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Das Thanatos-Experiment

kyl

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10.06.2009
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Das Thanatos-Experiment

Erster Tag.
Draußen war wieder Chaos: Auf den überfüllten Straßen kam der Zug der Flüchtlinge wie jedes Jahr ins Stocken. Vor ungefähr zwanzig Jahren, als die heißen Sommermonate unerträglich wurden, setzten die ersten, noch kleinen Flüchtlingsströme in Richtung Norden ein. Im Laufe der Jahre waren es immer mehr geworden, tausende verlegten ihre Arbeit, soweit möglich, in kühlere Gegenden, zogen der Meeresbrise entgegen. Und unzählige Rentner aus dem Süden Deutschlands, aus Portugal, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und selbst aus der Türkei verlegten für Monate ihren Wohnsitz.
Doktor Burger wandte sich vom Fenster ab, blieb mit dem Rücken zum Licht stehen und starrte auf das Bett. Mit den Händen in den Taschen seines Kittels verbarg er seine Nervosität und seine Zweifel. Erwartungsvoll beobachteten ihn die anderen.
"Beginnen wir", sagte er, die Augen auf das blasse Wesen im Bett gerichtet, das einen Körper hatte und doch körperlos war. "Wir werden Sie nun töten", fuhr er fort, immer noch am Fenster stehend. Das hereinfallende Licht bildete einen strahlenden Kranz um seine Haare. "In exakt sieben Minuten holen wir Sie zurück. Und Sie können beruhigt sein, es wird keine Probleme geben."
Lessing nickte. Ein kaum bemerkbares Vor- und Zurückfallen des Kopfes. - Die einzige Bewegung, die er mit diesem seit neun Jahren gelähmten Körper noch vollbringen konnte. Er hatte keine Angst. Nur erregt war er. Und neugierig.
Der Arzt suchte mit seinen die Augen der Assistenzärztin. Sie setzte die Spritze an den leblosen Arm. Lessing schloss die Augen, spürte, wie sich seine Muskeln anspannten (was unmöglich war) und wartete auf den Einstich. Doch er konnte ihn nicht spüren. Noch einmal riss er die Augen auf, starrte hilflos, suchend auf den Arzt und schloss sie wieder. Die Instrumente neben seinem Bett, über dutzende Drähte verbunden mit diesem bewegungslosen Körper, zeigten an, dass er die Welt verlassen hatte. Er war klinisch tot.
Burger wandte sich wieder ab, starrte hinunter zu den dahintreibenden, nichts ahnenden, ahnungslosen Menschenmassen.

Eine schwarze, samtene Masse. Nicht tastbar. Nicht sichtbar. Geruchlos, geschmacklos und doch vorhanden.
Er schwamm einen kurzen Moment darin, dann zog sie sich zurück und er schwebte im Nichts. Als ob er einen dunklen, schwarzen Tunnel entlang fiel, nein, schwebte, an dessen Ende ein weiches, klares Licht schien.
Dann kamen die Bilder. Aus verschwommenen Farben kristallisierten sie sich, nahmen Form an, wurden schärfer. Konturen grenzten sich ab. Unbegreiflich, wie klar die Bilder waren, wie schnell sie abliefen und doch alles zeigten, ähnlich einem rückwärts laufenden Film. Eben sah er sich noch in dem Bett liegen, wie außerhalb seines Körpers in einer Ecke des Raumes schwebend, schon waren Jahre vergangen. Jahre voller Erinnerungen. Er erlebte all dies so real, aber er war außenstehender Beobachter! Wie ein Fremder sah er seinem Leben zu. Keine Sekunde, die nicht gezeigt wurde! Ein Jahr verstrich in umgekehrter Reihenfolge, dann das zweite ... Doch halt! Bedeutete dies nicht, dass er schon Jahre ... tot sein musste?
Jede Erinnerung bestand aus Sekunden, die sich nahtlos aneinanderreihten. Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre verstrichen und er näherte sich jenem Moment seines Unfalles. Plötzlich war er wieder in jenem Labor, er sah sich, von Flammen umgeben, auf dem Boden liegend, dann in unnatürlichen Bewegungen, sich aufrichtend. Mit den zusammensackenden Flammen und der sich zurückziehenden Druckwelle strebte sein Körper dem Explosionsherd zu, war wieder ein Körper, der stehen konnte, der sich bewegen konnte, der fühlen konnte ... Doch im Gegensatz zu rückwärts laufenden Filmen wirkte diese Szenenfolge weder unnatürlich noch lächerlich. Er sah sich, Sekunden vor der Explosion, vor der Glaswand stehen, die Hände an jenen Hebeln, die die metallenen Greifarme steuerten. Sekunden vor einem Wendepunkt in seinem Leben ...

