Das Spiel des Windes
Endlich frei...
Kalter Wind brannte ihr in den Augen, und leise kullerten Tränen ihre Wangen hinab. Doch sie störten sie nicht, denn nichts konnte das unglaubliche Gefühl der Freiheit in ihrem Herzen übertönen. Sie spürte das grüne Gras und den weichen Erdboden, der unter ihr nachgab und sie immer weiter trug, der Gefangenschaft entfliehend. Der Atem ging schwer und röchelnd, und ihre Lungen begannen auf Grund der eisigen Luft zu schmerzen. Sie musste seit langem gerannt sein, immer dem Sonnenaufgang entgegen. Sie war erschöpft, doch das Gefühl des Windes, der ihre Haare sanft umtänzelte, hielt sie davon ab völlig stehen zu bleiben. Statt dessen verfiel sie langsam in einen gemächlichen Trott, der ihr die Möglichkeit gab ihre neu errungene Freiheit zu bewundern. Ihre Lider blinzelten den rötlich-gelben Sonnenstrahlen am Horizont zu, während sie beschwingten Schrittes durch das Unterholz tänzelte. Kleine und große Bäume säumten ihren Weg zur einen Seite, ein Feld aus golden schimmernden Sonnenblumen ihre andere Seite. Ein schlangenförmiger Weg lockte sie bald in das Innere des kleinen Waldes, in der Gewissheit, dort ungestört ruhen zu können. Am Ende des Weges schließlich lag eine Lichtung, durch deren Mitte ein zaghafter Bach floss. Erst jetzt wurde ihr das brennende Gefühl im Hals bewusst, und so näherte sie sich dem klaren Wasser um sich zu erfrischen und ihren ermatteten Gliedern neue Kraft zu schenken.
Es war ein plötzlicher Knall, der sie aufschrecken ließ. Gebannt lauschte sie in die plötzliche Stille, während sie gleichzeitig versuchte in dem Halbdunkel unter den Baumkronen etwas zu erspähen. Ein weiterer Knall ertönte, und wieder zuckte sie zusammen. Jetzt waren auch die aufgeregten Stimmen von Männern und das nervöse Kläffen von Hunden zu vernehmen. Eine Jagd näherte sich!
Ein weiterer Schuss fiel.
Die rostbraune Stute fiel zu Boden.
Sie spürte den Schmerz nicht lange, doch sie wusste was geschehen war. Sie hatte dem unbeabsichtigten Schuss des Jägers nicht entkommen können.
Mit dem Kopf am Boden, atmete die Stute ein letztes mal den wohltuenden Geruch des Waldbodens ein. Ihre Augen waren fixiert auf das matte Licht, das durch die Baumkronen auf ihr nun rötliches, verschmutztes Fell fiel. Sie lauschte ein letztes mal dem sanft fließenden Wasser des Baches, welches so klar und sauber war.
Schon bald erloschen ihre Sinne, und die Stute spürte ein letztes mal wie sie über die grünen Felder ritt und der neckische Wind ihre Wangen streichelte.
Doch ihre letzten Gedanken galten auch den Menschen.
Denn ihnen war es gelungen, ihr zweimal die Freiheit zu rauben.
Die braune Stute schloss ihre Augen und spürte nichts mehr, und nur ein letztes mühevolles Röcheln ließ vermuten, dass der Wald und sie nun für alle Ewigkeit eins sein würden.