Dave McCullier – Musiker, Komponist, Genie
DAVE McCULLIER – MUSIKER, KOMPONIST, GENIE
(oder: MUSIK IST DES HERZENS WAHRE SPRACHE):
Wie von Geisterhand wurde die „Play“-Taste per Fernsteuerung gedrückt, und das erste Stück der CD drang mittels der geschickt im großen Salon angebrachten Lautsprecher an die Ohren der verwunderten und verdutzten Zuhörerschaft. Natürlich hatten die Anwesenden bereits in der Vergangenheit einige Platten des Künstlers gekauft beziehungsweise gehört, und dementsprechend waren auch die Erwartungen gewesen. Doch was in diesem Augenblick erklang, stellte alles bisherige komplett in den Schatten. Dave McCullier hatte sich – so schien es – selbst übertroffen; die Musik: in seinem ureigensten Stil und doch etwas völlig Unerwartetes und Neues. Bis die letzten Takte des ersten Stückes endgültig verklungen waren, und der CD-Player zum zweiten Track sprang, hatte sich aus einem anfänglichen Flüstern ein Raunen aufgebaut, das während der folgenden 55 Minuten, welche das neue Album von Mr. McCullier schließlich noch dauern sollte, anhielt, und so eine ganz besondere Atmosphäre und Grundstimmung, für dessen, was noch kommen sollte, bildete. Es störte den Künstler nicht im geringsten; nein, es war nach seinem Geschmack, wußte er doch, daß all‘ die Anstrengungen, die er im letzten halben Jahr aufgebracht hatte, um seinen neuesten „Output“, ein Album, mit dem er selbst rundum zufrieden war (und der Komponist war allgemein als Pedant und Perfektionist verschrien) der Öffentlichkeit vorstellen zu können, nicht umsonst gewesen waren. Kaum waren die letzten Töne verhallt, war die anwesende Menschenmenge nicht mehr zu bremsen: donnernder Applaus brach aus, der erst nach einer Viertelstunde abebbte, bis er nach einer geschlagenen halben Stunde vollends verklungen war. Dave genoß dieses Schauspiel sichtlich, und sonnte sich in seinem Ruhm, welcher ihm zwar nicht völlig neu war – schließlich arbeitete er bereits seit Jahren als erfolgreicher Komponist und Musiker - , der ihn aber selbst heute noch einen kleinen Hauch an Verwunderung verspüren ließ. „Wenn mein neuestes Werk bereits bei denen dermaßen gut ankommt, wie muß erst der Rest reagieren?!“, mochte er bei sich denken. Bei dem Gedanken an vordere Plätze in den nationalen und internationalen Charts und diverseste Auszeichnungen lief ihm ein wohltuend-warmer Schauer über den Rücken. Mit „denen“ meinte Mr. McCullier rund zwei Dutzend Vertreter der Musikpresse aus dem Inland und aus Übersee, ein kleine, elitäre Gruppe von Fachleuten, die das große Privileg erhalten hatten, noch vor der offiziellen Veröffentlichung das neueste Werk „des Meisters“ hören zu dürfen. Darauf waren sie stolz, und glücklich zugleich, da ihre Erwartungen in keinster Weise enttäuscht worden waren. Sie hatten in der vergangenen Stunde einem wahren Meisterwerk lauschen dürfen; darin waren sich die Glücklichen allesamt einig.