Dr. Burger injizierte die Adrenalinspritze in das Herz, es begann zu zucken, unregelmäßig, doch kräftig. Das Atemgerät warf sein Pfeifen und Stöhnen in den Raum. Keine Minute später zeigten die Instrumente an, dass er zurückkehrte.
"Kammerflimmern", meldete die Assistentin.
Burger hatte die typischen Zacken auf dem Bildschirm schon erkannt: "Defi!", bat er und jemand reichte ihm den Defibrillator. Auf jede Herzseite legte er eine Elektrode an.
"Ein!"
Ein Zucken ging durch den Körper, die Linie auf dem Bildschirm nahm einen gleichmäßigen Verlauf an.
"Bestens", sagte er.

Kaum merklich verblassten die Farben. Kaum merklich verblassten die Konturen der Bilder, lösten sich schließlich ganz auf. Plötzlich fror er.

Dann zuckten die Augenlider, ohne sich zu öffnen.
"Lassen Sie ihn ausruhen", sagte Burger. "Wenn er mich sprechen will, rufen Sie mich über Euro-Signal."
Er verließ das sterile Zimmer, ging die langen, leeren Flure zur Kantine. Während eines Kaffees kämpfte er erneut mit seinem Gewissen.
'Es darf einfach nicht sein ... Es darf einfach nicht wahr sein, dass das Universum nichts weiter ist als eine übergroße Maschine, funktionierend wie ein gewaltiges Uhrwerk. Und es darf nicht wahr sein, dass wir darin nichts sind als seelenlose Materie. Nichts als ein Teil dieses Uhrwerkes; nichts als ein Rädchen, das jederzeit durch andere Materie ersetzt werden kann. Es muss da etwas geben, das mehr ist. Etwas, das unsere materielle Phase überdauert. Das noch weiter existiert, wenn der Körper längst Staub ist. Sonst hätte unser Leben kaum Sinn. Sonst wäre es ein Dahinvegetieren in kalter Eintönigkeit.'
Als Wissenschaftler war ihm der Glaube zuwider. Glauben war für ihn stets nur der Anfang. Dann folgte die Suche nach den Beweisen und am Ende der Beweiskette standen, nach vielen Experimenten, die Tatsachen. Tatsachen, die den Glauben (den Gedanken, die Idee, die Theorie) widerlegten oder bestätigten. Als Wissenschaftler hielt er es für seine Pflicht, sich nicht mit dem Glauben zu trösten, sondern die Beweise zu finden.
Es musste noch etwas geben!
Er dachte an die Worte Wernher von Brauns: "Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass nichts spurlos verschwinden kann. Die Natur kennt nicht Vernichtung, sondern Umwandlung."
Das Materielle des menschlichen Körpers war an sich schon faszinierend. Doch das Zusammenspiel, das Funktionieren dieses Wesens war nichts im Vergleich zu der nicht-materiellen Funktion des Gehirns. Und dann sollte der Körper sich umwandeln in andere Materie, der Geist, die Seele jedoch sollte "spurlos verschwinden"?
Und das schlechte Gewissen? Warum, Gott verflucht, hatte er diese Gewissensbisse? Gott? Gab es vielleicht doch dieses Nicht-Materie-Wesen? Und sperrte es sich gegen sein Suchen? Konnte es tatsächlich sein, dass er sich auf den Weg in Welten befand, die Sperrzonen für lebende Menschen waren?
Er starrte aus dem Fenster. Die Kantine lag in Nordrichtung, der Himmel war nun sonnenlos und drohende Wolken spiegelten sich in den getönten Scheiben der gegenüberliegenden 'Psycho-Klinik für rollengeschädigte Frauen', wie sie scherzhaft genannt wurde. Einige Patientinnen drehten in dem angrenzenden Park ihre Runden wie in dem Hof eines staatlichen Luxusgefängnisses. Und wie in einem Gefängnis mussten sie sich auch fühlen: Eingesperrt von den Mauern des neuen Rollenklischees, das das Frauenbild der früheren Jahre ersetzt hatte.
Das elektronische Piepsen aus der Tasche seines Kittels riss ihn aus seinen Gedanken. Er zuckte zusammen, auf einmal waren da wieder die üblichen Geräusche einer Großraumkantine: Stimmengemurmel, das Summen einer Geschirrspülmaschine, Geklapper von Geschirr, Besteck und Tabletts. Auf einmal waren da die üblichen Gerüche einer Großraumkantine: Zigarettenqualm, Kaffeearoma, ein buntes Gemisch von Gewürzen und Speisen, überlagert von feucht-muffigem Wasserdampf.

