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Dead End Living

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21.04.2012
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Dead End Living

Ungewaschen und mit Kleidung die ich seit Tagen nicht gewechselt hatte, machte ich mich an jenem Mittwochmorgen auf den Weg zum Gericht. Dort sollte ich von irgendeinem grimmigen Richter von meiner Frau geschieden werden, oder mit anderen Worten: man wollte mir amtlich bestätigen, dass ich in Sachen Liebe ein Versager bin.

Zu Beginn unserer Beziehung, meinte ich (wie das halt immer so ist), ich könne nicht mehr ohne ihre vielen kleinen Aufmerksamkeiten leben (die mit dem Finger auf den beschlagenen Badezimmerspiegel geschriebenen Liebeserklärungen oder die Herzen, welche sie anstelle eines i-Punkts in persönlichen Mitteilungen setzte). Doch bald schon war der Punkt erreicht, an dem jeder Versuch sich näher zu kommen, dazu führte, dass wir uns nur noch weiter von einander entfernten. So war es nunmehr mein größter Wunsch, die Geschichte einfach nur schnellstmöglich hinter mich zu bringen. Ich schätze, sie dachte ganz ähnlich. Sie gehört ohnehin zu dem Typ Frau, für die ein Mann nichts anderes als ein im Rahmen einer Einkaufstour erworbenes Kleidungsstück ist. Nachdem es im Schaufenster erblickt wurde, muss sie es, in der Hoffnung es würde an ihr ebenso gut aussehen wie an dem Plastikmannequin, unbedingt in ihren Besitz bringen. Später dann, als es bereits gekauft ist, stellt sie fest, dass es sie eben doch nicht so gut kleidet wie die Schaufensterpuppe und würde es am liebsten wieder zurückgeben oder gegen einen anderen Fummel umtauschen.
Diese fatale Charakterschwäche erkannte ich aber leider erst, als sich alles bereits dem Ende zuneigte.

Wie dem auch sei, ich wollte mich in der ganzen Angelegenheit betont gleichgültig zeigen. Deswegen auch mein schäbiger Look, der von einem schon zwei Wochen nicht mehr gestutzten Bart noch unterstützt wurde und aller Welt zeigen sollte, wie piepegal mir die Sache war. So bedeutungslos, dass es sich nichtmals lohnte ein halbwegs gescheites Outfit anzulegen. Dennoch muss ich gestehen, dass ich das ein oder andere Mal den Geschmack der Enttäuschung in meinem Mund spürte. Die Ursache hierfür war aber nicht die Scheidung an sich, sondern mein Desinteresse ihr gegenüber. Bewies denn diese Gleichgültigkeit nicht letztlich nur die Vergänglichkeit meiner einst für unsterblich gehaltenen Gefühle?

Als ich am Gericht ankam, war sie bereits eingetroffen; stand vor dem Gebäude und rauchte sich eine ihrer Nuttenkippen. Fairerweise muss ich gestehen, dass sie immer noch blendend aussah, um ehrlich zu sein sogar besser als in den letzten Monaten unseres Zusammenlebens. Die Trennung schien ihr gut getan zu haben. Und trotz ihrer Schönheit verbinde ich mit ihrem Gesicht nur noch einen Büschel Haare im Abfluss, alberne Stellungen im Bett und heftige Streitereien um kleine Nichtigkeiten.
Sie war alleine gekommen, was mich wunderte. Ich hätte eigentlich erwartet, sie würde ihren neuen Maker mitbringen. Einfach nur um mir zu zeigen, was sie in ihrem Alter noch für nen tollen Typen aufreissen konnte, einen der besser aussieht und mehr verdient als ich. Na ja, auf mich machte er jedenfalls nie besonders viel Eindruck. In meinen Augen stellte er nichts anderes als ein Denkmal der Lächerlichkeit dar, auch wenn er wirkte, als wäre in seinem Leben alles glatt gelaufen. Ich will mich gar nicht mit ausschweifenden Erläuterungen über seinen Charakter aufhalten. Nur soviel: Er fuhr einen teuren Sportwagen, einen BMW Z9 wie man mir sagte (da ich mich mit Autos nicht auskenne, sagt mir diese Buchstaben-Zahlenkombination nichts, scheinbar handelt es sich aber um nen „ganz tollen Schlitten“, wie sie es auszudrücken pflegte) und liess beim Anfahren den Motor stets laut aufheulen, so dass ihn jeder bemerken mußte. Kurzum: er wollte die ganze Welt wissen lassen, dass er einen kleinen Pimmel hat. Ich denke damit ist genug über seine Person gesagt.

