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Das Traumhaus (überarbeitete Fassung)
Sie stand vor einem wunderschönen Haus. Es war unbegreiflich schön. So ein Haus hatte sie sich immer gewünscht, aber es würde wohl immer ein Traum bleiben. Es war schon fast ein Schloss, so groß war es. Unzählige Fenster verteilten sich auf die goldgelbe Fassade. „Goldgelb“, sagte sie leise verträumt vor sich hin. Es war ihre Lieblingsfarbe, zumindest die Lieblingsfarbe für ihr Traumhaus, das sie sich immer wieder vor Augen geführt hatte. Jetzt ging sie um das Haus herum und betrachtete es von allen Seiten. Es war perfekt. Mitten im Wald, auf einer Lichtung gelegen, die Innenräume wurden durch die vielen Fenster von Licht durchströmt, die goldgelbe Farbe, das Strohdach, der Garten auf der Rückseite des Hauses, in dem die Natur sich in ihrer Vielfalt ausgebreitet hatte, wie sie es gerne mochte. Kurzum: Es war ihr Traumhaus. Sie schlenderte langsam und verträumt um das Haus, als ein Mann auf sie zukam.
„Guten Tag“, sagte er sehr freundlich, aber es gelang ihm nicht auf Anhieb, ihren Gedankenfluss zu unterbrechen, dessen Richtung die Reize außerhalb von ihr bestimmten. Jeden kleinsten Zustrom nahm sie wahr, so dass sie das Ganze sah, und nicht nur die Summe seiner Teile. Der Zauber des Hauses hatte sie erfasst und in diesen Zauber passte keine menschliche Gestalt oder menschliche Stimme.
„Guten Tag“, wiederholte der Mann und der Zauber verdampfte, wie der Eimer Wasser, der auf eine Feuerstelle geschüttet wird. Als der Nebel verflogen war, sah sie einen untersetzten, kleinen Mann, dessen Kopf von einer Glatze bedeckt war und unter dessen Knollennase ein Schnurrbart das freundliche Grinsen fast vollständig verdeckte.
Sie sah ihn mit starren Augen an, bis er sie am Arm packte und „Entschuldigung“ sagte. Sein Lächeln war verschwunden und er blickte sie nun besorgt und etwas ängstlich an.
„Oh, guten Tag!“, antwortete sie auf seinen Gesichtsausdruck. „Entschuldigen Sie, wenn ich einfach um das Haus gehe, aber es ist so wunderschön. Ich hoffe, es hat sie nicht gestört.“
Als Antwort streckte er seine Hand aus, während er sie öffnete, und sie sah, dass darin ein Schlüssel verborgen war. Der Mann sagte dazu: „Es gehört ihnen. Bitte nehmen Sie den Schlüssel. Ich schenke es ihnen.“
„Wie bitte?“ Ihre Stimme überschlug sich fast und sie dachte für den Bruchteil einer Sekunde an eine versteckte Kamera, was sie aber sofort wieder verwarf. Welcher Idiot sollte sich so eine Geschichte für die versteckte Kamera ausgedacht haben, an diesem Haus zu warten, bis jemand vorbei kam, um ihm dann den Schlüssel zu überreichen. Sie nahm ihn nicht ernst, fühlte sich gekränkt und wollte schon gehen, als der Mann sie am Arm festhielt und ihr zulächelte.
„Ich möchte ihnen das Haus schenken. Ich habe lange genug hier gelebt und mir ist das Haus sehr ans Herz gewachsen. Deshalb möchte ich einen Nachbesitzer finden, bei dem es gut aufgehoben ist. Als ich Sie eben hier gesehen habe, habe ich gewusst, dass das Haus Sie als Nachfolger auserwählt hat. Meine Zeit hier ist abgelaufen und ich bitte Sie, die Schlüssel anzunehmen!“
Als ob er zustimmen wollte, kam ein Adler, setzte sich auf das Strohdach und krächzte drei Mal. Der Mann nahm ihre Hand und legte den Schlüsselbund hinein, als sie Glocken hörte. Die Glocken schlugen immer schneller und der Klang wurde immer höher, bis er zu einem Klingeln wurde. Sie schenkte dem Haus einen letzten Blick und wachte auf.
Sie lag in ihrem Bett. Die Zeiger der Uhr auf ihrem Nachttisch zeigten 3:46 Uhr und das Telefon klingelte noch immer. Sie streckte den Arm aus und griff zum Telefon.
„Hallo“, sagte sie in den Hörer und die Stimme von Thomas sagte, dass er sie jetzt gerne sehen würde und ob sie vorbeikommen wollte. Sie hatten sich seit zwei Wochen nicht gesehen, weil er im Urlaub gewesen war und er sagte ihr, dass er eben erst nach Hause gekommen sei und noch nicht schlafen konnte.