"Und? Wie war es?", fragte er seinen Patienten.
Dieser starrte an die Decke, bewegungslos wie zuvor, und kämpfte gegen die Gefühle, um sachlich beschreiben zu können. Sachlich, wenn auch schwach, klang seine Stimme:
"Wie schon oft beschrieben", sagte er. "Es war genau, wie es in der Literatur hundertfach beschrieben wurde. Der Beobachtungsstandort außerhalb des eigenen Körpers, der Fall durch einen Tunnel, dass weiße Licht und ..." Plötzlich war sein Mund trocken, klebte ihm die Zunge am Gaumen: "Und die Erinnerungen ..."
Doktor Burger warf einen Blick auf das Endlospapier, das Lessings Gehirnströme, die chemischen Reaktionen seiner Haut, die Bewegungen der Augenlider und die Herztätigkeit aufgezeichnet hatte. Doch auf den ersten Blick war da nichts auffälliges. "Ich vermute, dass es sich um eine Art Fehlfunktion im Erinnerungsvermögen handelt", sagte er. "Die im Laufe eines Lebens abgelegten Erinnerungsbausteine werden unkontrolliert wieder abgerufen."
"Es war ... so real!"
"Es war so real, wie Sie es gespeichert haben. Ihre Erinnerung können Sie mit der tatsächlichen Realität nicht mehr vergleichen, weil ihre Erinnerung auch ihre ganz persönliche Wahrheit ist."
Einen Moment schwiegen beide. Burger zog einen Stuhl heran, setzte sich vor das Bett, starrte dem anderen in die Augen.
"Und sonst? War das wirklich alles?"
Lessing brauchte nicht zu überlegen. Er nickte kaum merkbar.

Zweiter Tag.
"Dieser Gehweg wurde gestiftet von ..."
Auf jeder vierten Gehwegplatte stand dieser Spruch. Burger versuchte ihm auszuweichen, hob den Blick während des Gehens an und starrte auf Autos, Straßenbahnen, Busse, Hauswände, Haltestellen, an denen Werbung angebracht war.
"Dieser Baum wurde gestiftet von ..."
Es gab keinen Weg mehr, dem zu entrinnen. Selbst als er das Krankenhaus betrat, fiel sein Blick unweigerlich, wie jeden Morgen, auf eine Leuchtschrift:
"Teile dieses Krankenhauses wurden gestiftet von: ..."
Und dann folgte eine Vielzahl von Firmen. Viel zuviel Werbung, viel zuviel Firmennamen, als das der einzelne noch auffallen konnte.
In langen Reihen standen die Raucher vor der Abteilung für Blut- und Lungenreinigungen im Erdgeschoss. Er nahm die Abkürzung, grüßte mit einem Kopfnicken die dort beschäftigten jungen Assistenzärzte, die ihre ersten Dienstjahre wie an einem Fließband verbrachten und von Liege zu Liege gingen, Pumpen, Schläuche und Überwachungsgeräte anbrachten, einschalteten und dann weiter eilten zum nächsten Routinepatienten. Nirgendwo gab es mehr zu tun, nirgendwo war die Arbeit so einfach, nirgendwo war in kurzer Zeit so viel Geld zu machen, nirgendwo war die Arbeit so langweilig wie in dieser Abteilung.
"Wie hat er die Nacht verbracht?", fragte er die Schwester.
"Ruhig. Keine Auffälligkeiten. Ich würde fast sagen: Ruhiger als sonst."
Burger nickte: "Dann auf ein Neues."
Er betrat das Krankenzimmer, die Klemmkladde mit den Auswertungen des Vortages unter dem Arm.