Wie bereits zuvor ging ein Raunen durch die Menge, als „der Meister“ plötzlich aufstand und sich dazu anschickte, eine Rede zu halten. „Vielen Dank, daß Sie zur Präsentation meiner neuen CD so zahlreich .... hierher ins malerische Schloß Buckhamfulton ..... äh ..... erschienen sind .... äh .... hmm ....Spaß beiseite! ..... ich weiß, daß Sie zu den wenigen Privilegierten gehören, die meiner Musik bereits im Vorfeld der offiziellen Veröffentlichung lauschen durften; und ich hoffe, daß es Ihnen gefallen hat.....!“. Tosender Applaus war die Antwort darauf. Im Folgenden sprach Mr. McCullier ein wenig über die Hintergründe jener Musik, die in absehbarer Zeit in großer Auflage auf CD gepreßt werden sollte, ohne dabei nicht hin und wieder einen – zugegebenermaßen alten – Kalauer in die Rede „einzustreuen“. Denn so sehr Dave auch ein begnadeter Musiker und ein Genie in Sachen Komposition war, so schwer fiel es ihm, im „normalen Leben“ vor größerem Publikum die passenden Worte zu finden, geschweige denn, frei zu sprechen. Er war eben ein sensibler Künstler, dem Musik wichtiger war, als so manch‘ anderes in seinem Leben. Das wußten die Anwesenden – die sich ja in der Musikbranche gut auskannten – sehr wohl, und störten sich nicht weiter daran. Lediglich eine junge Dame, die während der gesamten „Musikvorführung“ etwas abseits in der letzten Reihe gesessen hatte, war von dessen Rede zur selben Zeit verwundert und gerührt. Die Art, wie er ein wenig schüchtern und hilflos versuchte, das Publikum, die Zuhörer auf seine Seite zu ziehen – was ja gar nicht nötig war, angesichts der wundervollen und unbeschreiblich schönen Musik, die er komponiert und in diesem kleinen Rahmen vorgestellt hatte! –, gefiel ihr und ließ sie innerlich schmunzeln. Sie mußte den „Meister“ unbedingt kennenlernen. Sie war zwar erst seit kurzem in der Branche, und hätte sie mit ihrem großen journalistischen Talent und musikalischem Wissen ihren Chef bei einer kleinen, nicht weiter bedeutenden Musikzeitschrift nicht dermaßen beeindruckt, daß dieser ihr spontan anbot, statt seiner an dieser Veranstaltung teilzunehmen, wäre sie wohl niemals in diesen wundervollen Musikgenuß gekommen. Doch eines wußte sie gewiß: Die Musik mochte zwar „bloß“ von der „Konserve“ gekommen sein, doch konnte sie sich lebhaft ausmalen, wie wohl ein Live-Konzert dieses „Ausnahmekünstlers“ sein mußte. In ihr kam plötzlich das Verlangen auf, diesen Menschen, diesen Künstler, ja, dieses Genie einfach kennenlernen! Erst nach einer kleinen Überwindung, schickte sie sich dazu, aufzustehen, um auf Mr. McCullier zuzugehen. Dieser plauderte gerade mit einigen der Anwesenden, die dem großen „Meister“ gebannt - wie kleine schwärmerische „Schulmädchen“ - an dessen Lippen hingen. Dave versuchte sich in „Small Talk“ und gab sich dabei sichtlich Mühe. Seine Witze mochten zwar bei den geladenen Gästen nicht wirklich ankommen, doch sobald das Gespräch auf seine Musik kam, war er in seinem Element. Er hörte sie gerne, all‘ diese Schmeicheleien, all‘ das Lob und die Bewunderung, die man seiner Person, doch noch viel mehr seiner Musik entgegenbrachte. All‘ das mochte er nicht mehr missen; er genoß es einfach. Es machte ihn glücklicher, aber - was noch wichtiger war - es ließ ihn selbstsicherer werden. Als ihn plötzlich jemand von hinten ansprach, drehte er sich ruckartig um. Er mußte lächeln, als er sich diesem reizenden weiblichen Wesen gegenüberstehen sah. In ihrem dunkelroten Abendkleid, mit ihren schwarzen, flachen - aber dennoch schicken - Schuhen, ihrem rotbraunen, gelockten Haar, das sie sich zu einer hübschen Frisur hochgesteckt hatte, und ihrem charmanten Lächeln, mochte sie zwar inmitten all‘ der anderen Anwesenden, die ebenfalls allesamt elegant gekleidet waren, nicht weiter auffallen oder gar das Gesamtbild stören, doch er, Mr. McCullier, „Musiker, Komponist, Genie“ – wie es einmal ein Artikel in einer Zeitung formuliert hatte – fand sie schlichtweg bezaubernd......