Wie dem auch sei, ich ging sicheren Schrittes an ihr vorbei ohne sie auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen… Nein! Halt! Stop! Ich muss mich korrigieren: Als ich sie so da stehen sah, überkam mich urplötzlich ein eigenartiges Gefühl. Ein Gefühl als würde man in einem irrsinnig schnellen Zug sitzen, der gleichzeitig vorwärts und rückwärts fährt. Es ist ein Gemisch aus ungeheurer Wut und unendlicher Traurigkeit. Jegliche Selbstbeherrschung ist sogleich dahin, der Körper zittert und schwitzt und ich fange sogar an, mit mir selbst zu sprechen, so dass mir sogar ein lautes „Verdammt!“ entfährt , was mir verstörte Blicke der Umstehenden einheimst.
Warum? Ist doch klar: Alles was ich bisher sagte war gelogen! Nichts weiter als ein lächerlicher Versuch mich selbst zu betrügen, mir Gleichgültigkeit und Stärke einzureden. Tatsächlich fühle ich mich als würde meine Seele durch einen Papierschredder geschoben werden. Ich muss also noch mal von vorne anfangen.
In Wirklichkeit verhält sich die Sache nämlich folgendermassen:
Mein pennerähnliches Aussehen, war keineswegs von mir gewollt. Doch nachdem sie mich verließ wurden mir die banalsten Aufgaben, wie zur Arbeit zu gehen oder die minimalste Pflege meines Äusseren, unmöglich. Mir war als wäre mir ein lebenswichtiges Organ genommen wurden, ohne welches ich nicht mehr weiterexistieren konnte. So gab ich also meine Arbeit auf, brach sämtliche Verbindungen zu meinen Freunden ab und ernährte mich fortan nur noch von Käsekuchen.
Was sollte ich denn machen? Ich konnte meine Gefühle ja nicht einfach wie einen Computer reseten. Wie sollte das gehen? Hätte ich mein Innenleben einfach wieder auf Null zurücksetzen sollen?
Wie sollte ich mich denn all den nichtigen Alltagsaufgaben widmen, wo sie doch nun nie wieder ihre Lippen auf meine pressen würde, was nie einfach nur ein Kuss war, sondern eher, als ob eine heilende Salbe auf eine schmerzende Wunde aufgetragen würde. Und liefen wir händchenhaltend durch die Stadt, war es nicht bloß Händchenhalten; für mich war es, als ob ich an einem Abgrund hing und ihre Hand das Einzige war, was mir Halt bot und mich vorm Fallen schützte.
Natürlich gibt es dann auch immer wieder Phasen, in denen man meint, schliesslich von ihr kurriert zu sein: Endlich Schluß mit dem Selbstmitleid! Man ist wieder klar im Kopf und fähig vernünftig zu handeln. Es gibt ja auch noch andere Frauen! Warum nicht nen alten Freund anrufen, sich ein bisschen herausputzen und gemeinsam die Stadt unsicher machen? Irgendeine wird sich doch sicherlich abschleppen lassen. Auf geht`s!
Einige Stunden später findet man sich zwischen Leuten wieder, die den Eindruck vermitteln, es kann gar nicht so schwer sein glücklich zu sein; scheint ne ganz simple Sache zu sein. Doch „Glücklichsein“ ist im Grunde nicht mein Ding und schon gar nicht auf diese oberflächliche Weise wie sie es sind.

Und irgendwann, meistens schon ein paar Minuten nachdem man die Bar betreten hat, ist dann der Punkt erreicht, an dem einen die Realität wieder einholt und dir alle edlen Vorsätze aus dem Kopf bläst wie der Wind die Blätter vom Baum. Denn leider Gottes scheint man gegen den Charme anderer Frauen immun zu sein. Man ist umgeben von einem Haufen leichtbekleideter Damen, die dich mir ihrem auf dich gerichteten „Fick mich“- Blicken versuchen zu locken. Diese willigen Bitches geizen wirklich nicht mit ihren Reizen, doch dich lässt`s völlig kalt. Stattdessen wird dir klar, dass ein halbherziges Lächeln oder ein beiläufig hingeworfenes „Hallo“ deiner Angebeteten reichen würde, um dich abermals vollkommen aus der Bahn zu werfen. Sobald du das erkannt hast, fällst du sofort zurück in das Loch aus dem du soeben versucht hast rauszukriechen. Zurück in die Einsamkeit, die dich dermaßen verzweifeln lässt, dass wahllos jemand aus dem Telephonbuch* angerufen wird, nur um mal wieder eine menschliche Stimme zu hören. Dir wird bewußt, dass du, trotz allen Demütigungen dich nie von ihr losreissen wirst und niemals locker lassen kannst. Dabei war man doch irgendwann einmal ein stolzer Mensch, der sich stets zu gut dafür war anderen hinterherzulaufen…
In solchen Nächten in die Versuchung gross, ihre Nr. zu wählen und mal wieder um noch eine Chance zu betteln. Die Antwort ist von vornherein klar. Es wird wohl auf ein „Was fällt dir ein, mitten in der Nacht anzurufen! Ich muss Morgen arbeiten!“ hinauslaufen.