Wieder.
Wieder diese Masse. Wieder dieser Tunnel. Wieder diese Erinnerungen. Und doch schon irgendwie anders: Vertrauter. Denn da war die Erinnerung an die Erinnerung. Und noch etwas: Nicht nur er betrachtete sein Leben. Er fühlte sich selbst beobachtet! Und das war der Moment, in dem sich auch die Angst meldete. Keine panische, unkontrollierbare Angst. Keine Angst vor einer Gefahr. Mehr die Beunruhigung vor etwas Neuem, Ungewissen.
Es war angenehm warm. Körperwarm. Und er spürte dies am ganzen Körper.
War er geheilt?
Das Zurückholen war wie der Sprung in kaltes Wasser. Es war verbunden mit dem Gefühl des Unangenehmen, mit Kälte und ziehenden Schmerzen, die erst nachließen, als sein Körper wieder taub wurde.

Bisher hatte Burger nur die Ahnung eines Schmerzes in seinem Kopf gespürt. Nun, von einer Sekunde zur nächsten, spürte er den Schmerz wie eine Explosionswelle hinter seinen Schläfen. Er taumelte, kämpfte um das Gleichgewicht, stützte sich schwer atmend an einem Tisch ab.
Er ging mit unsicheren Schritten zum Medizinschrank, nahm zwei Tabletten Dogos-V und spülte sie mit Leitungswasser hinunter. Dann wartete er. Wartete auf Lessings Erwachen; wartete auf sein Erwachen.
"Es war genau wie gestern", flüsterte Lessing. "Genau wie gestern."
"Sie waren heute fast drei Minuten länger abwesend."
Lessing schwieg.
"Dann sind wir keinen Schritt weiter?"
"Meine Erinnerungen gingen weiter zurück. Gestern reichten sie nur bis zu dem Unfall. Heute ... Ich weiß nicht genau. Meine Frau lebte ... Und die Kinder waren noch im Haus. Da war ... die Abschlussfeier ..."
"Entschuldigen Sie, dass ich unterbreche. Aber das ist mir alles zu ... persönlich."
Er trank einen Schluck Kaffee, spürte immer noch ein Pochen an den Schläfen, doch es ließ langsam nach.
"Ich meine, das sind Dinge, die Sie selbst und ihre Vergangenheit betreffen. Aber was haben Sie ... erlebt? Was können Sie mir sagen, das uns wissenschaftlich weiter hilft?"
Lessing lag da, noch immer erschöpft, starrte an die Decke. Weiß und nichtssagend. Leichte Schattierungen durch die kleinen Erhebungen der Raufaser. Einziger Hinweis auf ehemaliges Leben: der schwarze Punkt eines Mückenleibes, vermutlich von dem fliegenden Kissen eines ehemaligen Patienten an die Decke gequetscht, umgeben von einem kleinen, roten Kranz.
"Einmal war da ein seltsames Gefühl", sagte er nachdenklich und es fiel ihm schwer. "Einmal nur ein Gefühl, das beklemmend war ..."
"Ja?"
Lessing überlegte, suchte Worte, die Gefühle beschreiben und doch wissenschaftlich wirken sollten. Jahrzehnte war er mit dem Umgang wissenschaftlichen Vokabulars vertraut gewesen. Jahrzehnte war er es gewohnt gewesen, logisch zu denken und Gespräche fachlich-sachlich aufzubauen. Nun half ihm all dies nicht weiter. Es waren nur Gefühle Und seine Sprache veränderte sich:
"Sie wissen sicher, wie das ist ... Wenn Sie eine Katze beobachten, oder einen Hund beim Spielen. Oder dieses Gefühl der Macht, des Erhabenen, wenn man im Laufe eines Experimentes die Versuchstiere beobachtet ..."
"Und?"
Soviel Erwartung lag in diesen einem Wort. Soviel Hoffnung. Soviel Neugier.
"Nicht das war es. Eher das Gegenteil: Als würde ich bei einem Spiel beobachtet."
Kann Schweigen in einen Raum dringen? Minutenlang war es ruhig. Dann, wie eine kleine Welle, die die Ruhe des Wassers unterbricht, die Frage Doktor Burgers:
"Glauben Sie … an Gott?"
Doch der andere war eingeschlafen.