„Ich zieh´ mir gerade was an und dann komm ich vorbei.“
„Ich freu mich drauf“, sagte er noch, bevor sie auflegte. Sie zog sich an, nahm ihre Tasche, packte einige Sachen und verließ das Haus.
Sie ging durch die leeren Strassen direkt zu Thomas. Er war ihr Freund. Sie hatte ihn vor einem knappen Jahr kennen- und lieben gelernt. Daniel, ein Freund von ihr, hatte ihn angeschleppt und sie schließlich auch verkuppelt. Sie verstanden sich von Anfang an und nach zwei Tagen waren sie ein Paar. Sie machten alles zusammen und sie wäre gerne mit ihm in Urlaub gefahren, aber sie schrieb gerade ihre Magisterarbeit und konnte dieses Jahr erst nach den Prüfungen in Urlaub fahren, was sie beide auch schon geplant hatten. Die Zeit mit Thomas war die glücklichste ihres Lebens, von der sie damals dachte, dass sie nie vorbeigehen würde. Sie liebte Thomas, mochte seine Eltern und seine Freunde genau so, wie er ihre Eltern und Freunde mochte. In ihrer Beziehung fehlte es an nichts. Er war ihr Traummann: sensibel, zärtlich, warmherzig, freundlich, lustig und er beherrschte die Kunst des Redens so gut, wie kein anderer. Sie liebte es, ihm zuzuhören. Seine sanften, flüssigen Sätze unterstrich er mit seiner unglaublichen Mimik, was ihm auch bei seinem Studium sehr hilfreich war. Er studierte im Moment Jura und verdiente sich neben dem Geld, das er von seinen Eltern bekam, etwas als Dealer dazu. Er verkaufte hauptsächlich Gras und hatte an manchen Tagen auch andere Drogen zu Hause. Er nahm auch selber manchmal Drogen, hatte aber alles im Griff, wie er sagte.
Sie studierte Geschichte, traf Freunde und führte ein nicht besonders ungewöhnliches Leben für ihre 24 Jahre, bis auf die Tatsache, dass sie die einzige in ihrem Bekanntenkreis war, die noch bei ihren Eltern wohnte, was sie aber nicht störte. Sie verstand sich gut mit ihren Eltern; Barbara war ihre Mutter und ihre beste Freundin und wenn ihr Vater mal zu Hause war, unternahmen auch sie viel miteinander. Zudem ließen sie ihr die Freiheiten, die sie brauchte und wollte. Das Geld, was eine eigene Wohnung verschlungen hätte, gab sie lieber für Klamotten und Reisen aus. Sie war rundum glücklich und als sie in Thomas´ Strasse einbog, hatte sie ein Lächeln auf den Lippen.
Sie schellte bei ihm. Es dauerte nicht lange, bis Thomas die Tür aufmachte Er wohnte im zweiten Stock in einer 50 qm- Wohnung, die seinen Eltern gehörte.
Sie küssten sich zur Begrüßung und gingen in seine Wohnung. Sie gingen in sein Schlafzimmer und redeten über seinen Urlaub. Er nahm sie in den Arm und erzählte ihr jede kleine Geschichte, die im Urlaub passiert war. Sie hörte ihm mit einem Lächeln im Gesicht zu und genoss es, nach so langer Zeit wieder seine Stimme hören zu dürfen. Nach einer Weile küssten sie sich und schliefen leidenschaftlich miteinander. Sie merkte erst jetzt richtig, wie sehr sie ihn vermisst hatte.
Danach lagen sie eine Zeit lang schweigend im Bett. Es war jetzt 5:26 Uhr, aber sie waren beide noch nicht müde und er fragte, ob sie einen Druck wollte. Nachdem sie eingewilligt hatte, legte er ruhige Musik auf und holte die Utensilien heraus. Beide setzten sich einen Druck. Danach lagen sie schweigend Arm in Arm in seinem Bett. Jeder ließ den anderen in dessen Gedanken leben und sie wollte diese Nacht nie enden lassen. Sie dachte über ihr Leben nach und kam über Stichworte in ihren Gedanken wieder zu anderen Themen, bis sie schließlich bei ihrem Traum angelangte.
„Thomas“, sagte sie.
„Ja, was ist denn?“, antwortete er müde.
Sie war jetzt auf der Suche nach dem Gedanken, den sie gerade gehabt hatte, aber sie fand ihn nicht mehr. Sie strengte sich an und durchsuchte jede Kammer in ihrem Gehirn nach diesem Gedanken ab. Aber sie konnte ihn nicht finden.