Es war schon recht spät geworden, als Mr. McCullier sich endlich losreißen konnte, und schließlich durch das große vergoldete Gußeisentor auf die Straße vor dem Schloß hinaustrat. Dort wartete bereits jene lange schwarze Limousine, mit der der Komponist am frühen Vormittag hierher gekommen war. Mr. Patton, der Chauffeur, der schon seit langer Zeit in Mr. McCulliers Diensten stand, begrüßte den Komponisten freundlich und öffnete ihm die hintere Wagentür. Doch anstatt der ansonsten so freundlichen Worte, mit denen Dave seinen Fahrer bedachte, stieg Mr. McCullier wortlos und geistesabwesend ein. Mr. Patton wunderte sich einen kurzen Augenblick, war es doch gar nicht dessen Art, das Dienstpersonal so unfreundlich zu behandeln. Sobald die Limousine im ersten Gang anfuhr, versuchte es der Fahrer nochmals. Er wollte doch zu gerne wissen, wie der Abend und die für seinen Dienstherren so wichtige Veranstaltung gelaufen war! Doch so sehr sich Mr. Patton auch (be-)mühte, Dave hörte ihm nicht und nicht zu. Er war in seinen Gedanken verloren. Er dachte über den heutigen Abend nach, und ließ ihn Revue passieren. Er mußte an seine Worte denken, die er gewählt hatte, als Rose, diese bezaubernde Frau, ihm gegenüber gestanden war, um mit ihm ein Gespräch zu beginnen. Er dachte aber auch über ihre Worte nach. Er versuchte sich an alles ganz genau zu erinnern. Schließlich war es ein schönes Gespräch gewesen; und er hatte sich in Ms. McDermonts Gegenwart sehr, sehr wohl geführt. Rose war eine wundervolle Frau, und er mußte während der gesamten Fahrt über an sie denken. Wie lange das Gespräch wohl zwischen ihnen beiden gedauert haben mag?! Es schien ihm eine Ewigkeit gewährt zu haben, und zur selben Zeit war es viel zu kurz gewesen, um all‘ das zu erfahren, was Dave über Rose wissen wollte. Es dürstete ihm danach, diese bezaubernde Musikjournalistin in all‘ ihren Einzelheiten ihrer - sicherlich – komplexen Persönlichkeit kennenzulernen und zu erfahren! Dave merkte gar nicht, daß sich sein Chauffeur den Mund fusselig redete. Schließlich passierte der Wagen die Stadtgrenze, und fuhr nun durch deren beinahe leeren Straßen, immer in Richtung Heim. Mr. Patton hatte schließlich aufgegeben; er wunderte sich über seinen Chef, schüttelte kurz seinen Kopf und ließ dann die Zwischenwand hochfahren, damit Mr. McCullier ungestört sein konnte; anscheinend hatte er das nötig. Dave fuhr aus seinen verwirrten Gedanken über Ms. McDermont hoch, und blickte nun durch das Seitenfenster auf die gemächlich vorbeiziehenden Straßen. Was er da sah, machte ihn nachdenklich, und er versank alsbald wieder – diesmal nur noch tiefer – in seine eigenartige Gedankenwelt: Da saß ein Bettler, in der Einfahrt zu einem Schnellimbiß, und starrte traurig und gedankenverloren in seinen Hut, in dem sich nur ein paar Kupfermünzen befinden mochten. Da stand an der Straßenecke eine in Pink gekleidete Straßennutte, Kaugummi kauend und rauchend, und wurde innerhalb kürzester Zeit von drei vorbeiziehenden Wagen beinahe über den Haufen gefahren. Da war die Frau, die in einer schlecht beleuchteten Bushaltestelle, die Ärmel ihrer Bluse hochkrempelte, um sich auf ihren ohnehin vielzu zerschundenen Armen eine weitere, tiefe Wunde zuzufügen. Da standen die beiden Punks, die gelangweilt in die Tiefe der Nacht starrten, um womöglich auf ihren Dealer zu warten. Da war das junge Pärchen, das sich heftig gestikulierend stritt, um sich kurz darauf jeder in einer anderen Ecke des Busses niederzulassen. Wie traurig und verloren die Menschen in dieser Stadt doch waren!! Das war ihm bisher noch nie aufgefallen; und dabei war es nicht das erste, und bestimmt auch nicht das letzte Mal, daß Mr. Patton ihn durch die Stadt führte. Plötzlich fühlte er in seinem