Abermals legte er diesen Weg zurück, fiel er durch Licht und Erinnerungen der Wärme zu. Einer Wärme, die den ganzen Körper umgab. Jener Wärme, die er ähnlich früher vor dem Aufstehen oder abends beim Baden nie hatte verlassen wollen. Jene Wärme, die er zu Beginn seines Lebens aufgeben musste. - An dem Tag Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, als er hinausgestoßen wurde in das Licht, in die Kälte.
Nun war sie wieder da, diese Wärme. Diese Dunkelheit. Und niemand würde ihn wieder hinausjagen. Nicht noch einmal.

Das Appartement lag inmitten der Stadt. Burger starrte hinunter, ohne etwas zu sehen. Die letzte Stunde, der Kampf um Lessings Leben, die Suche nach Antworten, hatte ihn erschöpft. Doch alle Anstrengung war vergeblich. Fast schien es, als habe Lessing sich selbst für das Ende entschieden.
'Es darf einfach nicht sein', dachte er wieder einmal. 'Es muss noch etwas anderes geben.'
Müde strich er sich über die Augen, lehnte die Stirn an die kühle Glasscheibe. - Dieses Brennen hinter den Augen. Dieses Höllenfeuer in seinem Kopf. Stechende Schmerzen, als bohre sich Fremdes in sein Gehirn.
"Erfahre es doch selber", flüsterte etwas. Oder war das nur ein ängstlicher Gedankensplitter in ihm gewesen?: "Jetzt erfährst du es selber!"
Sechzehn Stockwerke unter ihm lag die Straße, die Menschen waren dunkle Schatten im Dunst der verseuchten Stadt. Mehr nicht.
'Es muss noch einen anderen Weg geben, um die Wahrheit zu finden ... Nicht nur diesen einen, aus dem es kein Zurück mehr gibt.'
Die Schatten bewegten sich ohne erkennbare Ordnung.
- Ahnungslos, dass er sie beobachtete.

*

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo kyl,

zunächst herzlich willkommen auf kg.de und insbesondere hier in der SF-Rubrik! :thumbsup:

Dein erster Text hier ist ein ordentliches Debut, zumindest sprachlich ist die Story ganz in Ordnung, wie ich finde. Du leistest Dir jedenfalls keine größeren Fehler und bemühst Dich offensichtlich um ein gewisses sprachliches Niveau. Da sind sogar die guten, alten stilistischen Mittel zu finden, wie Wiederholungen zum Beispiel.

Inhaltlich geht Deine Story leider nicht über eine recht simple Nahtod-Spekulation hinaus. Realistisch ist die Arbeit des Doktors kaum; selbst wenn er besessen vom Glauben ans Leben nach dem Tod zu sein scheint, sollte er wissen, dass man schon ein paar mehr "Beweise" für eine These braucht, nicht nur die mündlichen Berichte eines einzigen vorübergehend Verstorbenen - zumal er ja die wissenschaftliche Methode sehr gut kennt. Als Wissenschaftler geht der Doktor jedenfalls nicht durch.

