auf Peters zu. Dabei kreischt er: „Verdammte Scheißbullen!“
Als er seine Waffe zückt, weicht Peters instinktiv zurück. Aber Blaszcyk richtet die Waffe gar nicht auf ihn, sondern drückt sie such selbst an seine Schläfe. Ehe Peters oder einer der Polizisten, die in den Raum drängen, etwas unternehmen kann, drückt er ab. Peters schließt schnell die Augen.
„Ruhig bleiben und deeskalierend wirken, ruhig bleiben und deeskalierend wirken. Das findet gerade alles nicht statt. Das ist nur ein böser Traum. Wenn du gleich die Augen aufmachst, ist alles wieder gut!“
Er macht die Augen wieder auf und wünscht sich sofort, es nicht getan zu haben. Etwas Feuchtes läuft an seiner Wange runter, während er stockstarr auf den leblosen Körper starrt, der vor ihm liegt. Ein Polizist redet dabei auf ihn ein, aber die Worte kommen nicht bei ihm an.
Peters sitzt auf dem Sofa und hält das Glas in der Hand. Die Flasche auf dem Tisch ist nur noch zu einem guten Viertel gefüllt. Er starrt auf die Uhr an die Wand. Sie zeigt fünf Uhr morgens an, aber er sieht es nicht. Stattdessen sieht er nur immer wieder die selben schrecklichen Bilder, die sich in sein Hirn drängen. An Nichts denken hilft wenigstens ein bisschen. Er muss sich weiter betäuben und nimmt noch einen Schluck aus dem Glas. Bald wird es hell werden. Dann wird er ins Rathaus fahren und Verordnungen unterschreiben. Alles ganz normal. Er legt sich aufs Sofa und kauert sich zusammen wie ein Embryo, die Augen sperrangelweit offen.
„Einfach ruhig bleiben und deeskalierend wirken,“ sagt er sich, „dann kann nichts passieren...“