Inneren, das bisher nur mit Musik gefüllt gewesen war, zweierlei: einerseits eine starke Verbindung mit jenen Leuten, die gerade an ihm vorübergezogen waren. Und dann war da noch Rose, die plötzlich einen Platz in ihm auszufüllen begann, der bis jetzt nur seiner Musik vorbehalten gewesen war. Sie verdrängte all‘ das, wofür er bisher gelebt und gearbeitet hatte. Diese Verschiebung seiner Prioritäten ging so schnell und vor allem so unerwartet von statten. Er saß doch erst seit 15 Minuten hier im Fond seiner Limousine, erst vor einer Viertelstunde hatte er sich von Ms. McDermont verabschiedet! Noch immer klangen ihre letzten Worte in ihm nach, und wie zur Bestätigung, daß er das alles nicht nur geträumt hatte, daß er wirklich und wahrhaftig dieses bezaubernde weibliche Wesen kennengelernt hatte, griff er in seine innere Sakkotasche. Ja, da war sie noch, Ms. McDermonts Visitenkarte; und in wunderschön verschnörkelter Schrift ihre Telefonnummer, die er noch heute Abend, sobald er heimgekommen war, wählen wollte. Es hatte sich etwas in ihm verändert; zweifellos. Das wußte er nun.... und so faßte er kurzerhand und überwältigt von seinen Gefühlen einen Entschluß. Er war tollkühn, unglaublich, und wohl noch nie dagewesen. Das Gespräch mit Rose hatte bei Dave einen dermaßen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen, daß es ihm nun völlig klar war: Rose war die Frau seines Lebens, jener Mensch, mit dem er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Das Wesen, für welches er just das Wichtigste in seinem Leben aufgeben wollte: seine Musik! Es war ihm egal, was die anderen denken mochten, ob sie ihn wegen Vertragsverletzungen und Gewinneinbußen auf Schadenersatz verklagen wollten! Was soll’s!! Er hatte einen Entschluß gefaßt. Ihre Stimme klang in seinem Kopf, und die Worte wiederholten sich. Jene Sätze, in denen ihm Ms. McDermont ihre große Bewunderung für die soeben gehörte Musik zum Ausdruck zu bringen suchte. Sie waren ernst und vor allem ehrlich gemeint gewesen. Sie schien die erste in seinem Leben zu sein, die seine Musik vollends verstand. Und sie wußte sie zu schätzen; mehr als all die anderen, die seine Alben gekauft und ihm so zu Hitparadenplätzen und Auszeichnungen verholfen hatten. Das alles zählte nicht mehr. Die Welt würde sich wundern, wenn sie vergeblich auf seine neueste CD warten würde. Denn sie würde nicht veröffentlicht werden; niemals!! Ihr alleine – der Musikjournalistin Rose McDermont – sollte sie „gehören“; nur sie sollte in deren Genuß kommen... Sie allein wußte um den Wert seiner Musik, und würde daher sicherlich dies große Privileg annehmen. Es sollte sein ehrlich gemeinter und vor allem tiefempfundene Ausdruck seiner Liebe und Bewunderung zu ihr sein. Sie würde schon verstehen; das hoffte Dave zumindest inständig......
Just zur selben Zeit, als die lange schwarze Limousine, in deren Fond Mr. McCullier immer noch seinen Gedanken nachhing, den langen, mit weißem Kies bestreuten Driveway zu seinem stattlichen Anwesen – welches sich ein wenig außerhalb der Stadt (in der entgegengesetzten Richtung zum Schloß Buckhamfulton) befand - hinauffuhr, entdeckte die Haushälterin im Brieffach einen weiteren Brief, welchen sie zu Mittag, als sie wie jeden Tag die Post entleerte, noch nicht vorgefunden hatte. Sie legte ihn sofort zu den restlichen Schreiben, die bereits am Vormittag im Postkasten gelandet, und nun auf Daves Schreibtisch aufgestapelt waren. Es würde nur noch eine Frage der Zeit sein, ehe der Komponist jenen zuletzt eingetroffenen Brief – Adressat war sein Hausarzt, bei dem er vor kurzem einen großen Gesundheitscheck hatte durchführen lassen – öffnen würde, welcher ihn darüber informierte, daß er nur noch wenige Monate zu leben hatte....