Ferner bist Du in dem Dilemma, dass Du mehrmals die Perspektive zwischen den beiden Hauptfiguren wechseln musst. Ich finde sowas bei Kurzgeschichten immer schwierig und vermeide das, wenn möglich. Die Folge ist in diesem Fall, dass mir beide Figuren fremd bleiben. Die Versuchsperson, weil ich wenig über sie weiß und mir seine Lage fremd ist. Der Doktor, weil ich selbst Wissenschaftler bin und er sich nicht wie einer verhält.

Völlig überflüssig ist im ersten Absatz der Exkurs über die Flüchtlingsströme. Die haben nichts mit der Story zu tun; selbst die Stimmung, die durch die Beschreibung verbreitet wird, passt nicht zur Geschichte.
Das gilt für die "rollengeschädigten Frauen" - überflüssig.

Ach ja, und eins noch:

Es darf einfach nicht wahr sein, dass das Universum nichts weiter ist als eine übergroße Maschine, funktionierend wie ein gewaltiges Uhrwerk
Keine Sorge, das es auch nicht. Denk zum Beispiel an die Chaostheorie oder die Quantenmechanik. Klar funktioniert das Universum nach gewissen (nicht deterministischen) Regeln, aber ein Uhrwerk ist doch etwas zu simpel, um dem Vergleich standzuhalten. Und wer sagt, dass das "andere, was da noch ist", nicht auch nach Regeln funktioniert wie eine Maschine? Selbst wenn wir die nicht kennen?

Wie oben schon gesagt: Du bringst die üblichen Nahtod-Aspekte - außerkörperliche Erfahrung, unsterbliche Seele, Lebensfilm rückwärts, aber Du gewinnst ihnen nichts interessantes oder neues ab. Gedankenketten des Doktors bleiben im Ansatz stecken, drehen sich im Kreis oder sind schlicht unplausibel.

Fazit: Sprachlich brauchbar, inhaltlich misslungen.

Uwe
:cool:

 

Hi Kyl,

auch von mir beste Grüße.

Zur Story:
Leider nicht sonderlich glaubwürdig.
Der Arzt verhält sich so, wie ein „nichtwissenschaftlicher Drehbuchautor“ der sein Leben lang amerikanische Pulp-SF gelesen hat, einen Wissenschaftler vorstellt.
Ungewollt lustig fand ich, dass der Arzt ständig beteuert, dass er nicht an Gott glaubt, aber sich so benimmt.
Den „science“ – Anteil wollen wir mal gnädig mit Schweigen übergehen, dass meiste ist ohnehin Requisite.
SF ist es eigentlich auch nicht, denn genauso gut wäre ein heutiges Datum für die Geschehnisse möglich.
Der „philosophische“ Teil überzeugt auch nicht (mal davon abgesehen, dass solcherart Empirie niedlich-verquer anmutet), denn die aktuelle Forschung im Bereich von Nahtoderfahrungen widerspricht den Erlebnissen des „Patienten“ (Nahtoderfahrungen sind nach gegenwärtiger Vorstellung sauerstoffmangelinduzierte Zusammenbrüche von Wahrnehmung und Ich-Modell).
Immerhin ist die Story offen, d.h. das Ende unbestimmt.

Proxi

 

Hallo Uwe und Danke für Deinen Kommentar, der bestätigt, was ich vor der Anmeldung hörte: Hier wird nicht nur gelobt ;-)

Du hast ganz gut erkannt, wonach es auch nach meiner Ansicht an der Story mangelt. Man merkt es ihr an, dass sie unfertig ist. 1985 entstanden war sie die erste Skizze für ein längeres Projekt, dass ich nicht zu Ende führte. Letztlich scheiterte es an meiner Unfähigkeit, den Lebenslauf des sterbenden Protagonisten so zu erzählen, dass es nicht lächerlich wirkt (rückwärts laufend war einfach unmöglich, vorwärts laufend passte nicht) . So blieben die beide Figuren fleischlos und die Story blieb in den Ansätzen stecken. Sorry.

Hallo Propro und auch Dir Dank für den Kommentar. Wie kommst Du darauf, dass es ungewollt war, dass der Arzt sich wie Gott fühlt? Nicht nur der strahlende Kranz um seine Haare in der Anfangszene war bewusst gewählt, auch seine Beobachterrolle im letzten Satz. Er beobachtet, von den anderen unbemerkt. Er wird vielleicht beobachtet, unbemerkt, von etwas anderem, das über ihm steht ...