Die Scheidung selbst verlief ohne weitere Vorkommnisse (mich wundert`s: ich hätte mir zugetraut, ihr noch irgendne alberne Szene zu machen). Sie verliess den Gerichtssaal mit einem erleichterten Geischtsausfdruck, froh, die Sache (mich!) nun endgültig abhaken zu können. Was änderte sich für mich? Natürlich nichts!
Mein Leben bleibt ein schrottiges Auto, welches jedes Mal nach ein paar Metern Fahrt unter einem Mordsaufwand repariert werden muss, nur damit es nach kurzer Strecke wieder stehen bleibt.

 

Hallo mk1981,

Deine Geschichte haut mich nicht gerade um. Das liegt am langweiligen Thema und daran, dass es keine wirklich überraschenden Wendungen und keine Pointe gibt. Es nervt ein bisschen, dass Du die Zeiten (Perfekt, Plusquamperfekt, Imperfekt) nicht vernünftig verwendest. Wenn Du den ersten Absatz im Perfekt schreibst und im zweiten eine Handlung folgt, die noch früher liegt als die des ersten Absatzes, dann solltest Du den zweiten Absatz zumindest mit Plusquamperfekt beginnen. Und ein Nebensatz der mit "nachdem" beginnt sollte immer Vorzeitigkeit haben.
Man spürt Deine Lust am Schreiben. Mein Tipp: Weniger abgelutschtes Thema wählen, keine Klischees, Pointe einbauen, vielleicht auch mal Dialoge, vielleicht besser in der dritten Person schreiben.
Jannes

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo mk1981,

Bei der Geschichte bin ich etwas unentschlossen. Du hast einen lockeren, meist flotten Erzählstil, der teilweise aber zu achtlos wirkt:

Zu Beginn unserer Beziehung, meinte ich
Hier, was die Zeiten angeht. Da machst du chronologisch ja einen Schritt zurück, da sollte das im Plusquamperfekt stehen: Zu Beginn unserer Beziehung hatte ich gemeint ... Wobei man bei längeren Passagen in der Vorvergangenheit auch gern mal ins normale Präteritum wechselt, weil dieses ganze hatte/war irgendwann sehr unelegant wird.

Aber so was:

In solchen Nächten in die Versuchung gross, ihre Nr. zu wählen
sollte echt nicht sein. Kein SMS-Sprech in literarischen Texten!

Der Angelpunkt der Geschichte ist ja das hier:

Warum? Ist doch klar: Alles was ich bisher sagte war gelogen!
Und das ist eigentlich sehr spannend: der unzuverlässige Erzähler, der die Wahrheit, ob absichtlich oder nicht, verzerrt an den Leser weitergibt. Dadurch können Geschichten erheblich an Tiefe gewinnen.

Aber ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, das so offen in die Mitte der Geschichte zu stellen. Das so "aufzuklären" nimmt der Sache wieder die Zweideutigkeit und dem Leser die Interpretationsmöglichkeiten. Besser ist es, wenn der Leser mehr oder weniger von selbst dahinter kommt, dass der Erzähler (sich was vor)lügt, dass es da Brüche in der Perspektive gibt. So hast du jetzt auch so eine Spiegelung der Geschichte um die Mitte, was dem Spannungsbogen nicht gut tut.

Und dann halt das mit den Klischees und damit verknüpft, was für mich das Hauptproblem der Geschichte ist: Ich bekomme kein klares Bild von den Figuren. Dein Erzähler greift, wenn er von den anderen Figuren und seinen Beziehungen zu ihnen erzählt, auf viele Schlagworte zurück: der Kerl, der "besser aussieht und mehr verdient", der einen "BMW" fährt, hat ihm die Frau weggenommen, weshalb er jetzt "Käsekuchen" isst, die Frau raucht "Nuttenkippen" und so. Hinter diesen Zeichen bleibt alles sehr vage, sehr allgemein. Statt deinen Erzähler so darüber berichten zu lassen, wären mir richtige Rückblenden lieber gewesen, in denen die Figuren richtig handeln, interagieren und wirklich lebendig werden. Denn im Moment stehen sie irgendwie nur rum.

Das war jetzt viel Gemecker, man redet halt immer mehr über das Schlechte. Aber: Du erzählst, wie gesagt, flüssig und man merkt auch die Lust daran. Ich denke, da geht noch deutlich mehr.

Grüße,
Meridian

 

Tag...
und danke fürs Feedback. Bezüglich der Zeitstufen werde ich wohl nochmal an nem VHS-Kurs teilnehmen müssen :)

 

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