Dieser schwebte im Zimmer, sah sich die Beiden von außerhalb an und grinste dabei vor sich hin. Sie sahen glücklich und verliebt aus, wie sie Arm in Arm mit geschlossenen Augen und einem Lächeln auf dem Gesicht im Bett lagen. Er selber hatte es nicht mehr ausgehalten. Das Heroin hatte ihn verscheucht. Der zugedröhnte Kopf war zu viel für ihn und er hatte beschlossen, fort zu fliegen. Jetzt schwebte er in der Luft, betrachtete die Beiden und überlegte, wo er hin sollte. Dann sah er das offene Fenster und flog hinaus. Der Gedanke war jetzt nicht mehr zu finden für Anne. Sie sagte nichts mehr und schlief ein.
Der Gedanke machte sich auf die Suche nach einem anderen Kopf. Er flog unsichtbar durch die Stadt und schließlich spürte er, wie er sich zum Ausdruck bringen wollte. Er brauchte also einen Kopf, in dem er Platz fand. Geradewegs flog er zum Fenster des nächsten Hauses. Zwei Fenster waren geöffnet. Er flog durch das eine, weil er dort einen Kopf vermutete, in den er sich einnisten konnte. Es war so, wie er gedacht hatte und er hatte großen Anteil an dem Traum des Menschen, der im Bett lag und im Schlaf zufrieden grinste. Im Morgengrauen, kurz nachdem der Schlafende aufgewacht war, verschwand der Gedanke jedoch wieder. Er hatte sich zwar ausdrücken können, aber es war nicht dasselbe, wie bei Anne. Er flog durch den Morgen und ließ sich wieder dort nieder, wo er hergekommen war.
Sie stand vor dem Haus, mit dem Schlüssel in der Hand und konnte ihr Glück kaum fassen. Der Mann war fortgegangen und sie starrte jetzt auf ihre geöffnete Hand. Um sich zu vergewissern, dass dies auch der Schlüssel für ihr Haus war, ging sie zur Eingangstür und steckte den Schlüssel in das Schloss. Er passte perfekt. Sie schloss auf, ging hinein und erkundete ihr neues Heim. Die Küche, das Schlafzimmer, das Speisezimmer, das Gästezimmer, das Bad mit einer riesigen Badewanne. Sie ließ kein Zimmer aus. Sogar die Abstellkammer begutachtete sie und befand sie für die schönste, die sie je gesehen hatte. Im Wohnzimmer setzte sie sich vor den Kamin in einen gemütlichen Sessel, schloss die Augen und träumte vor sich hin, bis sie einschlief.
Sie sah die Sonnenstrahlen durch die geschlossenen Augen, aber sie wollte sie noch nicht aufmachen, weil sie gerade so schön träumte. Sie hörte Vogelgezwitscher und roch den Duft von frischem Kaffee. Mit geschlossenen Augen streckte sie sich und suchte mit den Armen nach Thomas, aber er war nicht mehr im Bett. Anne machte die Augen auf und sah, dass Thomas in der Küche saß und bei einem Kaffee die Zeitung las. Sie stand auf, ging in die Küche und begrüßte ihn mit einem Kuss. Er umarmte sie. Sie frühstückten zusammen und Anne erzählte ihm von ihrem Traum.
Sie hatte sich eben einen Schuss gesetzt. Es war der letzte, das wusste sie. Ihr Körper war ausgemergelt von den Drogenexzessen, die sie mitgemacht hatte. Thomas hatte sie schon lange verlassen. Er war jetzt Anwalt in der Kanzlei seines Vaters. Irgendwann war es ihm zu viel mit ihr geworden. Sie stritten sich immer öfter und redeten kaum noch miteinander, bis er schließlich zu ihr sagte, dass er sie nicht mehr liebte, sie ihm im Weg sei und dass sie ihren Drogenkonsum nicht mehr im Griff hatte. Das letzte, was sie von ihm gehört hatte, war, dass er eine Pause brauchte. Er hatte ihr noch etwas „H“ mitgegeben und ihr alles Gute gewünscht, bevor sie seine Wohnung verließ. Das erste, was sie damals gemacht hatte, war sich einen Druck zu setzen. Damit würde alles gut werden. Das hatte sie in der Folgezeit öfters gedacht, aber sie brauchte immer mehr von dem Stoff und Thomas wollte sie nicht mehr fragen. Also ging sie auf den Strich, trieb sich auf dem Bahnhof rum, kaufte gestrecktes Heroin, das ihren Körper dermaßen schädigte, dass sie jetzt gerade noch 40 kg wog. Sie hatte es mit dem Methadon-Programm versucht, wo sie jedoch rausgeschmissen wurde, weil sie währenddessen auch Heroin spritzte. Die Beratungen halfen ihr auch nicht und nach den Entzügen war sie höchstens zwei Wochen clean. Ihre Mutter war bereits gestorben, ihren Vater hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Für ihn existierte sie nicht mehr. Ihre Wohnung war die Strasse und ihr Leben war zu Ende, das wusste sie. Und sie wollte sich den letzten Schuss setzen, um in eine bessere Welt abzutauchen. Auch wenn sie bald nicht mehr da war, war es doch besser, als toter Körper irgendwo zu liegen, als dieses Leben zu führen.