Gruß

Kay

 

Wie kommst Du darauf, dass es ungewollt war, dass der Arzt sich wie Gott fühlt?
Weil es so komisch und GEWOLLT rüberkam. Das man so was subtil lösen sollte, wollte ich nicht extra erwähnen. Darauf hinwiederum solltest Du selbst kommen.

Er wird vielleicht beobachtet, unbemerkt, von etwas anderem, das über ihm steht ...
Sorry, aber über solche metakyptische Intentionalitätsebenen kann ich leider nur noch müde lächeln. Sei nicht böse, abr das sind so alte Hüte, dass man die schon im Altertum für zu ausgeleiert gehalten hat. Aber einen philosophischen Diskurs will ich hier nicht führen.
Mir behagt nur Deine Holzhammermethode nicht, die den Leser nun unbedingt noch mal mit der Nase draufstoßen muß, damit er es endlich kapiert.

Und wenn Du glaubst, dass diese sachlichen Ausführungen von Uwe und mir schon Kritik sind, warte mal bist Du eine wrklich schlechte Story hier einstellst (*grins*).

Proxi

 
Zuletzt bearbeitet:

Ich lass mich überraschen ;-)

P.s.: Scheint hier ja etwas für Hardcore-SF zu sein. Was macht ihr erst, wenn ich eine Weltraumballergeschichte einstelle?:schiel:

 

Scheint hier ja etwas für Hardcore-SF zu sein.
Keine Ahnung, was Du darunter verstehst. Ich hasse jedenfalls sogenannte Hardcore-SF/Sci-Fi, weil sie ledglich die Szenerie prächtiger ausstaffiert, im allgemeinen noch simper gestickt sind, als die herkömmliche SF.
Mir persönlich ist an interessanten Ideen gelegen, die glaubwürdig umgesetzt sind. Die Form ist dabei nicht so erheblich, Hauptsache es erstaunt, regt zum Denken an, wirft eine meiner Gewissheiten um, etc.
So wünsche Ich mir Storys und davon gibt es hier kaum welche und meistens ohnehin von den selben Autoren (Naut, Uwe, LE um nur die wichtigsten zu nennen).
So und nun gehe ich zum Strand, denn bei 28 Grad Celsius sollte man nur dann an Materie denken, wenn sie sich in Apfelförmigen Rundungen präsentiert. (*zwincker*)

 

Zunächst einmal schließe ich mich der ersten Kritik an: sprachlich macht die Story eine ganz gute Figur, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten. So fand ich ein paar Bilder misslungen, zum Beispiel die der samtenen Schwärze, die man weder sehen noch fühlen kann, wo doch Schwarz auch eine Farbe und somit sichtbar und samten eine taktile Erfahrung ist.
Oder einige Wiederholungen und Redundanzen wie etwa
"Wie schon oft beschrieben", sagte er. "Es war genau, wie es in der Literatur hundertfach beschrieben wurde.
Die paar kleineren Mängel kann man allerdings verschmerzen.

Zur Story: Ich gebe zu, ich war anfangs ziemlich neugierig, wohin sie sich entwickeln würde. Du hast ja allerlei falsche Fährten gelegt: Flüchtlingsströme, Kapitalismuskritik, rasende Kopfschmerzen des Arztes usw. Letztendlich stelle sich das alles als überflüssiger und leider auch ablenkender Ballast heraus. Das Nahtodmotiv ist eigentlich schon interessant, du erzählst uns aber nichts Neues. Ich habe bis zum Schluss auf den Clou gewartet und fand ihn ein wenig enttäuschend.

Fazit: eine Story, die durchaus ein gewisses Talent offenbart, die aber ein wenig zu überraschungsarm und zu konventionell ist, um zu fesseln. Dennoch ein recht ordentliches Debut.

Ich schreibe diese Kritik als Leser und nicht als ein Autor, der von sich glaubt, es besser zu können.