Sie hatte heute 5 Männer befriedigt, so dass sie 300€ zusammenhatte, was genug für den goldenen Schuss war. Der Erste war ein gutgekleideter Mann gewesen, der sie mit einem arroganten Lächeln in seinen Wagen gebeten hatte. Das Grinsen entblößte eine Zahnlücke zwischen den vorderen Schneidezähnen.
„Ich will, dass du mir einen bläst“, sagte er und sie empfand Ekel für diesen Mann, stieg aber trotzdem ein. Er hatte gesagt, dass er sie nicht bezahlt, wenn er Flecken auf seinem teuren Anzug fand. Der Affe auf ihrem Rücken kämpfte, wie immer, gegen den Ekel und besiegte ihn schließlich auch wie immer. Sie fühlte nichts mehr beim Sex. Ihre Befriedigung war der nächste Druck. Das war einmal anders gewesen. Als sie Thomas kennen gelernt hatte, hatten sie jede freie Minute genutzt, um sich dem anderen hinzugeben. Inzwischen war sie eine lebende Gummipuppe geworden und alles lief nur noch rein mechanisch ab.
Nachdem sie fertig war, schaute sich der Mann seinen Anzug an, holte seine Geldbörse heraus und gab ihr einen 50€- Schein. Sie hatte noch vier weitere „Klienten“ und mit dem Geld, das sie sich noch zusammengebettelt hatte, waren es ca. 300€. Auf dem Weg in den Wald erbrach sie sich drei Mal und nun war sie hier, um ihr Leben zu beenden.
Sie setzte sich auf den Boden, machte sich ihre letzte Spritze fertig und setzte sich den Druck. Ihr wurde schwindelig, aber sie stand auf und machte sich zu ihrem letzten Spaziergang in dieser Welt auf.
Sie torkelte durch den Wald und kam auf eine Lichtung. Dort stand ihr Haus. Das goldgelbe Haus, von dem sie schon immer geträumt hatte. Es war so, als wäre es nach ihren Anweisungen erbaut worden. Sie ging langsam zu der Eingangstür, griff in ihre Tasche und holte den Schlüssel heraus. Sie steckte ihn ins Schloss. Er passte perfekt. Er ließ sich drehen und die Eingangstür öffnete sich. Als sie über die Türschwelle trat, hörte sie einen Adler krächzen. Das Geräusch kam vom Dach. Sie schlenderte durch das Haus und betrachtete alles. Das Haus war auch von innen genauso, wie sie es sich vorgestellt hatte. Schließlich ging sie ins Wohnzimmer, legte sich vor den Kamin, begann zu träumen und fühlte, wie der Tod in sie eindrang und die Lebensgeister Stück für Stück einsammelte, bis er alle zusammen hatte. Die Seele löste sich von ihrem noch warmen Körper und verschwand in die Nacht, auf der Suche nach einem neuen Leben, das gerade gezeugt wurde.
„Heute ist der 19. Drogentote in diesem Jahr gefunden worden. Sie lag im Wohnzimmer vor dem Kamin der erst vor einem Jahr fertiggestellten Hollstein-Villa. Die Familie Hollstein war bis gestern im Urlaub gewesen. Deshalb wurde die Leiche auch heute erst gefunden. Der Todeszeitpunkt muss vor einer Woche gewesen sein, wie die Polizei mitteilte. Auf die Frage, wie denn die Frau in die Villa gekommen sei, antwortete die Polizei, dass der Schlüssel der Villa neben dem Todesopfer lag. Wie sie an den Schlüssel gekommen ist, verschwieg die Polizei. Die Drogenbeauftrage der Stadt Köln redete von einem tragischen Schicksal, wies aber gleichzeitig auf die Fortschritte hin, die sie in der Drogenpolitik gemacht haben. In dem ersten und zweiten Quartal dieses Jahres sei die Anzahl der Drogentote um weitere 7% zurückgegangen...“
„Herr Kunkel, Herr Jonas ist jetzt eingetroffen.“
„Er soll reinkommen“, sagte Thomas, machte das Radio aus und setzte sich in seinen Stuhl.
Hr. Jonas trat ein und sie sprachen über seinen Fall.