 

Hallo kyl,

in mehrfacher Hinsicht schliesse ich mich den Vorrednern an:

Sprachlich gefiel mir die Geschichte ganz gut, die Story im Großen und Ganzen auch. Die Perspektivwechsel zwischen Doktor und Patient sind halt nötig und durch die Absätze hab ich die Wechsel auch gut mitbekommen.
Der Einstieg mit den Flüchtlingen und auch der Part mit den rollengeschädigten Frauen sind einfach unnötig (und auch unvollstädnig beschrieben) und geben der Geschichte mehr, wenn sie ersatzlos gestrichen werden. Die Details mit der Werbung im Krankenhaus und die Arbeit der jungen Ärzte im Prinzip auch, aber im Gegensatz zu den ersten beiden, sind diese hier komplett beschriebene Details, die durchaus ihren Reiz haben. Könnten allerdings auch entfallen.

Das Gefühl des Beobachtet-werdens beim zweiten Experiment hat bei mir folgendes Bild entstehen lassen: Der Patient dreht sich mit diesem Gefühl um und sieht sich selbst zumindest schemenhaft. Und bei weiteren Experimenten werden die Schemen immer konkreter (und zahlenmäßig mehr, d.h. für jedes Experiment ein Abbild mehr). Und auch das Beobachtet-werden-Gefühl wird jedesmal stärker...
War dann aber leider in der Story nicht so. :-(

Die Motive des Doktors sind zugegebenermaßen etwas schwammig und so definitiv nicht wissenschaftlich. Wobei allerdings gerade im Gesundheitsbereich "wissenschaftliche" Beweise auch mit einer anderen Statistik geführt werden als in Physik oder Chemie. (Manche Medikamente werden an weniger als 100 Personen getestet, das ist einfach keine Statistik...)

Warum gerade der (anscheinend) querschnittsgelähmte Patient sich für das Experiment bereiterklärt hat, ist auch nicht wirklich erklärt. Würde ein vollständig mobiler Patient zu schnell vom OP-Tisch hüpfen? Hat die Person sowieso schon nichts mehr zu verlieren?

Naja, sind einige Fragen und Anmerkungen, dennoch finde ich Deine Story schon im oberen Viertel von kg.de und ich denke, das Deine Schreibe Potential hat.

Viel Spaß,

Arnonym

PS: Niemals erwähnen das die Geschichte schon vor langer Zeit entstanden ist. Klingt immer wie eine billige Ausrede um sich vor Verbesserungsvorschlägen zu drücken...

 

Hallo Proxi, da gehen unsere Ansichten zum Begriff "Hardcore" aber auseinander. Ich meinte es eher positiv im Sinne von "ursprünglichem SF", eben Texte die sich nicht nur im technischen suhlen oder in Ballereien ausarten, sondern genaus das was Du beschreibst bieten: "Hauptsache es erstaunt, regt zum Denken an, wirft eine meiner Gewissheiten um, etc." Wir sind also gar nicht weit auseinander, aber ich bin szenenfremd, finde vielleicht von daher nicht immer die richtigen Worte.

Auch Dir, Rolander, vielen Dank für Deinen Kommentar. Grinsen musste ich, weil Du die Wiederholungen als kleine Mängel bezeichnest, während sie von Uwe Post im ersten Komm als gutes altes stilistisches Mittel beschrieben wird. Ansonsten werde ich mir auch Deinen Eindruck hinter die Ohren schreiben und hoffe, dass mir noch etwas besseres einfällt.

Letztlich auch Dank an arnonym, auch das werde ich bei einer späteren Überarbeitung bedenken. (Jaja, Du hast Recht: Ich will mich derzeit um eine Verbesserung drücken: Ein 7-Personen-Haushalt und Arbeit und 1000 qm-Garten und andere Projekte lassen nicht so viel Zeit, aber nur noch 17 Jahre, dann ´bin ich Rentner ;-)

Wären hier nur 4 SF-Schreiber, wäre ich mit der von Dir erwähnten Platzierung bei den ersten 25 % sogar zufrieden *grins*

Allen vielen Dank!
sagt
Kay / kyl

 

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